8. September 2026, 10:59 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Wer im Supermarkt zu Eiern, Lachs oder Tofu greift, denkt meist zuerst an den Proteingehalt. Doch welche Eiweißquelle ist die beste Wahl? Ein Wissenschaftler aus Cambridge hat 20 beliebte Proteinlieferanten nicht nur nach Nährwerten, sondern auch nach Umweltbelastung, Preis und Gesundheitsaspekten bewertet. Das überraschende Ergebnis: Einige vermeintliche Klassiker landen weit hinten.
Wissenschaftler entwickelt neue Kennzahl für Proteinquellen
Dr. Chris Macdonald von der University of Cambridge ging der Frage nach, welche derzeit erhältlichen Lebensmittel als besonders vorteilhafte Proteinquellen gelten könnten. Sein Perspektivartikel erschien im Juli 2026 im Fachjournal „Frontiers in Sustainable Food Systems“. 1
Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass bestehende Lebensmittelkennzeichnungen häufig nur einen Teil des Gesamtbildes zeigen. Nährwertampeln informieren beispielsweise über Fett, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz. Umweltkennzeichen können den Ausstoß von Treibhausgasen darstellen, während andere Siegel Produktionsbedingungen oder Aspekte des Tierwohls berücksichtigen. Nach Macdonalds Ansicht ist dies jedoch zu eindimensional, wodurch leicht übersehen werden kann, dass ein Lebensmittel in einem Bereich zwar gut, in einem anderen aber problematisch abschneidet.
Deshalb entwickelte er die erste Version des sogenannten „BPI‑Scores“. BPI steht für „Better Protein Institute“, eine von Macdonald gegründete Organisation, die den Wechsel zu aus ihrer Sicht besseren Proteinquellen unterstützen möchte. Dieser soll besser das Gesamtbild eines Lebensmittels abzeichnen: Gesundheit, Umweltbelastung und Zugänglichkeit.
Dafür wurden 20 pflanzliche und tierische Lebensmittel anhand zweier Hauptbereiche bewertet: „Planet“ für die Umwelt und „People“ für Auswirkungen auf den Menschen. Ziel war laut Artikel nicht zwingend ein neues Etikett auf Verpackungen. Vielmehr „eine neue Kompetenz zu fördern, die Verbraucher, politische Entscheidungsträger und Organisationen befähigt, fundiertere Entscheidungen zu treffen“.
40 Punkte sind zu holen – wie der BPI-Score aufgebaut ist
Für den Score kombinierte Macdonald bereits vorhandene Umwelt-, Nährwert- und Preisdaten zu einem neuen Punktesystem. Für den Planet-Score griff er auf einen umfangreichen Datensatz aus dem Jahr 2022 zurück, der die Umweltauswirkungen tausender Lebensmittel erfasst.2 Bewertet wurden vier Faktoren:
- Treibhausgasemissionen
- Wasserverschmutzung
- Landnutzung
- Verbrauch von blauem Wasser (Süßwasser aus Flüssen, Seen und Grundwasservorräten)
Alle Werte wurden auf 100 Gramm Protein bezogen, damit Lebensmittel mit unterschiedlichem Proteingehalt vergleichbar waren. Jede dieser Umweltkennzahlen wurde sortiert und in fünf gleich große Gruppen eingeteilt. Die besten 20 Prozent erhielten vier Punkte, die schlechtesten 20 Prozent null Punkte. Insgesamt waren beim Planet Score maximal 16 Punkte möglich.
Der People-Score betrachtete:
- Natrium
- Gesättigte Fettsäuren
- Cholesterin
- Vollständigkeit des Aminosäureprofils
- Preis
- Verfügbarkeit
Eine vollständige Proteinquelle liefert alle neun essenziellen Aminosäuren, die der Körper nicht selbst herstellen kann. Die Nährwertangaben stammten aus der Nutritionix-Datenbank. Für die Preise nutzte Macdonald das Angebot von Aldi in Großbritannien. Auch hier wurde der Preis auf 100 Gramm Protein umgerechnet. Die Verfügbarkeit wurde anhand britischer Supermärkte beurteilt. Beim People-Score konnte ein Lebensmittel maximal 24 Punkte erreichen – insgesamt liegt die Höchstbewertung beim BPI-Score also bei 40 Punkten.
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Gewinner überrascht – 20 Proteinquellen im Ranking
Sowohl beim Umwelt- als auch beim Gesundheits-Score schnitten pflanzliche Proteinquellen insgesamt besser ab als tierische. Den höchsten Gesamtwert im neu entwickelten BPI‑Score erreichte Tofu mit 36 von 40 Punkten. Den letzten Platz belegte Cheddar-Käse mit 13 Punkten.
