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Antikörper-Arzneien

Welche Medikamente gegen Corona gibt es und wie wirken sie?

Medikamente Corona: eine Infusion
Weltweit werden unzählige Medikamente gegen Corona getestetFoto: Getty Images

Jüngst richtet sich der Blick vermehrt auf Arzneien gegen das Coronavirus. Einige Mittel wurden eben erst neu in der EU zugelassen. Im Einsatz sind sie aber schon länger. Was bringen sie?

Das wichtigste medizinische Mittel im Kampf gegen das Coronavirus sind die nachweislich wirksamen Impfstoffe. Jetzt sind in der EU auch die ersten Medikamente gegen Corona zugelassen, die das Virus direkt attackieren. Experten beurteilen die Studien über die Arzneimittel durchaus positiv.

Wie hilfreich sind Corona-Medikamente in der Pandemie?

Die Medikamente schützen zwar nicht vor einer Infektion, können aber einen schweren Krankheitsverlauf verhindern. „Die Medikamente sind eine Säule in der Coronavirus-Bekämpfung“, sagt Pharmazie-Professor Thorsten Lehr von der Universität des Saarlandes. „Es ist gut, dass wir endlich diese Mittel haben.“ Doch eine Kehrtwende für die Pandemie sieht der Wissenschaftler aus Saarbrücken in ihnen noch nicht. „Die Impfung ist der billigere und definitiv viel bessere und effizientere Weg.“

Auch wenn die Arzneien jetzt erst zugelassen wurden – es gibt sie schon seit Monaten in Deutschland. Bereits Anfang 2021 hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für 400 Millionen Euro 200.000 Dosen Antikörper-Medikamente gegen Corona gekauft. Diese wurden aber nur selten eingesetzt. „Ein besonderer Einfluss war im vergangenen Jahr nicht zu erkennen“, so Lehr. Für die vierte Welle der Pandemie spielten sie – wenn überhaupt – bislang nur eine untergeordnete oder zusätzliche Rolle.

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Welche Antikörper-Medikamente gibt es?

Jüngst gab die EU für zwei Antikörper-Medikamente grünes Licht. „Ronapreve“ des Schweizer Pharmaunternehmens Roche und „Regkirona“ des Herstellers Celltrion aus Südkorea binden bei Infizierten das Spike-Protein von Sars-CoV-2 an sich, so dass der Erreger nicht in die Körperzellen eindringen kann. Das soll dessen Ausbreitung verhindern und die Viruslast möglichst niedrig halten.

Beide Mittel werden als Infusion verabreicht – meistens im Krankenhaus. Seit Kurzem bietet das Münchner Universitätsklinikums rechts der Isar die Behandlung nach einigen Angaben dort auch ambulant an.

Wie funktionieren die Arzneimittel?

Diese Antikörper funktionieren im Grunde wie diejenigen, die sich nach einer Impfung oder Infektion bilden. Der Unterschied ist, dass sie von einer Pharmafirma produziert werden und nicht vom eigenen Körper. „Der Antikörper hat absolut die gleiche Wirkung“, so Lehr.

Bei „Ronapreve“, einem Antikörper-Cocktail aus Casirivimab und Imdevimab, zeigen Studien: Die Gefahr für Risiko-Patienten, nach einer Corona-Infektion ins Krankenhaus zu kommen oder gar zu sterben, ist um 70 Prozent reduziert. Zudem soll sich bei frisch Infizierten die Viruslast um 90 Prozent verringern und die Gefahr, überhaupt Symptome zu entwickeln, um etwa die Hälfte.1

„Regkirona“ mit dem Antikörper Regdanvimab zeigt bei Patienten mit milden bis moderaten Symptomen, dass sie schneller genesen und seltener einen schwereren Verlauf haben. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA verweist etwa auf eine Studie, nach der rund drei Prozent der behandelten Patienten in Kliniken eingewiesen werden mussten, Sauerstoff bekamen oder sogar starben. Bei den Patienten, die das Mittel nicht bekommen hatten, waren es gut elf Prozent.2

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Der Haken bei den Corona-Medikamenten

„Die Medikamente haben eine ganz gute Schutzwirkung, aber mit einer Wirksamkeit von etwa 75 Prozent gegen schwere Verläufe liegen sie noch unter der Wirksamkeit von mRNA-Impfungen – vor allem nach einer Booster-Impfung“, sagt Lehr. Zudem müsse sich erst noch beweisen, wie effektiv die Medikamente in der Realität seien. Denn Ergebnisse aus klinischen Studien seien in der Regel nicht eins zu eins übertragbar, die Wirksamkeit möglicherweise niedriger.

Und es gibt noch einen Haken: Die beiden Mittel sind nicht für alle Corona-Betroffenen geeignet, sondern eigentlich nur für Patienten mit Risiko für einen schweren Verlauf – die aber noch keine oder wenige Symptome haben. „Wenn sie zu spät eingesetzt werden, wirken die Mittel deutlich schlechter“, erklärt Lehr.

Auch der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité hatte Ende September gesagt, dass eine Verabreichung der Antikörper-Mittel „fast immer schon zu spät“ sei. Denn bei einem durchschnittlichen Patienten habe sich das Virus bereits zu Symptombeginn im Körper stark vermehrt.

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Was gibt es noch gegen Corona?

Weltweit forscht man nach Angaben des US-Biotech-Branchenverbands Bio an mehr als 600 Medikamenten gegen Covid-19. Die meisten davon seien ursprünglich gegen andere Krankheiten entwickelt worden, heißt es vom Verband der forschenden Pharma-Unternehmen in Deutschland. Zehn Präparate befinden sich bei der EMA auf verschiedenen Stufen im Zulassungsverfahren.

