28. August 2026, 20:02 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Wir stecken inmitten einer Epidemie – einer Adipositas-Epidemie. Die Zahlen übergewichtiger Menschen steigen in westlichen Ländern in einem erschreckend rasenden Tempo. Um dem entgegenzuwirken, führte Großbritannien bereits 2018 eine Zuckersteuer auf süße Erfrischungsgetränke ein. Jetzt diskutiert die Bundesregierung über ein ähnliches Konzept. Doch warum betrifft die Steuer ausgerechnet Getränke und nicht Produkte wie Süßigkeiten? Und: Wie könnte eine Steuer auf Zucker in Deutschland aussehen? FITBOOK-Ernährungsexpertin Sophie Brünke klärt auf.
Wir werden immer dicker
Laut einer aktuellen Studie stieg in fast allen Ländern weltweit der Anteil der Kinder und Erwachsenen mit Adipositas in den vergangenen 45 Jahren stark an.1 Auch in Deutschland sind die Zahlen beunruhigend: 2021 waren 61 Prozent der Männer und 38 Prozent der Frauen übergewichtig – davon adipös waren 18 Prozent der Männer und 13 Prozent der Frauen. Zum Vergleich: 1999 waren zwölf Prozent der Männer und zehn Prozent der Frauen adipös.2 Und auch bei Kindern macht der Trend nicht halt. Laut eines UNICEF-Berichts sind weltweit erstmals mehr Kinder über- als untergewichtig. In Deutschland ist jedes vierte Kind im Alter von fünf bis 19 Jahren von Übergewicht betroffen, adipös sind acht Prozent.3
Das Problem mit süßen Getränken
Zuckerhaltige Softdrinks bringen gleich zwei gravierende Probleme mit sich: Zum einen machen sie in ihrer flüssigen Form nicht satt, sondern zahlen lediglich auf das Kalorienkonto ein. So summieren sich die täglichen Kalorien schnell über den Bedarf hinaus – und machen sich auf der Waage bemerkbar. Zum anderen gelangt der Zucker besonders schnell ins Blut, da flüssige Lebensmittel den Magen ohne große Verweildauer durchlaufen und direkt in den Darm gelangen. Das sorgt für hohe, schnell wieder abfallende Blutzuckerspitzen, welche müde machen und Heißhunger verursachen können – im Grunde ein „lose-lose“-Effekt. Wer regelmäßig Softdrinks trinkt, läuft durch das Kalorienplus eher Gefahr, übergewichtig zu werden. Und Übergewicht ist ein wichtiger Risikofaktor für Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sogar Krebs. Bereits ein zuckerhaltiges Getränk pro Tag kann das Magenkrebsrisiko mehr als verdoppeln (FITBOOK berichtete). Enthalten die Getränke zudem Fruktose, schadet das der Leber, welche den Fruchtzucker als Fett speichert – über längere Zeit kann sich eine Fettleber bilden.
Um der Lage Herr zu werden, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation den Ländern bereits seit 2016, eine Zuckersteuer einzuführen.4 Im Jahr 2024 hatten mindestens 116 Länder eine Steuer auf Zucker. In Europa traf dies auf 42 Prozent der Länder zu, Deutschland gehört nicht dazu.5
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Zuckersteuer – Großbritannien macht es vor
In Großbritannien existiert seit 2018 eine Steuer auf zuckergesüßte Getränke („Soft Drinks Industry Levy“). Die Abgabe für die Getränkeproduzenten ist dabei nach dem Zuckergehalt gestaffelt: Softdrinks wie Limo, die zwischen fünf und acht Gramm Zucker pro 100 Milliliter enthalten, werden umgerechnet mit etwa 23 Cent pro Liter besteuert. Getränke, die mehr als acht Gramm pro 100 Milliliter enthalten, mit rund 30 Cent pro Liter.6 Ab 2028 soll die Steuer auf gezuckerte Milchgetränke ausgeweitet werden. Infolge ist der Zuckergehalt in Getränken um 35 Prozent gesunken. Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch macht den Vergleich mit Deutschland: Hierzulande enthält eine Fanta 7,6 Gramm Zucker, in Großbritannien nur 4,5 Gramm. Auch der Pro-Kopf-Zuckerkonsum über Getränke ist deutlich gesunken. Deutschland ist Spitzenreiter mit 25,7 Gramm, die Briten liegen bei rund 16 Gramm täglich.7
Das Ergebnis nach 8 Jahren
Und nun zur wichtigsten Frage: Sind Menschen in Großbritannien auch messbar weniger von Übergewicht und dessen Folgeerkrankungen betroffen? Die Ergebnisse sind eher bescheiden, die erhoffte Trendwende ist (noch) nicht eingetreten. Die Universität Cambridge hat ermittelt, dass zwischen 2019 und 2025 die Adipositasprävalenz von 26,3 auf 30,3 Prozent gestiegen ist. Besonders stark nahm die Zahl der Neuerkrankungen bei jungen Erwachsenen zu: bei den 30- bis 39-Jährigen um fast 20 Prozent und bei den 20- bis 29-Jährigen um 16 Prozent. Menschen mit niedrigem Einkommen, hoher Erwerbslosigkeit oder schlechten Wohnverhältnissen hatten dabei ein um 35 Prozent höheres Risiko für Adipositas. Besonders betroffen waren sozial benachteiligte Frauen und bestimmte ethnische Gruppen, darunter schwarze und asiatische Frauen.8 Laut der britischen Herzstiftung steht zudem jeder neunte Todesfall aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Zusammenhang mit Übergewicht und Adipositas.9
Es gibt aber auch gute Nachrichten: Laut einer Mitteilung der Cambridge-Universität habe die Steuer möglicherweise jährlich 5000 Adipositasfälle bei Mädchen der sechsten Klasse verhindert.10 Zudem ist die Zahl der Zahnextrationen bei Kindern aufgrund von Karies gesunken.11 Langfristig prognostizieren Modellrechnungen, dass die britische Zuckersteuer die Adipositas- und Übergewichtsrate leicht, aber messbar senken wird, um 0,18 Prozentpunkte bei Männern und 0,20 Prozentpunkte bei Frauen. Das könnte innerhalb von zehn Jahren rund 12.000 Fälle von Typ-2-Diabetes sowie 3800 Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindern. Über die Lebensspanne der aktuellen Bevölkerung gerechnet, rechnen die Forschenden zudem mit rund 200.000 zusätzlichen gesunden Lebensjahren.12,13
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Wie ist die Lage in Deutschland?
