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Prof. Thomas Kälicke

Chefarzt über Umgang mit Abnehmspritzen: „An diesem Punkt habe ich ein Problem“

Abnehmspritzen liegen auf Tisch
Der Autor warnt davor, Übergewicht ausschließlich als medizinisches Schicksal zu betrachten, anstatt es als Folge eines jahrelangen Lebensstils zu begreifen Foto: Michael Siluk
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Prof. Dr. med. Thomas Kälicke
Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie

22. Juni 2026, 18:02 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten

Während viele Menschen in Ozempic und Wegovy eine medizinische Wunderwaffe sehen, warnt ein Klinikarzt vor einem gefährlichen Denkfehler. Die Spritze verändert zwar die Zahl auf der Waage, aber nicht den Lebensstil – und genau das kann fatale Folgen für die Gesundheit haben. Andererseits können moderne GLP-1-Medikamente für Menschen mit echter Adipositas-Erkrankung ein enormer Gewinn sein.

An diesem Punkt habe ich ein Problem

Deutschland wird immer dicker – und immer kränker. Mehr als jeder zweite Erwachsene ist mittlerweile übergewichtig. Die Folgen sind überall sichtbar: volle Wartezimmer, steigende Zahlen von Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Arthrose sowie ein Gesundheitssystem, das zunehmend unter der Last lebensstilbedingter Erkrankungen ächzt.

Gleichzeitig erleben Medikamente wie Ozempic, Wegovy oder Mounjaro einen beispiellosen Boom. Millionen Menschen hoffen, ihr Gewichtsproblem endlich mit einer Spritze lösen zu können. Bald werden zusätzlich Tabletten auf den Markt kommen, die einen ähnlichen Effekt versprechen. Die gesellschaftliche Botschaft scheint eindeutig: Du bist übergewichtig? Dann brauchst du Hilfe. Du hast Adipositas. Das ist eine Krankheit. Dafür gibt es jetzt Medikamente. Genau an diesem Punkt habe ich ein Problem.

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„Ich habe Adipositas“ versus „Ich bin adipös“

Ich halte die Unterscheidung „Ich habe Adipositas“ versus „Ich bin adipös“ für enorm wichtig. Das eine ist eine schwere Erkrankung, und diese Menschen, die nicht die Mehrheit sind, verdienen jede medizinische Unterstützung. Die anderen sind die, die adipös geworden sind, oft über Jahre oder Jahrzehnte. Nicht durch genetische Ursachen oder seltene Stoffwechselstörungen, sondern durch eine Kombination aus hochkalorischer Ernährung, Bewegungsmangel, Schlafmangel, dauerhaftem Stress, häufigem Snacking und einer positiven Kalorienbilanz.

In den meisten Fällen entsteht Übergewicht nicht plötzlich und auch nicht grundlos. Das ist unbequem auszusprechen, aber genau darin liegt der entscheidende Unterschied. Wer sagt „Ich bin adipös“, erkennt an, dass die aktuelle Situation das Ergebnis eines Prozesses ist. Und was durch einen Prozess entstanden ist, kann häufig auch durch einen neuen Prozess wieder verändert werden.

Die Industrie hat erkannt, dass wir es möglichst „einfach“ wollen

Die Abnehmspritze bedient einen tief menschlichen Wunsch: Wir möchten Probleme lösen, ohne unser Verhalten verändern zu müssen. Natürlich ist es einfacher, sich einmal pro Woche eine Spritze zu setzen oder bald eine Tablette einzunehmen, als dauerhaft die Ernährung umzustellen oder regelmäßig Sport zu treiben. Natürlich klingt es attraktiver, den Appetit pharmakologisch auszuschalten, als sich mit Kalorien, Proteinmengen, Schlafqualität und Bewegung auseinanderzusetzen.

Die Industrie hat das erkannt! Und sie vermarktet die Medikamente entsprechend erfolgreich.

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Medikamente drosseln Appetit – deshalb isst man aber nicht automatisch besser

Ich will fair bleiben: Die Wirksamkeit der modernen GLP-1-Medikamente ist beeindruckend. Semaglutid und Tirzepatid führen je nach Studie zu Gewichtsverlusten von etwa zehn bis über 20 Prozent des Körpergewichts. Sie gehören damit zu den effektivsten Medikamenten, die wir jemals zur Gewichtsreduktion hatten. Für Menschen mit einer Adipositas-Erkrankung kann das ein echter Segen sein. Aber genau daraus entsteht eine neue Gefahr. Denn die Spritze verändert das Gewicht – aber nicht den Lebensstil.

