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Wirkstoff Semaglutid

Ein Medikament zum Abnehmen? Forscher sprechen von Durchbruch

Hoffnung auf ein Medikament zum Abnehmen
Ein Medikament zum Abnehmen für stark adipöse Menschen? FITBOOK hat sich über Semaglutid informiert.Foto: Getty Images

Wer abnehmen will, der muss seine Kalorienaufnahme reduzieren und Sport treiben. Oder: sich mit dem Wirkstoff Semaglutid behandeln lassen. Das zumindest lassen aktuell Schlagzeilen glauben. Ganz so einfach ist es wohl nicht. Und doch soll das Antidiabetikum – begleitend zu Anpassungen des Lebensstils – auch Nicht-Diabetikern dabei helfen können, relativ schnell und viel abzunehmen. FITBOOK hat Experten um ihre Einschätzung gebeten.

Seit 2018 arbeiten Mediziner zur begleitenden Behandlung einer Diabetes-Typ-2-Erkrankung mit Semaglutid. In der Regel wird das Präparat, das es inzwischen auch in Tabletten geben soll, gespritzt: einmal pro Woche in einer festgelegten Dosis. Mehr Informationen zur Anwendung finden Sie im Arzneimittelverzeichnis „Gelbe Liste“. Demnach gehört das Inkretinmimetikum Semaglutid zur Gruppe der GLP-1-Rezeptoragonisten. Das heißt, es bewegt die Betazellen in der Bauchspeicheldrüse dazu, Insulin freizusetzen, zügelt dadurch den Appetit und die Geschwindigkeit der Magenentleerung. Somit kann die Einnahme des Medikaments Diabetikern beim Abnehmen helfen. Und das geht offenbar auch bei Menschen, die (noch) nicht an der Stoffwechselstörung leiden.

Studie mit Semaglutid als Medikament zum Abnehmen

Verschiedene Studien in den vergangenen Jahren haben Semaglutid zum Einsatz als Medikament zum Abnehmen bei übergewichtigen Menschen (ohne Diabetes-Diagnose) untersucht. Diese bezeichnet „Gelbe Liste“ jedoch als experimentell.

Allerdings erregt eine neuere Studie aus dem „The New England Journal of Medicine“, an der verschiedene europäische Fakultäten beteiligt gewesen sind, aktuell Aufmerksamkeit. Auch die „Pharmazeutische Zeitung (PZ)“ berichtet darüber.

Rund 2000 stark übergewichtige Probanden

Demnach haben an besagter Untersuchung 1961 erwachsene Frauen und Männer teilgenommen – alle mit starkem Übergewicht und einem Body-Mass-Index (BMI) von mindestens 30. Sie wurden per Zufallsprinzip in Gruppen aufgeteilt.

Sämtliche Probanden waren angehalten, Lebensstilveränderungen vorzunehmen – also sich gesünder zu ernähren und mehr zu bewegen. Daneben sollten sie sich einmal pro Woche eine vermeintliche Semaglutid-Spritze setzen. Jedoch enthielt nur bei Gruppe eins das ausgehändigte Mittel tatsächlich 2,4 mg des Wirkstoffs. Gruppe zwei der doppelblinden Studie injizierte sich unwissentlich ein Placebo.

Deutlicher Gewichtsverlust durch Semaglutid

Am Ende des 68-wöchigen Untersuchungszeitraums stellten die Forscher in der Semaglutid-Gruppe mitunter beachtliche Gewichtsverluste fest. Ein Drittel von ihnen soll mehr als 20 Prozent dessen abgenommen haben, was sie zu Beginn der Studie gewogen hatten. Im Schnitt brachte es die Gruppe auf einen Gewichtsverlust von 14,9 Prozent, in etwa 15,3 Kilogramm pro Person.

Bei der Placebo-Gruppe hatte sich nicht so viel getan. Im Schnitt hatten die Probanden jeweils etwa 2,6 Kilogramm abgenommen.

Einschränkend muss man sagen: Ergebnisse aus Studien im Zusammenhang mit Ernährung und Gewichtsmessung sind immer kritisch zu bewerten. Beispielsweise ist es möglich, dass in der Placebo-Gruppe die alten, weniger gesunden Lebensgewohnheiten größtenteils beibehalten wurden. Ebenso könnte es sein, dass sich in der Semaglutid-Gruppe alle Probanden auf ein strenges Programm aus Diät und Sport gesetzt haben; und dass dieses auch ohne Verabreichung eines Medikaments zum Abnehmen Früchte getragen hätte.

Forscher glauben an Durchbruch für die Verbesserung der Gesundheit

Tatsächlich scheinen die Ergebnisse sehr aussagekräftig zu sein – der relativ hohen Teilnehmeranzahl wegen und aufgrund der Verblindung der Abläufe.

Dr. Rachel Batterham, die am University College London als Professorin für u. a. Endokrinologie und Diabetologie forscht und zu den Hauptautoren der aktuellen Studie gehört, ist von den Ergebnis mehr als begeistert. Ihr Team glaube an einen „Durchbruch für die Verbesserung der Gesundheit von Menschen mit Adipositas“.

