16. August 2026, 8:03 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Wenn Kinder eingeschult werden, steht meist die Vorfreude auf den neuen Lebensabschnitt im Mittelpunkt. Doch die Daten der Schuleingangsuntersuchungen offenbaren eine Entwicklung, die Fachleute zunehmend beunruhigt: Schon vor dem ersten Schultag kämpfen viele Kinder mit Übergewicht. Woran das liegt und welche Gegenmaßnahmen Experten fordern, zeigt eine aktuelle Auswertung.
In zahlreichen Bundesländern sind die Sommerferien vorbei, für rund 800.000 Erstklässler beginnt nun die Schulzeit. Vor der Einschulung werden Kinder im Alter von fünf bis sieben Jahren auf ihre Schulfähigkeit untersucht. Neben kognitiven und sozialen Fähigkeiten erfassen die Untersuchungen auch Körpergröße und Gewicht.
Eine im Juli im „Journal of Health Monitoring“ veröffentlichte Studie des Robert Koch-Instituts wertete mehr als vier Millionen Datensätze aus bundesweit verpflichtenden Schuleingangsuntersuchungen von Kindern zwischen vier und sieben Jahren aus.1 Für Ursula Felderhoff-Müser, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), ist das Ergebnis eindeutig: „Die Zahlen sind erschreckend“, sagt sie.
Jedes zehnte Vorschulkind ist übergewichtig
Die Untersuchung zeigt, dass über einen Zeitraum von 20 Jahren durchschnittlich etwa jedes zehnte untersuchte Kind übergewichtig war. Rund vier Prozent der Kinder galten als adipös. Während Jungen und Mädchen beim Übergewicht ähnlich häufig betroffen sind, tritt Adipositas bei Jungen etwas häufiger auf.
Mit zunehmendem Alter verschärft sich die Situation: Bei Jugendlichen liegt der Anteil der Übergewichtigen bereits bei nahezu 20 Prozent. Für Felderhoff-Müser ist vor allem fehlende körperliche Aktivität ein Problem. „Kinder bewegen sich nicht mehr, wie sie sollen.“ Nach Erhebungen erreichen weniger als 15 Prozent der Grundschulkinder die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), sich täglich mindestens eine Stunde zu bewegen. Nach Ansicht der Kinderärztin könnten Kitas und Schulen hier stärker gegensteuern, beispielsweise durch engere Kooperationen mit Sportvereinen. Denn: „Kinder bewegten sich gerne, oft fehlten ihnen die Angebote“, sagt Felderhoff-Müser.
Auch der Kinderarzt und Sprecher des Bundesverbands Kinder- und Jugendärzte, Jakob Maske, sieht die Corona-Pandemie als wichtigen Faktor. „Adipositas ist mehrschichtig“, sagt er. Während der Pandemie hätten vielen Kindern Bewegungsmöglichkeiten in Schule und Freizeit gefehlt. Zudem sei das Schulessen für manche Kinder eine der wenigen regelmäßigen gesunden Mahlzeiten gewesen. Gleichzeitig habe die Zeit vor Bildschirmen deutlich zugenommen.
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Übergewicht-Prävention bereits in der Kita
Bei den Vorsorgeuntersuchungen werde regelmäßig geprüft, wie sich Größe und Gewicht der Kinder entwickeln, erklärt Maske. „Bei jeder Vorsorgeuntersuchung schauen wir uns bei den Kindern das Verhältnis von Größe zu Gewicht an“, sagt er. Dabei zeige sich häufig, dass der sogenannte Body-Mass-Index (BMI) bei betroffenen Kindern bereits vor dem Schuleintritt stark ansteige. Deshalb fordert der Kinderarzt mehr Aufklärung über gesunde Ernährung und Getränke schon im Kita-Alter. Darüber hinaus spricht er sich für ein eigenes Schulfach aus: „Gesundheitskompetenz“.
Besonders kritisch bewertet Maske stark gesüßte Getränke wie Limonaden oder Eistee. Diese seien preiswert, kalorienreich und würden von Kindern oft in großen Mengen konsumiert. Deshalb hält er eine Zuckersteuer für sinnvoll. Auch Getränke mit Süßstoffen seien aus seiner Sicht keine geeignete Lösung. „Wir dürfen die Zunge gar nicht erst an süße Sachen gewöhnen“, so Maske. Grundsätzlich komme es auf das richtige Maß an. Süßigkeiten müssten nicht komplett verboten werden. Wichtig sei vielmehr, dass Kinder Geschmack an gesunden Lebensmitteln entwickeln.
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Schulessen als möglicher Hebel
Nach Ansicht Maskes liegt großes Potenzial in der Schulverpflegung. „Wir müssen uns überlegen, was wir bereit sind, hier zu investieren“, sagt er. Frisches Obst und Gemüse verursachten höhere Kosten, könnten aber einen wichtigen Beitrag zu einer ausgewogenen Ernährung leisten. Auch der Verband deutscher Schul- und Kita-Caterer sieht in der Verpflegungseinrichtung einen wichtigen Baustein der Gesundheitsförderung. „Wir verstehen Schul- und Kitaverpflegung als Teil einer umfassenden Gesundheitsförderung“, sagt der Verbandsvorsitzende Ralf Blauert.
Die Catering-Unternehmen orientierten sich nach eigenen Angaben an den Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. „Als Verband setzen wir uns dafür ein, dass diese Qualitätsstandards bundesweit verbindlich werden“, erklärt Blauert. Der Verband spricht sich zudem für eine kostenfreie Verpflegung aller Kinder in Kitas und Schulen aus. Zur Begründung verweist er auf eine kalifornische Studie aus dem Jahr 2024, nach der kostenlose Schulmahlzeiten mit einer geringeren Neigung zu Übergewicht verbunden seien.
Langfristige gesundheitliche Folgen
Übergewicht und Adipositas können weitreichende Auswirkungen haben. Sie erhöhen das Risiko für chronische Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck und belasten langfristig auch das Gesundheitssystem.
Gleichzeitig warnt Maske davor, jede Form von starkem Übergewicht ausschließlich auf Ernährungsgewohnheiten zurückzuführen. „Wir schauen daher bei übergewichtigen Kindern auch, ob etwa eine Unterfunktion der Schilddrüse oder eine Fettstoffwechselstörung vorliegt.“ Medizinische Ursachen müssten bei betroffenen Kindern ebenfalls berücksichtigt werden.