23. September 2025, 20:39 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Wie stark bestimmen Intelligenz, Bildung oder unsere Umwelt, ob wir jemals Sex haben? Eine neue Studie mit über 400.000 Personen zeigt: Lebenslange Sexlosigkeit ist kein Randphänomen – sie hängt mit Persönlichkeitsmerkmalen, Gesundheit, sozialen Faktoren und sogar genetischen Einflüssen zusammen. Besonders bei Männern zeigt sich ein überraschend komplexes Zusammenspiel – mit gesellschaftlicher Brisanz.
Jetzt dem FITBOOK-Kanal bei Whatsapp folgen!
Warum hatten Menschen im hohen Erwachsenenalter noch nie Sex?
Genau diese Frage wollte ein internationales Forschungsteam bestehend aus Wissenschaftlern des Amsterdam University Medical Center, der australischen University of Queensland und des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik (MPIEA) in Frankfurt/Main beantworten. Ziel der Studie war es, die Merkmale und Ursachen lebenslanger Sexlosigkeit (d. h. nie vaginalen, oralen oder analen Geschlechtsverkehr gehabt zu haben) besser zu verstehen. Bisherige Forschung dazu war begrenzt und konzentrierte sich meist auf jüngere Menschen oder sexuelle Orientierungen, wodurch die Erkenntnisse schwer übertragbar waren.1
Die große Bedeutung dieser Forschung liegt darin, dass Sex nicht nur ein persönliches Thema ist – er beeinflusst soziale Beziehungen, psychische Gesundheit und potenziell sogar gesellschaftliche Strukturen.
Auch interessant: Kann sogar Krankheiten vorbeugen! So gesund ist regelmäßiger Sex
Über 400.000 Probanden aus UK und Australien
Die verwendeten Daten stammen von 405.117 britischen und 13.500 australischen Erwachsenen, wobei erstere der UK Biobank entspringen – einer umfangreichen Gesundheitsstudie mit genetischen, körperlichen und sozialen Informationen von Menschen im Alter von 39 bis 73 Jahren.
Die Wissenschaftler analysierten 251 Merkmale (sogenannte „Phänotypen“), darunter psychische Gesundheit, kognitive Fähigkeiten, soziale Beziehungen, Drogenkonsum und Körpermaße. Zusätzlich führten die Forschenden eine sogenannte genomweite Assoziationsstudie (GWAS) durch, bei der Millionen genetischer Varianten daraufhin untersucht wurden, ob die Gene mit Sexlosigkeit in Zusammenhang stehen. Auch wurde der Einfluss von Umweltfaktoren wie dem Geschlechterverhältnis und der Einkommensverteilung in den Wohnregionen analysiert.
Für die genetischen Analysen wurde der sogenannte Polygen-Score berechnet – ein Maß für die genetische Veranlagung zu einem bestimmten Merkmal. Diese Scores wurden in einer unabhängigen australischen Stichprobe getestet, um die Übertragbarkeit der Ergebnisse zu überprüfen.
Auch interessant: Das passiert im Körper eines Mannes, wenn er lange keinen Sex hatte
Wer nie Sex hatte, ist oft hochgebildet, vermeidet Alkohol und fühlt sich einsam
In der britischen Stichprobe gaben 3.929 Personen (etwa ein Prozent) an, niemals Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. Diese Personen unterschieden sich in vielen Merkmalen signifikant von sexuell aktiven Menschen. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:
- Soziale und emotionale Merkmale: Sexlose Personen waren häufiger einsam, nervös und unglücklich. Sie hatten seltener enge Vertrauenspersonen und weniger sozialen Kontakt mit Freunden oder Familie.
- Gesundheit und Verhalten: Sie konsumierten weniger Alkohol, rauchten seltener und nutzten ihr Handy weniger. Männer zeigten zudem geringere körperliche Stärke (z. B. weniger Griffkraft).
- Kognition und Bildung: Sexlose Menschen waren durchschnittlich höher gebildet und zeigten genetische Merkmale, die mit höherem IQ und sozioökonomischem Status verbunden sind.
- Umweltfaktoren: Männer, die nie Sex hatten, lebten häufiger in Regionen mit einem Männerüberschuss sowie mit höherer Einkommensungleichheit.
- Genetik: Genetische Varianten erklärten 17 Prozent (bei Männern) bzw. 14 Prozent (bei Frauen) der Unterschiede in Sexlosigkeit, wobei diese sich in moderatem Ausmaß überschnitten, aber auch Unterschiede aufwiesen.