Semaglutid: ein „Game Changer“

Es sei unter der Behandlung kaum zu Nebenwirkungen gekommen. Laut dem Abstract wurden allenfalls leichtere Beschwerden wie Übelkeit und gelegentlicher Durchfall dokumentiert, die jedoch mit der Zeit nachgelassen haben sollen.

Batterham ist davon überzeugt, dass kein anderes Medikament einen so starken Gewichtsverlust hätte bewirken können wie Semaglutid. Um so viel abzunehmen, wäre normalerweise ein operativer Eingriff (bspw. ein Magenband) nötig. Das Team will es daher bei Semaglutid mit einem „Game Changer“ zu tun zu haben, also einer Therapiemethode, welche die Medizin in diesem Bereich revolutionieren könnte.

Auch interessant: Unbekannte Nebenwirkungen eines Medikaments bemerkt – was soll ich tun?

Nachgefragt bei unabhängigen Ärzten

FITBOOK hat bei Univ-Prof. Norbert Stefan nachgefragt – Internist, Endokrinologe, Diabetologe und Inhaber der Heisenberg Professur für klinisch-experimentelle Diabetologie am Universitätsklinikum Tübingen. Seiner Einschätzung nach ist die Studie „sehr gut durchgeführt“ worden. Und auch von den Ergebnissen ist er angetan. Allerdings: „Die verantwortlichen Forscher sprechen richtigerweise an, dass noch unklar ist, in wieweit ähnliche Ergebnisse in einer diverseren Population erzielt werden könnten.“

Einordnung der Nebenwirkungen

Für uns hat der Experte sich die aufgeführten Nebenwirkungen genauer angesehen. So sei es in seltenen Fällen auch zu einer Gallensteinbildung gekommen – „dies beobachtet man aber generell bei sehr starker Gewichtsreduktion, vor allem im Nachgang an einen adipositaschirurgischen Eingriff“. Die dokumentierten Episoden von Erbrechen und Durchfällen seien insgesamt relativ selten aufgetreten, bestätigt Stefan.

Für wen ist die Behandlung geeignet?

Für Menschen, die sich am einen oder anderen Speckröllchen stören, eigne sich die Behandlung mit Semaglutid als Medikament zum Abnehmen nicht. „Stark adipöse Menschen hingegen, die es bislang nicht geschafft haben, genügend Gewicht abzunehmen, könnten davon profitieren“, so Prof. Stefan. Ebenso sieht er ein mögliches Anwendungsgebiet, wenn eine bariatrische OP (also eine Operation für adipöse Menschen, die auf konservativem Weg keinen Gewichtsverlust erzielen konnten) nicht vorgenommen werden kann bzw. wenn der Patient dies ablehnt.

Für leicht Adipöse sollte das Mittel nur dann zum Einsatz kommen, wenn für sie schwere gesundheitliche Risiken bspw. für das Herz-Kreislauf-System bestehen. Diese seien laut dem Facharzt auch bei Menschen ohne Stoffwechselstörungen nicht automatisch ausgeschlossen.

Wichtig: eine gut geprüfte, ärztliche Verordnung

Für den Fall, dass Semaglutid in Deutschland zur Gewichtsreduktion zugelassen wird, sollte die Therapie nicht ohne eine entsprechende Verordnung erfolgen. Dieser sollte eine genaue Abklärung der Ursachen und Komplikationen der Adipositas vorangestellt werden, „unter Einbeziehung eines erfahrenen Teams von Endokrinologen und Ernährungsmedizinern“, befindet der Experte. In bestimmten Fällen sollten auch Psychologen zurate gezogen werden.

Auch wenn seine Einschätzung überwiegend positiv scheint – der Experte weist darauf hin, dass eine abschließende Beurteilung erst dann möglich sein wird, wenn auch etwaige Langzeiteffekte erforscht sind. Ebenso müsse zur vollständigen Bewertung das Kosten-Effektivitäts-Verhältnis berücksichtigt werden.

Medikament zum Abnehmen – unter den richtigen Voraussetzungen eine „Innovation“

Auch Dr. med. Matthias Riedl, Facharzt für Diabetologie und Ernährungsmedizin aus Hamburg, bezeichnet auf FITBOOK-Nachfrage die Einsatzmöglichkeiten von Semaglutin als extrem vielversprechend.

In Kombination mit einer vernünftigen Ernährungstherapie könnten dank Semaglutid viele Übergewichtige Abnehmerfolge erzielen, so Riedl. Der Diabetologe arbeite in seiner Praxis selbst seit einigen Jahren mit einer ähnlichen Substanz namens Liraglutid. Er sehe darin eine „Innovation“ und echte Chance für Betroffene, „aus der Insulin-Gewichts-Spirale heraus zu kommen, ihren Blutdruck sowie erhöhte Leberfett- und Entzündungswerte zu senken“. Dadurch verringere sich auch das Risiko für Infarkte.

Bitte keinesfalls ohne ärztliche Verordnung vorgehen

Wir erinnern aber noch einmal an die Einschätzung des Tübinger Facharztes, Univ-Prof. Norbert Stefan: Bitte bloß keine Selbsttherapie vornehmen, selbst wenn Sie die Möglichkeit haben sollten, an das vermeintliche Medikament zum Abnehmen heranzukommen. Die Behandlung sollte – wenn überhaupt – unbedingt in enger Absprache mit einem Experten erfolgen.