31. Juli 2025, 10:59 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten
Die Lebensphase vor der Menopause macht viel mehr aus als nur Hitzewallungen und Stimmungsschwankungen. Der weibliche Körper durchläuft in den Wechseljahren deutliche Veränderungen und die hormonelle Umstellung wird auch im Intimbereich, nämlich in der Vagina, spürbar. Frau Dr. med. Heidi Gößlinghoff, Frauenärztin und Online-Begleitung für Frauen und Paare mit unerfülltem Kinderwunsch, klärt bei FITBOOK auf, denn „wenn Sie wissen, was in Ihrem Körper passiert, können Sie aktiv etwas für Ihr Wohlbefinden tun.“
Die Wechseljahre (med. Klimakterium) bezeichnen die Phase der hormonellen Umstellung im weiblichen Körper. Genauer gesagt den natürlichen Übergang (Wechsel) von der fruchtbaren Phase hin zur Menopause (letzte Regelblutung) und darüber hinaus.
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Wann beginnen die Wechseljahre?
Typischerweise beginnen die Wechseljahre zwischen dem 45. und 55. Lebensjahr, bei manchen Frauen auch früher oder später. „Sie sollten wissen, dass es sich dabei nicht um einen plötzlichen Umbruch handelt, sondern um einen mehrjährigen Prozess, mit ganz unterschiedlichen Etappen und Symptomen“, stellt Frau Dr. Gößlinghoff klar.
Sind Wechseljahre und Menopause das gleiche?
„Wechseljahre und Menopause sind nicht genau dasselbe, auch wenn die Begriffe oft synonym verwendet werden. Die Wechseljahre bezeichnen den gesamten hormonellen Übergang in der Lebensmitte, während die Menopause streng genommen nur den Zeitpunkt der letzten Monatsblutung markiert. Ab dann endet die fruchtbare Phase im Leben einer Frau. Der Begriff Menopause stammt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich „Ende der Monate“, erklärt Frau Dr. Gößlinghoff.
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Was passiert im Körper während der Wechseljahre?
1. Phase: Perimenopause – vor den Wechseljahren
Diese Phase beginnt oft unbemerkt, kann aber schon ab Mitte 40 oder früher einsetzen. Die Eierstöcke produzieren zunehmend weniger Östrogen, das Hormon, das u. a. für den Zyklus, die Elastizität der Haut sowie das Feuchtigkeitsmilieu in der Scheide zuständig ist. Erste Anzeichen sind in der Regel unregelmäßige Perioden, leichtere oder stärkere Blutungen, Schlafprobleme oder Stimmungsschwankungen.
2. Phase: Menopause – während der Wechseljahre
Die Menopause (letzte Monatsblutung) ist rückblickend feststellbar, wenn danach zwölf Monate keine Periode mehr auftgetreten ist. Der Östrogenspiegel sinkt nun deutlich ab. Neben Hitzewallungen, Gewichtszunahme oder Haarausfall beginnt in den Wechseljahren auch die Schleimhaut in der Vagina spürbar zu reagieren.
3. Phase: Postmenopause – nach den Wechseljahren
Die Zeit nach der Menopause bringt eine hormonelle Stabilisierung, allerdings auf niedrigerem Niveau. Beschwerden wie Scheidentrockenheit, Libidoverlust oder Hautveränderungen können sich nun dauerhaft zeigen, wenn nichts dagegen unternommen wird.
Wie verändert sich Ihre Vagina in den Wechseljahren?
„Der sinkende Östrogenspiegel hat direkte Auswirkungen auf die vaginale Schleimhaut. Diese wird dünner, trockener und empfindlicher. Die natürliche Feuchtigkeit und Elastizität gehen zurück, die Durchblutung nimmt ab, und das kann zu Spannungsgefühlen, Jucken oder Brennen führen. Auch kleine Risse oder Mikroverletzungen sind möglich, etwa beim Sex“, weiß Frau Dr. Gößlinghoff.
Typische Veränderungen der Vagina durch den Östrogenmangel
Scheidentrockenheit
Eine der häufigsten Beschwerden in den Wechseljahren ist die Scheidentrockenheit (vaginale Atrophie). Sie beschreibt, dass das Scheidengewebe dünner, trockener und empfindlicher wird. Schuld daran ist der Östrogenmangel, denn das Hormon sorgt normalerweise dafür, dass die Vaginalschleimhaut gut durchblutet, elastisch und feucht ist. Fehlt dieses Hormon aufgrund der Wechseljahre, verliert die Schleimhaut der Vagina an Spannkraft und die natürliche Lubrikation (Feuchtigkeitsbildung) lässt nach, auch bei sexueller Erregung.
