21. März 2026, 7:24 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Die Wechseljahre bringen viele körperliche Veränderungen mit sich. Diese können auch die Vagina betreffen. Unter anderem kann sich das Gewebe der Vaginalschleimhaut verändern. Eine mögliche Folge davon ist eine Scheidenverengung. Frauenärztin Dr. med. Heidi Gößlinghoff erklärt das kaum bekannte Phänomen der Wechseljahre bei FITBOOK genauer.
Als wären Beschwerden wie Gewichtszunahme, Hitzewallungen, Schlafstörungen oder mentale Probleme nicht schon Bürde genug, kann es in der Menopause auch zum genitourinären Syndrom (GSM) kommen. Darunter versteht man verschiedene Beschwerden im Genital- und Harnbereich, die durch den sinkenden Östrogenspiegel in den Wechseljahren entstehen. Dazu gehört auch die vaginale Atrophie, eine Gewebeveränderung der Vaginalschleimhaut durch den Östrogenmangel. Die Schleimhaut wird dünner, trockener und weniger elastisch. Eine mögliche Folge der vaginalen Atrophie: Scheidenverengung. Wenn das Gewebe an Elastizität verliert und sich zusammenzieht, kann sich die Scheide im Laufe der Zeit verengen.
Auch interessant: Je länger Frauen ohne Östrogen leben müssen, umso schlechter für Herz und Gehirn
Scheidenverengung in den Wechseljahren
„Ein medizinisches Phänomen, das im Rahmen des sogenannten genitourinären Syndroms der Menopause auftreten kann, ist die Scheidenverengung. Dabei verändert sich das Gewebe der Vaginalschleimhaut so stark, dass sich die Vaginalöffnung deutlich spürbar verkleinern kann“, so Frau Dr. med. Heidi Gößlinghoff, Frauenärztin und Mentorin für Frauen und Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. „Für viele Frauen ist dieses Thema mit Scham verbunden, obwohl es medizinisch gut erklärbar ist und zahlreiche Behandlungsmöglichkeiten existieren. Umso wichtiger ist es, die Veränderungen früh zu verstehen und aufmerksam auf erste Signale des Körpers zu achten.“
Auch interessant: Wie sich Essgewohnheiten auf die Vagina auswirken können
Wie sich das Vaginalgewebe in den Wechseljahren verändert
Während der Wechseljahre sinkt der Östrogenspiegel im Körper deutlich. Dieses Hormon spielt jedoch eine zentrale Rolle für die Gesundheit der Vaginalschleimhaut. Fehlt es, beginnen sich Struktur und Elastizität des Gewebes zu verändern. Während die Schleimhaut dünner, trockener und weniger elastisch wird, nimmt die Durchblutung ab und das Gewebe verliert an Spannkraft. Dadurch kann es passieren, dass sich die Scheidenwände nach und nach zusammenziehen.
Auf diese Symptome sollten Sie achten
Erste Warnzeichen
Die Veränderungen beginnen oft schleichend und entwickeln sich meist langsam über Monate oder Jahre. Möglicherweise bemerken Sie zunächst nur subtile Veränderungen in Ihrem Intimbereich, wie ein Gefühl von Trockenheit und Enge in der Scheide, ein Brennen oder Jucken sowie Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Auch wiederkehrende kleine Verletzungen oder Reizungen können erste Warnzeichen sein.
Ausgeprägte Symptome
„Mit zunehmender Gewebeveränderung können weitere Beschwerden hinzukommen. In schweren Fällen kann sich die Vaginalöffnung so stark verengen, dass selbst das Einführen eines Fingers oder gynäkologische Untersuchungen schwierig oder unangenehm werden“, erläutert Frau Dr. Gößlinghoff. „Die Schmerzen entstehen vor allem deshalb, weil die Schleimhaut dünner und empfindlicher wird. Gleichzeitig fehlt die natürliche Befeuchtung, wodurch das Gewebe schneller gereizt oder sogar mit kleinen Verletzungen reagiert.“
Wie entsteht eine Scheidenverengung?
