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Kommentar zur Kennedy-Diät

Expertin: „Warum mir die neue Ernährungspyramide der USA Sorgen macht“

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Auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus am 7. Januar präsentierte Gesundheitsminister Kennedy die neuen Ernährungsempfehlungen für die USA Foto: picture alliance/dpa/AP | Evan Vucci, Collage: FITBOOK
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8. Januar 2026, 14:46 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Alle fünf Jahre erscheint in den USA eine an die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse angepasste Version der Ernährungsrichtlinien. Normalerweise handelt es sich hierbei um kleine Änderungen, doch der amtierende US-Gesundheitsminister Kennedy hatte andere Pläne: Er stellt die Ernährungspyramide wortwörtlich auf den Kopf. Was ich als Ernährungsexpertin davon halte und welche gesundheitlichen Folgen mir Sorge bereiten.

Wie entsteht die Ernährungspyramide?

Das amerikanische Landwirtschaftsministerium (United States Department of Agriculture, USDA) aktualisiert regelmäßig in Zusammenarbeit mit dem US-Gesundheitsministerium (United States Department of Health and Human Services, HHS) die Empfehlungen zu gesunder Ernährung. Diese sollen jedem – unabhängig von Faktoren wie Alter, wirtschaftlichen Verhältnissen oder Gesundheitszustand – ermöglichen, seine Auswahl an Lebensmitteln und Getränken an eine gesunde Ernährungsweise anzupassen. Für die Aktualisierung dienen Reviews von Studien sowie nationale Verzehr- und Gesundheitsdaten.

Das Pendant hierzulande ist die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), welche zuletzt 2024 die Ernährungsempfehlungen für Deutschland aktualisierte.

Die bisherigen Empfehlungen

Die vorherige amerikanische Ernährungspyramide sah so aus, wie man sich eine Pyramide vorstellt: breite Basis, schmale Spitze. Das Fundament stellten Kohlenhydrate wie Vollkornprodukte dar, dann kamen reichlich Obst und Gemüse, gefolgt von gemäßigten Mengen Milch- und Fleischprodukten sowie Ölen, Fetten und Süßigkeiten an der Spitze.1

Laut eines Berichts der „New York Times“ verzichtete Gesundheitsminister Kennedy auf Empfehlungen eines Expertengremiums, das während der Biden-Regierung mit der Betreuung der Richtlinien beauftragt worden war. Stattdessen arbeitete er mit neuen, handverlesenen Experten. Zwar kritisierte Kennedy die früheren Richtlinien, weil sie von der Lebensmittelindustrie beeinflusst seien, doch legten auch einige der aktuellen Experten kürzlich finanzielle Beziehungen zu unter anderem der Rindfleisch- und Milchindustrie offen.

Diese Änderungen gibt es in den neuen Empfehlungen

Was mir als Erstes ins Auge fällt beim Blick auf die neuen US-Ernährungsrichtlinien: die Seitenzahl. Waren die für 2020 bis 2025 gültigen Empfehlungen noch 164 Seiten lang – mit Kapiteln zu jeder Altersgruppe –, wurden sie beachtlich auf zehn Seiten eingestampft. Der Tenor: „Eat real food.“ Man soll sich also auf „echte“, wenig verarbeitete Lebensmittel fokussieren. Klingt erst einmal nicht verkehrt.2

Was mir generell negativ am Aufbau auffällt, ist, dass die Pyramide wenig detailliert und unübersichtlich ist. Es gibt quasi nur noch drei Kategorien an jeder Ecke und es fehlt eine Abgrenzung zwischen den Lebensmittelgruppen. Gehört etwa die Avocado noch in den Bereich Fette oder Obst und Gemüse? Für beide hätte sie valide Eigenschaften.

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Slide 2 zeigt die neue umgedrehte Ernährungspyramide mit Fleisch- und Milchprodukten an der Spitze

Die größte Veränderung: Die Pyramide steht auf dem Kopf

Die neuen Richtlinien sollen Proteine priorisieren. Um das grafisch zu verdeutlichen, wurde die Pyramide um 180 Grad gedreht und an der breiten Spitze mit Fleisch, Käse und Milch befüllt. Im Fließtext erfährt man, dass neben tierischen Proteinquellen auch pflanzliche wie Bohnen oder Soja gegessen werden sollen. Grafisch dominieren Fleisch und Milch jedoch. Ob das hilft, die in der Einleitung beschriebene „Health Emergency“ (dt.: Gesundheitskrise) zu bekämpfen? Ich bezweifle es.

