5. September 2025, 17:47 Uhr | Lesezeit: 10 Minuten
Sex macht Spaß und ist dazu noch gesund. Aber warum eigentlich? Was passiert beim Sex in unserem Körper, das uns nicht nur glücklich macht, sondern auch nachhaltig für unsere Gesundheit sorgt? Und welche Rolle spielt Sex im Alter, wenn sich der Körper und die Bedürfnisse verändern? Dr. Christoph Pies, Autor und Facharzt für Urologie, und Frau Dr. med. Heidi Gößlinghoff, Frauenärztin und Mentorin für Frauen und Paare mit unerfülltem Kinderwunsch, klären auf.
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Was macht Sex so gesund?
Stressabbau
Sex ist mitunter eine der schönsten Arten, Stress loszuwerden. Während des Sex sinkt das Stresshormon Cortisol deutlich ab, gleichzeitig schüttet der Körper Glückshormone wie Endorphine und das Bindungshormon Oxytocin aus. Das Ergebnis sind innere Ruhe, Zufriedenheit und Entspannung.
Verbessert die Schlafqualität
Die nach dem Orgasmus ausgeschütteten Hormone sorgen nicht nur für Entspannung, sondern verbessern auch die Schlafqualität. Sie schlafen schneller ein und insgesamt tiefer und erholsamer.
Herz-Kreislauf-Training
Beim Geschlechtsverkehr steigt die Herzfrequenz, die Muskeln arbeiten und die Durchblutung verbessert sich. Der Effekt ähnelt dem einer leichten Ausdauereinheit, vergleichbar mit einem Spaziergang. Dadurch bleibt Ihr Herz-Kreislauf-System fit, Ihre Blutgefäße werden elastischer und die Sauerstoffversorgung Ihres gesamten Körpers verbessert sich.
Steigert das Wohlbefinden
Sex ist zwar kein Ersatz für Sport, kann aber Ihre Lust auf Bewegung steigern. Durch das Ausschütten von Glückshormonen fühlen Sie sich motivierter und energiegeladener, was die Motivation für mehr Aktivität im Alltag erhöht.
Hormonbalance
Sex wirkt regulierend auf den Hormonhaushalt. Bei Frauen stabilisiert er die Spiegel von Östrogen und Progesteron, die für Haut, Knochen und Stimmung wichtig sind. Männer profitieren von einem stabilisierten Testosteronspiegel, der Energie, Muskelkraft und Libido erhält.
Stärkt das Immunsystem
Regelmäßiger Sex stärkt nachweislich die körpereigene Abwehr, denn dabei werden vermehrt Antikörper wie Immunglobulin A (IgA) gebildet, die vor Infektionen schützen. Außerdem gelangen beim Geschlechtsverkehr über Speichel und andere Körperflüssigkeiten fremde Bakterien in Ihren Körper, die Ihr Immunsystem stimulieren.
Fördert Gewichtsverlust?
Sex kann beim Abnehmen lediglich unterstützen, denn während einer halben Stunde Sex verbrennt man durchschnittlich nur etwa 60 bis 100 Kalorien.
Kann regelmäßiger Sex bestimmten Erkrankungen vorbeugen?
„Ein aktives Liebesleben kann das Risiko für verschiedene Erkrankungen deutlich senken. So profitieren Herz und Gefäße von der körperlichen Aktivität und der gesteigerten Durchblutung beim Sex, weshalb Männer mit regelmäßigem Sex ein geringeres Risiko für Herzinfarkte haben. Auch die Psyche wird gestärkt, denn die beim Sex ausgeschütteten Endorphine und das Bindungshormon Oxytocin wirken stimmungsaufhellend und können insbesondere bei Frauen depressive Verstimmungen abmildern“, erklärt Frau Dr. Gößlinghoff.
„Darüber hinaus unterstützt regelmäßiger Sex das Immunsystem. Wer sexuell aktiv ist, produziert mehr Antikörper und kann so Infekte wie Erkältungen besser abwehren. Auch Bluthochdruck lässt sich positiv beeinflussen, da sich durch den Geschlechtsverkehr die Blutdruckwerte stabilisieren können. Schließlich wirken die körpereigenen Glückshormone wie natürliche Schmerzmittel. Sie lindern Kopfschmerzen, Menstruationsbeschwerden sowie andere leichte Schmerzen und tragen so zu einem allgemeinen Wohlbefinden bei.“
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Wie oft ist „regelmäßig“?
„Regelmäßigkeit ist sehr individuell und hängt von Lust, Lebensumständen und Partnerschaft ab. Für die positiven Effekte kommt es weniger auf die genaue Häufigkeit an, sondern darauf, dass Sex überhaupt stattfindet und Freude bereitet“, stellt Urologe Dr. Pies klar. „Da die Frage der Häufigkeit oft diskutiert wird, möchte ich hier auf die Datenlage eingehen: Jüngere Paare (unter 30) haben im Durchschnitt ein- bis zweimal pro Woche Sex. Mit zunehmendem Alter nimmt die Häufigkeit meist ab. Bei 40- bis 50-Jährigen sind es etwa zwei- bis dreimal pro Monat, bei über 60-Jährigen noch seltener. Laut Daten des General Social Survey (GSS), einer repräsentativen US-Studie, haben die meisten Paare etwa ein- bis viermal pro Monat Sex.“1
Welche Rolle spielt der Orgasmus für die Gesundheit?