Vielleicht erinnern Sie sich noch an den absurden Rechtsstreit, als eine Limo hierzulande zu wenig Zucker enthalten würde, um sich als solche bezeichnen zu dürfen. Glücklicherweise hatte dies zur Folge, dass der Mindestzuckergehalt von sieben Prozent für Limos in Deutschland gekippt wurde.14 Und bald soll es ernst werden: Die Zuckersteuer für Deutschland kommt.
Auch hierzulande erhofft sich die Politik langfristige Gesundheitseffekte. Einer Studie der TU München zufolge könnte eine Zuckersteuer innerhalb von 20 Jahren erhebliche Krankheits- und Gesundheitskosten vermeiden – rund 16 Milliarden Euro könnten eingespart werden.15
Laut der Verbraucherzentrale Hamburg wird die Steuer ebenfalls gestaffelt sein.16 Vorläufige Zahlen beziffern diese auf:
- 26 Cent pro Liter bei 4,5 bis 7 Gramm Zucker pro 100 Milliliter
- 32 Cent pro Liter bei mehr als 7 Gramm Zucker pro 100 Milliliter
- 38 Cent pro Liter bei mehr als 10 Gramm Zucker pro 100 Milliliter
Ursprünglich war auch eine Abgabe auf Getränke mit Süßstoffen geplant, doch diese wurde nun wieder verworfen. Eine finale Produktliste gibt es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels nicht. Sicher enthalten werden Softdrinks und Limonaden sein. Zudem stehen auch Säfte, Milchgetränke, Eistees, Biermischgetränke und trinkfertige Kaffeegetränke zur Diskussion.
So erkennen Sie Zucker und süßende Zutaten in Getränken
Wer Zuckerfallen erkennen will, sollte einen Blick auf Nährwerttabelle und Zutatenliste werfen. Dabei sind vier Punkte besonders wichtig.17
Nährwerttabelle prüfen: Entscheidend ist der Zuckergehalt pro 100 Milliliter. So lassen sich Getränke direkt vergleichen. Als „zuckerarm“ beworben dürfen Getränke nur, wenn sie maximal 2,5 Gramm Zucker pro 100 Milliliter enthalten.18
Zutatenliste lesen: Zucker versteckt sich oft hinter Begriffen wie Glukose, Fruktose, verschiedenen Sirupen, Honig oder Fruchtsaftkonzentrat. Je weiter vorn solche Zutaten stehen, desto mehr davon ist im Produkt enthalten.
Auf Süßstoffe achten: Zuckerfreie Getränke können durch Süßstoffe oder Zuckeraustauschstoffe trotzdem süß schmecken. Verbraucherschützer empfehlen, auch diese Produkte nur in Maßen zu konsumieren, um die Gewöhnung an Süße nicht zu fördern.
Werbeaussagen kritisch hinterfragen: Begriffe wie „zuckerfrei“, „zuckerreduziert“ oder „ohne Zuckerzusatz“ sind rechtlich definiert. Aussagen wie „weniger süß“ dagegen nicht. Verlässliche Informationen liefern deshalb vor allem Nährwerttabelle und Zutatenliste.
Die Zuckersteuer ist sinnvoll, aber unzureichend
„Zuckerhaltige Getränke haben keine gesundheitlichen Vorteile. Sie sind eher das Öl im Feuer, wenn es um Übergewicht und Adipositas geht. Eine Zuckersteuer, die letztlich nicht vom Verbraucher getragen wird, sondern Hersteller motiviert, die Zuckergehalte in Getränken zu reduzieren, finde ich deshalb sinnvoll. Doch wie man am britischen Vorbild erkennt, reicht das nicht aus, um eine echte Trendwende zu erreichen. Der Schlüssel heißt Gesundheitsbildung. Eine Studie des Robert Koch-Instituts zeigt,
dass über 80 Prozent der Erwachsenen zu wenig Grundlagenwissen für eine gesunde Lebensführung haben. Ändert sich hier nichts, könnte der Erfolg der Zuckersteuer verschwindend gering ausfallen.“