18. Februar 2026, 20:18 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Nach einem langen Fastentag ist der Durst oft das drängendste Gefühl. Noch bevor der erste Bissen gegessen wird, steht das Glas im Mittelpunkt. Und doch berichten viele Fastende im Ramadan von einem Phänomen, das irritiert: Sie trinken reichlich und fühlen sich trotzdem nicht wirklich hydriert. In sozialen Netzwerken kursiert dafür eine vermeintlich einfache Lösung: Ein Influencer spricht von einem „Ramadan-Supersaft“ – ein inoffizieller Name für eine Mischung aus Kokoswasser, Salz, Honig, Zitrone und Chiasamen. Das Getränk soll Elektrolyte auffüllen, Wasser im Körper halten und neue Energie liefern. Ein „Game Changer“, wie es heißt. Aber kann ein solches Trendgetränk tatsächlich verändern, was der Körper über Stunden reguliert?
Warum Durst nicht einfach „zu wenig Wasser“ bedeutet
Durst entsteht nicht erst dann, wenn der Körper dramatisch ausgetrocknet ist. Er reagiert auf feine Veränderungen im Blut, insbesondere auf die Konzentration gelöster Stoffe. Steigt diese Konzentration, meldet das Gehirn: trinken.
Während des Fastens verliert der Körper kontinuierlich Flüssigkeit – über Atemluft, Haut und Nieren. Selbst ohne sichtbares Schwitzen summiert sich das. Am Abend wird dieser Verlust häufig mit großen Mengen Wasser ausgeglichen. Doch der Körper ist kein Speicherbecken. Die Nieren regulieren präzise. Wird mehr Flüssigkeit aufgenommen, als aktuell benötigt wird, wird sie wieder ausgeschieden.1
Hinzu kommt ein oft unterschätzter Faktor: Was gegessen wird, beeinflusst das Durstgefühl mindestens ebenso stark wie das Trinkverhalten. Sehr salzige Speisen, stark Gewürztes oder zuckerreiche Desserts können das Bedürfnis, zu trinken, deutlich verstärken. Der Ramadan-Durst ist daher kein reines Flüssigkeitsproblem – sondern ein Zusammenspiel aus Wasserhaushalt, Elektrolyten und Mahlzeitenstruktur.2
Die Idee hinter dem „Ramadan-Supersaft“
Der sogenannte „Ramadan-Supersaft“ greift ein bekanntes Prinzip auf: Flüssigkeit soll nicht nur aufgenommen, sondern auch besser im Körper gehalten werden. Kokoswasser liefert Mineralstoffe, vor allem Kalium. Eine Prise Salz erhöht den Natriumgehalt. Natrium spielt tatsächlich eine zentrale Rolle bei der Verteilung von Flüssigkeit im Körper und beeinflusst, wie viel Wasser die Nieren zurückhalten.
Dieses Prinzip ist aus der Sporternährung bekannt. Elektrolythaltige Getränke werden etwas langsamer ausgeschieden als reines Wasser. Der Gedanke dahinter ist also nicht falsch.3
Allerdings stellt sich die Frage nach der Größenordnung. Wer im Alltag fastet und keiner extremen körperlichen Belastung ausgesetzt ist, verliert in der Regel keine außergewöhnlichen Mengen an Elektrolyten. Bei gesunden Erwachsenen kann der Bedarf meist über normale Mahlzeiten gedeckt werden. Der „Ramadan-Supersaft“ nutzt ein physiologisch korrektes Konzept – er verändert jedoch nicht grundlegend die Regulationsmechanismen des Körpers.
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Weniger Toilettengänge durch Salz?
Eine der Behauptungen lautet, dass man durch das Salz im Getränk weniger häufig auf die Toilette müsse. Tatsächlich beeinflusst Natrium die Rückresorption von Wasser in den Nieren. Ein leicht salzhaltiges Getränk wird tendenziell etwas langsamer ausgeschieden als reines Wasser.4
Doch dieser Effekt ist moderat. Die Nieren arbeiten hochreguliert. Eine kleine Prise Salz verwandelt den Körper nicht in einen Wasserspeicher. Zudem kann eine insgesamt hohe Salzaufnahme das Durstgefühl wiederum verstärken. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, die tägliche Salzmenge insgesamt im Blick zu behalten. In Deutschland gilt die durchschnittliche Aufnahme eher als zu hoch.5
Honig: schneller Energieschub, schnelle Schwankung?
