25. September 2025, 12:25 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Zuckerhaltige Getränke wie Cola und Limonade können sich nicht nur negativ auf unsere Zähne und unser Körpergewicht auswirken, sondern auch auf die Psyche. Eine neue Studie aus Deutschland liefert erstmals überzeugende Hinweise auf einen biologischen Zusammenhang zwischen Softdrinks und Depressionen – und zeigt: Besonders Frauen sind betroffen. Wie der Zusammenhang genau besteht und warum bestimmte Darmbakterien dabei eine Schlüsselrolle spielen könnten, erklärt FITBOOK-Ernährungsexpertin Sophie Brünke.
Kann man sich eine schwere Depression antrinken?
Zugegeben, bei Softdrinks denkt man zuerst an Übergewicht oder Typ-2-Diabetes. Doch häufen sich in der Forschung Hinweise, dass diese Getränke auch die mentale Gesundheit beeinflussen könnten. Besonders ein möglicher Zusammenhang mit Depressionen – speziell bei Frauen – stand bislang im Raum, ohne dass biologische Erklärungen ausreichend belegt waren. Die nun veröffentlichte Studie wollte deshalb die Frage klären, ob und wie der Konsum von Softdrinks mit Major Depression (schwere Depression) zusammenhängt – und ob dabei der Darm eine vermittelnde Rolle spielt. Im Fokus stand insbesondere das Mikrobiom, also die Gesamtheit der im Darm lebenden Mikroorganismen, die zunehmend mit psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht werden.1
Probanden aus Marburg und Münster
Die Studie nutzte Daten aus der Marburg-Münster Affective Cohort Study (MACS) – einer Querschnittstudie, bei der zwischen 2014 und 2018 insgesamt 932 Erwachsene im Alter von 18 bis 65 Jahren rekrutiert wurden. Darunter befanden sich 405 Patientinnen und Patienten mit klinisch diagnostizierter Major Depression (68 Prozent weiblich) sowie 527 gesunde Kontrollpersonen. Die Teilnehmenden wurden aus der Allgemeinbevölkerung sowie aus hausärztlichen Praxen gewonnen.
Untersucht wurde der Zusammenhang zwischen dem Konsum zuckerhaltiger Softdrinks und sowohl der Diagnose einer Depression als auch der Schwere depressiver Symptome. Besonderes Augenmerk lag auf der Rolle von zwei Darmbakterien-Gattungen: Eggerthella und Hungatella. Die erste Gattung kommt laut den Studienautoren bei Menschen mit Depressionen häufiger im Darm vor. Die Wissenschaftler prüften außerdem, ob Veränderungen in der Häufigkeit dieser Bakterien als sogenannte „Mediatorvariablen“ – also als biologisches Bindeglied – den beobachteten Zusammenhang erklären könnten. Ebenso schauten sie, ob das Geschlecht eine Rolle spielt.
Zur Analyse kamen verschiedene statistische Modelle, unter anderem multivariate Regressionsanalysen und Varianzanalysen (ANOVA) zum Einsatz.
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Der Effekt war ausschließlich bei Frauen erkennbar
Die Ergebnisse zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen dem Konsum zuckerhaltiger Softdrinks und depressiven Symptomen – vor allem bei Frauen. Ohne eine Unterscheidung zwischen den Geschlechtern lag die Risikoerhöhung bei acht Prozent. Allerdings zeigte sich bei einer differenzierten Analyse, dass bei Männern, die regelmäßig Softdrinks konsumierten, weder einen Anstieg von Eggerthella noch einen Zusammenhang mit depressiven Symptomen erkennbar war. Frauen hingegen, die regelmäßig Softdrinks konsumierten, hatten eine 17 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, an einer Major Depression zu leiden. Zudem war der Schweregrad der Symptome bei ihnen signifikant höher.
Wie sieht eine Mikrobiom-freundliche Ernährung aus?