Die Medikamente wirken vor allem über eine Appetitregulation. Die Magenentleerung wird verlangsamt, das Hungergefühl nimmt ab, die Menschen essen weniger. Das Problem ist: Weniger zu essen bedeutet nicht automatisch, besser zu essen.

Wer seine Ernährung nicht gleichzeitig verändert, reduziert häufig nicht nur Kalorien, sondern auch die Aufnahme von Proteinen, Vitaminen und Mineralstoffen. Und genau hier beginnt aus meiner Sicht die eigentliche Diskussion.

Verlust von Muskel- und Knochenmasse wird uns in Zukunft beschäftigen

Studien zeigen, dass der Erhalt von Muskulatur während einer medikamentösen Gewichtsreduktion ein wichtiges Thema ist. Als Orthopäde sehe ich täglich, welche Folgen Muskelverlust im Alter haben kann. Noch spannender ist die Frage nach den langfristigen Auswirkungen auf den Knochenstoffwechsel. Einige neuere Untersuchungen weisen darauf hin, dass erheblicher Gewichtsverlust mit einer Abnahme der Knochendichte verbunden sein kann. Die Datenlage entwickelt sich aktuell sehr dynamisch.

Wer dauerhaft deutlich weniger isst, und unter der Abnehmspritze nicht seine Ernährungsgewohnheiten umstellt, wird zu wenig Proteine zu sich nehmen und Muskel- und Knochenmasse verlieren. Das schafft nicht nur theoretisch Bedingungen, die langfristig problematisch werden könnten. Diese Diskussion wird aus meiner Sicht bislang viel zu wenig geführt.

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Was ich im OP erlebe

In unserer Klinik fragen wir Patienten vor geplanten Operationen inzwischen gezielt nach GLP-1-Medikamenten. Der Grund: Die Medikamente verlangsamen die Magenentleerung. Dadurch können selbst nach längerer Nahrungskarenz noch Speisereste im Magen verbleiben. Für die Narkose ist das relevant, weil das Risiko einer Aspiration steigt – also des Einatmens von Mageninhalt während der Einleitung einer Vollnarkose. Deshalb empfehlen viele Fachgesellschaften mittlerweile, die Medikamente vor bestimmten Eingriffen rechtzeitig zu pausieren.

Wer nimmt die Spritze eigentlich alles?

Seit wir vor Operationen gezielt nach GLP-1-Medikamenten fragen, bekomme ich einen immer besseren Eindruck davon, wie verbreitet die Präparate inzwischen tatsächlich sind. Und ich bin immer wieder überrascht. Darunter sind viele Menschen, die keineswegs schwer adipös erscheinen und bei denen man zumindest auf den ersten Blick nicht den Eindruck gewinnt, dass eine schwere Adipositas-Erkrankung vorliegt. Ich habe zudem den Eindruck, dass die tatsächliche Nutzung deutlich höher ist, als gemeinhin angenommen wird.

Es existieren mittlerweile zahlreiche Online-Angebote, die offensiv für die Medikamente werben. Teilweise werden sie mit erstaunlich niedrigschwelligen Verfahren beworben und anschließend „diskret“ nach Hause geliefert.

Ob darüber hinaus ein relevanter Schwarzmarkt existiert, lässt sich schwer belegen. Mein persönlicher Eindruck aus vielen Gesprächen mit Patienten ist jedoch, dass die tatsächliche Verbreitung der Medikamente deutlich größer sein dürfte, als die offiziellen Verschreibungszahlen vermuten lassen.

Unser System vergütet Lebensstiländerungen unzureichend

Hinzu kommt ein weiteres Problem. Eine nachhaltige Lebensstiländerung ist zeitaufwendig. Sie erfordert Aufklärung, Motivation, Begleitung und regelmäßige Gespräche. Unser Gesundheitssystem vergütet diese Form der Medizin allerdings nur unzureichend.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass es einfacher geworden ist, ein Rezept auszustellen, als gemeinsam mit dem Patienten einen langfristigen Weg der Ernährungsumstellung, Bewegungssteigerung und Verhaltensänderung zu gehen.

