25. Juli 2025, 16:03 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten
Wach, klar, tiefenentspannt und all das ganz ohne Schlaf? Yoga Nidra, einst ein Geheimtipp aus den alten Yogaschriften, erobert inzwischen nicht nur die Matten von Yogastudios weltweit, sondern sorgt auch in der Wissenschaft für Aufsehen. FITBOOK-Redakteur Michel Winges erklärt Ihnen, warum Sie anstelle eines Mittagsschlafs lieber eine kurze Yoga Nidra Session halten sollten.
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Übersicht
Was ist Yoga Nidra?
Yoga Nidra, auch bekannt als „yogischer Schlaf“, hat seine Wurzeln in den alten yogischen Traditionen Indiens. Es ist eine geführte, meditative Tiefenentspannung, bei der Körper und Geist in einen Zustand zwischen Schlaf und Wachsein versetzt werden. Die Praxis wurde bereits in klassischen Schriften wie den „Upanishaden“ beschrieben und im Laufe der Jahrhunderte weiterentwickelt. In der modernen Zeit wurde Yoga Nidra durch Swami Satyananda Saraswati bekannt gemacht. In den 1960er-Jahren systematisierte er die Technik und machte sie einem breiten Publikum zugänglich.1 Heute ist Yoga Nidra weltweit verbreitet und wird sowohl im spirituellen Kontext als auch im Gesundheitswesen eingesetzt, um Entspannung, Regeneration und innere Klarheit zu fördern.
Positive Effekte – Blick auf die Studienlage
Yoga Nidra ist in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus der wissenschaftlichen Forschung gerückt. Die aktuelle Studienlage zeigt, dass diese Methode weit mehr ist als reine Entspannung: Sie wird zunehmend in klinischen Kontexten erforscht und es gibt vielversprechende Ergebnisse für positive Effekte auf Schlaf, Stress und kognitive Leistungsfähigkeit.
Verbesserte Schlaf- und Gedächtnisleistungen bei Anfängern
Eine randomisierte Studie mit Yoga Nidra-Anfängern zeigte unter anderem, dass nach vier Wochen regelmäßiger Praxis bereits eine Verbesserung der Schlafqualität um 18 Prozent (gemessen am Pittsburgh Sleep Quality Index, kurz PSQI) vorlag. Der PSQI ist ein von Kliniken und in der Forschung verwendeter Selbstbeurteilungsfragebogen zur Bewertung der Schlafqualität über den Zeitraum von vier Wochen.2 Die Geschwindigkeit der kognitiven Verarbeitung stieg um 12 Prozent an, während die Fehlerquote in Gedächtnistests um 20 Prozent sank.3
Bereits kurze Einheiten reichen aus
In einer groß angelegten Online-Studie wurde untersucht, welche Effekte eine tägliche, elfminütige Yoga Nidra Session auf Stress, Wohlbefinden und Schlafqualität haben kann. Insgesamt nahmen 771 Personen teil. Diese wurden per Zufallsprinzip aufgeteilt: 341 in der Yoga-Nidra-Gruppe und 340 als Kontrollgruppe. Die Teilnehmenden der Yoga Nidra-Gruppe führten über 30 Tage hinweg täglich eine geführte Meditation durch, während die Kontrollgruppe im gleichen Zeitraum keinerlei Meditation oder vergleichbare Übungen absolvierte. Beide Gruppen beantworteten zu Beginn, nach einem Monat und sechs Wochen später standardisierte Fragebögen zu ihrem Stresserleben, ihrer Schlafqualität und ihrem allgemeinen Wohlbefinden.
Der direkte Vergleich beider Gruppen zeigte: Die Yoga Nidra-Gruppe erlebte eine zehnprozentige Reduktion von Stress und negativen Gefühlen, eine Verbesserung der Schlafqualität um neun Prozent und einen Anstieg des Wohlbefindens um bis zu sieben Prozent, all dies bereits nach einem Monat. Bemerkenswert ist, dass alle positiven Veränderungen auch sechs Wochen nach Ende der täglichen Praxis stabil blieben.4
Bei chronischer Schlaflosigkeit
Durch eine randomisierte Studie aus Indien mit Erwachsenen, die unter chronischer Schlaflosigkeit litten, wurde festgestellt, dass Yoga Nidra auch auf diese Patientengruppe positive Effekte hatte. Die 41 Teilnehmer praktizierten entweder Yoga Nidra nach einer kurzen Einführung zu Hause oder erhielten kognitive Verhaltenstherapie bei Schlafstörungen (CBT-I). CBT-I ist eine übliche kognitive Verhaltenstherapie bei Schlaflosigkeit.5 Der Verlauf wurde mit Schlafprotokollen, Fragebögen wie dem PSQI, Schlaflabor-Messungen und Speicheltests für Stresshormone (Cortisol) begleitet.
