12. Mai 2026, 21:35 Uhr | Lesezeit: 10 Minuten
Im ersten Moment beginnt er meistens unspektakulär. Ein wenig müde, ein Ziehen im Bauch, trockene Augen, vielleicht ein Ausschlag, der nicht verschwinden will. Nichts davon wirkt wirklich bedrohlich oder einschüchternd. Was viele aber nicht wissen: Es ist ein Angriff, der aus dem Inneren kommt. Dabei handelt es sich nicht um einen Virus oder ein Bakterium, sondern um das eigene Immunsystem. Bei einer Autoimmunerkrankung ist dieses nämlich nicht mehr in der Lage, zwischen körpereigenen und fremden Strukturen zu unterscheiden, und richtet sich stattdessen gegen sich selbst.
Was versteht man unter einer Autoimmunerkrankung?
Das Immunsystem gehört zu den komplexesten Schutzsystemen des Körpers. Es erkennt Eindringlinge wie Viren oder Bakterien und sorgt dafür, dass sie uns nicht krank machen. Gleichzeitig verfügt es über eine Art inneren Filter: Es weiß, was zum eigenen Körper gehört – und greift diese Strukturen nicht an.
Genau dieser Mechanismus gerät bei einer Autoimmunerkrankung aus dem Gleichgewicht. Die Unterscheidung zwischen „eigen“ und „fremd“ funktioniert nicht mehr zuverlässig. Der Körper stuft dann eigenes Gewebe als Bedrohung ein und startet eine Abwehrreaktion.
Der Name beschreibt dabei schon, was passiert: Eine Autoimmunerkrankung heißt so, weil sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet – „auto“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „selbst“.
Dabei entstehen sogenannte Autoantikörper. Diese richten sich gezielt gegen körpereigene Zellen. Die Folge sind Entzündungen, die nicht abklingen, sondern bestehen bleiben oder immer wieder auftreten. Das erklärt auch, warum eine Autoimmunerkrankung zu den chronischen Erkrankungen zählt. Sie begleitet Betroffene oft über viele Jahre.1
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Viele Hinweise – aber selten ein klares Bild
Die Symptome einer Autoimmunerkrankung sind so unterschiedlich wie die Erkrankungen selbst. Das macht es auch so schwer, sie früh zu erkennen. Je nachdem, welches Organ betroffen ist, zeigen sich ganz verschiedene Beschwerden. Häufig sind Hautausschläge, Gelenkschmerzen oder Probleme im Verdauungstrakt zu beobachten. Auch Bauchschmerzen, Durchfall, Fieber oder Muskelschmerzen können auftreten.
Einige Betroffene berichten von trockenen Augen oder Mundtrockenheit, andere von Blut im Stuhl oder Urin. Was viele Autoimmunerkrankungen gemeinsam haben, sind chronische Entzündungen. Diese können sich durch Schmerzen, Rötungen, Schwellungen oder ein Wärmegefühl bemerkbar machen.2
Hinzu kommen unspezifische Symptome wie Müdigkeit, Erschöpfung oder Leistungsschwäche. Gerade diese werden häufig lange unterschätzt oder anderen Ursachen zugeschrieben. Typisch ist außerdem ein schubweiser Verlauf. Die Beschwerden treten phasenweise stärker auf, klingen wieder ab und können später erneut auftreten. Jede Autoimmunerkrankung entwickelt sich dabei individuell.
Warum das Immunsystem plötzlich falsch reagiert
Die Ursachen einer Autoimmunerkrankung sind bis heute nicht vollständig geklärt. Es gibt nicht den einen Auslöser, sondern ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Eine genetische Veranlagung kann eine Rolle spielen. In manchen Familien treten Autoimmunerkrankungen gehäuft auf.3
Hinzu kommen äußere Einflüsse wie Infektionen, hormonelle Veränderungen oder Umweltfaktoren. Auch Stress oder bestimmte Medikamente können das Immunsystem beeinflussen.
Ein möglicher Mechanismus ist die sogenannte „Kreuzreaktion“. Dabei ähneln Krankheitserreger körpereigenem Gewebe. Das Immunsystem reagiert dann nicht nur auf den Erreger, sondern greift auch den eigenen Körper an. Warum diese Fehlsteuerung bei manchen Menschen entsteht und bei anderen nicht, konnte bis heute nicht geklärt werden.4
Zwei Formen: lokal begrenzt oder im ganzen Körper
Autoimmunerkrankungen lassen sich grob in zwei Formen einteilen:
- Bei organspezifischen Erkrankungen richtet sich die Immunreaktion gegen ein einzelnes Organ. Das kann zum Beispiel die Schilddrüse oder die Bauchspeicheldrüse sein.
- Bei systemischen Autoimmunerkrankungen sind mehrere Organe oder Gewebe betroffen. Die Entzündungen können an verschiedenen Stellen im Körper auftreten.5
In der Praxis gibt es jedoch auch Übergangsformen, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen.
Welche Organe betroffen sein können – und warum das so entscheidend ist
Wie bereits erwähnt, haben Autoimmunerkrankungen kein festes „Zielorgan“. Sie können an ganz unterschiedlichen Stellen im Körper auftreten – und genau das macht sie so schwer einzuordnen.