Östrogenmangel
„Der Hauptauslöser ist der sinkende Östrogenspiegel während und nach den Wechseljahren. Östrogen sorgt dafür, dass die Vaginalschleimhaut gut durchblutet, elastisch und ausreichend befeuchtet ist. Sinkt der Hormonspiegel, wird die Vaginalschleimhaut dünner, trockener und weniger dehnbar (sog. vaginale Atrophie)“, erklärt Frau Dr. Gößlinghoff. „Durch die geringere Elastizität kann sich das Gewebe im Laufe der Zeit immer stärker zusammenziehen. Gleichzeitig nimmt auch die Durchblutung ab. Dadurch werden Nährstoffe und Sauerstoff schlechter transportiert, was die Gewebestruktur zusätzlich schwächt.“
Chronische Hauterkrankungen
Neben hormonellen Ursachen können auch chronische entzündliche Hauterkrankungen eine Scheidenverengung verursachen, wie Lichen sclerosus und Lichen planus. Diese Erkrankungen treten unabhängig vom Östrogenspiegel auf, können sich jedoch in den Wechseljahren deutlich verschlechtern, da die Schleimhaut empfindlicher und weniger widerstandsfähig wird. Typisch sind Juckreiz, Brennen, weißliche Hautveränderungen oder schmerzhafte Einrisse. Unbehandelt kann es zu Vernarbungen, einem Verlust der normalen Gewebestruktur und in fortgeschrittenen Fällen zu einer Verengung der Vaginalöffnung kommen.
Medizinische Ursachen
Bestimmte Therapien, wie Krebsbehandlungen oder Operationen im Beckenbereich, können die Schleimhaut zusätzlich beeinträchtigen.
Warum ist eine Scheidenverengung so tückisch?
„Das Problem an dieser Veränderung ist, dass sie oft lange unbemerkt bleibt oder zunächst als ‚normale‘ Wechseljahresbeschwerde abgetan wird“, warnt Frau Dr. Gößlinghoff. „Viele Frauen denken bei vaginaler Trockenheit lediglich an ein kurzfristiges Problem beim Geschlechtsverkehr. Tatsächlich kann bereits ein leichtes Trockenheitsgefühl ein frühes Warnsignal für strukturelle Veränderungen sein. Bleibt die Scheidenverengung unbehandelt, kann sich das Gewebe immer weiter zurückbilden und sich die Scheide immer stärker verengen.“
Kann die Vagina wirklich „zuwachsen“?
„Der Begriff ‚zuwachsen‘ klingt dramatisch und ist medizinisch etwas vereinfacht formuliert. Dennoch kann es tatsächlich passieren, dass sich die Vaginalöffnung sehr stark verengt oder die Scheidenwände teilweise miteinander verkleben. In solchen Fällen spricht man von einer Vaginalstenose oder Vaginalverklebung. Diese extreme Form tritt jedoch eher selten auf und entwickelt sich in der Regel über einen längeren Zeitraum“, so Frau Dr. Gößlinghoff.
Ist es irgendwann zu spät für eine Behandlung?
Je früher die Veränderungen erkannt werden, desto besser lassen sie sich behandeln. In frühen Stadien kann sich Ihr Gewebe häufig wieder regenerieren. Wird die Problematik jedoch sehr spät erkannt, kann es schwieriger werden, die ursprüngliche Elastizität vollständig wiederherzustellen.
So verändert sich die Vagina durch die Wechseljahre
Symptome, die auf Scheidenkrebs hindeuten können
Behandlungsmöglichkeiten
Lokale Östrogentherapie
Eine häufige und sehr effektive Behandlung sind lokale Östrogenpräparate. Diese werden als Creme, Zäpfchen oder Vaginalring direkt in der Scheide angewendet. Da das Hormon nur lokal wirkt, gelangen meist nur sehr geringe Mengen in den Blutkreislauf. Dadurch gilt diese Therapie als sehr gut verträglich.
Behandlung bei chronischen Hauterkrankungen
Liegt der Scheidenverengung eine chronische Hauterkrankung wie Lichen sclerosus oder Lichen planus zugrunde, unterscheidet sich die Behandlung grundlegend von der klassischen Therapie bei Östrogenmangel. In diesen Fällen steht die Behandlung der Entzündung im Vordergrund. Standard ist die Anwendung hochpotenter, kortisonhaltiger Salben über einen längeren Zeitraum. Ziel ist es, die Entzündungsaktivität zu kontrollieren, Beschwerden zu lindern und vor allem ein Fortschreiten mit Vernarbung zu verhindern. Eine rein hormonelle Behandlung mit Östrogen reicht in diesen Fällen nicht aus. Sie kann ergänzend sinnvoll sein, ersetzt aber nicht die notwendige entzündungshemmende Therapie. Je nach Ausprägung und Verlauf kann zusätzlich eine spezialisierte Betreuung erforderlich sein, um Verklebungen oder Verengungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
Feuchtigkeitsspendende Vaginalpflege
Neben hormonellen Therapien gibt es auch hormonfreie Vaginalgele oder Feuchtcremes. Sie können die Schleimhaut pflegen und das Trockenheitsgefühl reduzieren, bekämpfen allerdings nur die Symptome und nicht die Ursachen.
