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Long Covid

9 mögliche Spätfolgen einer Coronainfektion

Spätfolgen Corona
Eine aktuelle Studie hat Gehörverlust und Tinnitus als weitere mögliche Spätfolgen einer Coronainfektion identifiziertFoto: Getty Images

Es gibt viele Berichte von Menschen, die sich nach überstandener Coronainfektion nicht wieder fit fühlen. Sie klagen über Müdigkeit, sind nicht mehr leistungsfähig. Solche Symptome werden Long Covid oder Post Covid genannt – und das chronische Erschöpfungssyndrom ist nur eines von vielen. Welche Spätfolgen nach einer Sars-CoV-2-Infektion bisher beobachtet wurden, lesen Sie hier.

Viele ehemals mit Sars-CoV-2-Infizierte leiden auch Wochen und Monate danach noch an Symptomen. Sie betreffen das Herz-Kreislauf-System, das Gehör, die Lungenfunktion, den Stoffwechsel und sogar das Nervensystem. „Long Covid“ gibt der Forschung Rätsel auf. FITBOOK hat häufig beobachtete Spätfolgen einer Coronainfektion zusammengetragen.

Fatigue bzw. chronisches Erschöpfungssyndrom

Die häufigste Spätfolge einer Coronainfektion: Noch Wochen nach überstandener Infektion klagen viele Covid-19-Patienten über anhaltende Erschöpfungssymptome. Schon länger wird deshalb vermutet, dass es sich beim Chronischen Fatigue- oder Erschöpfungssyndrom (kurz: CFS) um eine mögliche Corona-Spätfolge handeln könnte. Zahlreiche Einzelfallberichte sowie Studien legen es nahe.

Was ist CFS? CFS ist eine neuroimmunologische Krankheit. Sie äußert sich in erster Linie durch eine enorme und anhaltende Erschöpfung. Dazu können weitere Beschwerden wie etwa Schlafstörungen, Hals- oder Muskelschmerzen, Konzentrationsstörungen und eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte auftreten.

Eine klein angelegte Studie des Trinity College in Dublin hatte 128 Patienten (Durchschnittsalter: 50) untersucht, deren Coronainfektion mehr als zehn Wochen zurücklag. Mehr als die Hälfte berichtete, sich noch immer abgeschlagen zu fühlen. Ein Zusammenhang mit der Schwere der Erkrankung sei nicht erkennbar gewesen, teilten die Forscher*innen damals mit.

67 Prozent aller Probanden mit Ermüdungssyndrom waren weiblich. Häufiger seien zudem bei Menschen aufgetreten, bei denen früher Angstzustände oder Depressionen diagnostiziert worden waren. Von 61 Teilnehmern ohne andauernde Abgeschlagenheit hatte nur einer bereits eine solche psychische Störung. Von 67 Personen mit anhaltender Müdigkeit hatten neun zuvor Angstzustände oder Depressionen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam bereits eine italienische Studie im August 2020. Dazu hatten Forschende 143 nach WHO-Kriterien „genesene“ Patienten, die zuvor aufgrund von Corona im Krankenhaus behandelt worden waren, befragt. Mehr als die Hälfte von ihnen (53 Prozent) gaben an, dass sie weiterhin unter anhaltender Müdigkeit und dauerhafter Erschöpfung litten.

Bereits damals befürchtete Experten, dass es in den kommenden Monaten zu einer Häufung des Chronischen Erschöpfungssyndroms kommen wird. Grund dafür seien „frühere besorgniserregende Daten von Sars- und Mers-Epidemien, nach denen CFS gehäuft aufgetreten ist“. Das erklärte im Zusammenhang mit der italienischen Studie Frau Professor Dr. Carmen Scheibenbogen von der Charité Berlin in der Medizinzeitschrift „Medscape“.

Hörverlust und Tinnitus

Führt Covid-19 zu einer langfristigen Schädigung des Gehörs? Zur Beantwortung ging der Wissenschaftler Kevin Munro, Professor für Audiologie an der Universität Manchester, im März 2021 zahlreichen Rückmeldungen von Menschen nach, die ihm von einer Veränderung ihres Gehörs oder einem Tinnitus nach überstandener Covid-19-Infektion berichtet hatten. Dazu analysierten Munro und sein Team eine Vielzahl an Studien, die einen Zusammenhang zwischen Covid-19 und auditiven Problemen oder Problemen mit dem Gleichgewicht hergestellt hatten (die Ergebnisse waren anhand von Fragebögen oder Gesundheitsdaten zustande gekommen, ein Hörtest wurde nur selten durchgeführt). Herausgefilterte Daten zeigten, dass die Häufigkeit von Schwindel bei 7,2 Prozent, die eines Gehörverlustes bei 7,6 Prozent und die eines Tinnitus sogar bei 14,8 Prozent lag.