In der australischen Stichprobe bestätigten sich viele dieser Zusammenhänge. Der genetische Score für Sexlosigkeit war unter anderem mit späterem Sexualbeginn, weniger sexuellen Beziehungen und geringerer Partnerschaftserfahrung assoziiert – vor allem bei Frauen.
Co-Erstautor Abdel Abdellaoui berichtet: „Am auffälligsten ist die Überschneidung mit genetischen Faktoren, die mit Intelligenz, Bildung und neurologischen Entwicklungsstörungen wie Autismus zusammenhängen.“ Co-Seniorautor Brendan Zietsch ergänzt: „Wir erkennen hier eine Gruppe von Menschen, die tendenziell sozial eher zurückgezogen lebt und daher häufiger Schwierigkeiten hat, einen Partner zu finden“.2
Männer erleben Höhepunkt ihrer Lust später im Leben als bisher gedacht
So beeinflussen Sex, Masturbation und Orgasmus den Schlaf
Welche Bedeutung haben diese Ergebnisse?
Die Studie liefert einen neuen, differenzierten Blick auf lebenslange Sexlosigkeit. Sexuell enthaltsame Menschen zeigen ein komplexes Zusammenspiel aus Bildung, psychischer Verfassung, sozialer Isolation und genetischer Disposition. Besonders bei Männern spielt körperliche Stärke eine Rolle, während Einsamkeit über alle Gruppen hinweg verbreitet ist „Romantische und sexuelle Beziehungen sind oft eine wichtige soziale Stütze. Ihr Fehlen ist für viele mit Einsamkeit, Angstzuständen, depressiven Gefühlen und vermindertem Wohlbefinden verbunden“, erklärt Co-Erstautorin Laura Wesseldijk vom MPIEA.
Auch für die Gesellschaft sind die Ergebnisse relevant. Die Autoren weisen darauf hin, dass Männer in Regionen mit vielen Männern und hoher sozialer Ungleichheit besonders gefährdet sind, sexlos zu bleiben – was mit erhöhtem psychischem Leid und sozialen Risiken (z. B. Radikalisierung in „Incel“-Gruppen; unfreiwilliges Zölibat) verbunden sein kann. Die Studie liefert somit Anknüpfungspunkte für sozialpolitische Maßnahmen zur Förderung sozialer Teilhabe und psychischer Gesundheit.
Für die Genforschung zeigt sich: Sexlosigkeit ist nicht nur eine persönliche oder kulturelle Frage, sondern könnte auch aus evolutionärer Sicht bedeutsam sein. Wer nie Geschlechtsverkehr hat, bekommt keine Nachkommen – ein möglicher biologischer „dead end“ (Endpunkt). Bestimmte Genvarianten, die heute mit Sexlosigkeit in Verbindung stehen, sind in den letzten 10.000 Jahren seltener geworden, weil sie vermutlich die Chancen auf Fortpflanzung verringerten und dadurch seltener weitervererbt wurden.
Forscher warnen vor Überinterpretation der Ergebnisse
Die Wissenschaftler betonen, dass ihre Ergebnisse keine Werturteile enthalten. Manche Menschen entscheiden sich bewusst für ein enthaltsames Leben. Sie konnten nicht zwischen freiwilliger (z. B. Asexualität) und unfreiwilliger Sexlosigkeit (z. B. soziale Isolation) unterscheiden, aber die damit zusammenhängenden Faktoren aufzeigen.
Die Stärken der Studie liegen in der hohen Datenqualität, der Berücksichtigung kultureller Kontexte und der Möglichkeit, genetische Einflüsse differenziert zu analysieren. Allerdings basiert die Erhebung teils auf Selbstauskünften, wodurch Verzerrungen möglich sind – etwa durch soziale Erwünschtheit. Männer könnten ihre sexuelle Erfahrung eher übertreiben, Frauen untertreiben.
Zudem sind genetische Zusammenhänge immer kontextabhängig: Ein genetisches Merkmal, das heute mit Sexlosigkeit assoziiert ist, hatte in früheren Kulturen möglicherweise keine oder andere Bedeutungen. Die Forschenden selbst warnen deshalb ausdrücklich vor einer Überinterpretation der genetischen Ergebnisse. Die Studie zeigt lediglich Korrelationen auf, keine Kausalität.