16. Januar 2026, 12:16 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Was bestimmt unser sexuelles Verlangen? Eine neue Studie mit über 67.000 Erwachsenen aus Estland liefert die bislang umfassendste Antwort: Alter, Geschlecht, Beziehungsstatus – und sogar die Anzahl der Kinder – spielen eine entscheidende Rolle. Das wohl überraschendste Ergebnis: Die höchste Lust haben Männer nicht etwa in ihren Zwanzigern, sondern erst später im Leben.
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So lief die Studie ab
Sexuelle Lust ist ein zentraler Aspekt menschlicher Beziehungen und des Wohlbefindens. Doch welche Faktoren beeinflussen sie wirklich? Um diese Frage zu beantworten, analysierte ein Forschungsteam aus Estland und Großbritannien die Daten von 67.334 Erwachsenen aus der estnischen Biobank. Diese waren 20 bis 84 Jahre alt. Das Durchschnittsalter lag bei 47 Jahren. Ziel war es, herauszufinden, wie stark demografische und beziehungsbezogene Merkmale mit dem individuellen sexuellen Verlangen zusammenhängen – etwa Geschlecht, Alter, sexuelle Orientierung, Beziehungsstatus, kürzliche Geburten, Kinderzahl, Bildung, Beruf und Zufriedenheit in der Partnerschaft.1
Die Daten wurden zwischen November 2021 und April 2022 über eine Online-Befragung erhoben. Das sexuelle Verlangen wurde mit zwei Items erfasst und statistisch standardisiert:
- „Ich habe ein starkes sexuelles Verlangen“ und
- „Ich denke nicht oft an Sex“
Für die Auswertung nutzten die Forschenden einfache Gruppenvergleiche ebenso wie komplexe Regressionsmodelle, in denen alle Variablen gleichzeitig berücksichtigt wurden.
Die wichtigsten Einflussfaktoren sind Geschlecht und Alter
Geschlecht und Alter erwiesen sich als stärkste Prädiktoren für sexuelles Verlangen – noch vor Beziehung oder Bildung. Männer berichteten durchgehend von einer höheren sexuellen Lust als Frauen. Diese Unterschiede bestanden in allen Altersgruppen und wurden mit dem Alter stärker. In der Altersgruppe ab 60 Jahren war der Unterschied am größten.
Insgesamt erklärte das vollständige Modell 28,3 Prozent der Unterschiede im sexuellen Verlangen, was für psychologische Studien ein hoher Wert ist.
Höhepunkt sexuellen Verlangens bei Männern später als bisher angenommen
Generell ließ sexuelles Verlangen mit zunehmendem Alter insgesamt ab, bei Frauen jedoch deutlich stärker als bei Männern. Was überraschte: Männer erreichten ihren Höhepunkt sexuellen Verlangens im Alter um die 40 Jahre, also später als bisher angenommen. Frauen hatten ihren höchsten Durchschnittswert mit Anfang 20.
Ein weiterer Unterschied zwischen den Geschlechtern: Das sexuelle Verlangen von Männern bleibt über große Teile des Lebens hinweg bemerkenswert stabil – deutlich konstanter als bei Frauen. Zwar spielen Hormone wie Testosteron eine Rolle, doch auch Verhaltensmuster (z. B. Masturbationshäufigkeit) und gesellschaftliche Erwartungen tragen wesentlich zur Aufrechterhaltung des Verlangens bei. Bei Frauen hingegen zeigt sich das Verlangen deutlich variabler, beeinflusst durch hormonelle Schwankungen, Lebensphasen wie Schwangerschaft oder Wechseljahre sowie durch gesellschaftliche Rollenerwartungen, Zufriedenheit in der Beziehung und die Belastung durch Care-Arbeit.
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Sexuelle Orientierung, Kinderanzahl und Beruf
Bisexuelle und pansexuelle Personen berichteten mehr sexuelles Verlangen als Heterosexuelle, asexuelle Personen am wenigsten. Der Beziehungsstatus beeinflusste das Verlangen nur leicht: Menschen in Partnerschaft berichteten von geringfügig mehr Lust als Alleinlebende.