Munro, der seine Forschung auf Patienten ausweitete, die wegen einer Coronainfektion klinisch behandelt werden mussten, warnt vor auditiven Corona-Spätfolgen. Seine bisherigen Ergebnisse würden nahelegen, dass mehr als 13 Prozent der aus dem Krankenhaus entlassenen Corona-Patient*innen von einer Veränderung ihres Hörsinns berichten würden – sowohl Tinnitus, als auch Hörverlust. „Wir hoffen, dass diese Studie zur Gewichtung der wissenschaftlichen Beweise beiträgt, dass es einen starken Zusammenhang zwischen Covid-19 und Problemen mit dem Gehör gibt“, so der Wissenschaftler. Allerdings müsse noch untersucht werden, ob diese durch die Infektion oder beispielsweise die Behandlung verursacht würden. Eine Schädigung des Gehörs durch Infektionskrankheiten wie Meningitis, Masern oder Mumps ist bereits bekannt.

Hörverlust und Tinnitus: Betroffenen fällt häufig gar nicht auf, dass sie an einem Hörverlust leiden. Erst wenn Familie, Freunde oder Kollegen sie darauf ansprechen, dass sie lauter sprechen, häufiger nachfragen oder den Fernseher lauter drehen, wird den Patient*innen bewusst, dass er oder sie schlechter hört.
Ein Tinnitus macht sich hingegen meist deutlich schneller bemerkbar. Dabei handelt es sich um anhaltende – oft störende – Ohrengeräusche, die der Betroffene selbst „produziert“.

Haarausfall

Auch Haarausfall zählt zur Liste möglicher Spätfolgen einer Coronainfektion. Als Auslöser werden sowohl Stress im Zusammenhang mit der Infektion als auch eine Immunreaktion: Wenn der Körper Antikörper gebildet hat, kann starker, gar Strähnen dicker Haarausfall die Folge sein. Laut Jördis Frommhold, Chefärztin der Median-Klinik in Heiligendamm, gebe es bereits den Nachweis, dass nach einer Covid-19-Erkrankung Autoantikörper gegen die Haarwurzeln gebildet werden, was zum typischen Long-Covid-Haarausfall führt, zitiert die „Süddeutsche Zeitung“ eine entsprechende Meldung der Nachrichtenagentur dpa. Haarausfall als weitere Corona-Spätfolge.

Eingeschränkte Lungenfunktion

Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) warnt vor weiteren möglichen Corona-Spätfolgen. Bilder aus dem CT zeigten, dass viele Patienten mehr oder weniger starke Lungenschäden aufwiesen, heißt es. Die Uniklinik Augsburg veröffentlichte dazu im Juli 2020 auch Bilder nach Obduktionen. Die Lungen mancher Corona-Todesoper sahen löchrig wie ein Schwamm aus.

Die Augsburger Ärzte kamen zu dem Schluss, dass diese Schäden nicht durch die Beatmung, sondern am ehesten direkt durch das Virus entstanden waren. Aber was heißt das für die Lebenden?

„Es wird vermutet, dass es Spätfolgen geben kann“, sagt Blum. „Insbesondere im Bereich der Lunge.“ Dabei gehe es nicht allein um Covid-Patienten, die lange Zeit an Beatmungsgeräten lagen. „Da wissen wir, dass es Narben im Bereich der Lunge geben kann.“ Wesentliche Fragen beträfen insbesondere die leichteren Fälle. Menschen, die nicht ins Krankenhaus mussten. „Möglicherweise kann dieses neue Coronavirus auch bei ihnen länger anhaltende oder gar dauerhafte Folgeschäden in der Lunge auslösen“, sagt Blum. Konkret heißt das: Luftnot – vor allem bei Anstrengung.

