1. Juni 2026, 10:32 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Wer sagt eigentlich, dass man für Superfoods in den Supermarkt muss? Manchmal wachsen sie direkt vor der eigenen Nase. Gerade Giersch macht es einem einfach. Der zu Unrecht als Unkraut abgestempelte Doldenblütler wächst an vielen Orten: im Garten, im Wald, auf Wiesen und an Flussufern. Und es lohnt sich, beim Spaziergang einfach mal zuzugreifen. FITBOOK-Ernährungsexpertin Sophie Brünke erklärt, was Giersch so gesund macht.
Was Giersch ist und wie man das Kraut erkennt
Giersch (Aegopodium podagraria) ist ein heimisches Wildkraut aus der Familie der Doldenblütler. Bekannt ist er auch unter Namen wie Dreiblatt, Geißfuß oder Erdholler. Vielen Gartenbesitzern ist er ein Dorn im Auge: Als hartnäckiges „Unkraut“ verbreitet er sich schnell über unterirdische Ausläufer.1
Mehr über Giersch im Garten erfahren Sie bei unseren Kolleginnen von myHOMEBOOK.
Eine alte Bauernregel hilft beim Identifizieren: die „Drei-drei-drei“-Regel. Die Blätter sind dreigeteilt, die einzelnen Blattgruppen oft noch einmal dreigeteilt, und auch der Stängel ist dreikantig. Je nach Standort wächst Giersch etwa 30 bis 100 Zentimeter hoch. Typisch sind außerdem die kleinen weißen Blüten, die von Mai bis September in flachen Dolden wachsen.2
Beim Sammeln sind vor allem die jungen Blätter interessant, weil sie zarter sind und sich gut in der Küche verwenden lassen. Geschmacklich wird Giersch als leicht nussig beschrieben und soll an Petersilie, Karotte oder Spinat erinnern. Aber aufgepasst: Giersch kann mit anderen Doldenblütlern verwechselt werden, darunter auch giftige Arten wie Hundspetersilie.
Giersch als Heilpflanze: Wogegen soll das Kraut helfen?
Giersch ist mehr als ein essbares Wildkraut. Er wird traditionell auch als Heilpflanze genutzt. Besonders eng ist die Pflanze mit Gicht verbunden: Der botanische Name Aegopodium podagraria verweist bereits darauf – „Podagra“ bedeutet Gicht. Bei der Erkrankung lagern sich überschüssige Harnsäurekristalle in Gelenken, Sehnen oder Organen ab. Auch volkstümliche Namen wie Gichtkraut oder Zipperleinskraut zeigen, wofür Giersch früher vorwiegend verwendet wurde. Der Grund: Giersch wird eine harntreibende und entsäuernde Wirkung zugeschrieben. Dadurch soll der Körper dabei unterstützt werden, Harnsäure auszuscheiden – ein Punkt, der in der Naturheilkunde besonders bei Gicht eine Rolle spielt.3
In der Volksheilkunde soll Giersch darüber hinaus bei Rheuma, Gelenkbeschwerden und Ischias helfen. Auch antientzündlich und beruhigend könne es wirken, etwa bei Insektenstichen und Sonnenbrand. Dafür wurde das Kraut etwa als Tee getrunken, als Umschlag äußerlich aufgelegt oder als Badezusatz verwendet.4
Gänseblümchen-Eis? Giersch-Suppe? So geht gesunde Wildkräuterküche
Was Holunderbeeren so gesund macht – und warum man sie nicht roh essen sollte
Diese Nährstoffe stecken in Giersch
Giersch ist ein richtiges Kraftpaket: Das Unkraut liefert unter anderem Vitamin C, Vitamin A sowie Mineralstoffe wie Kalium, Magnesium, Calcium, Kupfer und Eisen. Besonders die Gehalte an Vitamin C und Kalium stechen dabei hervor. Je nach Quelle liegt der Vitamin C-Gehalt bei ca. 150 bis 200 Milligramm pro 100 Gramm Giersch – das ist bereits doppelt so viel, wie ein Erwachsener am Tag benötigt!5,6,7 Zum Vergleich: Grünkohl liefert „nur“ halb so viel, Zitronen liefern nur ein Viertel. Auch Kalium enthalten die kleinen grünen Blätter des Giersch erstaunlich viel: 528 Milligramm pro 100 Gramm. Bananen, die auch als kaliumreich angepriesen werden, liefern bei der gleichen Menge etwa 350 Milligramm. Erwachsene benötigen täglich 4000 Milligramm des Mineralstoffs.8
Darüber hinaus stecken sekundäre Pflanzenstoffe im Giersch, z. B. ätherische Öle und Polyphenole. Diese wirken antioxidativ und schützen die Zellen vor vorzeitigem Altern.
Auch interessant: Knochenbrühe – Gesundheits-Booster oder überschätzter Hype?
Bewiesen oder überliefert? Was die Forschung über Giersch sagt
Es gibt derzeit keine wissenschaftlichen Belege, dass Giersch Gicht beim Menschen wirksam behandelt. Die Vermutung, dass das Kraut unterstützen könnte, stützt sich auf den hohen Kaliumgehalt. Dadurch löst es Harnsäurekristalle und die harntreibende Wirkung schwemmt diese hinaus. Klingt also naheliegend, ist aber nicht durch Studien bewiesen.
Interessant ist Giersch trotzdem: In Übersichtsarbeiten werden verschiedene bioaktive Pflanzenstoffe beschrieben, darunter Polyphenole und Polyacetylene wie Falcarinol und Falcarindiol. Einige dieser Substanzen stehen im Zusammenhang mit antioxidativen und entzündungshemmenden Effekten. Labor- und Tierversuche liefern dazu erste Hinweise, etwa darauf, dass Giersch-Extrakte freie Radikale abfangen und Entzündungsprozesse beeinflussen können. Das macht die traditionelle Verwendung bei Gelenkbeschwerden nachvollziehbar – ersetzt aber keinen Wirksamkeitsnachweis bei Gicht oder Rheuma.9,10
Giersch ist ein Allrounder in der Küche
„Wer Giersch im Garten hat, darf sich freuen: Denn nach dem Unkrautjäten wird man mit einem Gratis-Superfood belohnt. Das Wildkraut lässt sich überraschend vielseitig verwenden. Besonders zart sind die jungen Blätter im Frühjahr, bevor die Pflanze blüht; ältere Blätter schmecken etwas herber und eignen sich eher zum Dünsten oder Mitkochen.
In der Küche funktioniert Giersch ähnlich unkompliziert wie Spinat: Er passt in Suppen, Quiche, Pfannkuchen, Kräuterquark oder als grüne Komponente in Smoothies. Fein gehackt kann man ihn wie Petersilie verwenden. Auch die Blüten sind essbar: Sie lassen sich als Gewürz nutzen oder – wenn man Besuch beeindrucken möchte – als hübsche essbare Deko auf den Teller legen.
Mein persönlicher Favorit ist Gierschpesto: Dafür die jungen Blätter je nach Gusto mit Olivenöl, Knoblauch, gerösteten Pinienkernen oder Sonnenblumenkernen und Parmesan mixen. Das schmeckt zu Pasta, auf Brot, oder zu Ofengemüse.“