20. Januar 2026, 16:06 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Zwei Menschen wiegen gleich viel. Einer entwickelt Diabetes, Bluthochdruck und eine Fettleber, der andere bleibt gesund. Der Unterschied liegt nicht auf der Waage – sondern unter anderem auch darin, wo der Körper Fett speichert, erklärt der Endokrinologe Prof. Dr. Norbert Stefan im Gespräch mit FITBOOK. Es geht um die Apfel- und Birnenform der Menschen.
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„Entscheidend ist nicht das Gewicht, sondern wo der Körper Fett speichert“
Zwei Menschen wiegen gleich viel. Der eine entwickelt Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes oder eine Fettleber, der andere bleibt metabolisch gesund. Der Unterschied liegt nicht auf der Waage, sondern darin, wo der Körper Fett speichert. „Entscheidend ist nicht das Gewicht, sondern wo der Körper Fett speichert“, sagt der Endokrinologe Prof. Dr. Norbert Stefan, der an der Uni Tübingen seit Jahren zur Bedeutung der Fettverteilung forscht, zu FITBOOK.
Nicht jedes Fett ist gleich: Welche Fettzellen was im Körper tun
Fett ist kein einheitliches Gewebe: Im menschlichen Körper existieren zwei, genauer genommen drei verschiedene Arten von Fettzellen: Während braunes Fett vor allem Energie verbrennt und kaum Einfluss auf die Körperform hat, entscheidet die Verteilung des weißen Fettgewebes maßgeblich über Krankheitsrisiken – und darüber, ob wir eher Typ Apfel oder Typ Birne sind. Die beigefarbenen Fettzellen, eine Art Hybrid aus weiß und braun, liegen als eingestreute Zellen im weißen Unterhautfettgewebe und tendieren – je nach Reiz (etwa Kältereiz) – eher zum einen oder anderen Programm.
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Weiße Fettzellen speichern Nahrungsenergie – auch überschüssige. Außerdem bilden sie „eine Wärmeisolationsschicht und bieten mechanischen Schutz, der wichtig ist, um Infektionen und Verletzungen zu widerstehen“, so der Stoffwechselexperte. Weiterhin haben weiße Fettzellen eine wichtige Rolle im Rahmen der Hormonproduktion.
Weißes Fett: lebenswichtig – aber nicht überall harmlos
Aber: Weiße Fettzellen (Fachbegriff: Adipozyten) können – je nachdem, wo im Körper sie sitzen – entzündungsfördernde Stoffe absondern, die direkt in Stoffwechselprozesse eingreifen. Diese Stoffe wiederum wirken auf den Glukose- und Fettstoffwechsel, auf die Insulinsensitivität, den Blutdruck, das Hunger- und Sättigungsgefühl und Entzündungsprozesse. Jedoch: Weißes Fett ist nicht per se gesundheitsschädlich. Es kommt darauf an, wo es sich festsetzt.
„Hier geht es um die Apfel- und Birnenform der Menschen“
Studien zeigen: Weißes Fett wird dann bevorzugt im Bauchraum gespeichert, wenn andere, „gute“ Speicher (z. B. Beine, Hüften) nicht ausreichend zur Verfügung stehen oder ihre Speicherfähigkeit verlieren. Diese Verlagerung zum viszeralen Fett ist ein Hauptmechanismus für die Entwicklung von Stoffwechselerkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.1 Stefan: „Hier geht es um die Apfel- und Birnenform der Menschen.“
Viel besser wirkt das weiße Fett nämlich in anderen Körperregionen: An Hüften und Oberschenkeln – Wissenschaftler sprechen hier von der Gluteofemoralregion – man kann auch Unterkörper sagen (oder eben die „Birnenform“ bemühen) –, wirkt es stoffwechselneutral oder sogar schützend, im Gegensatz zu viszeralem Fett (innerem Bauchfett) oder Unterhautfettgewebe im oberen Bauchbereich.