„Die Studie bestätigt, was wir längst wissen: Softdrinks sind nicht gut für uns – und das gilt sogar für unsere Darmbakterien. Aber was können wir ihnen stattdessen Gutes tun? Zum einen freuen sich die Bakterien über einen bunten Teller. Sprich: lieber eine Portion gemischtes Gemüse als ein Haufen Brokkoli. Zum anderen können Sie auf ballaststoffreiche und fermentierte Lebensmittel setzen, um Ihr Mikrobiom zu stärken. Ballaststoffe – gern gesehenes Futter für die guten Bakterien – stecken insbesondere in Vollkornprodukten und Hülsenfrüchten. Wer einen Ballaststoff-Boost braucht, kann zu Weizenkleie, Leinsamen oder Flohsamenschalen greifen. Fermentierte Produkte enthalten direkt lebende, nützliche Bakterien. Das können Joghurt, Sauerkraft, Kefir oder auch Tempeh sein.“
Die Rolle der Darmbakterien
„Unsere Daten legen nahe, dass der Zusammenhang zwischen Softdrinks und depressiven Symptomen über den Einfluss auf das Mikrobiom entsteht“, so Studienleiterin Dr. Sharmili Edwin Thanarajah vom Universitätsklinikum Frankfurt und dem MPI für Stoffwechselforschung in Köln.2
Denn die Analyse des Mikrobioms brachte einen weiteren zentralen Befund: Frauen mit hohem Softdrinkkonsum wiesen eine deutlich erhöhte Anzahl von Bakterien der Gattung Eggerthella im Darm auf, welche frühere Studien bereits mit Depressionen in Verbindung gebracht hatten. Die aktuelle Untersuchung zeigt nun, dass diese Bakterien tatsächlich einen Teil des Zusammenhangs zwischen Softdrinkkonsum und Depression erklären können – sie vermittelten laut den Mediationsanalysen 3,8 Prozent des Zusammenhangs mit der Diagnose und 5 Prozent mit der Symptomschwere.
Diese Prozentpunkte klingen zunächst klein, sind aber im Zusammenhang mit einem so komplexen Krankheitsbild wie Depression nicht zu unterschätzen. Schließlich entstehen Depressionen durch viele Faktoren: Genetik, Stress, Hormone, soziale Einflüsse, Schlaf, Ernährung usw. Dass ein einziges Bakterium überhaupt messbar einen Anteil der Diagnose und Symptomschwere erklärt, ist bemerkenswert.
Bedeutung der Ergebnisse
Die Ergebnisse liefern erstmals belastbare Hinweise darauf, dass zuckerhaltige Getränke die psychische Gesundheit über den Darm beeinflussen können – und dieser Effekt geschlechtsspezifisch sein könnte.
In der Pressemitteilung erklären die Autoren, dass Softdrinks nicht nur Glukose und Fruktose, sondern auch Zusatzstoffe – darunter Konservierungsmittel und Süßstoffe enthalten. Und diese Kombination könne das empfindliche Gleichgewicht im Darmmikrobiom stören, entzündungsfördernde Bakterien begünstigen und die Produktion schützender kurzkettiger Fettsäuren reduzieren. In Tierversuchen hätten solche Veränderungen bereits entzündliche Prozesse im Nervensystem ausgelöst – mit steigendem depressivem Verhalten.
Warum Männer nicht betroffen sind, bleibt noch unklar. Mögliche Erklärungen könnten hormonelle Unterschiede oder unterschiedliche Immunreaktionen sein.
Für die Forschung ergeben sich neue Perspektiven: „Die Studienergebnisse eröffnen neue Ansätze zur Prävention und Behandlung depressiver Erkrankungen“, so Dr. Rachel Lippert vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE). „Mikrobiom-basierte Ansätze – wie gezielte Ernährungstherapien oder probiotische Strategien – könnten künftig helfen, depressive Symptome wirksam zu lindern.“
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Einordnung der Studie
Die Studie ist methodisch solide und basiert auf umfangreichen Daten aus einem klinisch validierten Patientenkollektiv sowie einer Kontrollgruppe. Durch die Kombination von psychischen Diagnosen, Ernährungsverhalten und mikrobiologischen Analysen liefert sie ein überzeugendes Bild vom Zusammenhang zwischen Ernährung, Mikrobiom und Psyche. Positiv hervorzuheben ist zudem die differenzierte Betrachtung nach Geschlecht – ein Aspekt, der in früheren Studien nicht immer berücksichtigt wurde.
Allerdings handelt es sich um eine Querschnittstudie – sie zeigt also Korrelationen, keine Kausalität. Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob der Konsum von Softdrinks tatsächlich Depressionen verursacht oder ob depressive Personen eher zu süßen Getränken greifen. Trotzdem ist die Identifikation von Eggerthella als möglichem vermittelndem Faktor ein bedeutsamer Schritt, der neue Forschungslinien ermöglicht.
Fazit
Die Ergebnisse zeigen: Ernährung beeinflusst nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche. Der Konsum zuckerhaltiger Softdrinks steht bei Frauen in direktem Zusammenhang mit depressiven Symptomen – vermittelt über Veränderungen im Darmmikrobiom. Studienleiterin Edwin sieht hier aber auch Potenzial: „Veränderungen im Mikrobiom sind durch Ernährung beeinflussbar – und damit ein potenzielles Therapieziel. Schon kleine Anpassungen im Verbraucherverhalten können große Auswirkungen haben – insbesondere angesichts des weitverbreiteten Konsums von Softdrinks.“