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Zwischen Hype und Evidenz

Methylenblau – Leistungsbooster oder gefährliches Supplement?

Methylenblau
Auf Social Media präsentieren sich Fans von Methylenblau gerne mit blauer Zunge Foto: Getty Images / Kittisak Kaewchalun / Delmaine Donson, Collage: FITBOOK
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21. November 2025, 13:02 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Selbsternannte Biohacker auf Social Media hypen aktuell den Farbstoff Methylenblau. Das „Wundermittel“ soll die Leistung steigern, das Immunsystem stärken und sogar wirksam gegen Krebs sein. FITBOOK-Ernährungsexpertin Sophie Brünke nimmt das „blaue Wunder“ unter die Lupe und spricht mit Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl sowie Judith Schryro von der Verbraucherzentrale Berlin.

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Was genau ist Methylenblau?

Der Farbstoff Methylenblau ist im Grunde ein altes Medikament, das aktuell eine Renaissance erlebt. 1876 entdeckte es der deutsche Chemiker Heinrich Caro, als er auf der Suche nach neuen Farbstoffen für Baumwolle war. Die leuchtend blaue Verbindung ist ein Nebenprodukt der Kohleindustrie. In der Medizin wurde Methylenblau interessant, als Größen wie Robert Koch und Paul Ehrlich es für ihre Arbeit entdeckten. Während Koch es als Färbemittel nutzte, um Zellen unter dem Mikroskop besser sichtbar zu machen, testete Ehrlich das therapeutische Potenzial – mit Erfolg. So heilte er zwei Malaria-Patienten mit der blauen Chemikalie.1 Inzwischen wurde die Substanz durch wirksamere synthetische Mittel abgelöst.

Heutzutage ist Methylenblau ein Notfallmedikament, das vorwiegend bei Vergiftungen mit Nitrit oder Anilin zum Einsatz kommt.2 Diese Substanzen können den Sauerstofftransport im Blut blockieren.

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Was der Farbstoff bewirken soll

Glaubt man blauzüngigen Nutzern auf TikTok oder YouTube, soll Methylenblau das Immunsystem stärken, die Konzentration steigern, das Gedächtnis verbessern und sogar vor Krebs schützen. Befürworter berichten, sie fühlten sich nach der Einnahme wacher, klarer im Kopf und rundum energiegeladener. In der Biohacker-Szene gilt Methylenblau als Geheimtipp, um die geistige Leistungsfähigkeit zu steigern. Andere loben seine angeblich antioxidative Wirkung: Der Farbstoff soll freie Radikale bekämpfen, Zellen schützen und so den Alterungsprozess bremsen.

Auch bei Depressionen, Demenz oder Müdigkeit wird Methylenblau in alternativen Gesundheitsforen als Hoffnungsträger gehandelt. Es heißt, der Stoff könne die Mitochondrien – die „Kraftwerke“ der Zellen – stabilisieren und so die Energieproduktion im Körper ankurbeln.

Viele dieser Versprechen basieren allerdings auf Einzelfällen und Erfahrungsberichten, nicht auf solider Forschung. Bevor man zum „blauen Wunder“ greift, sollte man genau hinsehen, was Methylenblau wirklich kann.

Welche Wirkungen wissenschaftlich belegt sind – und welche nicht

Eine schützende Wirkung von Methylenblau ist theoretisch denkbar, wurde aber bisher nicht nachgewiesen. Der Farbstoff kann zwar in die Zellen und Mitochondrien gelangen und dort kurzfristig die Energieproduktion anregen – dieser Effekt hält jedoch nicht an und dürfte kaum spürbar sein. Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl ergänzt: „Für die beabsichtigte Wirkung der angeblichen Immunverbesserung und mehr Fitness gibt es keine Dosis-Wirkungs-Studien und keine Beweise.“

