20. Mai 2025, 13:02 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
GLP-1-Rezeptor-Agonisten gelten als Hoffnungsträger im Kampf gegen Adipositas. Während das Gewicht sinkt, könnte jedoch ein anderes Risiko drohen: Nährstoffmangel. Eine neue Studie liefert Hinweise dafür, dass Anwender von „Abnehmspritzen“ viele lebenswichtige Vitamine und Mineralstoffe nicht in ausreichender Menge aufnehmen. Die Studie hat jedoch ein großes Manko. FITBOOK-Redakteurin Anna Echtermeyer kennt die Details.
Medikamente wie Ozempic und Wegovy mit dem Wirkstoff Semaglutid oder Mounjaro (Wirkstoff Tirzepatid) haben eine Wirkung auf Blutzucker und Gewicht. Die Wirkung solcher „Abnehmspritzen“ ist inzwischen gut belegt. Für die Nutzer überwiegen natürlich zunächst die Vorteile (Starke Gewichtsreduktion, Appetitzügelung, Herz-Kreislauf-Schutz bei Diabetikern) – doch sollte man nicht leichtfertig über die Schattenseiten hinwegsehen. Vielfach kommt es zu Magen-Darm-Beschwerden und auch der Muskelabbau bereitet Sorgen. Eine neue Studie zeigt nun, dass sich Anwender von Abnehmspritzen schnell in einen Nährstoffmangel hineinmanövrieren – und daher besonders auf ihre Mikronährstoffzufuhr achten sollten.
Übersicht
- Transparenzhinweis: Studie finanziert von Nahrungsmittelhersteller
- 69 Anwender von Abnehmspritzen und ihre Nährstoffzufuhr untersucht
- Zentrale Erkenntnis: Breiter Nährstoffmangel bei Anwendern der Abnehmspritze
- Diese Vitamine und Mineralstoffe wurden ausreichend aufgenommen
- Warum die Studie trotz Interessenkonflikt spannend ist
- Quellen
Transparenzhinweis: Studie finanziert von Nahrungsmittelhersteller
Ein Forschungsteam unter der Leitung von Brittany Johnson von GNC hat erstmals die Nährstoffaufnahme von Nutzern von „Abnehmspritzen“ systematisch untersucht und mit offiziellen Ernährungsempfehlungen verglichen. GNC ist ein international tätiger Hersteller und Händler von Nahrungsergänzungsmitteln mit Sitz Pittsburgh (Pennsylvania, USA). Johnson ist also keine unabhängige Wissenschaftlerin, sondern angestellt bei einem Unternehmen mit kommerziellem Interesse an Nahrungsergänzungsmitteln. FITBOOK ist sich dessen bewusst – berichtet aber über die Studie, da sie eine entscheidende Wissenslücke füllt: Wirkstoffe wie Semaglutid und Tirzepatid verändern das Essverhalten massiv – und was weniger gegessen wird, ist oft nicht ausgewogen. Frühere Studien belegten zwar eine reduzierte Kalorienzufuhr unter den Wirkstoffen, jedoch ohne Details zur Mikronährstoffaufnahme. Und ebendies war Gegenstand der aktuellen Studie.
69 Anwender von Abnehmspritzen und ihre Nährstoffzufuhr untersucht
Johnson und ihr Team analysierten die Nährstoffaufnahme von 69 Anwendern unterschiedlicher „Abnehmspritzen“. Die meisten nutzten Ozempic und Wegovy, einige Mounjaro, wenige Trulicity. Alle nutzten ihr entsprechendes Medikament seit mindestens einem Monat. Die Forscher erfassten über eine Onlinebefragung demografische Daten, Gesundheitsangaben, Nebenwirkungen sowie Ernährungsgewohnheiten. Anschließend führten die Teilnehmenden über drei aufeinanderfolgende Tage ein elektronisches Ernährungstagebuch. Die Ergebnisse wurden anhand des Durchschnitts der drei Tage ausgewertet und mit den DRI-Werten verglichen.1
DRI-Werte (Dietary Reference Intakes) sind von der US-amerikanischen National Academy of Medicine wissenschaftlich festgelegte Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, die angeben, wie viel Vitamine, Mineralstoffe und andere Nährstoffe ein gesunder Mensch durchschnittlich pro Tag aufnehmen sollte, um Mangelerscheinungen zu vermeiden und die Gesundheit langfristig zu erhalten.
Die Analyse beschränkte sich auf die Nährstoffaufnahme über Getränke und Nahrungsmittel – Nahrungsergänzungsmittel wurden nicht berücksichtigt.
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Zentrale Erkenntnis: Breiter Nährstoffmangel bei Anwendern der Abnehmspritze
Die zentrale Erkenntnis: Ein erheblicher Teil der Teilnehmenden erreichte die empfohlenen Tagesmengen wichtiger Nährstoffe nicht. Die Ergebnisse wurden in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Frontiers in Nutrition“ veröffentlicht.2 Sie zeigen: Am deutlichsten war der Mangel bei Vitamin D: nur 1,4 Prozent der Teilnehmenden erfüllten laut Analyse die tägliche Zufuhr. Auch Kalium, Cholin, Magnesium, Kalzium, Eisen und die Vitamine A, C, E und K und Eisen lagen signifikant unter den DRI-Werten.
