10. September 2026, 13:32 Uhr | Lesezeit: 12 Minuten
Das Tückische ist, dass eine Depression bei manchen Menschen lange unentdeckt bleibt. Wer weiterhin zur Arbeit geht, den Haushalt führt, sich um Kinder kümmert oder soziale Termine wahrnimmt, wird von seinem Umfeld möglicherweise nicht als erkrankt wahrgenommen. Auch Betroffene selbst können ihre Beschwerden oft nicht einordnen. Schließlich können sie ihre täglichen Aufgaben doch noch bewältigen. Sie passen nicht ins Bild von depressiven Menschen, die sich zurückziehen und nur noch im Bett liegen. Stattdessen „funktionieren“ sie weiter, weshalb ihre Depression oft als „hochfunktionale Depression“ bezeichnet wird.
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Bei Depressionen handelt es sich um ein weitverbreitetes Krankheitsbild. Laut der „Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention“ leiden in Deutschland etwa 8,2 Prozent der Erwachsenen zwischen 18 und 79 Jahren an psychischen Erkrankungen.1 Allein in dieser Altersgruppe sind es über fünf Millionen Bundesbürger. Deswegen gehört sie mittlerweile zu den Volkskrankheiten in Deutschland. Dabei gibt es unterschiedliche Ausprägungen von Depressionen. Die hochfunktionale Depression ist eine davon, wobei sie keine eigenständige medizinische Diagnose darstellt. „Hochfunktional“ beschreibt lediglich, dass jemand trotz depressiver Beschwerden nach außen leistungsfähig erscheint.
Aber: Dass eine Person ihren Alltag noch bewältigt, bedeutet nicht automatisch, dass die Erkrankung leicht ist. Entscheidend sind unter anderem Art, Zahl, Intensität und Dauer der Symptome, der persönliche Leidensdruck sowie die Einschränkungen im beruflichen, sozialen und privaten Leben.
Was sind Depressionen?
Viele Menschen benutzen die Begriffe „depressiv“ oder „deprimiert“, um damit ein Stimmungstief in ihrem Leben auszudrücken. So kann uns unter anderem die dunkle Jahreszeit, Unzufriedenheit im Beruf und Privatleben oder der Verlust eines Menschen in ein tiefes Loch fallen lassen. Doch wenn wir Glück haben, handelt es sich dabei um eine vorübergehende depressive Phase, die wir aus eigener Kraft oder mit kurzzeitiger Hilfe überwinden und aus der wir zurück zur Lebensfreude und zur Zufriedenheit finden.
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Ob jemand an einer Depression erkrankt, hängt nicht von einem einzelnen Faktor ab. Eine genetische Veranlagung kann das Risiko erhöhen, führt aber nicht zwangsläufig zur Erkrankung. In der Regel wirken verschiedene biologische, psychologische und soziale Faktoren zusammen. Eine Depression kann deshalb auch Menschen treffen, die beruflich erfolgreich sind, in einer stabilen Partnerschaft leben und nach außen keine größeren Probleme zu haben scheinen.
Hinter einer sogenannten hochfunktionalen Depression kann unter anderem eine Dysthymie stehen. Diese ist durch einen langanhaltenden Verlauf gekennzeichnet. Nach der internationalen Klassifikation ICD-11 besteht die depressive Stimmung bei Erwachsenen mindestens zwei Jahre lang, während des größten Teils des Tages und an mehr Tagen als nicht. Hinzukommen können beispielsweise Interessenverlust, ein geringes Selbstwertgefühl, Konzentrationsprobleme, Hoffnungslosigkeit, Schlaf- oder Appetitveränderungen und anhaltende Erschöpfung.2
Wie erkennt man mögliche Anzeichen?
Bei einer depressiven Episode bestehen mehrere Krankheitszeichen in der Regel mindestens zwei Wochen. Bei einer Dysthymie ist dagegen der chronische Verlauf entscheidend: Die Beschwerden halten bei Erwachsenen mindestens zwei Jahre an.
Einzelne Symptome erlauben jedoch keine verlässliche Diagnose. Die folgenden Anzeichen können auf depressive Beschwerden hindeuten, kommen aber auch bei anderen psychischen und körperlichen Erkrankungen vor.
1. Eigentlich läuft alles gut, Sie sind aber trotzdem unglücklich
Depressionen treten nicht nur als direkte Reaktion auf eine schwierige Lebenssituation auf. Im Job läuft alles problemlos, die Beziehung funktioniert gut und auch sonst gibt es keine größeren Probleme im Leben. Trotzdem fühlen Sie sich dauerhaft unglücklich oder innerlich leer?
