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Bei Experten nachgefragt

Stimmt es, dass der Körper übersäuern kann?

Bratwurst
Als Säurebildner gelten jene Nahrungsmittel, die beim Abbau im Körper in mehr Säuren als Basen zerlegt werden. Dazu gehören unter anderem alle Fleischprodukte.
Foto: Getty Images

Immer wieder hört man von der ungesunden Übersäuerung des Körpers. Dem soll eine sogenannte basische Ernährung entgegenwirken – die für mehr Vitalität sorgt und angeblich auch zahlreichen Krankheiten vorbeugen soll. Was ist dran? FITBOOK klärt auf.

Müde, nicht belastungsfähig, abgespannt? So unspezifische Erscheinungen sind in der Alternativmedizin schnell Anzeichen für eine Übersäuerung des Körpers, gegen die mit basischer Ernährung und Basenpulver oder basischen Bädern anzukommen sein soll. Aber stimmt das alles? FITBOOK hat sich mit dem Thema auseinandergesetzt und einen Experten befragt: Professor Jürgen Vormann leitet das Institut für Prävention und Ernährung (IPEV), der Säure-Basen-Haushalt zählt zu seinem Hauptarbeitsgebiet.

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Als gesichert gilt die Erkenntnis, dass es sowohl säure- als auch basenbildende Nahrungsmittel gibt. Erstere sind jene, die beim Abbau im Körper in mehr Säuren als Basen zerlegt werden und damit die Nieren potentiell belasten. Dazu gehören alle Fleischsorten und Fleischprodukte, Fisch, Eier sowie die meisten Milchprodukte. Als Säure erzeugende und damit besonders ungünstige Lebensmittel werden alle Weißmehl-Produkte bezeichnet sowie Süßigkeiten, Softdrinks und hochprozentiger Alkohol.

Unter die Basenbildner fallen die meisten Obst- und Gemüsesorten, ganz besonders Kartoffeln, Pilze und Kräuter. Die Mineralstoffe, die sie liefern, wirken basisch.

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1995 haben die Wissenschaftler Thomas Remer und Friedrich Manz in einer Studie ermittelt, welche Lebensmittel und Getränke zu welchem Lager gehören. Dazu untersuchten sie die Zusammensetzung von Säuren und Basen im Urin nach dem Essen. Für Ihre Orientierung haben wir aus dieser Tabelle ein paar Beispiele herausgegriffen.

Nahrungsmittel mit säuerndem Effekt

Brot/Mehlprodukte

Pasta

Reis

Eiweißreiche Milchprodukte

Käse

Eier

Linsen

Fleisch/Fleischprodukte

Fisch/Meeresfrüchte

Nahrungsmittel mit basischem Effekt

Fruchtsäfte

Gemüsesäfte

Kaffee / Espresso

Grüner Tee / Kräutertee

Rotwein / trockener Weißwein

Kartoffeln

Spinat

Pilze

Grünkohl

Kräuter

Bitterschokolade

Merke: Nur weil etwas sauer schmeckt, wie zum Beispiel Zitrusfrüchte, heißt es nicht, dass es zu Säuren verstoffwechselt wird!

Kann der Körper übersäuern?

Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) ist eine Übersäuerung des Körpers bei gesunden Menschen nicht zu befürchten, „da Puffersysteme die Säure-Basen-Konzentration im Blut regulieren. Überschüssige Säuren werden beispielsweise über die Nieren, Kot, Schweiß und auch beim Ausatmen über Kohlendioxid ausgeschieden.“

Dreh- und Angelpunkt des Säure-Basen-Haushalts unseres Körpers ist das Blut. Sein pH-Wert schwankt um 7,4 mit nur winzigen Abweichungen. Von einer krankhaften Übersäuerung des Körpers, genannt Azidose, spricht man, wenn der pH-Wert des Blutes über einen längeren Zeitraum unter dem neutralen Wert liegt. Hier können sich schon kleinste Schwankungen negativ auswirken, bereits ab einem Wert von 7,35 wird es problematisch. Wer sie jedoch nicht behandelt, kann chronische Schmerzen, Migräne, Neurodermitis, Arthritis, Gicht und Arteriosklerose entwickeln. Oft seien es dann auch unspezifische Erscheinungen wie eine geringe Belastungsfähigkeit, Müdigkeit und Abgespanntheit. Diese sogenannte Azidose trete nur bei bestimmten Krankheiten, wie Diabetes mellitus Typ 2, auf – sprich: Gesunde müssen sich vor einer Azidose durch ungesunde Ernährung nicht fürchten.