Was hilft
Viele Frauen berichten, dass sich die Vagina plötzlich rau oder trocken anfühlt, vor allem beim Sport oder beim Sex. Diese Trockenheit kann zu Brennen, Juckreiz oder kleinen Einrissen führen, was gerade den Geschlechtsverkehr unangenehm oder sogar schmerzhaft macht“, so Frau Dr. Gößlinghoff. „Die gute Nachricht ist, es gibt wirksame Hilfe. Spezielle Feuchtcremes, hormonfreie Gele auf Hyaluronbasis oder lokale Östrogenpräparate können die Scheide wieder geschmeidiger machen.“
Veränderter Geruch und Infektanfälligkeit
Der Geruch im Intimbereich ist in der Regel immer ein sensibles Thema. In den Wechseljahren verändert er sich aufgrund des veränderten pH-Werts in der Scheide. Normalerweise liegt dieser bei etwa 4,5 und schützt die Vagina vor schädlichen Keimen. In den Wechseljahren steigt der pH-Wert aber an, weil weniger Milchsäurebakterien produziert werden. Dadurch kann die natürliche Schutzbarriere der Scheidenflora aus dem Gleichgewicht geraten und es entsteht ein neuer Geruch sowie ein erhöhtes Risiko für Infektionen wie Scheidenpilz oder bakterielle Vaginose (Scheideninfektion).
Was hilft
Helfen können Milchsäure-Präparate oder Vaginalzäpfchen zur Stabilisierung der Scheidenflora, eine milde Intimhygiene ohne aggressive Waschlotionen sowie luftdurchlässige Unterwäsche aus Baumwolle. Im empfindlichen Intimbereich gilt immer: Weniger ist oft mehr.
Schlaffheit und Harnverlust
„Mit dem Rückgang von Kollagen und Elastin, den beiden Eiweißstoffen, die unsere Haut und unser Bindegewebe straff halten, verliert auch die vaginale Umgebung an Festigkeit. Viele Frauen beschreiben ein Gefühl von „weniger Halt“ im Beckenbereich, da die Muskulatur des Beckenbodens schwächer wird. Dies kann sich durch leichten Harnverlust beim Trampolinspringen, Niesen oder Lachen bemerkbar machen sowie durch ein Fremdkörpergefühl in der Scheide oder das Gefühl von ‚zu viel Weite’ beim Sex“, beschreibt Frau Dr. Gößlinghoff.
Was hilft
Regelmäßiges Beckenbodentraining kann Ihr Gewebe wieder stärken und sogar leichte Inkontinenz verbessern. Auch vaginale Konen (Kugeln für das Beckenbodentraining) oder Biofeedback-Geräte helfen, die Muskulatur gezielt zu aktivieren. In manchen Fällen kommen auch Laserbehandlungen oder sanfte operative Eingriffe infrage. Sprechen Sie bei anhaltenden Beschwerden mit Ihrer Gynäkologin.
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Veränderte Libido
Viele Frauen erleben in den Wechseljahren eine veränderte Sexualität, was ganz normal ist. Die Lust kann schwanken, die Empfindsamkeit nimmt ab, Orgasmen fühlen sich anders an oder sind mitunter schwerer zu erreichen. Auch hier ist der Östrogenmangel die Ursache, denn weniger Hormone bedeuten weniger Durchblutung im Intimbereich und damit auch weniger Sensibilität in diesem Bereich. Hinzu kommen oft auch emotionale Faktoren. Angefangen von Schlafproblemen über Stimmungsschwankungen bis hin zu einem neuen Körpergefühl.
