12. August 2026, 14:09 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Der BMI wird seit Jahrzehnten genutzt, um Übergewicht und Adipositas zu bestimmen. Doch er verrät nicht, wo sich das Körperfett befindet. Eine große Studie deutet nun darauf hin, dass genau das für die Gesundheit entscheidend sein könnte. Die Ergebnisse zeigen, dass manche Menschen trotz normalem BMI ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben können. FITBOOK-Redakteur Isa Kabakci hat hierzu auch bei Prof. Dr. Ulf Landmesser, Direktor der Kardiologie am Deutschen Herzzentrum der Charité in Berlin, nachgefragt.
Umfang ist wichtiger als der BMI
Der wichtigste Befund: Ein erhöhter Bauchumfang oder ein ungünstiges Taille-Hüft-Verhältnis (wenn im Verhältnis zur Hüfte besonders viel Fett im Bauchbereich gespeichert ist) gingen häufig mit einem deutlich höheren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einen vorzeitigen Tod einher, selbst wenn die betroffenen Personen laut BMI als normalgewichtig galten. Die Fettverteilung lieferte damit zusätzliche Informationen, die der BMI allein nicht erfassen konnte. Die Ergebnisse wurden im Fachblatt „JACC“ veröffentlicht.
Auch aus kardiologischer Sicht ist vor allem die Fettverteilung entscheidend. Prof. Dr. Ulf Landmesser erklärt: „Erhöhte WC oder WHR sind auch bei noch normalem BMI mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko verbunden – was auf die Bedeutung des abdominalen Fettgewebes dafür hinweist.“ WC (Waist Circumference) bezeichnet dabei den Taillenumfang, WHR (Waist-to-Hip Ratio) das Taille-Hüft-Verhältnis.
So wurde die Studie durchgeführt
Für die Untersuchung wertete ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Johns Hopkins University Daten von 259.388 Erwachsenen aus 15 langfristigen Beobachtungsstudien aus.1 Die Teilnehmer wurden im Median rund 20 Jahre lang begleitet. Ziel war es herauszufinden, ob Bauchumfang und Taille-Hüft-Verhältnis das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Sterblichkeit besser einschätzen können als der BMI allein.
Dabei betrachteten die Wissenschaftler verschiedene gesundheitliche Ereignisse, darunter Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern sowie die Herz-Kreislauf- und Gesamtsterblichkeit.
Fettverteilung liefert wichtige Informationen
Die Analyse zeigte, dass BMI und Fettverteilung häufig nicht übereinstimmen. So hatten fünf Prozent der Personen mit Normalgewicht einen erhöhten Bauchumfang und sogar 18 Prozent ein erhöhtes Taille-Hüft-Verhältnis. Umgekehrt wiesen manche Menschen mit Adipositas vergleichsweise günstige Werte bei diesen Messgrößen auf.
Bei Personen mit Normalgewicht oder Übergewicht war ein erhöhter Bauchumfang oder ein erhöhtes Taille-Hüft-Verhältnis meist mit einem um 15 bis 50 Prozent höheren Risiko für die untersuchten Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die Sterblichkeit verbunden.
Besonders wichtig: Menschen mit Adipositas unterschieden sich je nach Fettverteilung deutlich in ihrem Risiko. Wer trotz erhöhtem BMI weniger Bauchfett hatte, schnitt häufig günstiger ab als Personen mit vergleichbarem BMI und ausgeprägter zentraler Fettansammlung. Vor allem bei Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern zeigte sich ein großer Anteil des Risikos, der mit einem erhöhten Bauchumfang zusammenhing.
Auch bei Frauen spielte die Fettverteilung eine wichtige Rolle. Zwar war das Risiko bei adipösen Frauen mit niedrigem Taille-Hüft-Verhältnis geringer als bei adipösen Frauen mit ungünstigen Werten, dennoch lag es weiterhin über dem von normalgewichtigen Frauen.