Gemessene Aufnahmen an Vitaminen und Co. der Studienteilnehmer und Empfehlung im Überblick:
- Vitamin D: durchschnittlich 4 µg/Tag (DRI: 15 µg)
- Kalium: 2186 mg (DRI: 4700 mg)
- Cholin: 305 mg (DRI: 550/425 mg)
- Magnesium: 266 mg (DRI: 310–420 mg)
- Eisen: 12,1 mg (DRI: 8–18 mg)
- Vitamin: A 560 µg (DRI: 700 bis 900 µg)
- Vitamin: C 51 mg (DRI: 75 bis 90 mg)
- Vitamin E: 9,6 mg (DRI: 15 mg)
- Vitamin K: 68 µg (DRI: 90 bis 120 µg)
- Kalzium: 863 mg (DRI: 1000 mg)
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Diese Vitamine und Mineralstoffe wurden ausreichend aufgenommen
Lediglich B-Vitamine wie Vitamin B12, Vitamin B3 und Vitamin B2 sowie Kupfer, Phosphor, Selen und Zink wurden laut der Analyse in ausreichender Menge aufgenommen.
Warum die Studie trotz Interessenkonflikt spannend ist
Nährstoffmangel durch die „Abnehmspritze“ – die vorliegende Studie ist nach aktuellem Kenntnisstand die erste, die den tatsächlichen Nährstoffstatus (aus Lebensmitteln) von Anwendern quantitativ und im Detail mit den Dietary Reference Intakes (DRI) vergleicht. Gleichwohl muss betont werden, dass ein potenzieller Interessenkonflikt durch die Finanzierung durch GNC Holdings besteht. Aus diesem Grund möchten wir hier die konkreten Zufuhrempfehlungen der Studienautoren nicht wiedergeben.
Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass die Ernährungsqualität vieler Menschen, die die „Abnehmspritze“ nehmen, möglicherweise nicht ausreicht für einen langfristigen Abnehmerfolg (Stichwort: Muskelmasse!).
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Relevant für den Abnehmerfolg von Patienten, die die Therapie erhalten
Warum für den Abnehmerfolg? Patienten, die die entsprechenden Substanzen mit Wirkung auf Blutzucker und Gewicht erhalten, haben weniger Hunger und ernähren sich kalorienreduziert. Dadurch verlieren sie natürlich Fettmasse. Weil sie aufgrund des Wirkstoffs in den Spritzen aber sehr viel weniger Essen, sind sie insgesamt oft schlapp und müde und bewegen sich daher weniger. Als Folge baut der Körper Aminosäuren in der Muskulatur ab. Der Anwender einer „Abnehmspritze“ verliert viel Gewicht – wahrscheinlich ist ein großer Teil davon aber Muskelmasse. Die Muskelmasse zu erhalten, ist bei einer solchen Therapie entscheidend für die Gesundheit und langfristigen Abnehmerfolg.
Muskelabbau vermeiden
Jetzt schlagen wir noch mal den Bogen zu den Studienergebnissen: Essenziell für den Erhalt und Aufbau von Muskelzellen sind etwa Magnesium, Cholin und Vitamin D – alle drei Nährstoffe waren bei den Studienteilnehmern unterrepräsentiert. Man kann also sagen, sie erarbeiten sich so langfristig einen erheblichen Muskelverlust – und damit langfristige Nachteile trotz kurzfristigem Gewichtsverlust. Dieser Nachteil ist aus zwei Gründen schwerwiegend.
Muskulatur ist der Hauptmotor für den Grundumsatz, deshalb kann Muskelabbau den Jo-Jo-Effekt begünstigen – die Tatsache, dass viele Anwender von Abnehmspritzen nach Absetzen schnell wieder ihr Ausgangsgewicht erreichen, belegt das. Der andere Grund sind mögliche funktionelle Einschränkungen. Bei älteren Menschen erhöht Muskelverlust die Sturzgefahr, bei jüngeren reduziert er die Leistungsfähigkeit.
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Planen Sie eine Vielfalt an Lebensmitteln ein
„Abnehmspritzen führen zur Gewichtsreduktion, aber möglicherweise auch zu Nährstoffmangel, was wiederum Muskelverlust begünstigen kann. Was man sich – nicht nur, aber als Anwender von „Abnehmspritzen“ eben besonders genau – daher anschauen sollte: Bekomme ich durch meine Ernährung genug Mikronährstoffe? Insbesondere solche, die meinen Muskelerhalt sichern? Wenn Ihnen der Zusammenhang nicht klar ist, lesen Sie die beiden Absätze über diesem Kasten.
Um die Versorgung mit Mikronährstoffen zu sichern, sollten Sie eine Vielfalt an Lebensmitteln einplanen – besonders bei reduzierter Kalorienzufuhr, etwa als Folge der „Abnehmspritze“. Vitamin D ist etwa enthalten in fetten Fischen, Eiern oder angereicherten Lebensmitteln, Magnesium nehmen Sie durch Haferflocken, Kürbiskerne, Mandeln, grünes Blattgemüse oder Hülsenfrüchte auf und Cholin steckt in Brokkoli, Blumenkohl, Eiern oder Leber. Außerdem könnten Sie – und das gilt nicht nur für Nutzer von ‚Abnehmspritzen‘ – zum Erhalt Ihrer Muskelmasse mal der Frage nachgehen: Entspricht meine Proteinzufuhr meinen individuellen Bedürfnissen? Sollte ich sie ggf. anpassen? Mein Tipp: zu jeder Mahlzeit eine hochwertige Proteinquelle (20 bis 30 Gramm) einbauen (Skyr, Hülsenfrüchte, Quark). Ich schätze auch mal ein Proteinshake nach dem Sport zur Unterstützung des Muskelaufbaus.“