17. September 2025, 13:11 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten
„Ich verstehe mich da oft als Bullshit-Filter“, erklärte Nina Ruge am 15. September während des von ihr moderierten Panel-Talks Loungevity Lounge von FITBOOK, die von Lambertz präsentiert wurde. Bei der Veranstaltung tauschten sich Experten aus Wissenschaft und Medizin sowie zwei Vorbilder, die in ihrem Leben intuitiv viel richtig gemacht haben und noch im Alter topfit sind, wie wir gesund, leistungsfähig und voller Energie älter werden können – körperlich wie geistig. Was Nina Ruge mit ihrem Statement meint und was sie uns über ihre Healthy-Longevity-Mission vorab im Interview verraten hat, erfahren Sie hier.
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„Alles wird gut – aber nicht von allein.“ Mit diesem Satz fasste Nina Ruge (69) zusammen, worum es am 15. September 2025 in der Longevity Lounge von FITBOOK, präsentiert von Lambertz, ging: gesund älter werden – und das mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. „Die Krux ist, dass es schon so viel Pseudowissenschaft, also nicht valide Studien gibt. Der Normalbürger müsste im Grunde erst mal lernen, Studien zu lesen. Ich verstehe mich da oft als Bullshit-Filter und versuche, den Menschen Orientierung in der Menge an Informationen geben“, brachte sie vor den Anwesenden im Journalisten-Club des Axel Springer Verlags ihre Longevity-Mission auf den Punkt.
Seit vielen Jahren beschäftigt sich Nina Ruge mit dem Thema Longevity, ist in der Forschung auf dem Laufenden und hat Bücher darüber verfasst. In einem Interview vor dem Event am 15. September hat sie FITBOOK verraten, welcher Wendepunkt in ihrem Leben sie auf die Wissenschaft vom gesunden Altwerden gestoßen hat, wie sie Healthy Longevity in ihrem Alltag lebt und was sie Menschen rät, die das Thema als überfordernd wahrnehmen.
Treffen mit einem Stammzellenforscher veränderte ihr Leben
FITBOOK: Wie haben Sie das Thema „Healthy Longevity“ für sich entdeckt?
Nina Ruge: „2017 moderierte ich den Forschungspreis in Wien und traf dort einen Stammzellforscher, der mich fragte, ob ich mit ihm ein Buch über Langlebigkeit schreiben wolle. Ich hatte den Begriff damals noch nie gehört, war aber sofort fasziniert. Während der Coronapandemie verlor ich sämtliche Moderationsaufträge – und hatte noch mehr Zeit, zu schreiben. Das Buch wurde sofort ein Bestseller. Seither konzentriere ich mich ganz auf das Thema Longevity – inklusive Podcast, Vorträgen und diversen Projekten.“
Schlechte Blutwerte mit Anfang 40 – so begann Nina Ruges Longevity-Weg
Gab es auch einen persönlichen Anlass?
„Mit Anfang 40 hatte ich beim jährlichen Check ein paar Blutwerte, die nicht schön waren. Zum Beispiel hohe Werte von freien Radikalen. Das war 2008 und mein persönlicher Wendepunkt. Bei mir schlug der berufliche Stress, den ich gar nicht als belastend empfunden hatte, auf die Verdauung, ich hatte Anzeichen von Reizdarm. Mein Stress, den ich selbst gar nicht so empfunden hatte, zeigte sich über die Verdauung. Mein Arzt empfahl mir damals, meine Ernährung konsequent umzustellen, auch auf bestimmte Nahrungsergänzungsmittel. Ich verzichtete also auf Zucker, rotes Fleisch, industriell verarbeitete Lebensmittel und stellte auf mediterrane Ernährung um. Zusätzlich integrierte ich Omega-3, Vitamin D, Selen, Zink und einige Antioxidantien in meinen Alltag. Das alles mit spürbaren, positiven Effekten.“
Fühlten Sie sich damals gestresst?
„Nein! Das kenne ich gar nicht. Die Leute haben immer gesagt: ‚Bist du auf Droge? Du bist ja immer so gut gelaunt!‘ Heute sage ich mir, das liegt auch an bestimmten Neurotransmittern, den Glückshormonen. Vor Kurzem habe ich einen Gentest gemacht und ich habe ein relativ hohes Level, weil ich die nur langsam ‚abbaue‘.“
Am 15. September moderierte Nina Ruge die Longevity Lounge von FITBOOK, präsentiert von Lambertz. Dort gab es spannende Experten-Talks über aktuelle Entwicklungen im Bereich Longevity. Unter anderem war auch Stilikone Eveline Hall dabei, die auch mit 79 Jahren auf der Bühne steht und eine unfassbare Energie ausstrahlt.
