Zum Inhalt springen
logo Das Magazin für Fitness, Gesundheit und Ernährung
Frauengesundheit Wechseljahre Alle Themen
Gynäkologin klärt auf

Müde, antriebslos, lustlos? Wenn Frauen Testosteron fehlt

Auch für Frauen ist Testosteron wichtig
Auch für Frauen ist Testosteron wichtig Foto: Getty Images
Artikel teilen

22. August 2026, 8:28 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten

Viele Frauen fühlen sich über längere Zeit müde, kraftlos oder weniger belastbar. Oft wird das als natürliche Folge von Stress, Schlafmangel, Älterwerden oder den Wechseljahren eingeordnet. Doch manchmal steckt ein Hormon dahinter, an das bei Frauen kaum jemand denkt: Testosteron.

Dr. Heidi Gößlinghoff
Mit fachlicher Beratung von Frauenärztin und Online-Begleitung für Frauen und Paare mit unerfülltem Kinderwunsch

„Testosteron gilt zwar als typisches Männerhormon, spielt aber auch im weiblichen Körper eine wichtige Rolle“, erklärt Frau Dr. med. Heidi Gößlinghoff, Frauenärztin, Hormonexpertin und Mentorin für Frauen und Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. „Es beeinflusst unter anderem Muskelkraft, Knochengesundheit, Libido, Stimmung und Leistungsfähigkeit. Sinkt der Testosteronspiegel, entwickeln sich die Beschwerden häufig schleichend und werden deshalb oft nicht als hormonell erkannt.“ Doch woran erkennen Sie einen Testosteronmangel? Und was können Sie selbst tun, um Ihren Hormonhaushalt zu unterstützen? Frau Dr. Gößlinghoff erklärt, welche Symptome auftreten können und wann eine Behandlung sinnvoll ist.

Welche Hormone spielen bei Frauen die Hauptrolle?

Der weibliche Körper produziert eine Vielzahl von Hormonen, die eng miteinander zusammenarbeiten. Sie steuern den Menstruationszyklus, den Stoffwechsel, die Fruchtbarkeit, die Stimmung, den Schlaf und viele weitere Körperfunktionen. Zu den wichtigsten weiblichen Hormonen gehören:

  • Östrogene sorgen unter anderem für den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut, gesunde Knochen, eine elastische Haut sowie den Schutz des Herz-Kreislauf-Systems.
  • Progesteron, auch Gelbkörperhormon genannt, bereitet den Körper auf eine mögliche Schwangerschaft vor und wirkt beruhigend auf das Nervensystem.
  • Testosteron wird zwar häufig als männliches Sexualhormon bezeichnet, ist aber auch für Frauen unverzichtbar. Es entsteht vor allem in den Eierstöcken und den Nebennieren.
  • Weitere Hormone wie DHEA, Cortisol, Insulin oder die Schilddrüsenhormone spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Da sie sich gegenseitig beeinflussen, führt ein Ungleichgewicht oft zu Beschwerden, die sich nicht auf ein einzelnes Hormon zurückführen lassen.

Auch interessant: Je länger Frauen ohne Östrogen leben müssen, umso schlechter für Herz und Gehirn

Was bewirkt Testosteron im weiblichen Körper?

Testosteron ist nicht nur für Männer wichtig, sondern übernimmt auch im weiblichen Körper zahlreiche Aufgaben. „Es unterstützt den Erhalt der Muskelmasse und Muskelkraft, fördert die Knochendichte und trägt zu einer gesunden Körperzusammensetzung bei. Außerdem beeinflusst es die sexuelle Lust, das allgemeine Wohlbefinden sowie Motivation, Konzentration und geistige Leistungsfähigkeit“, erklärt Frau Dr. Gößlinghoff. Frauen produzieren zwar zehn- bis zwanzigmal weniger Testosteron als Männer, dennoch ist es auch für ihre Gesundheit unverzichtbar. „Ich erlebe immer wieder, dass sich Frauen mit einem ausgeglichenen Testosteronspiegel belastbarer, energiegeladener und leistungsfähiger fühlen. Auch für die Regeneration nach körperlicher Belastung scheint das Hormon eine wichtige Rolle zu spielen.“

Warum sinkt der Testosteronspiegel mit zunehmendem Alter?