Nach rund acht Wochen berichteten beide Gruppen über einen längeren und erholsameren Schlaf, weniger Wachphasen während der Nacht und insgesamt eine bessere Schlafqualität. Besonders bei den Yoga-Anwendern bestätigte das Schlaflabor eine deutliche Zunahme des Tiefschlafs und der mittleren Schlafphasen sowie eine deutlich höhere Schlaf-Effizienz. Zudem sank bei Yoga Nidra-Anwendern das Stressshormon signifikant.6
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Non-Sleep Deep Rest (NSDSR)/Nicht-Schlaf-Tiefschlaf
Warum uns Schlaf häufig nicht ausreichend erholt
Sie gehen mit einem vollen Kopf ins Bett und hoffen, den Stress und die Belastung einfach „wegzuschlafen“. Doch obwohl sie acht Stunden schlafen, wachen sie am Morgen immer noch müde und unausgeglichen auf. Viel zu häufig ist genau dies der Fall. Man setzt sich nicht mit den Problemen und Stressverursachern auseinander und versucht diese dann durch Schlaf zu kompensieren. Eine echte Entspannung entsteht erst, wenn diese Spannungen – körperlich, gedanklich und emotional – gelöst sind.7
Yoga Nidra setzt genau dort an, indem gezielt Entspannung auf den Ebenen von Körper, Geist und Emotionen gefördert wird. Somit kann ein tieferes Loslassen erreicht werden. Erst wenn diese Belastungen gelöst werden, fühlt sich der Schlaf – und auch das Wachsein – wirklich erholsam an.
Andrew Hubermans NSDR
Der Begriff „Non-Sleep Deep rest“ (NSDR), zu Deutsch etwa „Nicht-Schlaf-Tiefschlaf“, ist ein Begriff, der von Andrew Huberman geprägt ist. Er ist Neurowissenschaftler und Professor an der Stanford University School of Medicine. Die Methode beschreibt bewusst herbeigeführte Entspannungszustände, die zwar kein Schlaf sind, dem Körper und Gehirn jedoch eine ähnlich tiefe Erholung ermöglichen. Es besteht aus einer Mischung von geführter Meditation, Atemübungen und Yoga Nidra.
NSDR kann gezielt morgens angewendet werden, um wacher, fokussierter und ausgeglichener in den Tag zu starten. Vor allem bei unruhigen Nächten oder Schlafdefizit kann eine zehn- bis zwanzigminütige Session dabei helfen, die Energie zu steigern, den Geist zu klären und den Tag mit mehr Konzentration zu beginnen.8
Wie man mit Non-Sleep Deep Rest Stress reduziert
Welche Sportarten laut Studie bei Schlaflosigkeit helfen
Warum Yoga Nidra anstelle eines Mittagsschlafs? – Auf den Punkt gebracht
- Kein „Schlaf-Trägheits“-Gefühl
- Steuerbare Dauer und Effekt
- Kein Einfluss auf den Nachtschlaf
- Bewusste Entspannung für Körper und Geist
- Überall durchführbar
Meine Yoga Nidra Erfahrung
„Eine Zeit lang habe ich Yoga Nidra selbst praktiziert, angestoßen durch den Podcast des Neurowissenschaftlers Andrew Huberman. Ich versuchte, die bestmögliche Morgenroutine zu schaffen – in einem regelrechten Wahn der Selbstoptimierung. Allerdings muss ich sagen, dass Yoga Nidra keine dieser übertriebenen, toxischen Selbstoptimierungs-Maßnahmen war. Nachdem ich morgens aufgestanden war und all das gemacht hatte, was man als „Selbstoptimierer“ eben so macht, stand als letzte Maßnahme, bevor ich das Haus verließ, 15 Minuten begleitetes Yoga Nidra auf dem Programm.