Ebenfalls Teil des Panels: Prof. Dr. Hermann Bühlbecker, Inhaber von Lambertz, der mit 75 Jahren noch Tennis spielt und als erfolgreicher Unternehmer arbeitet, Biomedizinerin Hannah Samira Schmidt, die Longevity ganzheitlich als Zusammenspiel zwischen Körper und Geist betrachtet, sowie FITBOOK-Chefredakteur Nuno Alves, ausgebildeter Fitnesstrainer mit B-Lizenz, Inhaber der A-Lizenz für Medizinisches Fitnesstraining sowie Verfasser des erfolgreichen Newsletter „Highway to Health“.
Wie sie sich weiterbildete
Wie haben Sie sich damals weitergebildet?
„Ich habe ein abgeschlossenes Biologiestudium und habe mich tief in die aktuelle Forschungslage zur Zellbiologie des Alterns eingearbeitet. Themen wie Mitochondrienalterung, nachlassende Autophagie und DNA-Reparaturmechanismen – das ist heute essenzielles Wissen. Wir Menschen sind evolutionär auf eine Lebensdauer von etwa 35 Jahren ausgelegt. Bereits zehn Jahre vorher beginnen die körpereigenen Reparaturprozesse schleichend an Perfektion zu verlieren. Diese Prozesse auf Zellebene zu verstehen, ist Grundlage für Prävention, für gesundes Altern. Die Forschung explodiert geradezu, und ich halte mich up to date, indem ich zum Beispiel Fachzeitschriften wie ‚The Lancet‘ oder ‚Nature‘ verfolge, Podcasts von führenden Köpfen wie Peter Attia, Eric Topol höre oder Webinare der National University of Singapore. Dazu kommen Fachkongresse, wie etwa der ARDD [Aging Research and Drug Discovery, d. Red.] in Kopenhagen.“
Warum gesunder Menschenverstand der beste Einstieg in Longevity ist
Viele Menschen empfinden den Einstieg in das Thema Longevity als überfordernd. Was raten Sie?
„Vom Einfachen zu Komplexen! Das Wichtigste ist die Basis der Longevity-Pyramide mit ihren vier Lebensstilfaktoren Bewegung, Ernährung, Schlaf und Stressmanagement. Unsere Omas hatten intuitiv schon einiges davon auf Lager: ‚Kind runter vom Sofa, beweg dich, und zwar richtig. Iss mehr Gemüse, geh‘ mal vor Mitternacht ins Bett und reg‘ dich nicht so auf.‘ Wer sich regelmäßig bewegt, sich überwiegend pflanzlich ernährt, ausreichend schläft und Stress reguliert, legt die Grundlage für gesundes Altern. Das ist kein Hexenwerk, das ist gesunder Menschenverstand, mittlerweile wissenschaftlich sehr tiefgehend bestätigt.“
Von Hormontherapie bis Gentest – so geht Longevity auf der nächsten Stufe weiter
Und wenn man auf die nächste Ebene gehen möchte?
„Auf der nächsten Ebene der Pyramide finden wir die enorme Vielfalt der Nahrungsergänzungsmittel. Für Frauen spielt auch die Hormonersatztherapie eine zentrale Rolle, sobald sie in die Wechseljahre kommen. Weitere Themen auf dieser Ebene sind Impfungen, denn schwere Infektionskrankheiten beschleunigen die Alterung sowie Gentests zur frühzeitigen Risikoerkennung. Die Spitze der Pyramide bilden Zukunftstherapien wie epigenetische Reprogrammierung. Wichtig ist auch, möglichst früh mit Gesundheits-Checks zu beginnen – evtl. auch einen Gentest zu machen, um individuelle Risiken auszulesen.“
Von grünem Tee bis Powernap – so sieht ein typischer Longevity-Tag aus bei Nina Ruge
Wie leben Sie Healthy Longevity für sich selbst?