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Warum Fett an Po und Beinen hilft
Das Fett in der Birnenregion dient als sicheres, langfristiges Speicherdepot für überschüssige Energie. Dieses Fett wirkt offenbar als Puffer, der überschüssige Fette bindet, bevor sie sich in Organen wie der Leber ablagern können. Es ist weniger hormonell aktiv als viszerales Fett, bildet weniger entzündliche Botenstoffe und lässt freie Fettsäuren weniger leicht ins Blut entweichen als Bauchfett.
Das heißt: Wer mehr Fett an Po und Beinen speichern kann, hat eine Art Puffer gegen schädliche Fettverlagerungen im Körper. Doch wovon hängt die individuelle Fettverteilung ab?
Wovon die individuelle Fettverteilung abhängt
Tatsächlich hängt die Fähigkeit, Fett im Unterkörper (Po, Oberschenkel) zu speichern, stark von den Genen ab. Auch der Östrogenspiegel greift in diese Fähigkeit ein: Nach der Menopause verlagert sich das Fett aufgrund eines niedrigeren Östrogenspiegels mehr in Richtung Bauch – und das Krankheitsrisiko steigt. Zuletzt hängt die Fähigkeit zur Speicherung weißer Fettzellen in der „Birnenregion“ auch mit dem Alter zusammen: Besonders bei jüngeren Frauen ist die Fettverteilung in Richtung Unterkörper hormonell begünstigt und gilt als Grund für das niedrigere kardiometabolische Risiko im Vergleich zu Männern.
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„Gesunde adipöse und schlanke Kranke“
Menschen mit viel Unterkörperfett haben niedrigere Werte bei Blutzucker, Triglyzeriden und Entzündungsmarkern, erklärt Stefan. Sie entwickeln seltener Typ-2-Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen – selbst bei vergleichbarem Körpergewicht. Letzteres bezeichnet der Stoffwechselexperte als essenziellen Aspekt seiner langjährigen Forschung: Die extremsten Beispiele unterschiedlicher Fettverteilung (Apfel, Birne) sowie deren Risiko für Erkrankungen seien „gesunde adipöse und schlanke Kranke“.
Selbst das belegte Wissen um das verringerte Risiko für kardiometabolische Erkrankungen und Gesamtmortalität eines BMI im Normalbereich trifft laut dem Experten nicht auf alle Normalgewichtigen zu. Zentrales Ergebnis einer Studie, die Stefan selbst leitete: Ein sehr niedriger Anteil an Fett im Beinbereich – insbesondere am Oberschenkel – war bei den metabolisch ungesunden Normalgewichtigen stark verbreitet. Stark verkürzt: wenig Unterkörperfett, erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.2
Das untermauert noch einmal: Für bestimmte Gesundheitsrisiken liegt der Unterschied nicht auf der Waage, sondern darin, wo der Körper Fett speichert.
Was man realistisch beeinflussen kann – und was nicht
Es gibt genetische Veranlagungen, die bestimmen, wie und wo man Fett speichert. Manche Menschen sind genetisch weniger in der Lage, Unterkörperfett zu bilden. Diese Menschen haben häufiger funktionelle Einschränkungen der Fett-Speicherfähigkeit. Und zwar auch dann, wenn sie schlank sind.
Doch wie kann man eine gesunde Fettverteilung (ohne Medikamente) fördern? Gibt es etwas, womit man das konkret beeinflussen kann? Ein Mittel gegen ungesunde Fetteinlagerungen in Leber und Organen (bzw. dessen Reduzierung): fit sein, etwa durch Ausdauertraining. Besonders bei Normalgewichtigen mit metabolischen Problemen sei Bewegung entscheidend, auch wenn äußerlich keine „Gewichtsprobleme“ sichtbar sind.
Gegen die ungesunde Umverteilung hin zu Bauch- und Leberfett helfen überdies eine zuckerarme Ernährung (v. a. wenig Fruktose), die Reduktion gesättigter Fette sowie eine Vermeidung von starkem Kalorienüberschuss.