Vaginale Dehnungsübungen
In manchen Fällen können sogenannte Vaginaldilatatoren unterstützend wirken. Dabei handelt es sich um medizinische Hilfsmittel, die das Gewebe sanft dehnen und so helfen können, eine weitere Verengung zu verhindern.
Beckenbodentraining
Ein trainierter Beckenboden verbessert die Durchblutung des gesamten Beckenbereichs und kann so auch die Vaginalgesundheit unterstützen.
Sexuelle Aktivität
Regelmäßige sexuelle Aktivität, ob allein oder mit Partner, kann unterstützend wirken, denn durch die Dehnung und bessere Durchblutung wird das Gewebe stimuliert.
Auch interessant: Warum Frauen in diesem Alter von Masturbation profitieren können
Eher selten: Lasertherapie
„Bei der Lasertherapie sollen gezielte Mikroverletzungen in der Schleimhaut die Kollagenbildung und Durchblutung anregen. Fachgesellschaften sehen diese Methode jedoch zurückhaltend“, erklärt Frau Dr. Gößlinghoff. „Die NICE-Leitlinie (National Institute for Health and Care Excellence) empfiehlt, vaginale Laserbehandlungen bei Wechseljahresbeschwerden derzeit nur im Rahmen wissenschaftlicher Studien einzusetzen, da die Datenlage zu Wirksamkeit und Sicherheit noch begrenzt ist. Für einzelne Patientinnen kann sie zwar eine Option sein, gilt jedoch nicht als Standardtherapie.“
In schweren Fällen: Operation
Eine Operation kommt in der Regel nur infrage, wenn sehr ausgeprägte Vernarbungen, Verwachsungen oder eine starke Verengung der Scheide vorliegen. Erst wenn schonendere Maßnahmen nicht ausreichen, kann ein operativer Eingriff sinnvoll sein.
Können Sie einer Scheidenverengung vorbeugen?
Eine hundertprozentige Vorbeugung gibt es nicht, da die hormonellen Veränderungen der Wechseljahre ein natürlicher Prozess sind. Umso wichtiger ist es, dass Sie regelmäßige gynäkologische Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen. So können Ihre Ärztin oder Ihr Arzt Veränderungen Ihrer Vaginalschleimhaut früh erkennen und rechtzeitig eine passende Behandlungsform empfehlen.
Ist jede Frau betroffen?
Nicht jede Frau entwickelt eine ausgeprägte Scheidenverengung. Schätzungen zufolge erleben etwa 50 bis 70 Prozent der Frauen Symptome des genitourinären Syndroms der Menopause, wie Trockenheit, Reizungen oder Schmerzen beim Sex. Wie stark die Beschwerden ausfallen, hängt aber von verschiedenen Faktoren ab, wie der individuellen Hormonlage, genetischen Faktoren oder der allgemeinen Gesundheit.
Sie sind mit diesen Veränderungen nicht allein
„Gerade weil Themen wie Scheidenverengung oder vaginale Trockenheit oft noch mit Scham behaftet sind, bleiben Beschwerden manchmal länger unerwähnt, als es nötig wäre. Bedenken Sie aber: Sie sind mit diesen Veränderungen nicht allein. Viele Frauen erleben ähnliche Symptome im Laufe der Wechseljahre. Und je früher mögliche Veränderungen erkannt werden, desto besser lassen sie sich behandeln und in vielen Fällen sogar gut rückgängig machen. Scheuen Sie sich daher nicht, erste Beschwerden bei Ihrer Gynäkologin oder Ihrem Gynäkologen anzusprechen. Offene Gespräche, regelmäßige Vorsorge und passende Therapien können entscheidend dazu beitragen, die Gesundheit und das Wohlbefinden im Intimbereich langfristig zu erhalten.“