Nach vielen Stunden ohne Nahrung sind die Kohlenhydratspeicher teilweise geleert. Honig liefert rasch verfügbare Zucker. Das kann subjektiv als sofortige Energie wahrgenommen werden. Zwei Esslöffel enthalten jedoch bereits eine relevante Menge an freiem Zucker.
Ein schneller Blutzuckeranstieg kann ebenso schnell wieder abfallen. Genau dann entsteht das bekannte Energieloch. Zudem erhöht eine hohe Zuckerkonzentration im Blut die Osmolarität – was wiederum das Durstzentrum stimulieren kann. Paradoxerweise kann ein sehr süßes Getränk also dazu beitragen, dass erneut Durst entsteht.
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, freie Zucker möglichst auf unter zehn Prozent der täglichen Energiezufuhr zu begrenzen. Als gelegentlicher Bestandteil ist Honig nicht problematisch. Als dauerhafte Strategie gegen Ramadan-Durst ist er jedoch nicht zwingend überlegen.6
Chiasamen: Sättigung mit Nebenwirkungen
Chiasamen enthalten viele Ballaststoffe und quellen in Flüssigkeit stark auf. Dieses Aufquellen vergrößert das Volumen im Magen und kann das Sättigungsgefühl verlängern. Zudem wird der Blutzuckeranstieg abgeflacht, wenn Ballaststoffe gemeinsam mit Kohlenhydraten aufgenommen werden.
Für das Fasten kann das hilfreich sein. Gleichzeitig reagieren manche Menschen nach längerer Nahrungspause empfindlich auf größere Mengen Ballaststoffe. Völlegefühl oder Blähungen sind möglich, insbesondere wenn die Samen nicht ausreichend Zeit zum Quellen hatten. Auch hier gilt: Der Effekt hängt von der individuellen Verträglichkeit und der Gesamternährung ab.7
Zitrone: Frische statt Stoffwechselwunder
Zitronensaft bringt Säure und Vitamin C in das Getränk. Die Säure kann die Speichel- und Magensaftproduktion anregen. Das wird häufig als aktivierend beschrieben. Ein nachweisbarer Effekt auf Energieniveau oder Stoffwechsel ist jedoch nicht belegt. Der Einfluss dürfte eher geschmacklich und sensorisch sein.
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Was beim Fasten tatsächlich entscheidend ist
Der „Ramadan-Supersaft“ kombiniert Flüssigkeit, etwas Natrium, Zucker und Ballaststoffe. Diese Mischung ist nachvollziehbar – aber sie ersetzt keine durchdachte Trink- und Essstruktur.
Wer Flüssigkeit zwischen Iftar und Suhoor verteilt, statt sie auf einmal zu konsumieren, unterstützt die natürliche Regulation des Körpers. Wer sehr salzige und sehr zuckerreiche Speisen reduziert, beeinflusst das Durstgefühl oft stärker als durch ein einzelnes Getränk. Und wer beim Fastenbrechen auf eine ausgewogene Kombination aus komplexen Kohlenhydraten, Eiweiß und moderaten Fettmengen achtet, stabilisiert das Energielevel meist zuverlässiger als durch Honig allein.
Fazit: Wie viel „Super“ steckt im „Ramadan-Supersaft“?
Der „Ramadan-Supersaft“ ist im Gegensatz zu anderen Social-Media-Tipps kein gesundheitsgefährdender Irrtum. Er greift reale physiologische Mechanismen auf. Elektrolyte beeinflussen die Flüssigkeitsverteilung, Zucker liefert kurzfristige Energie, Ballaststoffe verlängern die Sättigung.
Doch der menschliche Flüssigkeitshaushalt wird über komplexe hormonelle Systeme reguliert. Ein einzelnes Getränk kann diese Regulation nicht grundlegend verändern. Für gesunde Erwachsene kann der „Ramadan-Supersaft“ eine Option sein. Ein „Game Changer“ im medizinischen Sinne ist er jedoch nicht. Entscheidend für weniger Ramadan-Durst bleiben Maß, Verteilung und Lebensmittelauswahl – nicht ein einzelnes Glas.