30. Juli 2025, 12:55 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Wie lange wir schlafen, ist wichtig – aber wann und wie regelmäßig wir schlafen, scheint noch entscheidender zu sein. Eine großangelegte Studie mit fast 90.000 Erwachsenen zeigt: Unregelmäßiger Schlaf steht mit zahlreichen Krankheiten in Verbindung – von Diabetes bis hin zu Depressionen. Besonders interessant: Viele Risiken wurden in früheren Studien gar nicht erkannt, weil sie sich nur auf subjektive Angaben zum Schlaf stützten. Die neuen Erkenntnisse zeigen, wie stark objektiv gemessener Schlaf unsere Gesundheit beeinflussen kann.
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Zusammenhang zwischen objektiv gemessenen Schlafmustern und der Gesundheit
Schlaf ist lebenswichtig. Er beeinflusst nahezu alle Vorgänge im Körper: etwa das Immunsystem, den Stoffwechsel oder die Regeneration des Gehirns. Doch die meisten bisherigen Studien beruhen auf dem, was Menschen über ihren eigenen Schlaf berichten – also auf subjektiven Einschätzungen, etwa aus Fragebögen. Das Problem: Diese Angaben sind oft ungenau oder verfälscht.
Forscher der Peking University wollten daher herausfinden, wie der Zusammenhang zwischen objektiv gemessenen Schlafmustern und unserer Gesundheit aussieht – also wie lange, wann und wie regelmäßig Menschen tatsächlich schlafen, unabhängig davon, was sie selbst glauben oder angeben.
Für die Untersuchung wurden die Daten von 88.461 Erwachsenen aus der UK Biobank analysiert. Alle Teilnehmer trugen für eine Woche ein kleines Bewegungsmessgerät (Accelerometer) am Handgelenk. Damit konnte erfasst werden, wann sie einschliefen, wie lange sie schliefen, wie oft sie in der Nacht aufwachten und wie stark ihr Schlaf von Tag zu Tag schwankte.
Ziel war es, herauszufinden, mit welchen Krankheiten genau diese Schlafmuster zusammenhängen – und ob frühere Studien, die sich nur auf Selbstauskünfte stützten, möglicherweise zu falschen Schlüssen gekommen waren.1
Studiendesign: So wurde vorgegangen
In der Studie wurden sechs objektive Schlafmerkmale ausgewertet:
- Schlafdauer
- Zeitpunkt des Einschlafens
- Relative Amplitude (der Unterschied zwischen Aktivität am Tag und in der Nacht – je größer, desto gesünder der Schlaf-Wach-Rhythmus)
- Interdiale Stabilität (wie regelmäßig man zu denselben Zeiten schläft)
- Schlafeffizienz (wie viel Zeit im Bett tatsächlich schlafend verbracht wird)
- Nächtliches Aufwachen (wie oft jemand in der Nacht aufwacht)
Die Forscher verfolgten über 6,8 Jahre, welche neuen Erkrankungen bei den Teilnehmern diagnostiziert wurden. Grundlage dafür waren medizinische Diagnoseschlüssel (ICD-10-Codes) – ein international verwendetes Klassifikationssystem, mit dem Krankheiten eindeutig benannt und statistisch erfasst werden.
Insgesamt wurden 363 verschiedene Krankheiten aus 13 medizinischen Bereichen untersucht – darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, psychische Störungen, Stoffwechselerkrankungen und viele mehr.
Um herauszufinden, wie Schlaf und Krankheit miteinander zusammenhängen, nutzten die Forscher ein statistisches Verfahren, das sogenannte Cox-Modell. Es berechnet das relative Risiko, eine bestimmte Krankheit zu entwickeln – je nach Ausprägung eines bestimmten Faktors, hier also des Schlafverhaltens. Dabei wurden viele weitere Einflüsse mitberücksichtigt, z. B. Alter, Geschlecht, Gewicht, Ernährung, Bewegung oder Rauchen.
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Ergebnis: Der Schlafrhythmus steht mit vielen Krankheiten in Zusammenhang
Die Auswertung zeigt: 172 Krankheiten standen in Zusammenhang mit Schlafverhalten – also fast die Hälfte aller untersuchten Diagnosen. Besonders bei stark gestörten Schlafmustern war das Risiko teils deutlich erhöht.
Beispiele:
- Bei Menschen mit sehr unregelmäßigem Schlafrhythmus war das Risiko für Parkinson fast dreimal so hoch.
- Wer regelmäßig erst nach 0:30 Uhr einschlief, hatte ein mehr als doppelt so hohes Risiko für Leberzirrhose.
- Ein instabiler Schlafrhythmus erhöhte das Risiko für Gefäßkrankheiten wie Gangrän deutlich.
- Auch bei Typ-2-Diabetes stieg das Risiko um 60 Prozent, wenn die Schlafzeiten besonders unregelmäßig waren.