„Anders als das Östrogen fällt das Testosteron mit der natürlichen Menopause nicht plötzlich ab. Vielmehr handelt es sich etwa ab dem 30. Lebensjahr um einen allmählichen, altersbedingten Rückgang über viele Jahre hinweg“, erklärt Frau Dr. Gößlinghoff. „Mit der Menopause endet die Eizellreifung in den Eierstöcken. Die Produktion von Östrogen und Progesteron nimmt stark ab. Allerdings werden auch nach der Menopause im Eierstock noch geringe Mengen männlicher Hormone gebildet, wenn auch weniger als vor der Menopause.“ Nicht jede Frau bemerkt diese Veränderung jedoch gleichermaßen. Ob und wie stark Beschwerden auftreten, hängt unter anderem von der individuellen Hormonempfindlichkeit sowie vom Zusammenspiel mit anderen Hormonen ab.

Auch interessant: Wie sich Frauen auf die Wechseljahre vorbereiten können

Testosteronmangel bei Frauen: Welche Symptome können auftreten?

Ein Testosteronmangel macht sich meist nicht durch ein einzelnes Symptom bemerkbar, sondern durch verschiedene Beschwerden, die sich schleichend über Monate oder Jahre entwickeln.

Körperliche Anzeichen

Viele Frauen bemerken zunächst einen Rückgang ihrer Muskelkraft. Obwohl sie sich weiterhin bewegen oder regelmäßig Sport treiben, fällt der Muskelaufbau schwerer. Gleichzeitig steigt häufig der Körperfettanteil, insbesondere im Bauchbereich. Auch die körperliche Leistungsfähigkeit nimmt oft ab. Sie fühlen sich schneller erschöpft und benötigen längere Erholungsphasen nach Belastungen. Langfristig kann ein niedriger Testosteronspiegel außerdem ein Faktor sein, der den Knochenabbau begünstigen und das Risiko für Osteoporose erhöhen kann.

Psychische und mentale Veränderungen

Ebenso typisch sind Veränderungen der Stimmung. Viele Frauen beschreiben eine anhaltende Antriebslosigkeit, weniger Motivation und das Gefühl, nicht mehr die gewohnte Energie zu besitzen. Hinzu kommen häufig Konzentrationsprobleme, eine nachlassende geistige Leistungsfähigkeit sowie depressive Verstimmungen. Allerdings ist es hier schwierig zu unterscheiden, welche Beschwerden auf die Veränderungen der weiblichen Hormone zurückzuführen sind und welche tatsächlich mit dem Testosteronspiegel zusammenhängen.

Sexuelle Lust

„Ein häufiges, aber wenig besprochenes Symptom ist die nachlassende sexuelle Lust. Manche Frauen berichten außerdem, dass sie sich schwerer erregen lassen oder sexuelle Berührungen als weniger intensiv empfinden“, so Frau Dr. Gößlinghoff. „Allerdings werden Libido und Sexualität von vielen Faktoren beeinflusst. Dazu zählen unter anderem die Qualität der Partnerschaft, anhaltender Stress, Schlafgewohnheiten, Medikamente sowie andere Hormone.“

Auch interessant: Regelmäßiger Sex hat für Frauen ab 40 gesundheitliche Vorteile

Ist es wirklich Testosteron? Warum die Diagnose oft schwierig ist

Müdigkeit, Antriebslosigkeit oder eine nachlassende Libido können viele Ursachen haben. Neben einem Testosteronmangel kommen beispielsweise Schilddrüsenstörungen, Eisenmangel, Depressionen, chronischer Stress oder die Wechseljahre infrage. Deshalb reicht ein einzelner Blutwert für die Diagnose nicht aus. Entscheidend ist die Gesamtschau aus Beschwerden, Laborwerten und der individuellen Lebenssituation.

Was Sie gegen Testosteronmangel tun können

Medizinische Behandlung

„Die Behandlung eines Testosteronmangels richtet sich nach der Ursache und sollte nie auf eigene Faust, sondern immer gemeinsam mit einer gynäkologischen oder endokrinologischen Fachärztin beziehungsweise einem Facharzt erfolgen“, rät Frau Dr. Gößlinghoff. „Liegt ein nachgewiesener Testosteronmangel mit entsprechenden Beschwerden vor, kann in ausgewählten Fällen eine niedrig dosierte Testosterontherapie infrage kommen. Dies betrifft insbesondere Frauen nach den Wechseljahren mit ausgeprägtem Verlust der sexuellen Lust. Eine allgemeine Testosterontherapie zur Steigerung von Energie oder Leistungsfähigkeit wird dagegen derzeit nicht grundsätzlich empfohlen. Da es in Deutschland keine speziell für Frauen zugelassenen Testosteronpräparate gibt, erfolgt eine Behandlung nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung. Ebenso wichtig ist die Behandlung möglicher Begleiterkrankungen wie Schilddrüsenstörungen oder anderer hormoneller Ungleichgewichte.“

