17. November 2025, 13:13 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Immer mehr junge Erwachsene erkranken an Darmkrebs – eine alarmierende Entwicklung, deren Ursachen bislang unklar waren. Einer der entscheidenden Risikofaktoren: ein hoher Verzehr ultraverarbeiteter Lebensmittel (UPF). Eine neue US-Studie zeigt, dass eine hohe UPF-Aufnahme mit deutlich höherem Risiko für Adenome im Darm assoziiert ist. Werden sie nicht entfernt, können sie sich im Verlauf der Jahre zu bösartigen Geschwulsten entwickeln.
Hoher UPF-Konsum erhöht Risiko für häufigste Darmkrebsvorstufe um 45 Prozent
Wer zu den Top-20-Prozent UPF-Essern (Ultra-Processed Foods, also hochverarbeitete Lebensmittel) gehört, hat ein um 45 Prozent höheres Risiko, vor dem 50. Geburtstag die klassische Darmkrebsvorstufe diagnostiziert zu bekommen. Das ist das Ergebnis einer in JAMA erschienenen Arbeit, die spezifisch Frauen unter 50 auf konventionelle Adenome untersucht hat. Konventionelle Adenome sind die häufigste Art von Dickdarmpolypen und zunächst gutartige Wucherungen im Darm. Über viele Jahre können sie sich zu bösartigen Tumoren entwickeln.1
Darmspiegelung vor dem 50. Lebensjahr plus Ernährungsfragebögen über 24 Jahre
Die Untersuchungsergebnisse basieren auf Daten der Nurses’ Health Study II – einer großen, laufenden US-amerikanischen Langzeitstudie mit weiblichen Pflegefachkräften, die seit 1989 läuft. Die aktuelle Auswertung berücksichtigt 29.105 Teilnehmerinnen.2 Alle hatten zwischen 1991 und 2015 regelmäßig an der Studie teilgenommen und vor dem 50. Lebensjahr mindestens eine Darmspiegelung durchführen lassen.
Alle vier Jahre gaben die Teilnehmerinnen Auskunft über ihren Konsum ultraverarbeiteter Lebensmittel. Die Lebensmittel wurden nach dem Nova-Klassifikationssystem eingeordnet. Der tägliche UPF-Konsum wurde in fünf Gruppen unterteilt, basierend auf der täglichen Portionszahl pro 1000 Kilokalorien. Die Forscher zählten nicht die absoluten Portionsmengen der Probanden über einen Tag verteilt, sondern jede Portion relativ zur individuell aufgenommenen Energie. Erst dieser Schritt macht die UPF-Anteile mehrerer Personen vergleichbar.
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Hochverarbeitete Lebensmittel pro Tag: Frauen griffen im Schnitt mehr als zehnmal zu
Im Durchschnitt aßen die Frauen rund zwölf Portionen stark verarbeitetes Essen täglich (z. B. Softdrinks, Chips, Fertiggerichte, Süßes, Wurstwaren). Insgesamt trugen UPFs bei den Studienteilnehmerinnen durchschnittlich 34,8 Prozent zur täglichen Kalorienzufuhr bei – also etwas mehr als ein Drittel. Der Anteil ist auch für Deutschland realistisch, ernährungswissenschaftliche Schätzungen gehen hier von einem UPF-Anteil im Durchschnitt von sogar 39 Prozent aus.3
Drei UPF-Portionen pro 1000 kcal war der niedrigste Bereich, zehn Portionen hochverarbeiteter Produkte der höchste. Im Schnitt konsumierten die Teilnehmerinnen sechs Portionen UPF (5,7). Das klingt erst einmal wenig – jedoch muss man bedenken, dass nicht absolute Mengen pro Tag gemeint sind, sondern Portionen pro 1000 kcal. Bei einer oft genannten Referenzmenge von 2000 kcal entspricht das vier Portionen im niedrigsten Bereich und 20 Portionen im höchsten UPF-Bereich. Den Durchschnitt müsste man entsprechend bei rund zwölf UPF-Portionen ansetzen bei einer Tagesaufnahme von 2000 kcal. Die 2000 kcal pro Tag sind fiktiv und als einfaches Rechenbeispiel zu verstehen. Geschlecht, Aktivitätslevel und Alter sorgen dafür, dass der durchschnittliche Kalorienbedarf deutlich darüber oder auch darunter liegt.
Ergebnis sehr eindeutig
Teilnehmerinnen, die zu den Top-UPF-Essern zählten (zehn Portionen hochverarbeitete Lebensmittel pro 1000 kcal, bei 2000 kcal Tages-Energieaufnahme entspräche das 20 Portionen), hatten gegenüber der Vergleichsgruppe eine um 45 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit für Adenome im Dickdarm. Andere Einflüsse, die auch zur Entwicklung von Adenomen beitragen können (Alter, Bewegung, Rauchen, Alkoholkonsum, Adipositas, Typ-2-Diabetes …) wurden als Risikofaktoren berücksichtigt.
