21. September 2026, 13:44 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Inzwischen kommen GLP-1-Rezeptoragonisten als sogenannte Abnehmspritzen auch bei Menschen mit Übergewicht ohne Stoffwechselerkrankung zum Einsatz – ursprünglich wurden sie aber bekanntlich zur Behandlung von Diabetes entwickelt. Eine neue Studie aus Deutschland zeigt nun einen womöglich ungewünschten Effekt der Mittel. Demnach haben Diabetiker, die mit einem GLP-1-Medikament behandelt wurden, auch stärker an Skelettmuskelvolumen verloren als vergleichbare Menschen ohne die Behandlung. Die Ergebnisse sind allerdings noch vorläufig.
Wie GLP-1-Rezeptoragonisten das Abnehmen unterstützen
GLP-1-Rezeptoragonisten ahmen die Wirkung des körpereigenen Hormons GLP-1 nach. Dieses Darmhormon wird unter anderem nach dem Essen ausgeschüttet und beeinflusst die Insulinausschüttung sowie das Sättigungsgefühl. Die Medikamente werden deshalb zur Behandlung von Diabetes eingesetzt und sie können zugleich die Gewichtsabnahme unterstützen. Zu der Wirkstoffgruppe gehören auch umgangssprachlich als Abnehmspritzen bezeichnete Medikamente.
Verlust von Muskelmasse durch Abnehmspritze?
Nun ist es beim Abnehmen so, dass verlorene Kilos auch aus Muskelmasse bestehen können, wenn man dem nicht gezielt entgegenwirkt. Eine Möglichkeit, Fett abzubauen und dabei möglichst viel Muskelmasse zu erhalten, kann die Kombination aus Intervallfasten und gezieltem Training sein.1 Doch wie verhält es sich, wenn man unter Einsatz der Abnehmspritze Gewicht verliert?
Die Autoren der vorliegenden Untersuchung wollten herausfinden, ob der Gewichtsverlust nach Beginn einer solchen Behandlung möglicherweise mit einem stärkeren Verlust von Skelettmuskulatur verbunden ist.2 Die Skelettmuskulatur besteht aus rund 600 einzelnen Muskeln. Diese sind über Sehnen mit den Knochen verbunden und ermöglichen unter anderem Bewegung und eine stabile Körperhaltung.
Man sollte bereits an dieser Stelle erwähnen, dass die Untersuchung bislang nur auf einem Preprint-Server veröffentlicht wurde. Eine Sichtung durch unabhängige Experten steht noch aus.
Details zur Untersuchung
Für die Untersuchung nutzten die Forscher Daten aus der NAKO-Gesundheitsstudie.3 NAKO steht für Nationale Kohorte, es handelt sich um die größte epidemiologische Langzeit-Bevölkerungsstudie Deutschlands.
Die Forscher werteten die Daten von 58 Erwachsenen mit Diabetes aus, die zwischen zwei Ganzkörper-MRT-Untersuchungen mit einem GLP-1-Rezeptoragonisten begonnen hatten. Der Abstand zwischen den beiden Untersuchungen betrug 4,6 Jahre. Zum Vergleich dienten 130 Personen, die ebenfalls an Diabetes erkrankt waren, jedoch nie ein GLP-1-Medikament erhalten hatten. Die Vergleichsprobanden ordneten die Forscher hinsichtlich Geschlecht, Alter, Body-Mass-Index (BMI) und des Abstands zwischen den Untersuchungen einander passend zu.
Anhand der MRT-Aufnahmen untersuchten die Forscher, wie sich das Volumen unterschiedlicher Gewebe im Untersuchungszeitraum veränderte. Dazu gehörte neben verschiedenen Arten von Fettgewebe insbesondere die Skelettmuskulatur. Die Auswertung der Gewebe erfolgte mithilfe eines Deep-Learning-Verfahrens, das per künstlicher Intelligenz auf medizinischen Bildern verschiedene Gewebe erkennen und voneinander abgrenzen kann. Zusätzlich verglichen die Forscher die Veränderungen des Körpergewichts zwischen den beiden Gruppen.