Anfangs war es für mich schwer, wirklich in einen tiefen Entspannungszustand zu kommen – ich hatte zuvor schließlich auch noch nie Yoga praktiziert. Aber ich muss sagen, dass ich tatsächlich jedes Mal mit größerer Entspannung und Ruhe daraufhin das Haus verlassen habe. Ich habe mich auch insgesamt über den Tag verteilt ausgeruhter gefühlt. Deshalb kann ich jedem ans Herz legen, mal 20 Minuten früher aufzustehen, um es auszuprobieren – oder es einfach mal anstelle eines Mittagsschlafs zu testen. Auch wenn es sich erst einmal grausam anhört, seinen geliebten Schlaf am Morgen um 20 Minuten zu kürzen, könnte genau dies die Veränderung sein, die Sie brauchen, um erholter in den Tag zu starten.“
Ihre Anleitung für zu Hause
1. Ausgangsposition (Shavasana)
Legen Sie sich bequem auf den Rücken. Am besten auf einem Teppich oder einer Yogamatte. Wichtig: nicht ins Bett legen! Die Füße liegen etwas weiter als hüftbreit auseinander und die Zehen fallen entspannt nach außen. Die Arme liegen locker neben dem Körper, mit etwas Abstand zum Oberkörper und den Handflächen nach oben. Der Kopf ruht entspannt in der Mitte.
2. Anspannen und Entspannen
Beginnen Sie damit, die einzelnen Körperpartien bewusst anzuspannen und wieder loszulassen:
- Heben Sie das rechte Bein leicht an, spannen Sie es fünf Sekunden lang an und lassen Sie es dann entspannt auf den Boden sinken. Wiederholen Sie das Gleiche mit dem linken Bein.
- Heben Sie beide Arme leicht an, ballen Sie die Hände zu Fäusten, halten Sie die Spannung kurz und lassen Sie dann wieder locker.
- Heben Sie Ihr Becken an, spannen Sie Gesäß und unteren Rücken an und entspannen Sie anschließend wieder.
- Heben Sie den Brustkorb, ziehen Sie die Schulterblätter zusammen, spannen Sie den Rücken an und lassen Sie wieder los.
- Drehen Sie zum Abschluss den Kopf sanft von einer Seite zur anderen Seite.
3. Körperwahrnehmung
Lenken Sie nun Ihre Aufmerksamkeit auf verschiedene Bereiche Ihres Körpers. Lassen Sie Ihre Wahrnehmung wie in einer inneren Reise kreisen und nehmen Sie mehrere Körperteile gleichzeitig wahr.
- Spüren Sie die Zehen des linken Fußes, dann des rechten, dann beider Füße gleichzeitig.
- Gehen Sie weiter zu den Füßen, zu den Beinen, dann zu den Händen, Armen und Schultern.
- Versuchen Sie, den gesamten linken Körperbereich von den Zehenspitzen bis zu den Fingerspitzen gleichzeitig zu spüren.
- Wandern Sie weiter und nehmen Sie bewusst beide Körperhälften wahr. Dann einzelne Regionen wie Gesäß oder Zehen. Stirn und Scheitel auch gerne gleichzeitig.
4. Ausdehnung der Bewusstheit
Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die Kontaktpunkte Ihres Körpers, die den Boden berühren. Spüren Sie die gesamte Fläche, mit der Ihr Körper den Boden berührt, als Einheit. Mit jedem Atemzug dehnen Sie Ihre Bewusstheit weiter in den Boden aus, tief in die Erde hinein.
Lenken Sie dann Ihre Aufmerksamkeit auf alle nach links zeigenden Körperteile, vom linken Fuß bis zur linken Schläfe. Spüren Sie dieses Energiefeld nach links. Mit jedem Atemzug lassen Sie Ihr Bewusstseinsfeld weiter nach links wachsen. Wiederholen Sie das Gleiche nach rechts, nach oben, nach vorne und nach hinten, sodass Ihr Energiefeld sich in alle Richtungen ausdehnt. Spüren Sie, wie Ihr Bewusstseinsfeld immer größer und größer wird.
5. Ruhephase
Verweilen Sie einige Minuten in diesem Zustand vollkommener Ruhe, Ausdehnung und Bewusstheit.
6. Sankalpa (Vorsatz)
Wiederholen Sie nun in Gedanken eine positive Affirmation, einen Vorsatz oder ein Gebet. Zum Beispiel: „Ich bin voller Kraft und Energie. Mir geht es gut. Ich freue mich auf den heutigen Tag.“
7. Rückkehr
Atmen Sie ein paar Mal tief durch. Beginnen Sie, Füße und Hände zu bewegen. Strecken und räkeln Sie sich, beugen Sie ein Knie und setzen Sie sich mit dessen Hilfe langsam auf. Spüren Sie die neue Kraft und Freude, die durch Ihren Körper und Geist strömen.