Was hilft
„Die Wechseljahre bedeuten aber auf keinen Fall, dass erfüllte Sexualität der Vergangenheit angehört. Im Gegenteil: Viele Frauen berichten von einer neuen, intensiveren Achtsamkeit gegenüber sich selbst und dem eigenen Körper“, so Frau Dr. Gößlinghoff. „Gleitgele, regelmäßige Berührungen, entspannte Atmosphäre und offene Gespräche mit dem Partner können helfen, sich neu aufeinander einzulassen. Und die klitorale Stimulation bleibt wie gehabt. Sie ist hormonunabhängig und ein wichtiger Teil weiblicher Sexualität, gerade im Hinblick auf das Erreichen eines Orgasmus.“
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So unterstützen Sie Ihre vaginalen Veränderungen
- Sensible Intimpflege: Verwenden Sie keine aggressiven Reinigungsprodukte. Wasser oder milde, pH-neutrale Waschlotionen reichen aus.
- Gleitgele: Gerade beim Sex können hochwertige Gleitgele unterstützend wirken.
- Feuchtcremes: Für den Alltag eignen sich hormonfreie Feuchtcremes mit Hyaluronsäure, Milchsäure oder Panthenol.
- Lokale Hormontherapie: Wenn Ihre Beschwerden stärker sind, können östrogenhaltige Vaginalcremes, -zäpfchen oder -ringe helfen. Diese wirken lokal und belasten den Körper kaum systemisch. Wichtig ist, dies ärztlich abklären zu lassen.
- Beckenbodentraining: Durch gezielte Übungen können Sie die Muskulatur kräftigen und das Empfinden verbessern.
- Hören Sie hin: Viele Frauen schweigen über vaginale Beschwerden. Nehmen Sie Ihre Symptome ernst, hören Sie hin, was Ihr Körper Ihnen sagen möchte, und sprechen Sie mit Ihrer Gynäkologin.
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Hilfreiche Unterstützung für Ihre Wechseljahren
- Literatur: Die richtige Literatur kann Ihnen helfen, die Wechseljahre besser zu verstehen, Ängste abzubauen und sich selbst und die Veränderungen im Körper mit mehr Gelassenheit zu begegnen. Gut aufbereitete Informationen, Erfahrungsberichte und fachlich fundierte Ratgeber geben Orientierung und zeigen, dass man mit den Herausforderungen dieser Umbruchzeit nicht allein ist.
- Heilpraktiker und Naturheilkunde: Mit Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) oder bioidentischen Hormonen kann sanft unterstützt werden, sehr individuell und ganzheitlich.
- Medikamente und Hormontherapie (HRT): Bei stärkeren Beschwerden kann eine systemische Hormontherapie helfen. Diese sollte aber immer ärztlich abgestimmt und regelmäßig kontrolliert werden. „Mit dem sinkenden Östrogenspiegel steigen viele Erkrankungsrisiken, besonders im Bereich des Herzkreislaufsystems. Ein weiblicher Herzinfarkt hat andere Symptome als bei einem Mann. Hier werden viele Fälle nicht erkannt und sind ein großes Risiko für die Frauen. Auch die Knochendichte sinkt beim Rückgang der Östrogene. Eine ärztlich geführte Hormontherapie kann diese Risiken reduzieren, wenn sie sachgerecht durchgeführt wird“, rät Frau Dr. Gößlinghoff.
- Menopausen-Coach: Spezialisierte Coaches begleiten Sie und können Ihnen helfen, die körperlichen, emotionalen und sexuellen Veränderungen zu verstehen und neue Strategien zu entwickeln.
Checkliste: Bin ich schon in der Perimenopause?
Wenn Sie sich in mehreren der folgenden Punkten wiederfinden, ist es gut möglich, dass Sie sich in der Perimenopause befinden. Ein Gespräch mit Ihrer Gynäkologin bringt Klarheit.
- Ich spüre Hitzewallungen
- Meine Stimmung ist wechselhafter
- Ich schlafe schlechter als früher
- Meine Haut ist trockener
- Mein Gewicht verändert sich
- Ich habe das Gefühl, „nicht mehr ich selbst“ zu sein
Sie dürfen sich verändern und sich dabei wohlfühlen
„Die Wechseljahre sind kein Ende, sondern ein neuer Anfang. Die Veränderungen, die Sie durchmachen, sind ganz natürlich und es gibt viel, das Sie tun können, um sich weiterhin wohlzufühlen. Sehen Sie diese Zeit als Einladung, sich neu kennenzulernen und begegnen Sie sich selbst mit mehr Wissen, mehr Selbstfürsorge und der Erlaubnis, Ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen. Denn gerade jetzt beginnt eine neue Form von Weiblichkeit.“