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Zum Schutz vor Insulinresistenz

Chefarzt und Longevity-Experte: „Nach diesen 7 Regeln lebe ich seit 20 Jahren“

Prof. Dr. med. Thomas Kälicke
Die gesunde Lebensspanne verlängern – aber wie? Ein- bis zweimal pro Woche „außer Atem kommen“ ist eine von insgesamt sieben Regeln, an die sich der Mediziner Autor Prof. Dr. med. Thomas Kälicke schon sehr lange hält. Foto: privat
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Prof. Dr. med. Thomas Kälicke
Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie

1. Februar 2026, 8:22 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten

Der Chefarzt für Orthopädie und Unfallchirurgie an den GFO Kliniken Bonn, Longevity-Experte und Autor des Bestsellers „LNGVTY“, Prof. Dr. med. Thomas Kälicke, hält Insulinresistenz für den „stillen Killer“ unserer Zeit und unterschätzten Brandbeschleuniger des Alterns. Er selbst lebt deshalb seit 20 Jahren nach sieben festen metabolischen Regeln für bessere Blutzuckerwerte. Hier verrät er sie.

Warum Insulinresistenz ein gesellschaftliches Problem ist

Diabetes mellitus und Prädiabetes gehören zu den größten Volkskrankheiten unserer Zeit. Doch das eigentliche Problem beginnt deutlich früher: bei der Insulinresistenz. Sie entwickelt sich schleichend, verursacht lange keine klaren Symptome und bleibt häufig über viele Jahre oder sogar Jahrzehnte unerkannt. In dieser Phase laufen im Körper bereits Prozesse ab, die der Ausgangspunkt für zahlreiche Erkrankungen sind und die Alterung im Allgemeinen massiv beschleunigen.

Dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte führen dabei im Wesentlichen zu zwei zentralen Problemen. Zum einen fördern sie chronische, niedriggradige Entzündungen – ein Phänomen, das als Inflammaging bezeichnet wird und als wesentlicher Treiber altersassoziierter Erkrankungen gilt. Zum anderen kommt es vermehrt zur Glykation, also zur Bindung von Glukose an körpereigene Proteine.

Dabei entstehen sogenannte Advanced Glycation Endproducts (AGEs), die die Struktur und Funktion von Proteinen verändern. Besonders betroffen ist Kollagen, das vor allem in Gefäßen, Sehnen, Knochen und der Haut, aber auch in vielen weiteren Geweben eine zentrale Rolle spielt. Da Kollagen maßgeblich für Elastizität, Stabilität und Belastbarkeit verantwortlich ist, erklärt sich, warum Stoffwechselstörungen so eng mit vorzeitigem Altern und strukturellen Schäden im Körper verknüpft sind.

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Was Insulin eigentlich leisten soll – und warum das System kippt

Kohlenhydrate liefern schnelle Energie. Nach ihrer Aufnahme steigt der Blutzuckerspiegel, woraufhin die Bauchspeicheldrüse Insulin ausschüttet. Dieses Hormon wirkt wie ein Schlüssel: Es öffnet die Zellen, damit Glukose aus dem Blut in unsere Zellen aufgenommen werden kann.

Solange dieses System flexibel funktioniert, ist alles im Lot. Überschüssige Glukose wird als Glykogen in Leber und Muskulatur gespeichert – etwa 1.500 bis 2.000 Kilokalorien. Das reicht für rund zwei Stunden intensiver körperlicher Belastung.

Problematisch wird es, wenn ständig Kohlenhydrate zugeführt werden, kaum Bewegung erfolgt, Insulin dauerhaft erhöht bleibt, die Glykogenspeicher chronisch überfüllt sind und überschüssige Kohlenhydrate immer wieder in entzündungsförderndes Fett umgewandelt werden müssen. In der Folge reagieren die Zellen zunehmend schlechter auf Insulin. Der Zucker verbleibt immer länger im Blut, der Insulinspiegel steigt weiter an – ein Teufelskreis mit dem Namen Insulinresistenz entsteht.

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Insulinresistenz erkennen: der HbA1c-Wert

Ein wichtiger Marker für die metabolische Gesundheit ist der HbA1c-Wert (HbA1c steht für Hämoglobin A1c). Dieser Wert zeigt an, wie stark Hämoglobin im Blut in den vergangenen Wochen verzuckert war – und dient damit als verlässlicher Indikator dafür, ob Glukose über längere Zeit im Gefäßsystem verweilt hat und auch andere Eiweiße im Körper vermehrt von Glykationsprozessen betroffen sein können. Werte unter 5,4 Prozent gelten als metabolisch gesund. Ein Bereich zwischen 5,7 und 6,4 Prozent spricht für Prädiabetes, ab 6,5 Prozent liegt ein Diabetes mellitus vor.