Proteine im Überfluss

Die USA haben eine hohe Rate chronischer Erkrankungen. Hinsichtlich Übergewicht und Adipositas sind die Zahlen im Vergleich zu 1990 erheblich in die Höhe gestiegen: Während in den 90ern 21,2 Prozent der Frauen und 16,9 Prozent der Männer adipös waren, waren es 2022 stolze 43,8 und 41,6 Prozent.3 Dabei stellt Übergewicht einen wichtigen Risikofaktor für Erkrankungen wie Diabetes Typ 2, Krebs und Herz-Kreislauf-Krankheiten dar.

Meine Frage: Wie soll hierbei eine erhöhte Zufuhr von Fleisch- und Milchprodukten hilfreich sein? Die neuen Richtlinien empfehlen 1,2 bis 1,6 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht täglich. Das macht das Doppelte oder mehr im Vergleich zu der bisherigen Empfehlung von 0,8 Gramm – diese gilt auch in Deutschland. Es gibt jedoch keine eindeutigen wissenschaftlichen Belege dafür, dass ein Durchschnittsmensch so viel Eiweiß benötigt. Die DGE empfiehlt, erst ab mehr als fünf Stunden Sport pro Woche, die Eiweißzufuhr auf 1,2–2,0 Gramm hochzuschrauben – abhängig vom Trainingsziel.4

Zudem liefern tierische Eiweißquellen im Gegensatz zu pflanzlichen keinerlei Ballaststoffe, welche von großer Bedeutung für die Darmgesundheit sind und darüber hinaus für einen stabilen Blutzucker sorgen (Stichwort Herzgesundheit). Ebenso punkten pflanzliche Proteinquellen durch wertvolle sekundäre Pflanzenstoffe und herzfreundliche ungesättigte Fettsäuren. Zu viele Fleisch- und Milchprodukte hingegen können zu einer erhöhten Zufuhr gesättigter Fette führen und das Risiko chronischer Erkrankungen erhöhen. Insbesondere rotes Fleisch ist mit Vorsicht zu genießen. Die Weltgesundheitsorganisation stufte es bereits 2015 als wahrscheinlich krebserregend für den Menschen ein, verarbeitetes Fleisch als krebserregend.5

Auch interessant: Ist Fleisch essen gut oder schlecht? Studie zeigt altersabhängige Effekte auf die Lebenserwartung

Viele gesättigte Fette – Pflanzenöle finden keine Beachtung

Obwohl es keine wissenschaftliche Evidenz gibt, kritisierte Kennedy in der Vergangenheit pflanzliche Öle, etwa auf der Plattform X. Soll das den höheren Konsum gesättigter Fette legitimieren? In den neuen Richtlinien soll bei Milchprodukten immerhin zur vollfetten Version gegriffen werden. Doch fest steht, dass Pflanzenöle wertvolle ungesättigte Fette, einschließlich Omega-3-Fettsäuren, liefern. Diese sorgen dafür, dass unsere Arterien nicht verkalken und geschmeidig bleiben – Atherosklerose und Bluthochdruck adé. Dazu stecken Antioxidantien wie Vitamin E in ihnen, welche unsere Zellen vor Schäden und frühzeitiger Alterung schützen. Auch das Hirn profitiert: Selbst ein halber Esslöffel Olivenöl schützt vor dem Tod durch Demenz (FITBOOK berichtete).

Die neuen Empfehlungen werden Amerikanern kaum helfen, sich gesünder zu ernähren

„Einen Fokus auf unverarbeitete Lebensmittel sowie Obst und Gemüse kann ich befürworten. Doch ich bezweifle stark, dass ein Mehr an Fleisch und Milch die Lösung der Adipositas-Epidemie (und damit einhergehenden Gesundheitsprobleme wie Diabetes und Herzerkrankungen) in den USA ist. Ich befürchte eher, dass die Zufuhr gesättigter Fette steigen wird und pflanzliche Öle, die gesundheitlich günstige Fettsäuren enthalten, weniger Anklang finden werden. Das befeuert die Entstehung chronischer Erkrankungen und steht klar im Kontrast zu dem gesetzten Ziel, man wolle die ‚Health Emergency‘ in den Griff bekommen. Zwar sind die Empfehlungen nicht bindend, jedoch bilden sie die Orientierungsgrundlage für die Bürger und die Gemeinschaftsverpflegung in Schulen und Krankenhäusern.“

Quellen

  1. Dietary Guidelines for Americans, 2020-2025. (aufgerufen am 08.01.2026) ↩︎
  2. Dietary Guidlines for Americans, 2025-2030. (aufgerufen am 08.01.2026) ↩︎
  3. Expert Comment – More than one billion people now living with obesity. (aufgerufen am 08.01.2026) ↩︎
  4. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Positionspapier zur Proteinzufuhr im Sport. (aufgerufen am 2026) ↩︎
  5. World Health Organization. IARC Monographs evaluate consumption of red meat and processed meat. (aufgerufen am 2026) ↩︎

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