Eine anhaltend gedrückte Stimmung kann ein Anzeichen für eine Depression sein. Ob tatsächlich eine depressive Erkrankung vorliegt, lässt sich jedoch nicht allein daran erkennen, ob es im Leben einen offensichtlichen Auslöser gibt.
2. Sie empfinden kaum noch Freude
Manche Menschen können sich über kleine Dinge des Lebens freuen. Sie begegnen einem Bekannten auf der Straße, genießen den ersten Kaffee am Morgen oder freuen sich auf einen geselligen Abend.
Bei einer Depression kann die Fähigkeit, Interesse oder Freude zu empfinden, deutlich vermindert sein. Ein Geschenk, ein guter Film, ein leckeres Essen oder ein Treffen mit Freunden lösen dann kaum noch positive Gefühle aus. Oder die Freude hält nur für einen kurzen Moment an und weicht schnell wieder einer inneren Leere oder Niedergeschlagenheit.
Dieser Verlust von Interesse und Freude wird in der Medizin als Anhedonie bezeichnet und gehört zu den möglichen Hauptsymptomen einer Depression.3
3. Sie funktionieren nur noch
Menschen mit einer Depression können in unterschiedlichem Maße eingeschränkt sein. Manche sind zeitweise arbeitsunfähig und ziehen sich stark zurück. Andere arbeiten weiter, kümmern sich um Haushalt, Kinder und Partnerschaft und erfüllen ihre Verpflichtungen. Trotzdem kann sich der gesamte Alltag nur noch wie eine endlose Reihe von Aufgaben anfühlen. Betroffene erledigen zwar, was von ihnen erwartet wird, empfinden dabei aber kaum Freude, Sinn oder Erfüllung. Viele beschreiben das Gefühl, nur noch zu funktionieren.
Dass der Alltag äußerlich bewältigt wird, sagt wenig darüber aus, wie hoch der innere Leidensdruck ist.
4. Sie sind ständig erschöpft oder schlafen schlecht
Anhaltende Erschöpfung und Schlafprobleme können eine Depression begleiten. Manche Betroffene können schlecht einschlafen, wachen nachts häufig auf oder werden deutlich zu früh wach. Andere schlafen länger als gewöhnlich und fühlen sich trotzdem nicht erholt.
Auch die Bewältigung alltäglicher Aufgaben kann mehr Kraft kosten als früher. Betroffene quälen sich von einer Aufgabe zur nächsten und erleben selbst einfache Tätigkeiten als anstrengend.
Müdigkeit und Schlafstörungen sind allerdings unspezifisch. Auch Schlafmangel, chronischer Stress, andere psychische Erkrankungen, Medikamente oder körperliche Ursachen können dahinterstecken. Deshalb ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll, wenn die Beschwerden anhalten oder den Alltag beeinträchtigen.
5. Sie grübeln häufig über Ihr Leben
Kennen Sie das Gefühl, ständig mit sich selbst im Dialog zu sein? Sie fragen sich beispielsweise: „Warum bin ich so unglücklich, obwohl doch eigentlich alles gut läuft? Ich müsste dankbar sein für das, was ich habe. Andere Menschen sind viel schlechter dran als ich. Warum empfinde ich trotzdem diese innere Leere und Freudlosigkeit?“
Wiederkehrendes Grübeln, Selbstvorwürfe, Schuldgefühle und Hoffnungslosigkeit können zu einer Depression gehören. Manche Betroffene werten sich außerdem selbst ab oder machen sich dafür verantwortlich, dass sie ihre Beschwerden nicht aus eigener Kraft überwinden können.
Depressive Symptome sind jedoch keine Frage mangelnder Dankbarkeit oder mangelnder Willenskraft. Wenn solche Gedanken über längere Zeit bestehen oder zunehmend belastend werden, sollten Sie sich an eine hausärztliche, psychiatrische oder psychotherapeutische Praxis wenden.
6. Sie ziehen sich von sozialen Kontakten zurück
Ein weiteres mögliches Anzeichen ist der Rückzug von sozialen Kontakten. Während Treffen mit Freunden oder Kollegen früher Freude bereitet haben, werden sie zunehmend als anstrengend empfunden. Manche Betroffene haben das Gefühl, eine Maske aufsetzen und so tun zu müssen, als sei alles in Ordnung.