Viele Menschen bewegen sich bereits im Grenzbereich, ohne es zu wissen. In dieser Phase verweilt Glukose zunehmend länger im Gefäßsystem, was chronische Entzündungen begünstigt und die AGE-Bildung in unerwünschte Höhen treibt – lange bevor eine manifeste Erkrankung diagnostiziert wird.

Warum Medikamente keinen Lebensstil ersetzen

In der klassischen Medizin folgt auf erhöhte Blutzuckerwerte häufig rasch eine medikamentöse Therapie. Diese kann im Einzelfall sinnvoll und notwendig sein. Insulinresistenz ist jedoch in den meisten Fällen eine Folge unseres Lebensstils und muss daher nicht primär medikamentös behandelt werden.

Der entscheidende Ansatzpunkt liegt vielmehr in der Wiederherstellung der metabolischen Flexibilität – also der Fähigkeit des Körpers, Glukose effizient aufzunehmen, zu verwerten und zwischen Energieangebot und -verbrauch zu balancieren. Genau diese Prozesse lassen sich durch gezielte Veränderungen im Alltag häufig nachhaltiger beeinflussen als durch Medikamente allein.

Entscheidend ist dabei nicht nur, was wir essen, sondern auch, wann, wie oft und was wir rund um die Nahrungsaufnahme tun. Genau hier setzt der folgende Plan an.

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1. Nur zwei bis drei Mahlzeiten pro Tag

Der Körper benötigt Phasen ohne Nahrungszufuhr, um den Insulinspiegel wieder senken zu können. Dauerhaftes Essen hält den Stoffwechsel im Ausnahmezustand.

Tagsüber dominiert der Energiestoffwechsel – hier dürfen Kohlenhydrate ihren Platz haben. Abends beginnt der Baustoffwechsel: Regeneration, Reparatur sowie Muskel- und Gewebeaufbau. In dieser Phase sind Proteine wichtiger als Zucker.

Unabhängig vom Zeitpunkt der Mahlzeiten sollte zudem darauf geachtet werden, vorzugsweise mehrfachverzweigte, komplexe Kohlenhydrate zu verzehren, die den Blutzucker langsamer und gleichmäßiger ansteigen lassen. Hochverarbeitete Lebensmittel mit einem hohen Anteil schnell verfügbarer Zucker führen dagegen zu raschen Blutzuckerspitzen und einer ausgeprägten Insulinantwort und sollten möglichst vermieden werden.

Eine Mahlzeitenzusammensetzung mit ausreichend Proteinen und gesunden Fetten kann den Blutzuckeranstieg zusätzlich abflachen und so zu einer stabileren metabolischen Situation beitragen.

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2. Kein Snacken zwischen den Mahlzeiten

Jede Mahlzeit führt zu einer Insulinausschüttung. Wer ständig snackt, verhindert die notwendige Erholung des Systems.

Zucker und Insulin sollten sich nur so kurz wie möglich im Gefäßsystem aufhalten. Häufiges Snacken sorgt dafür, dass beide dauerhaft erhöht bleiben – mit negativen Folgen für Gefäße, Organe und Zellen.

3. Küche schließt drei Stunden vor dem Schlafengehen

Späte, kohlenhydratreiche Mahlzeiten erhöhen das Risiko für Insulinresistenz erheblich. Der Körper benötigt nachts kaum schnelle Energie, sondern Ruhe und Regeneration.

Zudem hemmt spätes Essen die Autophagie, den zellulären „Frühjahrsputz“, der vor allem nachts abläuft. Wer früher isst, schläft häufig ruhiger – und unterstützt die metabolische Erholung.

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4. Nach dem Essen bewegen – mindestens 10 bis 20 Minuten

Bewegung nach dem Essen wirkt wie ein natürlicher Blutzuckersenker. Muskelarbeit erhöht die Glukoseaufnahme unabhängig von Insulin und trainiert die Insulinsensitivität der Zellen.

Ein Spaziergang reicht aus. Entscheidend ist, nicht direkt zu sitzen oder zu schlafen.

5. Ein- bis zweimal pro Woche „außer Atem kommen“

Intensive Belastungen – etwa Sprints oder kurze, hochintensive Intervalle – setzen den Botenstoff LAC-Phe frei. Dieser dämpft nachweislich den Appetit und soll zugleich die Insulinsensitivität verbessern.