Der Orgasmus ist nicht nur der Höhepunkt des Lustgefühls, sondern auch der positiven körperlichen Effekte. Beim Orgasmus kommt es zu einer intensiven Ausschüttung von Endorphinen und Oxytocin, die Stress abbauen, Glücksgefühle und tiefe Zufriedenheit auslösen und die Schlafqualität verbessern.
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Sollte ich also immer zum Orgasmus kommen?
„Das ist nicht zwingend nötig und auch nicht realistisch“, erklärt Dr. Pies. „Bereits der Weg zum Orgasmus ist gesund, denn die erhöhte Durchblutung, Muskelaktivität und Hormonausschüttungen wirken sich bereits positiv aus. Dennoch bringt der Orgasmus zusätzliche Vorteile, wie etwa eine stärkere Schmerzlinderung und tiefere Entspannung.“
Ist Küssen besonders gesund?
Küssen stärkt die Bindung zwischen den Sexualpartnern, trainiert die Gesichtsmuskeln, senkt Stress und sorgt durch den Speichelaustausch ebenfalls für einen kleinen Immunboost. Außerdem schüttet Ihr Körper beim Küssen besonders viel Dopamin, das sogenannte Belohnungshormon, aus.
Ist Selbstbefriedigung genauso gesund wie Geschlechtsverkehr?
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Auch Selbstbefriedigung hat viele gesundheitliche Vorteile und ist keineswegs nur ein Ersatz, sondern eine wertvolle Form der Sexualität. Ein Orgasmus beim Solo-Sex löst denselben Hormoncocktail wie beim Partnersex aus. Gleichzeitig stärkt Masturbation das Körpergefühl und hilft, die eigenen Bedürfnisse besser kennenzulernen.
Die positiven Effekte von Sex auf die Gesundheit von Frauen
Beckenbodentraining
„Sex wirkt bei Frauen auf vielfältige Weise gesundheitsfördernd und unterstützt Körper und Wohlbefinden gleichermaßen“, so Frau Dr. Gößlinghoff. „Ein besonders wichtiger Effekt ist die Stärkung des Beckenbodens. Während des Geschlechtsverkehrs werden die Beckenbodenmuskeln aktiviert, ähnlich wie bei gezieltem Training. Ein kräftiger Beckenboden beugt Problemen wie Inkontinenz vor, unterstützt die Stabilität der inneren Organe und trägt zu einem besseren Körpergefühl bei.“
Durchblutung der Vagina
Auch die Durchblutung der Scheidenwand profitiert vom sexuellen Kontakt. Eine gute Durchblutung sorgt dafür, dass das Gewebe besser mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird, die natürliche Lubrikation (Befeuchtung) gefördert wird und Scheidentrockenheit somit reduziert werden kann. Dieser Vorteil gewinnt vor allem im Alter bzw. nach den Wechseljahren oftmals an Relevanz.
Schmerzlinderung
Darüber hinaus kann Sex Menstruationsbeschwerden lindern. Orgasmen lösen Muskelkontraktionen und die Ausschüttung von Endorphinen aus, die krampflösend wirken und Schmerzen reduzieren können. Auch Spannungen und Unwohlsein während der Periode werden so oft deutlich gemildert.
Hormonelles Gleichgewicht
Regelmäßige sexuelle Aktivität unterstützt die Stabilität des Östrogenspiegels, was sich positiv auf Herz, Knochen und Haut auswirkt. Frauen, die sexuell aktiv bleiben, profitieren somit nicht nur von körperlicher Fitness, sondern auch von einem hormonellen Schutzfaktor, der das allgemeine Wohlbefinden steigert.
Spezielle Vorteile für Frauen ab der Menopause: Hilft bei Libidoverlust und Scheidentrockenheit
„Ab der Menopause sinkt vor allem der Östrogenspiegel, was verschiedene körperliche Veränderungen mit sich bringt. Viele Frauen bemerken eine geringere Lubrikation, also Scheidentrockenheit, sowie Libidoverlust oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Auch das Gewebe in der Vaginalwand wird weniger elastisch, und Beschwerden wie Reizungen oder Spannungsgefühle treten häufiger auf“, erklärt Frau Dr. Gößlinhgoff. „Regelmäßiger Sex kann in diesem Lebensabschnitt besonders wertvoll sein. Durch die sexuelle Aktivität wird die Durchblutung der Vaginalschleimhaut angeregt, was das Gewebe elastisch hält und die natürliche Feuchtigkeit der Scheide unterstützt. Die damit einhergehende Lubrikation kann Beschwerden beim Geschlechtsverkehr deutlich reduzieren und sogar Schmerzen vorbeugen. Gleichzeitig wirkt Sex auch auf die Psyche, denn Nähe, Intimität und Lust steigern das Wohlbefinden und können Libidoverlust teilweise ausgleichen.“
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Tipps für erfüllten Sex nach der Menopause
Vaginalgele
Gleitgele oder hormonfreie Feuchtcremes unterstützen die natürliche Lubrikation und machen den Geschlechtsverkehr angenehmer. Auch ein ausgedehnteres Liebesspiel ist hilfreich, denn es erlaubt, die Erregung langsam aufzubauen, und kann das Lustempfinden steigern.