Besonders auffällig: Fast die Hälfte aller entdeckten Zusammenhänge (48,3 Prozent) betraf den Schlafrhythmus, also die Regelmäßigkeit und Struktur des Schlafs – nicht einfach nur die Schlafdauer. Frühere Studien hatten diesen Aspekt oft ignoriert.
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Subjektive Schlafangaben führten oft zu Fehlschlüssen
Die Forscher überprüften auch mehrere Zusammenhänge, die in früheren Studien auf Basis subjektiver Angaben festgestellt worden waren – etwa, dass „lange Schlafdauer“ (über neun Stunden) angeblich das Risiko für Herzkrankheiten oder Depressionen erhöhe.
Die Forscher der aktuellen Studie konnten diese Zusammenhänge nicht bestätigen, als sie die tatsächlichen Schlafzeiten objektiv maßen. Rund 22 Prozent der Personen, die angaben, lange zu schlafen, schliefen in Wirklichkeit weniger als sechs Stunden. Ihre Selbsteinschätzung lag also deutlich daneben. Und genau diese Fehleinschätzung kann zu falsch positiven Ergebnissen führen – also zu angeblichen Risiken, die es in Wirklichkeit nicht gibt.
Bestätigung der Ergebnisse mit NHANES-Daten
Um sicherzugehen, dass die neu entdeckten Zusammenhänge nicht zufällig waren, führten die Forscher innerhalb derselben Studie eine zusätzliche Analyse durch – diesmal mit Daten aus der US-amerikanischen NHANES-Gesundheitsstudie, einer großen Bevölkerungsuntersuchung mit über 8500 Erwachsenen. Diese Daten stammten aus nationalen Erhebungen in den Jahren 2011 bis 2014, bei denen die Teilnehmer – wie in der UK Biobank – objektiv gemessene Schlaf- und Bewegungsdaten über sogenannte Accelerometer lieferten.
Die Untersuchung brachte vier klare Zusammenhänge ans Licht: COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung), akutes Nierenversagen, Diabetes und Depression traten jeweils in deutlich nachvollziehbarer Verbindung zueinander auf. Darüber hinaus zeigte sich: Auch in dieser unabhängigen Stichprobe war ein gestörter Schlafrhythmus klar mit einem erhöhten Krankheitsrisiko verbunden.
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Warum diese Erkenntnisse so wichtig sind
Die Studie zeigt: Unser Schlafverhalten – besonders der Rhythmus – hat einen großen Einfluss auf die Entstehung vieler Krankheiten. Und: Viele frühere Studien könnten Risiken falsch eingeschätzt oder wichtige Zusammenhänge übersehen haben, weil sie sich nur auf Befragungen stützten.
Fast 58 Prozent der gefundenen Krankheitsbeziehungen betrafen jeweils nur ein einziges Schlafmerkmal – etwa bloß die Einschlafzeit oder die Regelmäßigkeit. Gerade deshalb reicht es nicht aus, nur auf die Dauer des Schlafs zu achten. Wer wirklich gesund bleiben will, muss auch auf einen stabilen Schlafrhythmus achten.
Das Gute: Der Schlafrhythmus ist veränderbar. Regelmäßige Schlafenszeiten, weniger Bildschirmnutzung vor dem Einschlafen und ein strukturierter Tagesablauf können helfen. Außerdem zeigte die Studie, dass gestörter Schlaf mit erhöhten Entzündungswerten im Blut (wie C-reaktivem Protein) einhergeht – ein möglicher biologischer Mechanismus, der begründet, warum schlechter Schlaf krank machen kann.
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Einordnung: Stärken und Schwächen der Studie
Die Untersuchung ist eine der bisher umfangreichsten weltweit zum Thema Schlaf und Krankheiten.
Stärken:
- Sehr große Teilnehmerzahl
- Lange Nachbeobachtungszeit
- Objektive Schlafmessung mit modernen Sensoren
Einschränkungen:
- Die Teilnehmer der UK Biobank sind nicht vollständig repräsentativ für die Gesamtbevölkerung (meist gesünder, älter, besser gebildet).
- Das Forschungsteam erfasste den Schlaf nur zu einem Zeitpunkt und ließ Entwicklungen über die Zeit hinweg außer Acht.
- Beobachtungsdaten erlauben keine endgültigen Aussagen über Ursache und Wirkung.
Fazit
Die Untersuchung legt nahe, dass objektive Schlafmessungen künftig eine wichtigere Rolle in der Erforschung von Krankheitsursachen spielen könnten. Die Studie weist darauf hin, dass bestimmte gesundheitliche Zusammenhänge bislang möglicherweise unterschätzt wurden – insbesondere dann, wenn sie auf subjektiven Selbstauskünften basierten. Weitere Studien werden zeigen müssen, inwieweit solche Messmethoden auch in der Praxis zur Krankheitsvorbeugung beitragen können.