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Deutscher Star im Interview

Olympia-Mitfavorit Martin Nörl: »Im Snowboardcross ist immer alles möglich

Martin Nörl in Snowboardcross-Aktion
Mann gegen Mann: Der Deutsche Martin Nörl (blaues Leibchen, gelbe Hose) konnte vor Olympia drei Snowboardcross-Weltcups in Folge gewinnenFoto: picture alliance

Der Deutsche Martin Nörl feierte zuletzt drei Weltcup-Siege in Folge und zählt zu den Top-Favoriten im Snowboardcross bei Olympia. Im Interview mit FITBOOK spricht er über Stärken und Schwächen, sein Training und seine Ernährung. Außerdem verrät er, wie er sich mental auf die harten Kämpfe Mann gegen Mann auf dem Parcours vorbereitet.

Mit Geschwindigkeiten von bis zu 80 km/h rauschen vier Athleten gleichzeitig durch einen Parcours aus Wellen, Sprüngen, Steilwandkurven und anderen Hindernissen. Körperkontakt ist erlaubt und oft nicht zu vermeiden, allerdings keine unfairen Manöver wie Schubsen, Schlagen oder Festhalten. Eine Sportart, die immer mehr Menschen fasziniert. Seit 2006 in Turin ist die Disziplin Snowboardcross olympisch. Eine deutsche Medaille gab es noch nicht, doch die Zeichen stehen gut, dass es in Peking 2022 endlich klappt. Der gebürtige Landshuter Martin Nörl (28) hat sich als Top-Favorit auf Edelmetall im Snowboardcross in Stellung gebracht, nachdem er die letzten drei Weltcups vor den Olympischen Spielen gewonnen hat und auch den Gesamt-Weltcup anführt.

Am Donnerstag, 10. Februar, frühmorgens deutscher Zeit, steht Martin Nörls Rennen an, und am Samstag, 12. Februar, das neue Team-Event. Im Interview mit FITBOOK hat der Olympia-Athlet verraten, warum im Snowboardcross einfach alles passieren kann, wie er trainiert, sich mental auf einen Wettkampf vorbereitet und worauf er bei der Ernährung achtet.

FITBOOK: Martin Nörl, Sie sind in Top-Form und starten für Deutschland in Peking im Snowboardcross sowie im Teamevent, das erstmals olympisch ist. Wie groß war die Vorfreude auf diese Spiele unter Corona-Bedingungen?
Martin Nörl: „Ich freue mich natürlich, weil ich als Sportler Bock auf Olympia und das Rennen dort habe. Aber die Umstände sind natürlich nicht optimal. Zu den Spielen gehört für mich so viel mehr als der eigene sportliche Wettkampf. Das Zusammentreffen der unterschiedlichen Nationen und Sportarten, die Erlebnisse im Olympischen Dorf – das hat mir vor vier Jahren schon sehr viel Spaß gemacht. Beim Eishockey habe ich zum Beispiel unser Team bis ins Halbfinale angefeuert. Dieses Mal wird wohl kaum etwas möglich sein. Das ist schade.“

Wie sehr sind Sie durch die Corona-Maßnahmen generell eingeschränkt in Ihrem Sport?
„Einschränkungen gibt es natürlich, aber wir haben eben eine Pandemie. Und wir Sportler sind da noch sehr privilegiert unterwegs. Natürlich ist das unser Job, aber der macht Spaß und wir können ihn weitestgehend ausüben. Andere können das nicht. Auch deshalb tue ich, was ich kann, um mich und andere zu schützen.“

Sie sind geimpft?
„Ja, ich bin geimpft. Als Sportsoldat und damit Mitglied der Bundeswehr wäre ich ohnehin dazu verpflichtet. Generell bin ich aber der Meinung, dass das Privatsache ist, die jedem zugestanden werden muss, wenn man sich an die aus der Entscheidung resultierenden Einschränkungen hält.“

Kommen wir zu einem andern Thema: Haben Sie ein Lieblingsteil aus der Olympia-Einkleidung?
„Wir haben einen richtig dicken Mantel für Eröffnungs- und Schlussfeier bekommen. Der ist schon cool – und den kann man bei den Temperaturen gut brauchen!“