Alternative Praktiken
Darüber hinaus kann es sich lohnen, alternative Formen von Intimität auszuleben. Kuscheln, Streicheln, Massagen oder andere sinnliche Berührungen können genauso befriedigend sein, insbesondere wenn Penetration zeitweise unangenehm ist.
Kann Sex im Alter auch negative Auswirkungen auf die Frauengesundheit haben?
Sex im Alter ist gesund, doch oft mit einem erhöhten Infektionsrisiko, zum Beispiel für Harnwegsinfekte, verbunden. Mit guter Intimhygiene und angemessenem Schutz lässt sich dieses Risiko jedoch deutlich reduzieren, sodass Sexualität weiterhin sicher und angenehm bleibt.
Die positiven Effekte von Sex auf die Gesundheit von Männern
Testosteronproduktion
Testosteron wird durch regelmäßige sexuelle Aktivität kurzfristig angeregt, wobei der langfristige Testosteronspiegel vor allem durch Alter, Lebensstil und Gesundheit beeinflusst wird.
Prostatagesundheit
„Auch die Prostata profitiert von einem aktiven Liebesleben. Häufige Ejakulationen helfen, die Drüse zu entlasten, und können das Risiko für Prostatakrebs senken. Gleichzeitig wirkt die sexuelle Aktivität wie ein leichtes Herz-Kreislauf-Training, denn Ihre Durchblutung und Herzfrequenz steigen, Ihre Blutgefäße bleiben elastisch, und Ihr Herz wird auf natürliche Weise gestärkt“, macht Dr. Pies deutlich.
Spezielle Vorteile für Männer im höheren Alter: Hilft bei Libido- und Erektionsproblemen
„Auch für Männer bringt das höhere Alter, typischerweise ab etwa 50 Jahren, hormonelle und körperliche Veränderungen mit sich“, so Herr Dr. Pies. „Der Testosteronspiegel sinkt langsam, was sich auf Libido, Potenz und Muskelkraft auswirken kann. Häufig treten Erektionsstörungen, eine verminderte sexuelle Leistungsfähigkeit oder ein genereller Rückgang der Lust auf. Zusätzlich können altersbedingte Herz-Kreislauf-Veränderungen oder Durchblutungsprobleme das sexuelle Wohlbefinden beeinträchtigen. Regelmäßiger Sex kann diesen Veränderungen gezielt entgegenwirken. Durch die sexuelle Aktivität wird die Durchblutung der Genitalien gefördert, was die Erektionsfähigkeit unterstützt und die Gesundheit der Gefäße erhält. Die Ausschüttung von Testosteron und Glückshormonen wirkt stimulierend auf Energie, Stimmung und Libido.“
Tipps für erfüllten Sex für Männer im höheren Alter
Bewegung und Ernährung
Für Männer kann das höhere Alter gewisse Herausforderungen im Liebesleben mit sich bringen, etwa einen langsamen Erregungsaufbau oder gelegentliche Erektionsprobleme. Mit einigen gezielten Maßnahmen lässt sich die Sexualität jedoch weiterhin erfüllend und lustvoll gestalten. Regelmäßige Bewegung und eine gesunde Ernährung fördern die Durchblutung und unterstützen damit auch die Erektionsfähigkeit.
Warum es beim Mann zum Libidoverlust kommen kann und was dagegen hilft
So verändert sich die Vagina durch die Wechseljahre
Kann Sex im Alter auch negative Auswirkungen auf die Männergesundheit haben?
Übertriebener Leistungsdruck spielt vor allem bei Männern eine große Rolle. Er kann massiven Stress erzeugen und das Liebesleben belasten. Mit einer entspannten Einstellung und offener Kommunikation lässt sich dem jedoch gut gegensteuern.
Fazit
Sex und regelmäßige Intimität, in welcher Form auch immer, sind ein schöner Zeitvertreib und ein wirksames Mittel, um Körper und Seele gesund zu halten. Die Mischung aus Nähe, Lust und hormonellem Feuerwerk wirkt wie ein ganzheitliches Gesundheitsprogramm: Stress schmilzt dahin, Herz und Immunsystem kommen in Schwung, und die Seele tankt Geborgenheit und Leichtigkeit. Besonders im Alter kann ein erfülltes Sexualleben eine Quelle von Vitalität sein, Beschwerden lindern und die Lebensqualität deutlich steigern.