12. Februar 2026, 16:10 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Damit der Körper während des Krafttrainings stärker wird, müssen die Muskeln immer höher werdenden Widerständen ausgesetzt werden, um sie zu stimulieren. Denn nur so können sie wachsen. Am besten funktioniert dies, wenn man sie kontinuierlich überlastet, und zwar mit dem Progressive Overload. FITBOOK-Autor Tony Poland erklärt zusammen mit einem Experten, was sich genau dahinter verbirgt und wie man mit dieser Methode richtig trainiert.
Was versteht man unter Progressive Overload?
Das Prinzip der progressiven Überlastung (Progressive Overload) bedeutet nichts anderes, als den eigenen Körper während des regelmäßigen Trainings fortlaufend immer weiter und stärker zu belasten. Nur so kann sich dieser nämlich anpassen bzw. ausprägen und ergebnistechnisch Fortschritte machen. „Progressive Overload gehört zu den elementarsten Grundprinzipien der Trainingswissenschaften. Wenn diese eingehalten werden, gibt es einen entsprechenden Trainingseffekt“, sagt Dr. Timo Kirchenberger, Athletiktrainer aus Berlin mit 10 Jahren Profisport-Coachingexpertise.
Warum neue und höhere Trainingsreize so entscheidend sind
So können wir durch Überlastung etwa Muskeln aufbauen, unsere Kraft steigern oder unsere Ausdauer verbessern. Denn: Bleibt der Trainingsreiz immer gleich, gewöhnt sich der Körper schnell daran. Dann passiert nichts mehr, Stagnation tritt ein. „Wenn wir keine Form einer gewissen systematischen, strukturierten Form von Überlastung bzw. einer regelmäßigen Steigerung haben, dann gibt’s auch keine Adaption bzw. nur eine sehr geringfügige“, erklärt der Fitnessexperte. „Das heißt, dass der Körper immer wieder neue und höhere Reize braucht, an die er sich anpassen kann. Nur wenn wir den Körper jedes Mal aus dieser kleinen Komfortzone hervorlocken, wird etwa Muskelwachstum kreiert.“
„Grundvoraussetzung dafür ist die progressive Überlastung“
Ganz unabhängig von unserem Trainingsziel benötigen wir in jedem Fall den Progressive Overload. Dabei ist es egal, ob wir eher auf Muskelaufbau (Hypertrophie) setzen oder ob wir lieber unsere Kraft steigern wollen, um etwa höhere Gewichte zu bewegen. Kirchenberger nennt noch weitere Beispiele: „Es kann auch sein, dass ich meine Kraftausdauer verbessern möchte, oder schneller oder dickere Muskeln haben will, oder meine Maximalkraft verbessern will. Grundvoraussetzung dafür ist die progressive Überlastung.“ Je nach Ziel sollte man dann sein Workout-Programm entsprechend gestalten und priorisieren.
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Mehr Gewicht oder mehr Wiederholungen?
Neue und höhere Trainingsreize können wir dabei auf ganz unterschiedliche Art und Weise setzen. Wollen wir Muskelmasse aufbauen, sind mehrere Wiederholungen mit moderaten Gewichten ideal. Diese Intensität fordert die Muskeln so richtig, um Wachstum zu stimulieren. Sehr schwere Gewichte hingegen mit weniger Wiederholungen sind dann zu empfehlen, wenn wir unsere Kraft steigern wollen. Denn so werden unser Nervensystem und die Muskelfasern richtig gefordert, um die Maximalkraft zu erhöhen.
Natürlich können wir auch zu etwas leichteren Gewichten greifen, dafür aber die Wiederholungszahl deutlich erhöhen. In diesem Fall arbeiten wir an der Muskelausdauer bzw. am Erhalt der Muskelmasse. Denn dadurch wird die Fähigkeit der Muskeln verbessert, über längere Zeit zu arbeiten.
Die Einteilung in Trainingszyklen
Ratsam ist es, dass man sein Programm in gewissen Trainingszyklen priorisiert. Man könnte sich etwa für zwölf Wochen auf einen Schwerpunkt konzentrieren und ein 5×5-Regime (5 Sätze à 5 Wiederholungen) absolvieren. „Danach könnte man nach einer Woche Pause oder einer Regenerationswoche einen neuen Zyklus starten und diesen dann mit 5×12 oder 5×3 beginnen. Dann besteht die Aufgabe darin, für die kommenden zwölf Wochen wieder für eine progressive Überlastung zu sorgen“, rät der Personal-Coach. Es geht also immer darum, sich vom Startpunkt aus zu steigern (mit der Wiederholungszahl) und für Abwechslung und neue Reize zu sorgen. So werden die Muskeln immer neu gefordert, was Kraftsteigerung und Muskelwachstum fördert.
Bis zu 5 Prozent Gewichtsteigerung für den Unterkörper
Während sich die Zahl der Wiederholungen prinzipiell je nach Belieben verändern lässt, ist das mit dem Gewicht nicht so einfach möglich. Zumindest für den Fall, dass es nach oben hin gesteigert werden soll. „Die Frage ist, was eine adäquate Steigerung ist“, so Kirchenberger. „Bei einer Kniebeuge mit 100 Kilogramm kann ich mir durchaus vorstellen, dass in der nächsten Woche schon 101 Kilogramm oder 102 Kilogramm möglich sind. Ein Bereich von zwei bis fünf Prozent von Woche zu Woche ist bei Unterkörperübungen jedenfalls eine gute und adäquate Steigerung“, empfiehlt der ehemalige Leistungssportler. „Das ist ambitioniert, aber nicht unrealistisch.“ So könne man eine gute und sinnvolle Überlastung kreieren.