Veränderte Lungenkapazität

Bereits im März 2020, also zu Beginn der Pandemie, galten bleibende Lungenschäden als Corona-Spätfolge denkbar. Ärzte in den Krankenhäusern der Millionenstadt Hongkong hatten eine Untersuchung mit zwölf bereits geheilten Patienten durchgeführt, wie die „South China Morning Post“  berichtete. Bei zwei bis drei der beobachteten Patienten sei es zu einer Veränderung der Lungenkapazität gekommen, so die Aussage des Direktors des Zentrums für Infektionskrankheiten des Princess Margaret Hospitals in Hongkong, Dr. Owen Tsang Tak-yin. In einer offiziellen Pressekonferenz berichtete er, dass einige Patienten schwerer atmen müssten, wenn sie etwas schneller laufen, und dass es zu einem Abfall der Lungenfunktion von 20 bis 30 Prozent gekommen sei. Lungen-Scans hätten auch ergeben, dass insgesamt neun der zwölf Patienten in Folge des Virus eine Organschädigung erlitten haben.

Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Weiter erklärte der Medizindekan des Uniklinikums Schleswig-Holsteins in Kiel, Prof. Dr. med. Joachim Thiery in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“, man befürchte in langfristiger Hinsicht auch negative Auswirkungen von Covid-19 auf das Herz-Kreislauf-System. Er schließt nicht aus, dass das Virus in der Folge auch Herzkrankheiten, wie beispielsweise einen Herzinfarkt auslösen könne.

Der Annahme, dass das Herz durch das Coronavirus dauerhaft geschädigt werden könnte, schließt sich auch Andreas Zeiher, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, an. „Bei stationären Patienten mit Covid-19 sehen wir einige mit heftigen Troponin-Ausschlägen“, erklärt der Mediziner in der „Süddeutschen Zeitung“. Das gelte als Anzeichen für ein Absterben von Herzmuskelzellen.

Schlaganfälle durch Auswirkungen auf das Nervensystem

Einigkeit in der Wissenschaft scheint auch darüber zu herrschen, dass Covid-19 nicht nur die Lunge befällt, sondern auch Auswirkungen auf das Nervensystem haben kann. So häufen sich Berichte über einen Verlust des Geruchs- und Geschmackssinnes bei Corona-Patienten. Dieser soll zwar bei den meisten Erkrankten nach einigen Wochen wieder zurückkehren, jedoch lege die Erfahrung mit der Influenza-Grippe nahe, dass ein bleibender Verlust der Geruchs- und Geschmacksnerven in Folge einer Infektionskrankheit nicht ganz auszuschließen sei. So zitiert die „Süddeutsche Zeitung“ den Neurologen Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

Auch in China und Italien wurden Krankheitsverläufe beobachtet, die Grund zur Annahme geben, dass Covid-19 das Gehirn angreifen könnte. So hatten einige Corona-Patienten neurologische Symptome, wie Sinnesausfälle, Kopfschmerzen, Schwindel bis hin zu Hirnschlägen und Krämpfen.

Laut Prof. Thiery vom Uniklinikum Schleswig-Holstein müsse man besonders deshalb auch nach einer Corona-Genesung noch wachsam hinsichtlich möglicher Spätfolgen sein. „Die überschießende Entzündung verursacht bei manchen Patienten schwere Schädigungen der inneren Aderhaut, die Mikrogerinnsel auslösen könnten“, erklärt der Medizinprofessor. Daher bestehe unter Umständen auch nach überstandener Covid-19-Erkrankung das Risiko eines Schlaganfalls.

Pims-Syndrom bei Kindern und Jugendlichen

Meist geht das Coronavirus an Kindern Jugendlichen ohne ernsthafte Symptome bzw. Erkrankung vorbei. Doch seit einiger Zeit beobachten Ärzt*innen das – bisher unbekannte – tückische „Pims“-Symdrom (Paediatric Inflammatory Multisystem Syndrome), in dessen Folge es zu Multiorganversagen kommen kann. Pims ähnelt dem Kawasaki-Syndrom – einer systemischen Entzündung in vielen Organen. Laut dem „Spiegel“ wurden in Essen insgesamt 19 Fälle mit der Diagnose behandelt, mehr als in jeder anderen Deutschen Klinik. Kein Kind sei verstorben. Die Erkrankung trete bei etwa jedem tausendsten mit Sars-CoV-2 infizierten Kind auf.

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