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»Auf diese Nahrungsergänzungsmittel setze ich

Was gehört immer zu Ihrem Reisegepäck?
„Beim Wettkampf habe ich meistens fünf bis sechs Bretter dabei. Auf den Berg nehme ich dann natürlich nicht alle mit. Ansonsten sind im Gepäck Snowboardboard-Boots, Protektoren, Helm, am Berg immer drei Brillen mit unterschiedlichen Gläsern für unterschiedliche Sicht, die engen Rennklamotten, normale Snowboard-Klamotten – also eine warme Jacke und Hose. Fürs Ausgleichs-Training im Hotel habe ich meine TRX-Schlingen dabei und auch ein Theraband. Und Nahrungsergänzungsmittel.“

Welche genau?
„Ganz klassisch: Eiweiß, BCAAs, Maltodextrin und Kreatin. Die BCAAs nehme ich noch während des Trainings bzw. zwischen den einzelnen Runs (Bezeichnung für einen Durchgang; A.d.R.), damit ich schneller regeneriere und wieder Power für den nächsten Heat (Bezeichnung für die Wettkampfläufe zu viert; A.d.R.) habe.“

Wie viele Runs bzw. Heats müssen Sie pro Tag machen?
„Beim Wettkampf sind es bis ins Finale vier Läufe: Achtelfinale, Viertelfinale, Halbfinale und großes Finale. Und das ist immer das Ziel. Wenn dann noch die Qualifikation am selben Tag stattfindet und ein Trainingslauf, sind es schon sechs Runs, bei denen man immer auf Angriff fahren muss. An Trainingstagen sind es ähnlich viele.“

Und wann nehmen Sie die anderen Nahrungsergänzungsmittel?
„Das normale Protein und Malto nehme ich nach dem Training oder Wettkampf noch direkt am Hang, um meine Speicher wieder aufzufüllen, bevor im Körper evtl. ein Defizit entsteht. Oft dauert es einfach zu lange, bis man nach Training oder Wettkampf wieder irgendwo ist, wo es etwas Richtiges zu essen gibt. Da vergehen gerne mal zwei Stunden: vom Berg runter, die ganze Ausrüstung im Bus verstauen, zum Wachs-Container fahren, alles wieder ausladen, die Bindungen von den Boards schrauben (sonst können sie nicht gewachst werden), wieder in den Bus und zum Hotel fahren. Da ist so ein Shake mit den wichtigsten Nährstoffen ganz gut zum Überbrücken.“

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»Ich esse gerne Reis – damit kommt man in China schonmal weit

Und wie war das mit dem chinesischen Essen beim Testwettkampf am Olympia-Ort im November 2021? Gab es da Probleme oder auch klassische „westliche Küche“?
„Das ist immer eine Frage, wie offen man da ist. Ich bin relativ gut klargekommen, ich habe mir aber auch wahnsinnig viel mitgenommen, vor allem Haferflocken. Aber ich esse eh gerne Reis und damit kommt man in China schonmal recht weit (lacht). Da aber schon damals nur wir Sportler im Hotel im Genting Skiresort waren, haben die vermutlich schon drauf geachtet „chinesisch-europäisch“ zu kochen – und nicht irgendwas ganz Wildes. Ich fand es überraschend gut.“

Wie geht’s bei Ihnen nach dem späten Mittagessen weiter? Schauen Sie Serien oder zocken Sie an der Spielekonsole zur Entspannung?
„Wenn, dann zocke ich hin und wieder ein paar Spielchen am Handy, aber viel Zeit bleibt eigentlich nicht. Es ist immer was zu tun. Zum Beispiel Meetings mit den Trainern zur Videoanalyse. Und ich gehe relativ früh ins Bett, so zwischen neun und halb zehn.“

Haben Sie einen festen Zimmerpartner?
„In der Vorbereitung war ich eigentlich immer mit Fillip Freudenberg im Zimmer. Aber er war kaum im Weltcup dabei und startet auch nicht bei Olympia. Es wechselt also und manchmal habe ich auch ein Einzelzimmer. Interessanterweise sind die Kollegen aber oft ganz froh, wenn sie mit mir im Zimmer sind und ich relativ zeitig sage: Lass uns das Licht ausmachen! Früh schlafen ist doch eigentlich cool! (lacht).