Eine mögliche Erklärung dafür liegt in der Wirkung des Bauchfetts. Prof. Landmesser sagt: „Man vermutet, dass Bauchfett entzündungsfördernd sein kann – und dies wiederum das Herz-Kreislauf-Risiko erhöhen kann.“
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Einordnung der Studienautoren
Die Ergebnisse stützen die Annahme, dass die Verteilung des Körperfetts für die Herzgesundheit wichtiger sein könnte als das Körpergewicht allein. „Es zeigt sich, dass Taillenumfang und Taille-Hüft-Verhältnis die Risikoeinstufung anhand der traditionellen BMI-Grenzwerte neu einordnen können“, sagte Studienautor Michael J. Blaha in einer Pressemitteilung.2 Besonders auffällig sei gewesen, dass selbst Menschen mit normalem BMI ein erhöhtes Risiko hatten, wenn sich vermehrt Fett im Bauchbereich ansammelte.
Auch die Erstautorin Zeina A. Dardari betont die Bedeutung der Ergebnisse: „Sich allein auf den BMI zu verlassen, kann zu einer Fehleinschätzung des Herz-Kreislauf-Risikos führen.“ Ärzte sollten deshalb die Fettverteilung über das gesamte BMI-Spektrum hinweg berücksichtigen.
Der Kardiologe Harlan Krumholz, Chefredakteur des Fachjournals „JACC“, zieht dennoch ein deutliches Fazit: „Es ist an der Zeit, den alleinigen Fokus auf den Body-Mass-Index aufzugeben.“ Die Studie zeige überzeugend, dass Bauchumfang und Taille-Hüft-Verhältnis wichtige zusätzliche Informationen zum Herz-Kreislauf-Risiko liefern. „Wo sich das Fett im Körper befindet, spielt eine Rolle.“
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Stärken und Schwächen der Studie
Zu den Stärken der Studie zählen die große Teilnehmerzahl und die lange Nachbeobachtungszeit. Dennoch gibt es einige Einschränkungen: So lagen keine Daten zur körperlichen Aktivität, zur Ernährung oder zum genetischen Adipositasrisiko vor. Diese Faktoren könnten die Ergebnisse beeinflusst haben. Zudem wurden Bauchumfang und Taille-Hüft-Verhältnis nur einmal zu Beginn der Studie erfasst. Veränderungen der Fettverteilung im Laufe der Zeit konnten daher nicht berücksichtigt werden.
Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, lassen sich außerdem Zusammenhänge erkennen, aber keine direkten Ursache-Wirkungs-Beziehungen nachweisen.
Für Menschen mit erhöhten Werten nennt Prof. Landmesser drei wichtige Ansatzpunkte: „Bewegung – körperliches Training, gesunde Ernährung und Kenntnis aller Herz-Kreislauf-Risikofaktoren.“
Das zeigen frühere Studien zum Thema
Für die Bedeutung der Fettverteilung spricht eine Auswertung aus dem Jahr 2023.3 Ein kanadisches Forschungsteam verglich bei 387.672 Teilnehmern der britischen UK Biobank BMI, Fettmasse-Index und Taille-Hüft-Verhältnis. Das Taille-Hüft-Verhältnis zeigte den stärksten und gleichmäßigsten Zusammenhang mit der Sterblichkeit. Beim BMI stieg das Risiko J-förmig an – sehr niedrige und sehr hohe Werte waren ungünstig –, beim Taille-Hüft-Verhältnis dagegen geradlinig. Zusätzlich prüften die Forscher ihre Ergebnisse mit einem genetischen Verfahren, das Ursache und Wirkung besser trennen kann als reine Beobachtung. Auch das stützte den Zusammenhang.
Es gibt allerdings gegenteilige Befunde. Bereits 2011 werteten Forscher Daten aus 58 Langzeitstudien mit rund 222.000 Menschen aus.4 Auch dort ging vermehrtes Bauchfett zunächst mit einem höheren Risiko einher. Sobald die Forscher aber zusätzlich Blutdruck, Diabetes-Vorgeschichte und Cholesterinwerte berücksichtigten, schrumpfte der Zusammenhang deutlich zusammen. Das Fazit der im Fachblatt „The Lancet“ erschienenen Analyse: Keines der drei Körpermaße verbessert die Risikovorhersage nennenswert, wenn diese klassischen Werte ohnehin vorliegen.
Der Widerspruch ist kleiner, als er wirkt. Umstritten ist nicht, dass Bauchfett mit einem höheren Risiko einhergeht – sondern wie viel zusätzliche Information das Maßband liefert, wenn Blutwerte und Blutdruck bereits vorliegen. Wo das nicht der Fall ist, bleibt der Bauchumfang ein Hinweis, den man ohne Labor und ohne Termin bekommt.