Auch Scham, Erschöpfung, Interessenverlust oder die Befürchtung, nicht verstanden zu werden, können dazu führen, dass Betroffene Einladungen absagen und Kontakte meiden.
Es kann helfen, sich einer vertrauten Person mitzuteilen. Gespräche mit Freunden oder Familienmitgliedern ersetzen allerdings keine fachliche Behandlung. Wer diesen Schritt nicht gehen kann oder sich zunehmend zurückzieht, kann sich direkt an eine Beratungsstelle oder eine professionelle Anlaufstelle wenden.
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7. Ihr Selbstwertgefühl nimmt ab
Menschen mit lang anhaltenden depressiven Beschwerden zweifeln möglicherweise zunehmend an sich selbst. Sie fühlen sich anderen unterlegen, erleben sich als unfähig oder glauben, den Erwartungen ihres Umfelds nicht zu entsprechen. Gerade bei äußerlich leistungsfähigen Menschen kann dieser innere Zustand für andere schwer erkennbar sein. Erfolge werden dann möglicherweise nicht als eigene Leistung wahrgenommen, während Fehler stark überbewertet werden.
8. Sie können sich schlechter konzentrieren
Auch Konzentrations- und Entscheidungsschwierigkeiten können auftreten. Betroffene brauchen länger für Aufgaben, verlieren häufiger den Faden oder fühlen sich schon von kleinen Entscheidungen überfordert.
Wer beruflich oder privat weiterhin funktioniert, kann solche Probleme zeitweise durch längere Arbeitszeiten, stärkere Kontrolle oder besondere Anstrengung ausgleichen. Das kann die Erschöpfung zusätzlich verstärken.
Nicht jede Erschöpfung ist eine Depression
Anhaltende Müdigkeit, Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten und sozialer Rückzug können zahlreiche Ursachen haben. Ähnliche Beschwerden treten beispielsweise bei Angststörungen, Schlafstörungen, anhaltendem Stress oder anderen psychischen Erkrankungen auf.
Auch körperliche Erkrankungen können depressive Beschwerden verursachen oder verstärken. Dazu zählen beispielsweise bestimmte Schilddrüsenerkrankungen. Darüber hinaus können Medikamente, Alkohol oder andere Substanzen eine Rolle spielen.
Eine rein anhand von Symptomen vorgenommene Selbstdiagnose ist deshalb nicht zuverlässig. In einer hausärztlichen Praxis können neben einem ausführlichen Gespräch bei Bedarf körperliche Untersuchungen oder Bluttests erfolgen, um mögliche organische Ursachen abzuklären.4
Auch der häufig verwendete Begriff „Burn-out“ ist nicht automatisch mit einer Depression gleichzusetzen. Erschöpfung infolge länger anhaltender beruflicher oder privater Belastungen und eine depressive Erkrankung können sich überschneiden. Eine eindeutige Abgrenzung sollte fachlich erfolgen.
Wer kann eine Dysthymie oder Depression feststellen?
Einzelne Anzeichen reichen nicht aus, um eine Dysthymie oder eine andere depressive Erkrankung zu diagnostizieren. Entscheidend sind Dauer, Häufigkeit und Stärke der Symptome sowie deren Auswirkungen auf das persönliche, berufliche und soziale Leben.
In einem diagnostischen Gespräch wird außerdem geklärt, ob andere psychische oder körperliche Erkrankungen, Medikamente oder Substanzen die Beschwerden erklären könnten. Auch frühere depressive, manische oder hypomanische Phasen sind für die diagnostische Einordnung wichtig.
Erste Anlaufstellen können sein:
- die hausärztliche Praxis
- eine psychiatrische Praxis
- eine Praxis für psychosomatische Medizin und Psychotherapie
- eine psychotherapeutische Sprechstunde
Fragebögen oder Online-Selbsttests können eine erste Einschätzung unterstützen. Sie ersetzen jedoch keine professionelle Diagnose. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention empfiehlt, bei einem Verdacht auf eine Depression frühzeitig Unterstützung zu suchen.5
Wie wird eine chronische Depression behandelt?
Welche Behandlung infrage kommt, hängt von der Art, Schwere und Dauer der Beschwerden, möglichen Begleiterkrankungen, bisherigen Behandlungen und den Wünschen der betroffenen Person ab.