„Morgens liebe ich meinen grünen Tee, oft mit einem Teelöffel gemahlener Flohsamenschalen, die fördern als lösliche Ballaststoffe gesunde Darmbakterien. Früher habe ich morgens intervallgefastet, doch da man inzwischen davon ausgeht, dass Intervallfasten ab circa 60 Jahren kaum noch Effekte zeigt, frühstücke ich eine kleine Portion Skyr mit Joghurt und Beeren. An Nahrungsergänzungsmitteln nehme ich neben Omega 3, Vitamin D, Spermidin und Selen noch einiges anderes. Mittags esse ich einen großen Rohkostsalat mit Kräutern und Fermentiertem, auch mit Sauerkraut. Abends gibt es wieder Gemüse – möglichst aromatisch, zum Beispiel Zucchini mit süßsaurer Soße und Kräutern, dazu Proteinhaltiges wie Ziegenkäse oder Mozzarella. Zwischen den Mahlzeiten snacke ich nicht, esse kein Fleisch, keinen Zucker, kein Junkfood. Zudem versuche ich, mittags einen Powernap von 20 Minuten einzubauen.“
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Von der Asphaltläuferin zur Kniepatientin – was Nina Ruge heute anders macht
Wie ist es mit Sport?
„Ich gehe nicht gerne ins Gym. Stattdessen gehe ich täglich mindestens 45 Minuten in zügigem Tempo mit meinem Hund, mit kurzen Sprints dazwischen, um Puls und Atmung hochzufahren. Zusätzlich mache ich mindestens zweimal pro Woche HIIT mit Onlinekursen. Weil ich früher regelmäßig auf Asphalt gejoggt bin, habe ich mir Kniearthrose eingehandelt – die ich vor einigen Jahren mittels Stammzellentherapie behandeln ließ. Mit gutem Erfolg … der jetzt leider nachlässt. Deshalb denke ich jetzt über eine Exosomen-Therapie nach für die Knie. Eine Zeit lang habe ich übrigens das Diabetesmedikament Metformin im Off-Label-Use getestet.“
Das Medikament Metformin soll außerhalb seines Anwendungsgebiets (Off-Label-Anwendung) Diabetes Longevity-Potenzial haben: Es soll den Alterungsprozess verlangsamen und das Risiko für altersbedingte Krankheiten wie Herzinfarkt, Alzheimer und Krebs senken. Insbesondere Frauen sollen profitieren, wie Studien zeigen.
Die Exosomen-Therapie ist eine neue, noch experimentelle biomedizinische Behandlung, bei der sogenannte Exosomen – winzige Vesikel, die von Zellen ausgeschüttet werden – therapeutisch eingesetzt werden, meist zur Regeneration, Immunmodulation oder Verjüngung. Die Exosomen stammen aus Stammzellen, die im Knochenmark, Fettgewebe oder Nabelschnurblut vorkommen. Wie die Stammzellentherapie gilt sie vielen Langlebigkeits-Experten als potenzieller „Reset-Knopf“ für den Körper – aber ohne deren Risiken.
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FITBOOK-Chefredakteur erklärt: „Ohne Schlaf keine Longevity“
Nina Ruge findet, es ist Zeit, dass Gesundheitsminister ihre Longevity-Maßnahmen offenlegen
Und wenn Sie einen Knopf drücken könnten, um mehr Menschen in Deutschland gesundes Altern zu ermöglichen – was würden Sie tun?
„Ich würde das Gesundheitsministerium kapern und unser System radikal von Sick-Care auf echte Health-Care umstellen. Prävention müsste zum Grundprinzip unseres Denkens und Handelns werden. Die Politik muss endlich aufwachen. In Singapur oder den Vereinigten Arabischen Emiraten entstehen staatlich geförderte Präventionszentren. Kinder und Jugendliche können dort Wearables zur Selbstmessung erhalten und lernen spielerisch, wie sich Gesundheit positiv beeinflussen lässt. In Deutschland beginnt die Politik allerdings aufzuwachen. Wir brauchen Role Models – Menschen, die vorleben, wie gesundes Altern aussehen kann. Wie wäre es, wenn uns die Bundesgesundheitsministerin ihre Gesundheits-Checks und täglichen Maßnahmen offenlegen würde, mit denen sie chronische Alterskrankheiten vertreibt? Es ist nie zu spät – und nie zu früh, Selbstverantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Wir können heute recht präzise unseren Gesundheitszustand messen: biologisches Alter mittels epigenetischen Markern, per Blutwerten, Wearables und klassischer Vorsorge. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten, sich selbst bis ins hohe Alter gesund und fit zu halten.“
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„Alles wird gut. Aber nicht von allein!“
Was würden Sie mir antworten, wenn ich sage: Das klingt alles so sinnvoll – aber ich habe keine Nerven und keine Energie, mich mit der Auswertung von Wearables zu beschäftigen und meinen Alltag dann auf Basis dieser Erkenntnisse zu optimieren?
„Dann sage ich: Es liegt in deiner Hand. Aber jeder kleine Schritt zählt. Und jeder kann heute anfangen. Alles wird gut. Aber nicht von allein!“