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»Was ich immer frühstücke

Und wie früh müssen Sie aufstehen?
„Das ist wirklich völlig unterschiedlich bei uns, weil die Startzeiten variieren. Trainings finden meistens schon sehr früh am Vormittag statt und sind bis Mittag beendet. Wettkämpfe starten manchmal um 10 Uhr, bei Nachtevents erst um 16 Uhr. Wenn es spät losgeht, versuche ich, länger zu schlafen. Sonst bin ich schon eher ein Frühaufsteher. Generell würde ich sagen, dass mein Wecker ca. 2,5 Stunden, bevor wir vom Hotel losfahren, klingelt.“

Was steht dann bei Ihnen auf dem Frühstückstisch?
„Ich nehme mir immer Haferflocken mit, schneide Obst rein und esse das mit Milch. Und Kaffee – am besten nicht nur einer!“

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Snowboarder Martin Nörl, Porträt

Snowboarder Martin Nörl bei der Olympia-EinkleidungFoto: picture alliance

Steckbrief
Geboren: 12.08.1993 in Landshut
Gewicht/Größe: 90 kg/180 cm
Verein: DJK-SV Adlkofen
Beruf: Sportsoldat
Beste Resultate: 3 Weltcup-Siege in der Saison 2021/22 (mehr dazu hier)

»Manchmal bin ich nicht nervös genug – mein Aufwärmprogramm hilft mir dann

Wie bereiten Sie sich mental auf den Wettkampf vor?
„Ich absolviere immer das gleiche Aufwärmprogramm, zuerst unten am Hang, im Restaurant oder Aufwärmraum. Und dann noch mal direkt im Startbereich. Ich mache dann bestimmte Übungen in einer bestimmten Reihenfolge. Das hilft mir auch mental, in die richtige Stimmung zu kommen. Ich hab manchmal das Problem, dass ich nicht nervös genug bin, aber ein bisschen Nervosität brauche ich, um meine Leistung abzurufen. Das Aufwärmen hilft mir, diesen Status zu erreichen. Umgekehrt holt es mich aber auch herunter, wenn ich mal zu nervös sein sollte.“

Welche Übungen machen Sie genau?
„Unten am Hang erstmal verschiedene Mobilisations- und Dehnübungen. Oben am Start dann ein paar Ausfallschritte und Kniebeugen mit dem Theraband. Je näher es dann Richtung Start geht, umso explosiver wird’s, also zum Beispiel Sprünge und Skippings. Das macht den Körper wach und bereit.“

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»Meine Stärken und Schwächen

Durch Ihre jüngsten Erfolge im Weltcup, 3 Siege in Folge, sind Sie einer der Favoriten auf Gold in Peking. Was sind deine Stärken?
„Ich glaube, ich kann während der Heats ganz gut antizipieren und somit schnell agieren und reagieren auf Aktionen meiner Konkurrenten. Außerdem bin ich ein guter Gleiter, weil ich eine recht aerodynamische Position auf dem Brett habe. Meine Carving-Technik in den Kurven ist aber auch gut.“

Wenn man gut gleiten kann und auch in den Kurven stark ist, ist das ja schon sehr viel …
„Leider bin ich am Start eher schwach. Das heißt, ich bin darauf angewiesen, dass die Strecke Möglichkeiten zum Überholen bietet. Eine lange Gerade, auf der ich mich im Windschatten ansaugen und überholen kann. Oder Kurven, die man auf unterschiedlichen Linien fahren kann, um dort zu passieren.“

FITBOOK Workouts

»Ich trainiere mit einem eigenen Athletiktrainer

Wie sieht Ihr Fitnesstraining im Sommer aus?
„Da ich seit Jahren mit Rückenproblemen zu tun habe, ist es ein sehr individuelles Training, dass ich absolviere. Im Kraftraum stehen natürlich die Klassiker wie Kniebeugen oder Kreuzheben auf dem Programm. Aber die Gewichtung hat sich mehr Richtung Oberkörper und Rumpf-Stabilisation verschoben.“

