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Nach mehreren Todesfällen

Das Pferde-Virus, das Menschen töten kann

Viren
Der Name Bornavirus geht auf das Jahr 1894 zurück, als gleich ein ganzer Pferdestall in der sächsischen Stadt Borna erkrankte
Foto: Getty Images

Lange Zeit nahm man an, dass sich Menschen nicht mit dem gefährlichen Pferdevirus infizieren können. Eine aktuelle Studie – ausgelöst durch mehrere Todesfälle in Deutschland – stellt diese These aber auf den Kopf. Doch besteht deswegen Grund zur Panik?

Wissenschaftler aus Bayern haben eindeutig nachgewiesen, dass das klassische Bornavirus (BoDV-1) – das normalerweise bei Pferden und Schafen zu schweren Krankheiten führen kann – auch für den Menschen gefährlich werden kann. Lebensgefährlich, um genau zu sein. Denn die Borna’sche-Krankheit (auch „Pferdevirus“ genannt) soll auch bei gesunden Menschen tödliche Gehirnentzündungen auslösen können. Ihre Ergebnisse hat die Forschergruppe um Prof. Dr. Armin Ensser vom Virologischen Institut des Universitätsklinikums Erlangen im New England Journal of Medicine veröffentlicht.

Das war passiert

Im Universitätsklinikum Erlangen war laut NEJM-Bericht ein ursprünglich kerngesunder, 25 Jahre alter Student an einer schweren Form der Gehirnentzündung (Meningoenzephalitis) verstorben. Die Krankheit begann unspektakulär mit Fieber und starken Kopfschmerzen, gefolgt von Verwirrtheitszuständen, Zuckungen und Gangschwierigkeiten. Nach 23 Tagen verstarb der Patient. Da es zuvor bereits einen anderen „ungewöhnlichen Todesfall“ im Klinikum gegeben hatte, wurde eine Autopsie angeordnet. Gewebeproben wurden genommen, die mithilfe eines hochmodernen Verfahrens untersucht wurden. Beim sogenannten „Next-Generation-Sequencing“ wird das entnommene Gewebe auf Virusgene untersucht. Die Wissenschaftler wurden fündig: Bornavirus (BoDV-1). Außerdem stießen die Forscher auf – für das Bornavirus typische – Einschlusskörperchen, die zwei Wissenschaftler schon 1909 in befallenen Pferdegehirnen vorgefunden hatten.

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Weitere tödliche Fälle nach Bornavirus-Infektion

Der Student aus Franken ist nicht das erste Opfer einer tödlichen Bornavirus-Infektion beim Menschen. Schon im Jahr 2016 erkrankten laut eines weiteren NEJM-Beitrags drei Menschen nach einer Organspende an einer Gehirnentzündung. Der Spender hatte sich mit dem Bornavirus infiziert, ohne jedoch Symptome zu zeigen. Zwei der Organempfänger starben, ein weiterer überlebte mit schweren Nervenschäden. Bei beiden verstorbenen Patienten wurden Virusantigene im Gehirn bzw. im Spenderorgan gefunden, die laut Ärzteblatt-Informationen „eine enge Verwandtschaft zu Stämmen von Pferden und Spitzmäusen aus der Heimatregion des Spenders in Bayern“ zeigten. Was uns zum eigentlichen Virus bringt.

So wird das Virus übertragen

Spitzmäuse – die natürlichen und immunen Wirte des Bornavirus – können über Urin und Speichel die Erreger an Säugetiere (vor allem Pferde und Schafe) übertragen. Löst das Virus eine Infektion aus, kommt es zur bereits 1813 beschriebenen „hitzigen Kopfkrankheit der Pferde“. Laut Informationen des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit befallen die Viren vor allem das zentrale Nervensystem und lösen eine Gehirnentzündung aus. Die Todesrate liegt bei ungefähr 90 Prozent der infizierten Tiere.

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Schon seit einigen Jahren ist bekannt, dass sich auch der Mensch über Nagetiere mit dem Bornavirus infizieren kann. 2012 waren nämlich in Sachsen-Anhalt in wenigen Monaten gleich drei befreundete Züchter von exotischen Hörnchen einer Hirnentzündung erlegen (die jedoch schon älter waren und unter diversen Vorerkrankungen litten!). Die Bornaviren mit der klinischen Bezeichnung VSBV-1 unterschieden sich jedoch deutlich von den bei Pferden vorkommenden Bornaviren, weswegen sie als eigene Virusart eingestuft wurden. Doch die jüngeren Fälle aus Bayern legen nahe, dass sich der Mensch auch über Säugetiere mit dem klassischen Bornavirus infizieren kann.

Übrigens: Der Name Bornavirus geht auf das Jahr 1894 zurück, als gleich ein ganzer Pferdestall in der sächsischen Stadt Borna erkrankte.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es bei einer Bornavirus-Infektion?

Laut Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie e.V. gebe es aktuell keine zugelassene antivirale Therapie gegen Bornavirus-Infektionen beim Menschen. Auch wenn man manchmal – basierend auf einer Studie aus dem Jahr 1997 – über die vermeintliche Wirksamkeit von Amantadin liest, konnten Folgestudien die Ergebnisse nicht bestätigen, sodass die GfV zu dem Fazit kommt: „Ein wissenschaftlicher Beweis für die Wirksamkeit von Amantadin gegen Bornaviren steht somit aus.“

Allerdings hätten sich die antiviralen Wirkstoffe Ribavirin und Favipiravir in Zellkulturen und in Tiermodellen als vielversprechend erwiesen.

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In diesen Regionen kommt das Bornavirus vor

Nach Ärzteblatt-Informationen ist das Bornavirus regional begrenzt in Teilen Ost- und Süddeutschlands (v.a. Bayern), Österreichs, der Schweiz und Liechtensteins verbreitet.

Kein Grund zur Panik, aber…

Die Experten stufen das Infektionsrisiko für die Bevölkerung als insgesamt „sehr gering“ ein, was auch damit zu tun habe, dass man Mensch-zu-Mensch-Übertragungen ausschließen könne. Einziges Aber: Studienleiter Prof. Ensser betont, dass in Deutschland wiederholt Menschen an Gehirnentzündungen erkrankt und gestorben sind, ohne eine genaue Ursache gefunden zu haben. Mit anderen Worten sei die Dunkelziffer von Bornavirus-Erkrankungen bei tödlichen Gehirnentzündungen unbekannt, da die Infektion bei Routine­untersuchungen bislang nicht in Betracht gezogen worden sei.

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