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Als hochdosiertes Supplement

Vitamin B6 soll bei Angstzuständen und Depressionen helfen können 

Junger, trauriger Mann lehnt an einer Hauswand
Bei Depressionen und Angstzuständen müssen Betroffene oft zu Medikamenten mit starken Nebenwirkungen greifen. Ein Supplement könnte das ändern.Foto: Getty Images

Mit hochdosiertem Vitamin B6 lassen sich Angstgefühle und Depressionen reduzieren, so das Ergebnis einer aktuellen britischen Studie. Das kostengünstige und zudem gut verträgliche Nahrungsergänzungsmittel könnte zukünftig Teil von Therapien werden.

Im Detail zu verstehen, wie Depressionen und Angststörungen genau entstehen und was sie begünstigt – davon ist die Wissenschaft noch weit entfernt. Sicher ist: Umweltgifte, dunkle Zukunftsaussichten und zunehmende Einkommensungleichheiten haben ihren Anteil und sorgen für einen weltweiten Anstieg. Und nicht zuletzt sind Depressionen immer ein Zeichen dafür, dass in der Hirnchemie etwas aus der Balance geraten ist. Jetzt entdeckten Forscher der Universität Reading, dass der Nährstoff Vitamin B6 (Pyridoxin) in hoch dosierter Form Depressionen lindern kann. Die spürbare Wirkung trete bereits nach einem Monat ein.

Brotaufstrich Marmite brachte den Hinweis

Studienleiter Dr. David Field war vor einigen Jahren in eine Studie involviert, die feststellte, dass Menschen, die täglich Marmite (ein besonders in Australien beliebter Aufstrich auf Hefebasis) aßen, einen überdurchschnittlich hohen GABA-Spiegel im Gehirn aufwiesen. Der Neurotransmitter ist unser körpereigenes Beruhigungsmittel und damit der wirksamste Gegenspieler bei Angstgefühlen. Im Gegenzug haben Menschen, die unter Depressionen und Angststörungen leiden, einen zu niedrigen GABA-Spiegel.

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„Ich wollte herausfinden, welche einzelnen Inhaltsstoffe in Marmite die Wirkung antreiben, und B6 und B12 waren die plausibelsten Kandidaten“, berichtet Field in einem Interview mit „News Medical“.1 Also rief der Wissenschaftler eine neue Studie ins Leben, um dem Mechanismus dahinter auf den Grund zu gehen. Die Ergebnisse dazu wurden aktuell im Fachmagazin „Human Psychopharmacology: Clinical and Experimental“ veröffentlicht.

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Vitamin B6 oder Vitamin B12 – was hilft besser bei Depressionen?

Field und sein Team rekrutierten 300 Probanden, die einen Monat lang täglich nach dem Zufallsprinzip entweder Vitamin B6- oder B12-Ergänzungen weit über der empfohlenen Tagesdosis (etwa die 50-fache Menge) oder ein Placebo einnehmen sollten. Die Studie zeigte, dass Vitamin B12 im Vergleich zum Placebo während des Versuchszeitraums wenig Wirkung hatte, Vitamin B6 jedoch einen statistisch zuverlässigen Unterschied machte. So berichteten jene Teilnehmer, die Vitamin B6 verabreicht bekommen hatten, sich weniger ängstlich oder depressiv zu fühlen. Ausschlaggebend: Ihr GABA-Spiegel stieg während der vier Wochen signifikant an. Für Field steht also fest: Das in Marmite enthaltene Vitamin B6 ist der Grund für den positiven Effekt auf die Hirnchemie.

Übrigens: Vitamin B12 scheint trotzdem nicht ganz wirkungslos zu sein. Zwar kann der Nährstoff bei einer bereits bestehenden Depression wohl nicht mehr viel ausrichten, senkt aber das Risiko, im Alter daran zu erkranken. Daher ist eine ausreichende Versorgung mit Vitamin B12 in jungen Jahren besonders wichtig (FITBOOK berichtete).

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Wie Vitamin B6 das Gehirn wieder ins Gleichgewicht bringt

Psychische Krankheiten gehen meist mit einer erhöhten Hirnaktivität her. Es herrscht also sprichwörtlich Gewitter im Kopf. GABA bringt die nötige Ruhe ins System und dieses wird wiederum mit der Hilfe von Vitamin B6 gebildet. Und hier gilt einmal tatsächlich das Motto „viel hilft viel.“ „Vitamin B6 hilft dem Körper, diesen wichtigen chemischen Botenstoff zu produzieren, was die beruhigende Wirkung und die verringerte Angst bei den Teilnehmern erklärt“, führt Field in einer Universitätsmitteilung aus.3

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Was bei der Menge unbedingt zu beachten ist

Vitamin B6 gilt als das „Anti-Stress-Vitamin“, das Stoffwechselprozesse regelt, indem es dem Körper dabei hilft, Proteine ​​und Kohlenhydrate in Energie umzuwandeln. Es ist natürlicherweise Thunfisch, Kichererbsen und vielen Obst- und Gemüsesorten enthalten. Der Tagesbedarf für einen Erwachsenen liegt bei etwa 1,5 Milligram. „Die hohen Dosen, die in dieser Studie verwendet wurden, legen jedoch nahe, dass Nahrungsergänzungsmittel notwendig sind, um eine positive Wirkung auf die Stimmung zu erzielen“, so Field. Die von ihm verabreichten 70 Milligram gelten als sicher, eine tägliche Dosis ab 200 Milligram kann dagegen zu anhaltenden Taubheitsgefühlen in Armen und Beinen führen. Daher ist bei Selbstmedikation gegen Depressionen mit Vitamin B6 Vorsicht geboten.

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Löst Vitamin B6 bald Antidepressiva ab?

Für Field und sein Team könnte zukünftig Vitamin B6 ein wichtiger Teil bei der Behandlung von Depressionen und Angststörungen sein. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. „Wir befinden uns diesbezüglich in einem frühen Stadium. So war die Wirkung von Vitamin B6 auf die Angst in unserer Studie im Vergleich zu dem, was man von Medikamenten erwarten würde, recht gering.“ Er räumt aber auch ein, dass der Nährstoff weitaus weniger unangenehme Nebenwirkungen hat, sodass einige Betroffene Vitamin B6 bestimmten Antidepressiva vorziehen würden. „Um dies zu einer realistischen Wahl zu machen, ist weitere Forschung erforderlich. Eine mögliche Option wäre die Kombination von Vitamin-B6-Präparaten mit Gesprächstherapien wie der kognitiven Verhaltenstherapie, um deren Wirkung zu verstärken.“

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