Zu den etablierten Behandlungsmöglichkeiten gehören insbesondere Psychotherapie und Antidepressiva. Bei einer ersten leichten depressiven Episode können zunächst niedrigschwellige Maßnahmen wie beratende Gespräche oder begleitete Online-Programme angeboten werden. Mittelschwere Depressionen benötigen häufig eine Psychotherapie oder eine medikamentöse Behandlung. Bei schweren Depressionen sollen beide Ansätze in der Regel kombiniert werden.6
Ergänzende Maßnahmen wie regelmäßige körperliche Aktivität, eine stabile Tagesstruktur, Maßnahmen für einen besseren Schlaf oder der Besuch einer Selbsthilfegruppe können die Behandlung unterstützen. Sie ersetzen bei einer behandlungsbedürftigen Depression jedoch keine fachliche Therapie.
Bei chronischen Beschwerden können eine längerfristige Begleitung und eine regelmäßige Überprüfung des Behandlungserfolgs erforderlich sein. Falls eine Behandlung nicht ausreichend hilft, sollten gemeinsam mit den behandelnden Fachleuten mögliche Gründe geprüft und weitere Behandlungsoptionen besprochen werden.
Diese Symptome können auf eine Depression hinweisen
Was sind Symptome einer bipolaren Störung?
Wann sollte man professionelle Hilfe suchen?
Professionelle Hilfe ist insbesondere empfehlenswert, wenn depressive Beschwerden:
- mindestens zwei Wochen anhalten,
- über Monate oder Jahre immer wieder auftreten,
- zunehmend stärker werden,
- Schlaf, Beziehungen, Arbeit oder Lebensqualität beeinträchtigen,
- zu einem zunehmenden sozialen Rückzug führen,
- mit starker Hoffnungslosigkeit oder Suizidgedanken verbunden sind.
Auch wer nach außen weiterhin leistungsfähig ist, darf sich frühzeitig Hilfe holen. Betroffene müssen nicht warten, bis sie ihren Alltag nicht mehr bewältigen können.
Hier finden Sie schnelle Hilfe
Eine erste Anlaufstelle ist häufig die hausärztliche Praxis. Eine psychotherapeutische Sprechstunde kann auch ohne vorherige Diagnose aufgesucht werden. Über die bundesweite Telefonnummer 116117 können gesetzlich Versicherte nach ärztlichen und psychotherapeutischen Praxen suchen oder sich über den Zugang zu einer psychotherapeutischen Sprechstunde informieren. Der Patientenservice ist rund um die Uhr erreichbar. Bei lebensbedrohlichen Notfällen ist dagegen die 112 die richtige Nummer.
Info-Telefon Depression: 0800 / 33 44 533
Sprechzeiten: Montag, Dienstag und Donnerstag von 13 bis 17 Uhr sowie Mittwoch und Freitag von 8.30 bis 12.30 Uhr
Info-Mail Depression: bravetogether@deutsche-depressionshilfe.de
Nehmen Sie Warnzeichen ernst!
„Depressive Episoden gibt es in vielen verschiedenen Formen und Stärken. Dazu zählt auch die hochfunktionale Depression. ‚Hochfunktional‘ – das scheint erst mal ein gutes Wort zu sein und klingt nicht wie eine Erkrankung, die man behandeln sollte. Dysthymie klingt da schon eher nach einer ernstzunehmenden Sache.
Denn zunächst bewältigt man ja den Alltag, ist leistungsfähig und liefert ab, egal ob in Schule, Studium oder Job. Genau darin liegt aber das Gefährliche an dieser Erkrankung. Viele Menschen mit diesen depressiven Symptomen lernen schnell, sie im Alltag zu verstecken oder sie so gut wie möglich zu ignorieren. Allerdings entlädt sich dies dann spätestens, sobald man Schule oder Arbeit verlässt.
Ich litt bereits während des Abiturs unter jahrelangen Schlafstörungen, grübelte über unangenehme Dinge nach, die Jahre zurücklagen, und war reizbar, wenn ich nach Essenswünschen oder sozialen Aktivitäten gefragt wurde. Für mehr als schulische Leistungen hatte ich schlicht keine Energie.
Bleiben diese Symptome lange unbehandelt, laugen sie Betroffene immer weiter aus und können auch zu schweren Episoden – der Major Depression – führen und sich darin potenzieren.
Ich musste tatsächlich zwei schwere Phasen durchleben, bis ich mit 27 Jahren erkannte, dass meine Psyche Hilfe benötigte, um zu gesunden. Heute nehme ich die Symptome der Dysthymie viel ernster als früher und habe gelernt, wie ich damit umgehen kann. Auch wenn sie für Außenstehende nicht sofort sichtbar ist, sollte man sie aufarbeiten und die Warnzeichen ernst nehmen.“