Woher kommen die Rückenprobleme – eine Verletzung?
„Nein, der Ursprung ist vermutlich die verdrehte Haltung auf dem Snowboard. Man steht ja immer in die gleiche Richtung – in meinem Fall „regular“, also mit dem linken Bein vorne. Durch das Aufdrehen des Oberkörpers in Fahrtrichtung ist die Wirbelsäule also immer verdreht. Und in dieser Position muss man dann Sprünge abfedern und andere intensive Belastungen meistern. Über Jahre hinweg hinterlässt das Spuren und bei vielen Profi-Snowboardern Rückenprobleme.“

Sie sagen, Sie absolvieren ein sehr individuelles Training. Trainieren Sie nicht mit dem Team?
„Das Konditionstraining in der Vorbereitung habe ich ausschließlich mit meinem eigenen Athletiktrainer, Benjamin Hövel, absolviert. Natürlich in Abstimmung mit dem Snowboardverband. Es wäre nicht zielführend, mit der Gruppe zu trainieren und dann jede Übung anzupassen, weil es wieder irgendwo zwickt im Rücken. Deshalb sind wir diesen Weg gegangen. Wir mussten das Training über den Sommer oft anpassen, aber wir haben das gut hingekriegt. Im Bereich Athletik ist was vorwärtsgegangen.“

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»Zum Ausgleich gehe ich gerne Kiten

Machen Sie abseits des Snowboard-spezifischen Athletiktrainings noch Sport?
„Ich gehe sehr gerne Surfen und Kite-Surfen. Das mag sich erstmal komisch anhören mit meiner Rückenproblematik. Aber tatsächlich tut besonders das Kiten meinem Rücken gut, weil man dort in beide Richtungen auf dem Brett fährt. Das sorgt für einen bestimmten Ausgleich.“

Sind Sie in der Form Ihres Lebens?
„Den Ausdruck finde ich etwas schwierig. Aber ich stehe mental gut da. Körperlich war ich bestimmt schonmal fitter, bedingt durch das Alter und die Rückenprobleme. Aber ich habe die Probleme definitiv besser im Griff als noch in den vergangenen Jahren. Und die Erfahrung, die ich in meiner Sportart gesammelt habe, spielt mir natürlich auch in die Karten.“

»Meine größten Konkurrenten im Kampf um die Olympia-Medaillen

Welches sind Ihre größten Konkurrenten, wenn es in Peking um olympische Medaillen geht?
„Da zählt definitiv Alessandro Hämmerle aus Österreich dazu. Er hat die vergangenen drei Jahre den Gesamtweltcup gewonnen und auch diese Saison auf zwei verschiedenen WC-Kursen gesiegt. Er ist für mich der Top-Favorit. Ich rechne aber auch immer mit dem Spanier Lucas Eguibar, der Weltmeister ist, und dem Kanadier Eliot Grondin, der fast jede Qualifikation gewinnt. Es gibt eine Menge Fahrer, die jederzeit aufs Podium rauschen können. Meinem Teamkollegen Paul Berg traue ich auch alles zu, er ist sehr stark aus einer Verletzung zurückgekommen.“

Neben Ihnen und Paul Berg ist mit Umito Kirchwehm noch ein dritter deutscher Starter dabei. Auch er stand diese Saison schon auf dem Podest…
„Ja, auch bei ihm sind alle Chancen da. Im Snowboardcross ist einfach immer alles möglich. Deshalb gehe ich auch selbstbewusst und positiv in das olympische Rennen – ohne den Erwartungsdruck zu hoch zu setzen. Am Ende ist es ein Rennen, das kann wahnsinnig schnell vorbei sein, ob durch eigenes Verschulden oder z. B. den Sturz eines anderen“

Sollte am Ende die erste Olympia-Medaille im Snowboardcross für Deutschland dabei herauskommen, wie wird gefeiert?
„Darüber mache ich mir wirklich keine Gedanken. Aber vermutlich würden wir auch da Vollgas geben!“

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