Ergebnisse: Mehr Muskelabbau in der Abnehmspritze-Gruppe
Die Teilnehmer, die zwischen MRT-Untersuchungen mit einem GLP-1-Medikament begonnen hatten, verloren mehr Skelettmuskelvolumen als die Teilnehmer der Vergleichsgruppe ohne entsprechende Behandlung. Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen betrug 2,75 Prozentpunkte. Dieser Unterschied war statistisch signifikant, schreiben die Autoren. Das bedeutet, dass nach den statistischen Kriterien der Untersuchung wenig dafür spricht, dass er allein durch Zufall entstanden ist.
Auch das Körpergewicht nahm in der Gruppe mit GLP-1-Medikament stärker ab. Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen betrug 2,54 Prozentpunkte und war somit ebenfalls statistisch signifikant.
Kein wesentlich höherer Fettverlust unter GLP-1-Medikament
Beim Fettgewebe dagegen zeigte sich kein statistisch eindeutiger Unterschied. Das Fettgewebe im Inneren des Rumpfes war in der Gruppe mit GLP-1-Medikamenten um 4,8 Prozent stärker verändert, das Unterhautfettgewebe um 3,2 Prozent.
Die Autoren fassen ihre Ergebnisse so zusammen, dass die Teilnehmer mit GLP-1-Medikamenten ungefähr 60 Prozent mehr Muskel verloren als die Teilnehmer der Vergleichsgruppe. Die Untersuchung liefert damit einen Hinweis darauf, dass der mit GLP-1-Medikamenten verbundene Gewichtsverlust zumindest teilweise mit einem Verlust an Skelettmuskelvolumen einhergeht.
Das sollten Sie unbedingt vermeiden, um keine Muskeln zu verlieren
Studie vergleicht Wirkung von „Abnehmspritzen“ – dieser Wirkstoff gewinnt
Mögliche Bedeutung der Studie
Wenn die sogenannte Abnehmspritze auch Skelettmuskelvolumen schrumpfen lässt, wäre das durchaus relevant. Denn für die Beurteilung einer Gewichtsabnahme zählt nicht nur, wie viele Kilogramm jemand verliert, sondern auch, welche Körpergewebe dabei abnehmen. Die Skelettmuskulatur spielt unter anderem für Bewegung und Körperhaltung eine wichtige Rolle.
Aus den Beobachtungen ergibt sich womöglich eine wichtige Forschungsfrage: Wie können Menschen mit Diabetes (unter Einsatz der Abnehmspritze) möglichst viel Fett abbauen und gleichzeitig möglichst viel Muskelmasse erhalten?
Ob der beobachtete stärkere Muskelverlust auch bei Menschen ohne Diabetes auftritt, die mit der Abnehmspritze behandelt werden, lässt sich mit dieser Untersuchung nicht beantworten. Dafür wären Studien mit entsprechenden Teilnehmern notwendig.
Einschränkungen
Es handelt sich nicht um eine randomisierte Studie: Die Teilnehmer wurden nicht per Zufall einer Behandlung oder einer unbehandelten Gruppe zugeteilt. Die Untersuchung kann deshalb nicht eindeutig zeigen, dass die GLP-1-Medikamente selbst den stärkeren Muskelverlust verursacht haben. Auch andere Unterschiede zwischen den Gruppen könnten eine Rolle gespielt haben.
Die Interpretation wird zudem durch den recht langen Zeitraum von 4,6 Jahren zwischen den MRT‑Untersuchungen erschwert. In dieser Zeit können zahlreiche Faktoren das Körpergewicht und die Muskelmasse beeinflusst haben. Aus den vorliegenden Angaben geht beispielsweise nicht hervor, ob und gegebenenfalls in welchem Umfang die Studienteilnehmer körperlich aktiv waren, wie sie sich ernährt haben, und so weiter.
Hinzu kommt die vergleichsweise kleine Gruppe von 58 Teilnehmern, die mit einem GLP-1-Medikament begonnen hatten. Ob die Ergebnisse auf andere Menschen mit Diabetes übertragbar sind – geschweige denn auf Menschen ohne Diabetes, die in der Untersuchung gar nicht berücksichtigt wurden –, bleibt offen. Und schließlich liegt die Arbeit bislang nur als Preprint vor. Solange keine unabhängigen Fachleute sie begutachtet haben, sind die Ergebnisse als vorläufig zu betrachten.
Dennoch liefert sie spannende Hinweise darauf, was die Abnehmmedikamente mit dem Fett und der Muskulatur im Körper von Diabetikern machen. Es scheint sich also für die Forschung zu lohnen, dem weiter auf den Grund zu gehen.