Auch die Faktoren Kinderanzahl und kürzliche Geburt zeigten signifikante, aber schwache Zusammenhänge: Personen ohne Kinder oder mit Geburt im vergangenen Jahr hatten eine leicht höhere Lust. Die Zufriedenheit mit der eigenen Beziehung korrelierte ebenfalls positiv mit sexueller Lust, allerdings nur geringfügig.
Berufliche Gruppen unterschieden sich stärker als erwartet. Militärangehörige, Maschinenführer und Manager berichteten von höherer Lust, während Büroangestellte und Hilfsarbeiter niedrigere Werte hatten. Dahingegen beeinflusste der Bildungsstand kaum die Lust.
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Welche Bedeutung haben diese Ergebnisse?
Die Ergebnisse dieser Studie sind richtungsweisend für das Verständnis sexueller Lust im Alltag: Sie zeigen, dass bestimmte Lebensfaktoren, insbesondere Geschlecht und Alter, starke und verlässliche Prädiktoren für sexuelles Verlangen sind. Besonders deutlich wird: Männer haben im Durchschnitt durch alle Lebensphasen hinweg ein höheres sexuelles Verlangen als Frauen. Der Unterschied nimmt mit dem Alter sogar noch zu.
Das unterstreicht, dass geschlechtsspezifische Einflüsse, sowohl biologischer (z. B. Hormonspiegel wie Testosteron) als auch sozialer Art (z. B. Rollenerwartungen), eine zentrale Rolle spielen. Dass Männer den Höhepunkt ihrer Lust erst um die 40 erreichen, könnte mit stabileren Beziehungen, mehr emotionaler Nähe oder veränderten Prioritäten zusammenhängen.
Interessant ist auch die Wirkung der Elternrolle: Während Männer mit mehr Kindern tendenziell mehr sexuelles Verlangen berichten, sinkt es bei Frauen. Das legt nahe, dass Care-Arbeit und Belastung durch Kinder unterschiedlich auf das Lustempfinden wirken.
Die Erkenntnisse könnten helfen, in Zukunft sexualtherapeutische Angebote besser auf verschiedene Lebenssituationen zuzuschneiden, z. B. für ältere Paare, junge Mütter oder beruflich stark belastete Personen.
Stärken und Schwächen der Studie – eine Einordnung
Diese Studie ist die bislang umfassendste Untersuchung zur Frage, wie stark demografische Faktoren mit sexuellem Verlangen zusammenhängen. Ihre Stärke liegt in der großen, bevölkerungsrepräsentativen Stichprobe und der gleichzeitigen Berücksichtigung vieler Variablen samt deren Wechselwirkungen.
Einschränkungen bestehen bei der Erfassung des sexuellen Verlangens: Es wurde mit nur zwei allgemeinen Aussagen gemessen, ohne Unterscheidung zwischen z. B. partnerschaftlicher und individueller Lust. Auch psychologische Aspekte wie Persönlichkeit, emotionale Bedürfnisse oder Beziehungsmuster wurden nicht berücksichtigt. Die Studienautoren merken an, dass frühere Untersuchungen zeigen, dass diese Faktoren zusätzlich zehn bis 15 Prozent der Varianz erklären könnten.
Außerdem basiert die Erhebung auf Selbstauskünften, die – gerade bei sexualitätsbezogenen Themen – durch soziale Erwünschtheit oder kulturelle Normen beeinflusst sein können. Das könnte z. B. bei Frauen zu einer Unterschätzung ihres tatsächlichen Verlangens führen.
Trotzdem bleibt das Ergebnis bemerkenswert: Mit einfachen demografischen Angaben lässt sich ein großer Teil der Unterschiede in der sexuellen Lust erklären – eine wichtige Grundlage für weiterführende Forschung.