4. Mai 2026, 14:00 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Immer mehr Menschen unter 50 Jahren sehen sich mit einer Krebsdiagnose konfrontiert. Klassische Risikofaktoren wie Rauchen oder Alkohol können den Anstieg nicht allein erklären. Britische Forscher haben nun einen wichtigen Treiber identifiziert – der das Rätsel aber noch nicht ganz löst.
Adipositas und Krebs – neue Hinweise bei Jüngeren
Die Zahl der Krebsdiagnosen bei jüngeren Erwachsenen steigt in vielen Ländern. Vor allem die Darmkrebsraten U50-Jähriger bereiten Sorgen. Viele klassische Risikofaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum, Bewegungsmangel oder auch der Verzehr von rotem Fleisch fallen als alleinige Erklärungen aus, weil sie in den letzten Jahren eher zurückgegangen oder stabil geblieben sind. Was ist es also, das den Krebs-Trend bei den Jungen antreibt? Forscher aus England haben nun Übergewicht als stärksten einzelnen, messbaren Faktor ausgemacht. Anders als Rauchen und Co. ist dieser Trend nicht rückläufig, sondern nimmt stetig Fahrt auf. Gleichwohl beweist das nicht endgültig, dass Übergewicht Krebs bei Jüngeren auslöst. Laut den Forschern wahrscheinlicher: ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren.
So gingen die Forscher vor
Die Epidemiologin Prof. Montserrat Garcia-Closas vom Institute of Cancer Research in London und ihr Team analysierten die steigenden Krebsraten bei jüngeren Erwachsenen in England im Zeitraum von 2001 bis 2019.1 Dazu werteten sie für den Zeitraum 2001 bis 2019 Krebsarten aus den nationalen Krebsregistern Englands aus. 22 bei Frauen und 21 bei Männern. Um zeitliche Trends zu vergleichen, unterschieden die Forschenden gezielt zwischen jüngeren Erwachsenen (20 bis 49 Jahre) und älteren Erwachsenen (ab 50 Jahren).
Dann analysierten sie durch Umfragen die zeitlichen Trends von sieben etablierten Verhaltensfaktoren: Rauchen, Alkoholkonsum, Ernährung (rotes/verarbeitetes Fleisch, Ballaststoffmangel), Body-Mass-Index (BMI) und körperliche Inaktivität. Sie berechneten, wie groß der Anteil derjenigen Krebsfälle ist, die in einer Bevölkerungsgruppe auf eine spezifische Ursache zurückzuführen ist. Dann schauten sie, wie hoch der Anteil der Krebsfälle war, die sich durch BMI erklären ließen – und wie hoch der Anteil der Krebsfälle war, die andere Ursachen haben müssen.
Sie suchten auch wissenschaftliche Belege dafür, ob hochverarbeitete Lebensmittel, zuckerhaltige Getränke, Umweltverschmutzung oder Veränderungen des Schlafmusters mit einer Krebserkrankung bei jüngeren Menschen zusammenhingen.
Ergebnisse: 11 Krebsarten bei jungen Erwachsenen häufiger
Zuerst die gute Nachricht: Viele klassische Risikofaktoren in der Bevölkerung haben sich eigentlich verbessert. Seit den 1990er Jahren rauchen junge Erwachsene in England weniger, trinken auch weniger Alkohol und essen weniger rotes und verarbeitetes Fleisch.
Nun zu den schlechten Erkenntnissen: Unter den Krebsarten, bei denen man davon ausgeht, dass sie durch den Lebensstil beeinflusst werden, traten diese elf von 2001 bis 2019 bei jungen Erwachsenen häufiger auftreten als in der Vergangenheit:
- Darmkrebs
- Brustkrebs
- Bauchspeicheldrüsenkrebs
- Nierenkrebs
- Schilddrüsenkrebs
- Multiples Myelom (Form von Knochenmarkkrebs)
- Leberkrebs
- Gallenblasenkrebs
- Gebärmutterkörperkrebs
- Mundhöhlenkrebs und
- Eierstockkrebs.
Darmkrebs und Eierstockkrebs sind die einzigen Krebsarten, die nur bei Jüngeren zunahmen, während sie bei Älteren stabil bleiben oder sinken.
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Bei 5 Krebsarten steigen die Zahlen bei jungen Frauen schneller an als bei älteren
Bei Gebärmutterkörper-, Nieren-, Bauchspeicheldrüsen-, Schilddrüsenkrebs und multiples Myelom steigen die Zahlen bei jungen Frauen schneller an als bei älteren Frauen.
Im Vergleich dazu steigen viele Krebsraten bei jungen Erwachsenen in einem ähnlichen oder sogar steileren Tempo an.
Adipositas – stärkster Anstieg bei jungen Frauen
Gleichzeitig hat die Adipositas seit 1995 stetig zugenommen. Den stärksten Anstieg verzeichneten junge Frauen.