Wie hoch das Risiko für Adenome im Dickdarm der Mittelwert-Gruppe (sechs Portionen pro 1000 kcal) und das der niedrigsten UPF-Gruppe war, gibt die Studie nicht öffentlich an. Was man aus den genannten Zahlen aber deutlich herauslesen kann: Je mehr Fertigprodukte, Süßgetränke und Snacks, desto höher das Risiko für frühe Darmveränderungen, die sich zu Darmkrebs entwickeln können – schon vor dem 50. Geburtstag. Die Autoren betonen, dass das Ergebnis statistisch sehr eindeutig ist – die Chance, dass es sich um reinen Zufall handelt, liegt unter 0,1 Prozent.
Adenome meist zufällig entdeckt bei Darmspiegelung
Ihren Ursprung haben Adenome im Drüsengewebe der Darmschleimhaut. Adenome wachsen langsam, nur etwa einen Millimeter im Jahr. Es dauert deshalb in der Regel mehrere Jahre, bis sich aus einem Adenom eine bösartige Geschwulst entwickeln kann. Darmpolypen werden meistens zufällig entdeckt, wenn der Arzt eine Darmspiegelung vornimmt. In der Regel entfernt der Arzt sie dann auch gleich.
Konventionelle Adenome sind nicht die einzigen Krebsvorläufer im Darm: Sogenannte serratierte Läsionen werden über einen anderen Weg zu Darmkrebs. Das Risiko für diese Gruppe von Dickdarmpolypen scheint sich jedoch durch UPF-Konsum nicht zu erhöhen. Hier war offenbar kein verlässlicher Zusammenhang zu entdecken, egal, wie viel UPF jemand gegessen hat.
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Warum können hochverarbeitete Lebensmittel zu Adenomen – und damit zu Darmkrebs – führen?
Mit Darmkrebs sind auf Basis wissenschaftlicher Untersuchungen am eindeutigsten verarbeitete Fleischwaren und rotes Fleisch verknüpft. Die WHO etwa stuft beides seit zehn Jahren als „krebserregend für den Menschen“ ein.4 Studien zeigen etwa: Wer jeden Tag 50 Gramm verarbeitetes Fleisch isst, hat ein um 26 Prozent höheres Darmkrebsrisiko. Das Problem in Schinken, Wurst, Hotdogs oder Speck ist das für Haltbarkeit und Geschmack verarbeitete Nitrit: Im Darm kann es mit Eiweißresten aus dem Fleisch reagieren und dabei krebserregende Stoffe entwickeln, die die Zellen der Darmschleimhaut direkt schädigen.5
Ultraverarbeitete Lebensmittel sind aber natürlich viel mehr als Wurst oder Schinken. Sie umfassen eine breite Palette industriell hergestellter Produkte, die meist viele Zutaten enthalten (Emulgatoren, Farbstoffe, Süßstoffe, Aromastoffe, Stabilisatoren), wenig unverarbeitete Grundzutaten beinhalten und darauf ausgelegt sind, lange haltbar, günstig und schmackhaft zu sein.
Neuere Erkenntnisse aus Mäusestudien deuten darauf hin, dass zwei häufig in UPFs enthaltene Emulgatoren – Carboxymethylcellulose und Polysorbat-80 – das Mikrobiom so verändern können, dass sie (über den Umweg) von Entzündungen am Ende die Tumorentwicklung im Darm von Mäusen fördern und beschleunigen. Auch Konservierungsstoffe, Farbstoffe und Aromen tauchen in der Mäusestudie in diesem Zusammenhang auf.6
Carboxymethylcellulose (E 466) wird als Verdickungs-, Stabilisierungs- und Geliermittel in vielen UPFs eingesetzt, darunter Soßen, Desserts, Eiscreme und Backwaren. Polysorbat-80 wird in Kaugummi, Eiscreme und Dressings verwendet. Beide Emulgatoren sind – auch wenn sie wie andere Zusatzstoffe strengen Vorschriften unterliegen – in der EU für die Verwendung in Lebensmitteln zugelassen.7
Produkte, die industriell hergestellt werden und oftmals viel Salz und Zucker, gesättigte Fette sowie Zusatzstoffe enthalten, begünstigen nicht nur Darmpolypen, sondern auch Übergewicht, Diabetes und Fettleber – Studien zeigen auch unerwünschte Auswirkungen auf die Muskeln.
Risiko für frühe Darmveränderungen senken – Do’s
Die Ergebnisse der beschriebenen Studie sprechen dafür, dass die zunehmende Verbreitung von UPFs in der Ernährung ein eigenständiger Risikofaktor für frühe Tumorprozesse im Darm sein könnte. Das betrifft vor allem konventionelle Adenome, die als direkte Vorläufer vieler Darmkrebsarten gelten. Da man Darmkrebs oft erst im fortgeschrittenen Stadium entdeckt, ist Prävention der wichtigste Schlüssel. Im Kontext Essen und UPFs meint das: Eine Reduktion von Fertiggerichten, verarbeitetem Fleisch, Softdrinks und Snacks hilft, das Risiko für frühe Darmveränderungen zu senken.
Auch wenn sich Darmkrebs mit der richtigen Vorsorge in fast allen Fällen vermeiden lässt: Noch besser ist es, mit einem gesunden Lebenswandel darauf hinzuarbeiten, dass sich keine Darmkrebsvorstufe entwickelt. Die nachweislich wirksamen Do’s:
- ballaststoffreiches Essen (Vollkorn, Hülsenfrüchte, Gemüse/Obst)8
- Übergewicht senken
- regelmäßige Bewegung
- und begrenzter Alkoholkonsum.