28. Juli 2025, 13:01 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Kann unsere Ernährung dabei helfen, im Alter geistig fit zu bleiben? Eine große US-Studie hat einen interessanten Zusammenhang entdeckt: Ältere Menschen, die mehr von dem natürlichen Stoff Spermidin zu sich nehmen – enthalten z. B. in Käse, Soja oder Vollkorn – schneiden in Gedächtnistests deutlich besser ab. Besonders profitieren Männer sowie Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen. Doch wie stark ist der Effekt – und was bedeutet das für unseren Alltag?
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Was wurde untersucht – und warum?
Die Forscher wollten herausfinden, ob eine spermidinreiche Ernährung mit besserer geistiger Leistungsfähigkeit im Alter zusammenhängt. Doch was genau verbirgt sich hinter Spermidin? Dabei handelt es sich um eine natürlich vorkommende Substanz, die in sämtlichen lebenden Zellen enthalten ist. Sie übernimmt eine zentrale Funktion bei der zellulären Reinigung, indem sie die sogenannte Autophagie aktiviert – einen biologischen Mechanismus, bei dem defekte Zellbestandteile abgebaut und recycelt werden. Auf diese Weise unterstützt Spermidin die Gesundheit der Zellen, auch im Gehirn.1 Forscher vermuten, dass es helfen könnte, Altersprozesse zu verlangsamen und das Gedächtnis zu schützen.
Mit zunehmendem Alter sinkt der Spermidinspiegel im Körper, während das Risiko für kognitive Einschränkungen steigt. Die Forscher wollten daher wissen: Hängt eine höhere Spermidinzufuhr über die Ernährung mit besserer geistiger Leistung im Alter zusammen? Um diese Frage zu beantworten, werteten sie Daten aus einer der größten US-Gesundheitsstudien aus.2
Wie lief die Studie ab?
Die Analyse basiert auf Daten der US-Studie NHANES („National Health and Nutrition Examination Survey“) aus den Jahren 2011 bis 2014 – einer regelmäßig durchgeführten, landesweit repräsentativen Gesundheitsstudie. Sie kombiniert Interviews, körperliche Untersuchungen und Ernährungstagebücher.
Die Forscher wählten 2.674 Personen ab 60 Jahren aus, die sowohl ihre Ernährung dokumentiert als auch an vier verschiedenen kognitiven Tests teilgenommen hatten:
- Sofortige Erinnerung (Immediate Recall Test): Wie viele Wörter man sich direkt nach dem Hören merken kann.
- Verzögerte Erinnerung (Delayed Recall Test): Wie viele dieser Wörter nach einigen Minuten noch erinnert werden.
- Wortflüssigkeit (Animal Fluency Test): Wie viele Tiere einem in kurzer Zeit einfallen – ein Test für Denkgeschwindigkeit und Sprachvermögen.
- Symbole-Zuordnen-Test (Digit Symbol Substitution Test): Wie schnell man Zahlen und Symbole richtig kombiniert – misst Aufmerksamkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit.
Zusätzlich berechneten die Forscher einen Gesamtwert aller Tests (den sogenannten Z-Score), um die allgemeine geistige Leistungsfähigkeit vergleichbar zu machen.
Die Spermidinzufuhr wurde auf Basis von zwei 24-Stunden-Ernährungsprotokollen und Angaben zu Nahrungsergänzungsmitteln geschätzt. Für die statistische Auswertung nutzten die Forscher logistische Regressionsanalysen – ein Verfahren, mit dem sich Zusammenhänge zwischen verschiedenen Einflussfaktoren berechnen lassen. Dabei wurden auch mögliche Störgrößen wie Alter, Bildung, Geschlecht oder chronische Erkrankungen berücksichtigt.
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Was kam dabei heraus?
Das Ergebnis war eindeutig: Teilnehmende mit der höchsten Spermidinzufuhr – also im obersten Viertel der untersuchten Gruppe – erzielten in allen vier Gedächtnis- und Konzentrationstests bessere Ergebnisse als Personen mit geringerer Aufnahme.
Um diesen Zusammenhang genauer zu beschreiben, verwendeten die Forscher den statistischen Kennwert Odds Ratio, abgekürzt OR.
Was bedeutet Odds Ratio (OR)?
Die Odds Ratio ist ein Maß dafür, wie stark ein bestimmter Einflussfaktor – in diesem Fall eine hohe Spermidinzufuhr – mit einem Ergebnis zusammenhängt, etwa einer guten oder schlechten Leistung im Test.3
- Eine OR von 1,0 bedeutet: kein Unterschied zwischen den Gruppen.