BMI kann Anstieg an Krebsfällen nicht allein erklären kann
Die Studie zeigt, dass Übergewicht für einen beträchtlichen Teil der Krebsfälle verantwortlich ist. Rein rechnerisch sind, je nach Krebsart, fünf bis 37 Prozent der Fälle direkt auf das Übergewicht zurückzuführen.
Allein erklären kann das den Anstieg an Krebsfällen bei jüngeren Menschen jedoch nicht. Denn selbst, wenn die Forscher den Einfluss von Übergewicht herausrechneten, stiegen die Krebsraten bei jungen Menschen immer noch an.
Die Forscher vermuten, dass bisher unterschätzte Faktoren – oder ganz neue – eine Rolle spielen könnten. Dazu zählen etwa:
- hochverarbeitete Lebensmittel (Ultra-processed foods, UPFs),
- Veränderungen der Darmflora (Mikrobiom),
- Umweltfaktoren wie Luftverschmutzung oder chemische Stoffe
- sowie veränderte Schlafmuster
- oder frühe Einflüsse in der Kindheit (z. B. Antibiotika-Einsatz).
Wie könnte der Anstieg zu erklären sein?
Jüngere Generationen wachsen unter anderen Bedingungen auf als frühere – etwa mit anderer Ernährung, Umweltbelastung oder Medikamentennutzung. Das könnte erklären, warum manche Krebsarten speziell bei Jüngeren zunehmen, aber nicht bei Älteren.
Mehr Untersuchungen und bessere Technik führen dazu, dass Krebs häufiger entdeckt wird. Das erklärt den Anstieg wahrscheinlich teilweise, aber nicht vollständig.
Die Forscher blicken nun vor allem auf unser Mikrobiom
Der derzeit plausibelste „Kern“ ist eine Kombination aus zunehmendem Übergewicht und weiteren, bislang noch nicht vollständig verstandenen Faktoren. Laut Forschern ist der spannendste Forschungsansatz für die Zukunft, die Veränderung der Darmflora, also der Bakterien im Darm, durch moderne Einflüsse.
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Einschränkungen der Studie
Die Forscher nennen selbst eine Reihe von Einschränkungen, die bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden müssen.
- Die Studie erklärt keine eindeutigen Ursachen für Krebs bei jüngeren Menschen (keine Kausalität)
- Für einige Risikofaktoren fehlten konsistente, langfristige nationale Daten. Beispielsweise lagen Daten zur körperlichen Inaktivität nur für fünf Zeitpunkte zwischen 2003 und 2012 vor, was die Analyse langfristiger Trends über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg erschwerte.
- Die Analyse konzentrierte sich ausschließlich auf England.
- Krebs entsteht meist nicht über Nacht. Es dauert oft Jahre oder Jahrzehnte von dem Moment an, in dem man mit einer schädlichen Substanz (z. B. Asbest, Rauchen) in Kontakt kommt, bis der Tumor tatsächlich wächst und Krebs diagnostiziert wird. Die Forscher haben hier jedoch nur Krebsfälle gezählt, die zehn Jahre nach dem festgestellten Risikofaktor diagnostiziert wurden. Auch das kann die Ergebnisse verändert haben.
- Die Informationen zu den Risikofaktoren stammen aus Umfragen. Möglich, dass die Menschen bei ihren Angaben zum Alkoholkonsum untertrieben haben oder übertrieben haben bei der Bewegung.
- Die Forscher nutzten den BMI als Maß für die Adiposität. Sie räumen ein, dass präzisere Messungen, wie die Bestimmung der organ-spezifischen Fettverteilung, die Risikoabschätzung hätten verbessern können.
- Veränderungen in der Praxis der Krebsfrüherkennung oder fortschrittlicher Bildgebungstechnologien könnten die beobachteten Trends ebenfalls beeinflusst haben. Faktoren wie Überdiagnosen wurden in dieser Analyse nicht gesondert herausgerechnet.
Krebs bei Jüngeren – moderne Einflüsse müssen untersucht werden
Die Studie zeigt, welche Krebsarten bei jüngeren Erwachsenen häufiger werden. Sie analysiert, wie sich bekannte Risikofaktoren im gleichen Zeitraum verändert haben. Und sie prüft, ob diese Trends zusammenpassen.
Die Studie liefert starke Indizien und zeigt auf, welche Theorien unwahrscheinlich sind (wie der alleinige Einfluss von Rauchen oder Fleischkonsum), aber sie kann nicht endgültig beweisen, was genau den Krebs bei Jüngeren auslöst. Dafür sind laut den Autoren weitere, gezieltere Studien mit präziseren Messungen erforderlich.
Während Übergewicht ein großes Problem bleibt, müssen wir dringend untersuchen, welche anderen modernen Einflüsse dazu führen, dass immer mehr junge Menschen an Krebs erkranken. Klassische Vorsorge und die Bekämpfung von Fettleibigkeit allein reichen vermutlich nicht aus, um diesen Trend zu stoppen.