Wenn man den Umwelt-Score separat betrachtet, lagen Tofu, Chiasamen, Quinoa und Bohnen vorn. Sie verursachten im Vergleich zu vielen tierischen Proteinquellen deutlich weniger Treibhausgasemissionen und benötigten weniger landwirtschaftliche Fläche. Rindfleisch bildete hier das Schlusslicht.
Hinsichtlich des Natriumgehalts schnitten Bohnen, Walnüsse, Paranüsse und Linsen am besten ab. Besonders hohe Natriumwerte fanden sich dagegen bei Mozzarella, Cheddar, Thunfisch und Eiern. Große Unterschiede zeigte auch der Gehalt an gesättigten Fettsäuren. Zu den besten Lebensmitteln gehörten Kabeljau und Bohnen, während Cheddar und Paranüsse die höchsten Werte aufwiesen. Beim Cholesterin hatten sämtliche pflanzlichen Lebensmittel einen Vorteil, da sie kein Cholesterin enthielten. Tierische Produkte wurden je nach Cholesteringehalt abgestuft bewertet. Gleichzeitig erhielten alle tierischen Lebensmittel Punkte dafür, dass sie vollständige Proteinquellen sind und alle neun essenziellen Aminosäuren liefern.
Im People-Score, der Gesundheit und Erschwinglichkeit kombinierte, belegten Tofu, Bohnen, Linsen und Chiasamen die Spitzenplätze. Die Schlusslichter waren Mozzarella, Cheddar, Eier und Lammfleisch.
Das vollständige BPI-Ranking im Überblick
- Tofu
- Chiasamen
- Bohnen
- Quinoa
- Sonnenblumenkerne
- Linsen
- Hähnchenbrust
- Thunfisch
- Erdnüsse
- Kichererbsen
- Walnüsse
- Paranüsse
- Lachs
- Eier
- Schweinekotelett
- Kabeljau
- Rindersteak
- Lammkotelett
- Mozzarella
- Cheddar3
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Welche Bedeutung das Ranking für die Lebensmittelauswahl hat
Das zeigt vor allem, dass die Bewertung einer Proteinquelle nicht allein vom Eiweißgehalt abhängt. Für eine umfassendere Betrachtung können auch Umweltbelastung, potenziell ungünstige Nährstoffbestandteile, Preis und Verfügbarkeit relevant sein. Innerhalb der Kriterien des BPI‑Scores schnitten pflanzliche Lebensmittel insgesamt besser ab als tierische.
Für Verbraucher bedeutet dies jedoch nicht, dass Tofu, Chiasamen oder Bohnen zwangsläufig für jeden Menschen die beste Wahl sein müssen. Faktoren wie Allergien, Unverträglichkeiten, Erkrankungen, Nährstoffbedarf oder persönliche Ernährungsgewohnheiten sollten individuell ebenfalls berücksichtigt werden.
Für die praktische Lebensmittelauswahl spricht der Score für eine breitere Perspektive: Wer Proteinquellen beurteilt, kann neben der Proteinmenge auch Natrium, gesättigte Fettsäuren, Kosten und Umweltfolgen berücksichtigen. Macdonald versteht den BPI‑Score als erste Version eines Bewertungssystems, das er bereits weiterentwickelt. Eine zweite Version soll zusätzliche Faktoren berücksichtigen und einige der aktuellen Schwächen des Modells ausgleichen.
Einschränkungen des Scores und Ausblick
Bei der Entwicklung des BPI-Scores handelt es sich um einen Perspektivartikel, in dem ein einzelner Wissenschaftler ein neues Bewertungssystem vorstellt. Die Auswahl und Gewichtung der Kriterien beeinflussen das Ergebnis maßgeblich. Zudem stammen die Preis- und Verfügbarkeitsdaten aus Großbritannien und lassen sich nur eingeschränkt auf andere Länder übertragen. Hinzu kommt, dass der Autor selbst das Better Protein Institute gegründet hat, das den Umstieg auf alternative Proteinquellen fördern möchte.
Macdonald bezeichnet den BPI‑Score ausdrücklich als erste Version. Eine bereits angekündigte zweite Version soll weitere Faktoren einbeziehen, die in der aktuellen Bewertung fehlen. Dazu zählen unter anderem die Folgen des Antibiotikaeinsatzes in der Tierhaltung, Risiken durch antibiotikaresistente Keime und Zoonosen, also vom Tier auf den Menschen übertragbare Krankheiten.