Dabei geht es nicht um Sprinttraining im engeren Sinne, sondern um das gezielte Erreichen sehr hoher Belastungsintensitäten, bei denen der Körper kurzfristig stark gefordert wird. Für diese Form der Belastung ist nur wenig Zeit erforderlich; sie ist naturgemäß anstrengend, geht aber offensichtlich mit ausgeprägten metabolischen Anpassungen einher.

6. Ein Fastentag pro Woche

Ein regelmäßiger Fastentag senkt die basalen Insulinspiegel, reduziert die Gesamtkalorienmenge, aktiviert die Autophagie und wirkt regulierend auf Stresshormone wie Cortisol.

Für viele eignet sich ein ruhiger Arbeitstag oder das Wochenende. Entscheidend ist die Regelmäßigkeit, nicht Perfektion.

7. Sport bevorzugt am Morgen

Morgendlicher Sport leert die Glykogenspeicher. Dadurch entsteht tagsüber metabolischer Spielraum für Kohlenhydrate, ohne dass der Stoffwechsel entgleist.

Abendlicher Sport kann dagegen den Hunger verstärken und den Schlaf beeinträchtigen – beides ungünstig für eine stabile Blutzuckerregulation.

Prof. Dr. med. Thomas Kälicke
Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie

Persönliche Erfahrung – warum dieser Plan funktioniert

„Ich als Autor dieses Konzepts lebe diesen Plan seit über 20 Jahren. Täglicher Sport am Morgen, eine klare Mahlzeitenstruktur, kein Snacken zwischen den Mahlzeiten und ein proteinbetontes Abendessen prägen meinen Alltag. Durch ein hohes Maß an täglicher körperlicher Aktivität und ein konsequentes Trainingsprogramm kann ich eine vergleichsweise große Nahrungsmenge konsumieren, ohne dass es zu Gewichtszunahme oder metabolischen Entgleisungen kommt. Über die letzten 20 Jahre hinweg blieb auch mein Körpergewicht konstant im Bereich von 84 bis 85 Kilogramm. Eine Ausnahme bestätigt die Regel: Während einer Phase mit ausgeprägtem Schlafmangel und dauerhaft erhöhtem Cortisolspiegel zeigte sich eine metabolische Verschiebung in Richtung Prädiabetes. Mit der Rückkehr zu ausreichend Schlaf, strukturierter Ernährung und regelmäßiger Bewegung normalisierten sich meine Werte wieder. Diese Beobachtungen zeigen, wie stark Stoffwechselgesundheit vom Zusammenspiel aus Ernährung, Bewegung, Schlaf und Struktur abhängt. Mein Fazit: Kleine Regeln, große Wirkung.“

Wer die Spielregeln beachtet, verlängert seine gesunde Lebensspanne

Insulinresistenz ist weder unvermeidlich noch ein Schicksal. Unter physiologischen Bedingungen muss sie eigentlich gar nicht entstehen und ist in vielen Fällen vermeidbar. Selbst wenn sie bereits besteht oder sich ein Prädiabetes beziehungsweise ein altersassoziierter Diabetes mellitus entwickelt hat, lässt sich der Stoffwechsel durch gezielte Veränderungen des Lebensstils in der Regel ohne medikamentöse Therapie wieder stabilisieren.

Wer die grundlegenden Spielregeln beachtet, schützt nicht nur seinen Blutzucker, sondern auch Gefäße, Knochen, Sehnen, Muskeln und das Gehirn – und verlängert damit seine gesunde Lebensspanne. Der vorgestellte 7-Punkte-Plan bietet hierfür eine klare Orientierung und setzt genau an den Mechanismen an, die Insulinresistenz entstehen lassen oder aufrechterhalten.

Der stille Killer verliert seine Macht – durch Wissen, Bewegung und Struktur.

Über den Autor: Prof. Dr. med. Thomas Kälicke ist Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie mit zusätzlichen Qualifikationen in spezieller Unfallchirurgie, Handchirurgie und Physikalischer Therapie. Anfang 2011 wurde er im Alter von 38 Jahren Chefarzt an den GFO Kliniken Bonn. Seit 2025 ist er zudem Chefarzt der Allgemeinchirurgie am CURA Krankenhaus in Bad Honnef. Neben seiner klinischen Tätigkeit berät und begleitet er seit vielen Jahren Menschen, die ihren Lebensstil verändern und langfristig gesund bleiben möchten. Als gefragter Redner vermittelt er wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zur Longevity verständlich und praxisnah.

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