Genau darin könnte eine der größten Gefahren der aktuellen Entwicklung liegen. Denn nicht jeder, der adipös ist, leidet automatisch an der Erkrankung Adipositas. Die meisten Menschen sind einfach über die Jahre durch einen ungünstigen Lebensstil adipös geworden. Für diese Menschen kann die Spritze kurzfristig zu einer Gewichtsreduktion führen. Sie löst aber nicht automatisch die Ursachen des Problems.

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Die eigentliche Lösung bleibt langweilig

Vielleicht besteht das größte Problem der Abnehmspritze darin, dass sie den Eindruck vermittelt, es gäbe eine Abkürzung. Die gibt es aber nicht.

Wer langfristig gesund leben möchte, kommt weiterhin an denselben Grundprinzipien nicht vorbei:

  • weniger hochverarbeitete Lebensmittel
  • ausreichend Protein
  • feste Mahlzeiten statt permanentem Snacking
  • langfristig ausgeglichene Energiebilanz
  • regelmäßige Bewegung
  • Krafttraining
  • ausreichend Schlaf

Genau diese Faktoren haben viele Menschen überhaupt erst adipös werden lassen. Und genau diese Faktoren müssen verändert werden, wenn das Problem dauerhaft verschwinden soll.

Mein Fazit

Für Menschen mit echter Adipositas-Erkrankung können moderne GLP-1-Medikamente ein enormer Gewinn sein. Insbesondere dann, wenn sie nicht als Ersatz für eine Lebensstiländerung verstanden werden, sondern als deren Unterstützung. In Kombination mit einer konsequenten Ernährungsumstellung, ausreichender Proteinzufuhr, Krafttraining und regelmäßiger Bewegung können sie helfen, erhebliche gesundheitliche Risiken zu reduzieren und eine nachhaltige Gewichtsabnahme zu ermöglichen.

Richtig eingesetzt, können sie Leben verändern: Sie können Folgeerkrankungen reduzieren, Menschen zurück in Bewegung bringen und ein wichtiger Bestandteil einer erfolgreichen Therapie sein. Aber sie ersetzen keine Lebensstiländerung. Und sie dürfen nicht dazu führen, dass Millionen Menschen ihre Verantwortung für die eigene Gesundheit an eine Spritze delegieren. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Wie komme ich an die Abnehmspritze?“ Sondern: „Warum bin ich überhaupt adipös geworden?“ Wer diese Frage ehrlich beantwortet und bereit ist, die Ursachen anzugehen, braucht meist weniger Medizin, als er glaubt. Und genau darin liegt die nachhaltigste Form der Gewichtsreduktion.

Anna Echtermeyer
Redakteurin

„Sehe positive Wirkung der Spritzen im eigenen Umfeld“

„Die positive Wirkung der Abnehmspritze sehe ich im eigenen Umfeld. Wenn mir jemand, bei dem ich jahrzehntelang beobachten konnte, wie sehr sie unter starkem Übergewicht litt und aus welchen Gründen auch immer niemals einen Weg aus dem Teufelskreis fand, nun plötzlich strahlend und dank GLP-1-Therapie sichtlich erschlankt entgegenkommt, kann ich mich von Herzen nur mitfreuen. Noch mehr freue ich mich, wenn die Geschichte dort nicht endet. Wenn von Radtouren, Krafttraining oder der ersten Lieblings-YouTube-Trainerin berichtet wird. Denn wir wissen aus Studien inzwischen, dass das Gewicht ohne begleitende Lebensstiländerung nach dem Absetzen der Spritzen oft schnell zurückkommt. Ich sehe es so: Für viele sind sie erstmals überhaupt die Chance, aus einem Teufelskreis aus Übergewicht, Frustration und gesundheitlichen Folgeerkrankungen auszubrechen. Was man auch erwähnen sollte: Die Medikamente senken nicht nur das Gewicht, sondern schützen bei Vorerkrankten aktiv vor Herzinfarkten und Schlaganfällen (nicht bei gesunden Menschen). Neben dem Herzschutz zeigen die Präparate bei Menschen mit Typ-2-Diabetes und chronischen Nierenerkrankungen auch deutliche Vorteile für die Nierenfunktion.“

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