Aber: Das Gewicht lässt sich nicht ohne Ende steigern – Verletzungsgefahr droht. Gehen Sie hier umsichtig vor, trainieren Sie, wenn möglich mit einem Spotter bei herausfordernden Freihantelübungen und holen Sie sich Rat und Unterstützung von Trainern.
Bis zu 3 Prozent Gewicht-Steigerung für den Oberkörper
Für Oberkörperübungen fällt der Anstieg deutlich geringer aus. Den Grund erklärt Kirchenberger am Beispiel Schulterdrücken. „Hier ist viel weniger Muskulatur integriert und dadurch können die Steigerungen nicht so groß ausfallen.“ Der Experte rät für Übungen wie Bankdrücken bzw. allgemein für den Oberkörper zu einer wöchentlichen Steigerung von etwa ein bis drei Prozent.
Gewicht zu schwer? Trainingszyklus ändern
Irgendwann kommt für jeden Sportler der Moment, an dem ein höheres Gewicht erst einmal nicht mehr möglich ist. In diesem Fall sollte man überlegen, am besten sein System zu modifizieren. Statt eines 5×5-Trainingszyklus über etwa acht Wochen könnte man dann etwa auf 5×8 umstellen und somit die Anzahl an Sätzen anpassen. Was letztlich dann wieder mit der Wiederholungszahl einhergeht…
Weitere Methoden, um den Reiz zu erhöhen
Natürlich lässt sich nicht nur mit dem Gewicht oder der Anzahl an Wiederholungen spielen. Es gibt noch weitere Methoden, die allerdings in der Praxis weniger gängig sind. „Man kann das Training auch über das Tempo verändern“, sagt der Fachmann. „Also, dass man das Gewicht beibehält, aber zum Beispiel mit einer Pause in der untersten Position (die Übung am Umkehrpunkt halten; A.d.R.) arbeitet. Es gibt auch Tools, wie Ketten oder Widerstandsbänder, durch die man eine kleine Steigerung einbauen kann.“ Durch diese komplexeren Varianten wird schlussendlich die Intensität höher.
Einsteiger werden schnell besser!
Das Prinzip des Progressive Overload ist dabei für ausnahmslos jeden geeignet, vom Anfänger bis zum Vollprofi. „Das beginnt schon mit der Reha. Sollte man sich verletzt haben und gerade Muskelaufbautraining machen, um etwa sein Knie ach einer Operation zu stabilisieren, muss man progressiv trainieren. Man muss das Knie immer regelmäßig überlasten, sonst bekommt man kein Muskelwachstum“, betont Kirchenberger. Einsteiger verbessern sich dabei im Regelfall am schnellsten, da sich der Körper besonders schnell anpasst, wenn diese ihr Training durchziehen. Ab dem Fortgeschrittenen-Level geht der Fortschritt normalerweise langsamer voran.
Was Arnold Schwarzenegger vom Training mit leichten Gewichten hält
Wie wichtig ist Muskelversagen für den Muskelaufbau?
Das sagt die Forschung
Die Annahme, dass Progressive Overload zu Kraftzuwachs und Muskelaufbau (Vergrößerung des Muskelquerschnitts) führt, wurde außerdem bereits in der Forschung bestätigt. So untersuchte u. a. eine Studie aus dem Jahr 2024 die Auswirkungen einer progressiven Überlastung beim Beintraining bei insgesamt 39 untrainierten Personen (20 Männer, 19 Frauen) über zehn Wochen. Und tatsächlich zeigt die Erhebung, dass sowohl die Steigerung der Belastung durch Gewichte als auch eine steigende Wiederholungszahl dazu genutzt werden kann, Kraftzuwachs und Muskelhypertrophie zu fördern.1
Lohnt sich eine Deload-Woche, wenn die Erfolge ausbleiben?
In der Fitnesswelt ist das Konzept der Deload-Woche fest etabliert. Es soll dazu dienen dazu, eine Phase gezielter Trainingsreduktion einzulegen, wenn sich Erschöpfung ansammelt oder der Fortschritt stagniert. Oft wird fälschlicherweise angenommen, dass eine komplette Trainingspause – also das Aussetzen jeglicher Belastung – den Muskelaufbau durch eine „Resensibilisierung“ der Muskeln sogar beschleunigen könne.
Eine 2024 veröffentlichte Studie konnte diese Hypothese jedoch weitgehend entkräften. Ein einwöchiger kompletter Trainingsverzicht führte im Vergleich zu kontinuierlichem Training weder zu einem größeren Muskelwachstum noch zu mehr Kraft. Tatsächlich schnitt die Gruppe, die durchgehend trainierte, bei der Kraftentwicklung sogar besser ab.2
Statt einer vollständigen Pause ist eine strategische Reduzierung meist sinnvoller:
- Volumen- und Intensitätsreduktion: Anstatt das Training ganz einzustellen, empfiehlt es sich, das Trainingsvolumen um etwa 40–60 Prozent und die Intensität um 10–20 Prozent zu senken.3
- Erhalt der Fertigkeiten: Durch leichte Einheiten bleiben technische Bewegungsabläufe (z. B. bei Kniebeugen oder Kreuzheben) erhalten, was den Wiedereinstieg nach der Deload-Woche erleichtert.
- Regenerationszweck: Ziel eines sinnvoll gestalteten Deloads ist es, physiologische und psychologische Ermüdung abzubauen, ohne die hart erarbeiteten Anpassungen zu gefährden.