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Den pH-Wert Ihres Blutes können Sie beim Hausarzt bestimmen lassen. Aber Achtung: Die Veränderungen beginnen im Gewebe und am Knochen, bevor sie im Blutbild sichtbar werden.

Lohnt es sich trotzdem, auf eine basische Ernährung zu achten?

Laut der DGE bringt eine basenüberschüssige Kost keine nachweisbaren gesundheitlichen Vorteile. Etwas differenzierter sieht es Dr. Alexander Ströhle vom Institut für Lebensmittelwissenschaft und Humanernährung der Leibniz Uni in Hannover. Er hat sich mit dem Thema tiefgehend auseinandergesetzt und zusammen mit Prof. Thomas Remer, Leiter des Instituts für Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften der Uni Bonn, einen wissenschaftlichen Beitrag zum Thema „Ernährung und Säure-Basen-Haushalt“ im aid-Magazin der Bundeszentrale für Ernährung (BZfE) veröffentlicht.

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Nach Auswertung etlicher Studien würden „die vorliegenden Befunde dafür sprechen, die Säurelast der Nahrung zu reduzieren“, heißt es darin. Zu erreichen sei dies mit einer Steigerung des Konsums von Obst, Gemüse, bicarbonatreichen Getränken (Mineralwässer mit mehr als 1500mg Bicarbonat) sowie dem teilweisen Ersatz von Getreide- und Fleischwaren durch Kartoffeln, Hülsenfrüchten und Nüssen. Besonders eine vegetarische Ernährung wirke sich neutral bis leicht basisch auf die Säurelast aus, schreiben die Wissenschaftler.

Zu den Gesundheitsrisiken einer dauerhaften Ernährung mit hoher Säurelast gehören laut diversen von den Verfassern ausgewerteten Studien Osteoporose, Nierensteine, Diabetes mellitus Typ 2, erhöhter Blutdruck sowie eine nicht-alkoholische Fettleber. Säuren-Basen-Experte Vormann gibt diese Faustregel mit auf den Weg: „Im Idealfall sollten 80 Prozent der Nahrung aus basischen und nur 20 Prozent aus Säure bildenden Lebensmitteln bestehen.“

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Was bringen Basenpulver und basische Badesalze?

„Ja“, sagt Säure-Basen-Experte Vormann, „weil mit den Pulvern jene Basen zugeführt werden, die man mit einer basenreichen Ernährung auch zu sich nehmen würde“. Die Einnahme kann also nicht schaden, sie täglich zu konsumieren, hält er trotzdem nicht für sinnvoll: „Zwischendurch zwei oder drei Mal im Jahr eine dreiwöchige Kur, das reicht völlig aus.“ Jedoch komme es auf die Zusammensetzung an.

Es gebe zwei Sorten: Das klassische Bicarbonat sowie die besseren Citrate (die auch im Obst, Gemüse und Salat vorkommen). Letztere haben den Vorteil, keinen Einfluss auf den pH-Wert im Magen zu nehmen. „Sie werden aus dem Darm aufgenommen und binden beim Abbau der Citrate die überschüssige Säure, sodass sie nicht mehr durch die Niere ausgeschieden werden muss und somit keine Belastung darstellt“, führt Vormann aus. Bicarbonat- und carbonathaltige Präparate neutralisieren hingegen die Magensäure. Ein Problem speziell bei älteren Menschen, die ohnehin schon weniger davon produzieren würden.

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Keine große Wirkung solle man übrigens von basischen Badesalzen erwarten: Zwar scheide der Körper geringe Mengen Säure auch über die Haut aus, vor allem beim Schwitzen, aber mit gesunder Ernährung und einem Basen-Citrat-Pulver kann man laut dem Experten mehr bewirken. Vieles, was auf dem Säure-Basen-Markt zur Außenanwendung angeboten werde, sei „Hokuspokus“.

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Fazit

Da der Körper über Mechanismen verfügt, überschüssige Säuren auszuscheiden, müssen Sie nicht allzu viel tun, um Ihren Säure-Basen-Haushalt im Gleichgewicht zu halten. Durch eine ausgewogene und vielfältige Ernährung können Sie Ihren Körper jedoch dabei unterstützen. Die darf alles enthalten – sofern der Gemüse-, Obst- sowie Vollkornanteil hoch und der der Anteil an tierischen Produkten (Milchprodukte, Eier, Fisch, Fleisch) sowie zuckerhaltigen Lebensmitteln und Getränken, ebenso Alkohol, gering ist. Tendieren Sie eher zu einer säurelastigen Ernährung, tun Sie Ihrem Körper mit einer mehrwöchige Basen-Pulver-Kur alle paar Monate etwas Gutes.