Bis vor Kurzem war das einzige in der EU zugelassene Medikament das antivirale Mittel „Remdesivir“ des US-Konzerns Gilead (Handelsnamen Veklury). Anders als „Ronapreve“ und „Regkirona“ wird das ursprüngliche Anti-Ebola-Mittel nicht bei milden Infektionen verabreicht, sondern bei Corona-Patienten mit Lungenentzündung, die zusätzlich Sauerstoff (aber noch keine invasive Beatmung) brauchen. Mittlerweile schätzen Experten etwa der Weltgesundheitsorganisation WHO oder des Gemeinsamen Bundesausschusses von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen den Nutzen des Medikaments als eher überschaubar ein.

Mittel, um Komplikationen zu bekämpfen

Daneben kommen in Deutschland weitere Mittel zum Einsatz, die nicht das Coronavirus direkt ins Visier nehmen, sondern Komplikationen, die der Erreger auslöst. Das entzündungshemmende „Dexamethason“ zum Beispiel soll bei invasiv beatmeten Patienten auf der Intensivstation eine überschießende Immunreaktion bremsen. Bei solch einer Reaktion kann das Immunsystem die Viren verfehlen und sich gegen körpereigene Gewebe richten.

Auch Medikamente wie „Baricitinib“ (Eli Lilly), „Anakinra“ (Sobi) oder „Tocilizumab“ (Roche), die sich im EMA-Zulassungsverfahren befinden, zielen auf die Folgen einer Viruserkrankung ab. Sie kommen vor allem bei schweren Verläufen zum Einsatz. „Das Immunsystem zu früh herunterzuregulieren, ist auch gefährlich, denn dann gäbe es keine körpereigene Abwehr mehr gegen Sars-CoV-2“, sagt Lehr.

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Antivirale Medikamente

Daneben gebe es zwei antivirale Medikamente, die eine „ganz ordentliche Wirksamkeit gezeigt haben“, so Lehr. Also Präparate, die direkt den Vermehrungszyklus der Viren unterbrechen sollen. Bei „Molnupiravir“ (MSD/Merck), das ursprünglich gegen Grippe entwickelt wurde, zeigte sich in der sogenannten Phase-III-Studie eine Halbierung der Zahl von Covid-Patienten, die ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten.3 Erst am Dienstag gab die EMA bekannt, mit der Prüfung für eine Zulassung zu starten.

Mit „Paxlovid“ (Pfizer) konnten Testergebnissen des Herstellers zufolge Krankenhauseinweisungen und Todesfälle bei Hochrisiko-Patienten um fast 90 Prozent gesenkt werden. Jüngst teilte die US-Regierung mit, zehn Millionen Dosen davon für 5,3 Milliarden US-Dollar (4,7 Milliarden Euro) zu kaufen. 4

Was ist über Nebenwirkungen bekannt?

Über die Antikörper-Mittel sagt Lehr: „Die Substanzen sind relativ sicher.“ Es könne zwar Irritation an der Einstichstelle der Infusion geben, aber nennenswerte Nebenwirkungen seien bisher nicht bekannt. Damit sind diese Mittel Ausnahmen – bei den anderen Medikamenten könnten durchaus unerwünschte Folgeerscheinungen auftreten. „Ein Medikament, das keine Nebenwirkungen hat, gibt es nicht – und das wirkt auch nicht.“

Studien zu den Medikamenten vor ihrer Zulassung haben meist eine Größe zwischen 1000 und 2000 Patienten. Zum Vergleich: Beim Impfstoff von BioNTech nahmen insgesamt 43.000 Probanden an der wichtigen Phase-III-Studie teil, bei Moderna waren es rund 30.000. Die Medikamente sind also vor der Zulassung bei viel weniger Menschen getestet worden, als es bei den Impfstoffen der Fall war.

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Impfstoffe vs. Medikamente gegen Corona

Hinzu kommt: Die Impfstoffe wurden seit ihrer Zulassung zum Jahreswechsel 2020/2021 abermillionenfach verabreicht und dabei parallel weiter überwacht. Dabei erkannten Mediziner und Wissenschaftler auch seltene Nebenwirkungen. Neue Erkenntnisse, die bei der Anwendung der Impfstoffe Berücksichtigung finden.

Bei den Medikamenten ist es noch ein langer Weg, bis das Nebenwirkungsprofil ähnlich gut untersucht ist. „Wenn Sie eine Nebenwirkung haben, die zum Beispiel in 1 von 10.000 Fällen vorkommt – und das ist schon relativ häufig –, dann müssen Sie statistisch gesehen mindestens 30.000 Menschen behandelt haben, damit der Fall einmal aufgetreten ist“, erklärt Lehr. „Es gibt viele Medikamente, die erst nach der Zulassung Probleme gezeigt haben.“ Daher ist es auch Standard, sie langfristig zu kontrollieren.

Quellen

  1. Roche Group Media Relations.(2021). New phase III data shows investigational antibody cocktail casirivimab and imdevimab reduced hospitalisation or death by 70% in non-hospitalised patients with COVID-19
  2. EMA. (2021). COVID-19: EMA recommends authorisation of two monoclonal antibody medicines Share
  3. Merck (2021). Merck and Ridgeback’s Investigational Oral Antiviral Molnupiravir Reduced the Risk of Hospitalization or Death by Approximately 50 Percent Compared to Placebo for Patients with Mild or Moderate COVID-19 in Positive Interim Analysis of Phase 3 Study
  4. Pfizer (2021). Pfizer to provide U.S. Government with 10 Million Treatment courses of investigational oral antiviral candidate to help combat Covid-19

mit Material von dpa

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