- Eine OR unter 1,0 zeigt ein geringeres Risiko für ein negatives Ergebnis.
- Je niedriger der OR-Wert, desto stärker scheint der schützende Effekt des Einflussfaktors zu sein.
Die wichtigsten Ergebnisse der Studie im Überblick:
- Beim Test zur sofortigen Erinnerung lag die Wahrscheinlichkeit für ein schlechtes Abschneiden bei Menschen mit hoher Spermidinzufuhr um 28 Prozent niedriger (OR = 0,72).
- Beim Test zur verzögerten Erinnerung ebenfalls um 28 Prozent niedriger (OR = 0,72).
- Bei der Wortflüssigkeit lag das Risiko um 41 Prozent niedriger (OR = 0,59).
- Beim Test zur Verarbeitungsgeschwindigkeit war das Risiko sogar um 50 Prozent niedriger (OR = 0,50).
- Beim Gesamtergebnis über alle Tests hinweg lag die Wahrscheinlichkeit für eine eingeschränkte kognitive Leistung um 52 Prozent niedriger (OR = 0,48).
Insgesamt zeigte sich: Menschen, die über ihre Ernährung besonders viel Spermidin aufnahmen, hatten deutlich seltener schlechte Ergebnisse bei den kognitiven Tests.
Besonders stark war der Zusammenhang in bestimmten Untergruppen:
- bei Männern
- bei nicht-hispanischen Weißen
- bei Personen mit einem Body-Mass-Index (BMI) zwischen 25 und 30 (also leicht übergewichtig)
- sowie bei Menschen mit Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen wie erhöhtem Cholesterin
Was bedeutet das für den Alltag?
Die Studie liefert deutliche Hinweise darauf, dass eine höhere Spermidinzufuhr mit besserer geistiger Leistung im Alter verbunden sein kann – besonders bei Menschen mit erhöhtem Risiko wie Männern mit Übergewicht oder chronischen Erkrankungen. Spermidin findet sich in vielen Lebensmitteln – dazu zählen fermentierte Speisen wie Sauerkraut oder Natto (fermentierte Sojabohnen), Vollkorngetreide, Hülsenfrüchte, grüne Erbsen, Pilze, Sojaprodukte und gereifter Käse.4
Aber Vorsicht bei der Interpretation
Trotz der deutlichen Ergebnisse betonen die Forscher: Die Studie zeigt einen Zusammenhang, aber keinen Beweis für eine Ursache-Wirkung-Beziehung. Es kann auch sein, dass Menschen mit besserer geistiger Leistung insgesamt gesünder leben und dadurch automatisch mehr Spermidin aufnehmen – und nicht, dass Spermidin direkt ihre geistige Leistung verbessert.
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Wie zuverlässig sind die Ergebnisse?
Die Studie wurde auf Basis einer großen, repräsentativen Stichprobe durchgeführt. Die verwendeten Tests sind wissenschaftlich anerkannt, und viele potenzielle Störfaktoren wurden berücksichtigt.
Trotzdem gibt es Einschränkungen, auf die auch die Forscher hinweisen:
- Die Ernährung wurde nur an zwei Tagen erfasst – das kann die tatsächliche, langfristige Zufuhr nur begrenzt abbilden.
- Es handelt sich um eine Querschnittsstudie – also eine Momentaufnahme. Ob sich kognitive Leistung langfristig verändert, wurde nicht untersucht.
- Auch andere Inhaltsstoffe in spermidinreichen Lebensmitteln könnten eine Rolle gespielt haben.
Die Forscher fordern deshalb weitere, vor allem langfristige Studien, um die Wirkung von Spermidin besser zu verstehen – idealerweise in Form kontrollierter klinischer Studien.
Fazit
Die Studie zeigt einen klaren statistischen Zusammenhang zwischen hoher Spermidinzufuhr und besserer geistiger Leistungsfähigkeit bei älteren Menschen. Besonders profitieren könnten Männer, nicht-hispanische Weiße sowie Personen mit leichtem Übergewicht oder chronischen Erkrankungen wie Bluthochdruck.
Auch wenn die Studie keine Kausalität beweist, liefert sie wichtige Hinweise, dass spermidinreiche Lebensmittel in Zukunft Teil von Ernährungsempfehlungen für gesundes Altern sein könnten.