Die Idee, Methylenblau zur Therapie gegen Alzheimer einzusetzen, stammt aus den 80ern. Damals konnte Methylenblau die alzheimertypischen Tau-Fibrillen in einem Reagenzglas zum Verschwinden bringen. Die Initiative Alzheimer Forschung führt auf, dass noch bis 2018 weiter an dem therapeutischen Potenzial geforscht wurde. Es gab sogar eine Phase-3-Studie mit Menschen, die ein Medikament mit Methylenblau einnahmen. Doch die Ergebnisse waren nicht ausreichend aussagekräftig hinsichtlich der Wirkung. Inzwischen konzentriert sich die Forschung auf alternative Wege, z. B. Antikörper-Wirkstoffe, die schädliche Amyloid-beta-Plaque entfernen könnten.3

Methylenblau supplementieren? Diese Probleme gibt es

Das Wichtigste zuerst: Methylenblau ist in der Europäischen Union nicht als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen. Zwar findet man Fläschchen mit Dosierpipette in Onlineshops, die Supplements vertreiben, doch werden sie als Farbstoff zum „Anfärben von Fasern, Baumwolle, Seide und Papier“ beworben. Informationen zur korrekten Dosierung, Einnahme und Wirkung fehlen – denn das wäre illegal. Anwender sind bei der Dosisfindung also auf sich bzw. das Schwarmwissen von Social Media gestellt, anstatt sich an einer sicheren und in Studien getesteten Dosierung orientieren zu können.

Die Wasserturm-Apotheke aus Essen informiert auf ihrem TikTok-Kanal, dass das Risiko einer Überdosis auch deshalb immens ist, da kaum jemand eine genaue Waage daheim hat – was ungünstig ist, da unseriöse Verzehrsempfehlungen sich im Milligramm-Bereich bewegen. Darüber hinaus kann die Chemikalie in Wechselwirkung mit anderen eingenommenen Arzneimitteln treten.

Apotheken dürfen Methylenblau zwar anbieten, müssen dabei jedoch den Verwendungszweck erfragen. Anders als Arzneimittel unterliegt die Chemikalie keinen strengen Anforderungen an Reinheit und Qualität, da sie nicht zur Einnahme vorgesehen ist. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände rät Apotheken infolge des Social-Media-Hypes sogar, die Abgabe zu verweigern. Es gebe keine Pflicht, bei Nachfrage von Verbrauchern die Chemikalie abzugeben.4,5

Warum kann man Methylenblau in Onlineshops für Supplements finden, wenn es dafür nicht zugelassen ist?

Judith Schryro von der Verbraucherzentrale Berlin erklärt, dass die Hersteller, die Methylenblau anbieten, häufig nicht in Deutschland sitzen würden. „Das macht es für den Hersteller leichter Produkte online nach Deutschland zu verkaufen, ohne dass das direkt auffällt.“ Auf diese Weise hätten Verbraucher leider häufig Zugriff auf nicht zugelassene Produkte.

Das Problem: „Die Kontrolle über den Onlinehandel ist jedoch weitaus schwieriger und findet zeitverzögert statt. Zuständig für die Ahndung der Hersteller, die nicht zugelassene Produkte verkaufen, sind in dem Fall die Behörden des Landes des Herstellers und nicht die Behörden in Deutschland. Ein weiteres Schlupfloch für Hersteller ist, dass sie das Produkt nicht als Nahrungsergänzungsmittel für den menschlichen Verzehr verkaufen, sondern als Chemikalie, die für den Gebrauch im Labor und eben nicht für den Verzehr bestimmt ist.“

Ihr Tipp: „Hersteller aus Deutschland, die Methylenblau als Nahrungsergänzungsmittel verkaufen, sollten an die zuständigen Behörden (Lebensmittelaufsichtsämter) gemeldet werden.“

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Verbraucherschützerin warnt vor der Einnahme

Schryro rät dringend von einer Einnahme ab. „Produkte die keine Zulassung als Lebensmittel oder Arzneimittel haben, sollten unter keinen Umständen verzehrt werden. Die Reinheit solcher Produkte ist nicht sichergestellt. Das Produkt könnte mit anderen Stoffen verunreinigt sein, die die Gesundheit zusätzlich gefährden können. Von einer Selbstmedikation mit für den Verkehr nicht zugelassenen Produkten raten wir daher dringend ab.“

