24. Juli 2025, 14:05 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Der Effekt der sogenannten Abnehmspritzen kann von Anwender zu Anwender variieren, und das aus verschiedenen Gründen. In einer Studie konnten Forscher in diesem Zusammenhang nun einen starken Einfluss bestimmter Genvarianten auf die Wirksamkeit von Ozempic, Wegovy und Co. belegen. FITBOOK geht näher darauf ein.
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Warum Abnehmspritzen nicht bei jedem wirken
Die ursprünglich zur Behandlung von Diabetes entwickelten „Abnehmspritzen“, deren Wirkstoffe es oft auch in Tablettenform gibt, werden seit 2022 auch zur Behandlung von Übergewicht eingesetzt. Ihre Wirkweise ist bekannt: Vereinfacht gesagt, steigern diese GLP-1-Agonisten das Sättigungsgefühl und zügeln den Appetit. In der Folge verspüren Anwender weniger das Bedürfnis zu essen und nehmen ab. Allerdings gilt dies nicht uneingeschränkt. So gibt es Personen, bei denen Abnehmspritzen nicht im erhofften Maße wirken. Das kann verschiedene Ursachen haben. Und laut einer neuen Studie sind dabei bestimmte Genvarianten von entscheidender Bedeutung.1
Die Untersuchung konzentrierte sich speziell auf die Rolle von Neurobeachin (NBEA). Das Gen ist dafür bekannt, ein bestimmtes Protein zu produzieren, das bei der Signalverarbeitung im Gehirn eine wichtige Rolle spielt. Dies betrifft unter anderem auch den Appetit und das Sättigungsgefühl. Frühere Studien hatten bereits Hinweise darauf geliefert, dass NBEA das Essverhalten, das Körpergewicht sowie das Belohnungsempfinden beeinflussen kann. Das Forscherteam wollte nun genauer untersuchen, wie NBEA womöglich die Wirkung von Abnehmspritzen bei bestimmten Personen beeinflusst.
Details zur Untersuchung
Die Forscher werteten die Gesundheitsdaten von rund 6.500 Personen aus der großen US-amerikanischen „All of Us“-Studie aus. Diese hatten eine Behandlung mit den GLP-1-Rezeptor-Agonisten Liraglutid oder Semaglutid erhalten. Wichtig: Im NBEA-Gen fanden die Wissenschaftler etwa 2.800 verschiedene Genvarianten, also minimale Veränderungen einzelner „Buchstaben“ im Erbgut. Einige dieser Varianten traten besonders häufig bei Personen auf, die durch die Behandlung mit den Abnehmspritzen stark Gewicht verloren hatten. Diese definierten die Forscher als „responsive“ Genvarianten. Andere – die „nicht responsiven“ Varianten – fanden sich dagegen überwiegend bei Personen, die unter der GLP-1-Therapie kaum oder gar nicht abgenommen hatten.
Auf Basis dieser Daten entwickelten die Forscher einen sogenannten „NBEA-Gen-Score“. Dieser Score soll anhand genetischer Merkmale vorhersagen, wie wahrscheinlich es ist, dass eine Person durch die Behandlung mit einem GLP-1-Medikament stark Gewicht verliert. Zur Überprüfung dieses Scores dienten 241 Probanden aus der britischen Langzeitstudie UK Biobank als unabhängige Kontrollgruppe.
Mithilfe der statistischen Methode der logistischen Regression bewerteten die Forscher, inwiefern der Gen-Score mit dem tatsächlichen Gewichtsverlust zusammenhing. Sie betrachteten insbesondere, ob jemand zu den 20 Prozent der Probanden zählte, die besonders stark abgenommen hatten, oder zu denjenigen, bei denen die Abnehmspritzen nicht zu wirken schienen, da sie kein Gewicht verloren hatten.
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Ergebnisse – und deren mögliche Bedeutung
Die Auswertung zeigte, dass Probanden mit einer als „responsiv“ definierten Genvariante – oder genauer: einer günstigen Gen-Score-Kombination – eine um bis zu 82 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit hatten, dass die Abnehmspritzen bei ihnen wirkten. Bei Personen, bei denen eine „nicht responsive“ NBEA-Variante festgestellt wurde, lag die Chance, auf die Behandlung mit Semaglutid oder Liraglutid anzusprechen, hingegen nur bei rund 50 Prozent.
„Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass genetische Variationen im NBEA-Gen eine Gewichtsabnahme unter einer Behandlung mit GLP-1-Rezeptor-Agonisten vorhersagen können“, schreiben die Studienautoren. Das hätte eine große praktische Bedeutung. Denn die sogenannten Abnehmspritzen können unangenehme und mitunter schwerwiegende Nebenwirkungen haben.2 Diese reichen von Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit und Verstopfung bis hin zu Bauchspeicheldrüsenentzündungen.3 Vor Beginn einer etwaigen Therapie einschätzen zu können, ob das Medikament bei einer Person überhaupt wirkt, könnte dabei helfen, unnötige Behandlungen (mit möglichen Nebenwirkungen) zu vermeiden.
Einschränkungen
Die Autoren weisen auf verschiedene Einschränkungen hin. Es wurde keine dezidierte klinische Studie durchgeführt, sondern die Forscher stützten ihre Untersuchung rein auf elektronische Gesundheitsakten. Dies kann Störfaktoren mit sich bringen – es gab etwa keine Möglichkeit, die Medikamenteneinnahme zu überprüfen. Zudem gab es Unterschiede bei den eingesetzten Wirkstoffen. Liraglutid wurde häufig in der klassischen Diabetes-Dosis verabreicht, also nicht in der höheren Dosis, wie es bei der gezielten Behandlung von Adipositas üblich ist. Insgesamt ist es denkbar, so die Autoren, dass einzelne GLP-1-Agonisten unterschiedlich betrachtet werden müssen.
Die Studie betrachtete ausschließlich Genvarianten. Dabei sollte man erwähnen, dass verschiedene Faktoren die Wirkung von Abnehmspritzen beeinflussen können – angefangen bei der Konsequenz bei der Behandlung und der Dosierung der Mittel. Unter anderem wird vermutet, dass Stress und individuelle Dispositionen die Wirkung von Semaglutid und Co. beeinflussen können. Experten mahnen vor allem, dass die Mittel nur ein Baustein von mehreren auf dem Weg zu einem gesunden Körpergewicht sind. „Die Lebensstiländerung ist das A und O“, betonte etwa ein Universitätsforscher im Gespräch mit FITBOOK zum Thema GLP-1-Therapien (das ganze Interview hier). Damit sind die Aufnahme von Sport und eine dauerhaft gesündere Ernährung gemeint. Klar ist auch: Wenn Anwender aufgrund des appetitszügelnden Effekts zwar insgesamt weniger essen, aber dafür hochkalorische und „ungesunde“ Snacks zu sich nehmen, bleibt der gewünschte Gewichtsverlust natürlich aus.