Was Sie selbst tun können – auch vorsorglich

  • Krafttraining unterstützt den Erhalt der Muskelmasse und wirkt sich positiv auf verschiedene Hormonsysteme aus.
  • Ausreichend Schlaf und ein guter Umgang mit Stress sollten Priorität haben, denn dauerhaft erhöhte Cortisolspiegel können das hormonelle Gleichgewicht beeinträchtigen.
  • Eine eiweißreiche Ernährung liefert die Bausteine für Muskeln und unterstützt die Regeneration. Auch gesunde Fette sind wichtig, da sie für die Hormonproduktion benötigt werden.
  • Übergewicht, Rauchen und starker Alkoholkonsum hingegen können den Hormonhaushalt zusätzlich belasten und sollten möglichst reduziert werden.

Frei verkäufliche Testosteron-Booster? Finger weg!

„Wer online nach Lösungen sucht, stößt schnell auf frei verkäufliche Nahrungsergänzungsmittel, die eine natürliche Steigerung des Testosteronspiegels versprechen. Solche Aussagen sind jedoch mit Vorsicht zu betrachten. Testosteron ist in Deutschland verschreibungspflichtig, und es gibt keine frei verkäuflichen Präparate, die einen nachgewiesenen Testosteronmangel wirksam behandeln. Viele sogenannte Testosteron-Booster enthalten Vitamine, Mineralstoffe oder pflanzliche Inhaltsstoffe, deren Nutzen wissenschaftlich nicht ausreichend belegt ist. Besteht der Verdacht auf einen Testosteronmangel, sollten Sie daher auf Selbstversuche verzichten und die Ursache immer ärztlich abklären lassen“, empfiehlt Frau Dr. Gößlinghoff.

Mehr zum Thema

Zu viel des Guten: Welche Folgen hat ein Testosteronüberschuss?

Eine Testosterontherapie gehört ausschließlich in ärztliche Hände, denn eine überhöhte Dosierung kann zu unerwünschten Nebenwirkungen führen. Dazu gehören Akne, fettige Haut, verstärkter Haarwuchs im Gesicht oder am Körper, Haarausfall nach männlichem Muster sowie eine Vertiefung der Stimme. Außerdem können erhöhte Testosteronspiegel den Fettstoffwechsel beeinflussen und möglicherweise das Herz-Kreislauf-Risiko erhöhen.

Was passiert, wenn ein Testosteronmangel unbehandelt bleibt?

„Ein Testosteronmangel führt nicht zwangsläufig zu schweren Erkrankungen, sollte aber dennoch ernst genommen werden“, so Frau Dr. Gößlinghoff. „Bleibt er unbehandelt, kann die Lebensqualität dauerhaft leiden. Muskelmasse und körperliche Leistungsfähigkeit nehmen weiter ab, wodurch insbesondere im höheren Alter das Risiko für Stürze und Verletzungen steigt. Gleichzeitig kann die Knochendichte sinken und damit langfristig auch das Osteoporoserisiko zunehmen. Hinzu kommt, dass anhaltende Erschöpfung, Konzentrationsprobleme oder sexuelle Unzufriedenheit die psychische Gesundheit belasten können.“

Dieser kurze Selbstcheck ersetzt keine ärztliche Diagnose. Er kann Ihnen jedoch helfen einzuschätzen, ob ein Gespräch mit Ihrer Frauenärztin oder Ihrem Frauenarzt sinnvoll sein könnte.

Fragen Sie sich:

  • Fühlen Sie sich seit Monaten ungewöhnlich kraft- oder antriebslos?
  • Hat Ihre Muskelkraft trotz regelmäßigem Training deutlich nachgelassen?
  • Hat sich Ihr Körperfettanteil erhöht, obwohl sich Ihr Lebensstil kaum verändert hat?
  • Haben Sie das Gefühl, sich schlechter konzentrieren zu können als früher?
  • Ist Ihre sexuelle Lust deutlich geringer geworden?
  • Erholen Sie sich langsamer von körperlicher Belastung?
  • Befinden Sie sich in oder nach den Wechseljahren?

Treffen mehrere dieser Punkte auf Sie zu und bestehen die Beschwerden über längere Zeit, kann eine ärztliche Abklärung sinnvoll sein. Wichtig ist dabei immer der Blick auf das Gesamtbild, denn nicht jede Müdigkeit oder Lustlosigkeit ist automatisch auf einen Testosteronmangel zurückzuführen.

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.