Außerdem betont sie: „Für die im Raum stehenden positiven Effekte von Methylenblau fehlen momentan noch Humanstudien, die das wissenschaftlich fundiert belegen können. Um die Gesundheit nicht zu gefährden, sollte die Chemikalie nicht eingenommen werden, weder pur noch in einer verdünnten Form.“

Gefährliche Nebenwirkungen

Bereits ab einer Dosis von rund zwei Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht können Nebenwirkungen auftreten. Dazu zählen:

  • Übelkeit und Erbrechen
  • Schwindel
  • Kopfschmerzen
  • Bauch- oder Brustschmerzen
  • Blaufärbung von Haut, Schleimhäuten und Urin
  • Niedriger Blutdruck

Und es kann noch schlimmer kommen. Ernährungsmediziner Matthias Riedl erklärt das toxische Ausmaß: „Bei falscher Dosierung kann es zur Auflösung von roten Blutkörperchen und einer gefährlichen Anämie kommen.“

Wechselwirkungen mit Antidepressiva und Schmerzmitteln

Besondere Vorsicht ist bei der gleichzeitigen Einnahme bestimmter Medikamente geboten. Methylenblau hemmt das Enzym Monoaminooxidase A (MAO-A), das für den Abbau des Botenstoffs Serotonin zuständig ist. Wird es gemeinsam mit Substanzen eingenommen, die den Serotoninspiegel erhöhen – etwa Antidepressiva (z. B. Citalopram, Fluoxetin), das Schmerzmittel Tramadol, bestimmte Antibiotika oder die Droge Ecstasy, kann es zu einem lebensgefährlichen Serotonin-Syndrom kommen. Dieses äußert sich durch:

  • Herzrasen und Bluthochdruck
  • Erhöhte Körpertemperatur
  • Unruhe, Angst, Zittern oder Muskelsteifigkeit
  • In schweren Fällen: Organversagen

Ernährungsmediziner empfiehlt, bei den Wurzeln zu bleiben

Wer sich fit und leistungsfähig fühlen will, sollte also nicht an Wundermittel glauben. „Der Hype folgt der naiven Vorstellung, es müsse doch die eine Substanz geben, die viele Probleme auf einmal löst“, so Riedl. Sein Credo lautet eher „back to the roots“.

„Wer sich schlapp und nicht leistungsfähig fühlt, sollte zum Arzt gehen und eine Mangelversorgung ausschließen. Auch organische Ursachen werden immer häufiger: Fettleber, Diabetes Typ 2 und Autoimmunerkrankungen nehmen gerade bei jungen Menschen zu“, weiß der Ernährungsmediziner.

Die unbequeme Wahrheit ist also, dass es keine bequeme Lösung gibt. Ernährung, Sport, Stress und Schlaf bleiben die wichtigsten Stellschrauben für das Wohlbefinden.

Bei „Wundermitteln“ aufpassen!

„Immer dann, wenn ein Lebensmittel oder Supplement die Lösung für alles sein soll, sollte man aufhorchen. Denn meist überwiegt hier Wunschdenken die wissenschaftliche Evidenz. Und so ist es auch im Fall von Methylenblau. Zumal der Farbstoff zusätzlich das Risiko einer gesundheitsgefährdenden Überdosierung birgt und die erhofften Effekte unzureichend erforscht sind. Es bleibt zu hoffen, dass bald ein neuer – weniger gefährlicher Trend – über die blaue Welle schwappt.“

Quellen

  1. Paul-Ehrlich-Institut. Ueber die Wirkung des Methylenblau bei Malaria. (aufgerufen am 20.11.2025) ↩︎
  2. DocCheck. Methylenblau. (aufgerufen am 20.11.2025) ↩︎
  3. Alzheimer Forschung Initiative e. V. Methylenblau in der Alzheimer Forschung: Überblick und aktuelle Erkenntnisse. (aufgerufen am 21.11.2025) ↩︎
  4. Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V. (ABDA). ABDA: Methylenblau nicht abgeben! (aufgerufen am 20.11.2025) ↩︎
  5. TauRx. TauRx Reports First Phase 3 Results for LMTX® Promising Read-Out for First-Ever Tau Aggregation Inhibitor to Enter Phase 3 Trials. (aufgerufen am 21.11.2025) ↩︎

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