Schilddrüse
Besonders häufig ist die Schilddrüse betroffen. Sie reagiert empfindlich auf Fehlsteuerungen des Immunsystems. Dadurch kann sich die Hormonproduktion verändern – entweder verlangsamt oder gesteigert. Für Betroffene bedeutet das oft unspezifische Symptome wie Müdigkeit, Gewichtsschwankungen oder innere Unruhe – Dinge, die zunächst nicht eindeutig wirken.
Haut
Auch die Haut gehört zu den Organen, die häufig reagieren. Sie ist sichtbar und genau deshalb fällt hier oft zuerst etwas auf. Entzündliche Prozesse können sich durch Rötungen, Schuppen oder andere Veränderungen zeigen. Doch nicht jede Hautveränderung wird sofort als Teil einer Autoimmunerkrankung erkannt.
Darm
Der Darm ist ein weiterer zentraler Ort für Autoimmunprozesse. Dabei wird die Darmschleimhaut angegriffen. Die Folge sind Beschwerden wie Durchfall, Bauchschmerzen oder eine gestörte Nährstoffaufnahme. Auch hier ist der Zusammenhang nicht immer sofort klar, da viele dieser Symptome auch andere Ursachen haben können.
Innere Organe
Weniger offensichtlich, aber ebenso wichtig sind Organe wie Leber, Nieren oder die Nebennieren. Hier laufen die Prozesse im Verborgenen ab, was die Diagnose zusätzlich erschwert.
Nervensystem
Das Nervensystem zählt zu den empfindlichsten Bereichen. Wenn hier Strukturen angegriffen werden, kann das sehr unterschiedliche Folgen haben – von Sehstörungen über Taubheitsgefühle bis zu Bewegungsproblemen.
Augen
Selbst die Augen können betroffen sein. Entzündungen oder trockene Augen zeigen, dass auch kleine, spezialisierte Strukturen Ziel des Immunsystems werden können.
Systemische Formen: Wenn der ganze Körper reagiert
Und schließlich gibt es systemische Formen, bei denen nicht nur ein einzelnes Organ betroffen ist. Die Entzündung kann gleichzeitig an mehreren Stellen im Körper auftreten.
Genau diese Bandbreite ist entscheidend: Eine Autoimmunerkrankung folgt keinem festen Muster. Sie kann sich leise entwickeln, an ganz unterschiedlichen Stellen auftreten und dadurch lange unerkannt bleiben.
Viele Gesichter: Über 60 Autoimmunerkrankungen im Überblick
Fachleute gehen davon aus, dass es mehr als 60 verschiedene Autoimmunerkrankungen gibt. Einige sind weit verbreitet, andere eher selten, wobei viele im Alltag gar nicht sofort mit dem Immunsystem in Verbindung gebracht werden.
Typ-1-Diabetes
Zu den bekanntesten gehört der Typ‑1‑Diabetes. Hier greift das Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse an.
Hashimoto-Thyreoiditis und Morbus Basedow
Beide betreffen die Schilddrüse. Während Hashimoto langfristig meist zu einer Unterfunktion führt, sorgt Morbus Basedow für eine Überfunktion.
Multiple Sklerose
Im Nervensystem zählt die Multiple Sklerose zu den bekanntesten Autoimmunerkrankungen. Sie betrifft Gehirn und Rückenmark und kann ganz unterschiedliche Beschwerden verursachen – je nachdem, welche Bereiche betroffen sind.
Morbus Crohn und Zöliakie
Beide Erkrankungen betreffen den Darm. Morbus Crohn verläuft oft schubweise, während bei Zöliakie Gluten eine Entzündungsreaktion auslöst.
Psoriasis und Alopecia areata
Die Psoriasis zeigt sich durch entzündliche Hautveränderungen. Beim kreisrunden Haarausfall (Alopecia areata) richtet sich die Immunreaktion gegen die Haarfollikel.
Lupus erythematodes und rheumatoide Arthritis
Eine besonders komplexe Form ist der Lupus erythematodes. Diese Autoimmunerkrankung kann sich auf die Haut beschränken, aber auch mehrere Organe gleichzeitig betreffen – darunter Gelenke, Nieren oder das Nervensystem. Auch die rheumatoide Arthritis gehört in diesen Bereich. Sie betrifft vor allem die Gelenke, kann aber ebenfalls andere Organe einbeziehen.
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Noch nicht eindeutig geklärt: Sonderfälle
Eine Sonderrolle nimmt die Vitiligo ein. Sie äußert sich durch helle Hautflecken. Ob sie eindeutig als Autoimmunerkrankung gilt, ist noch nicht abschließend geklärt. Sie wird jedoch mit autoimmunen Prozessen in Verbindung gebracht und tritt häufig zusammen mit anderen Autoimmunerkrankungen auf.
Diese Beispiele zeigen, wie unterschiedlich eine Autoimmunerkrankung verlaufen kann und wie viele Bereiche des Körpers betroffen sein können.
Wie häufig sind Autoimmunerkrankungen in Deutschland?
Autoimmunerkrankungen sind in Deutschland verbreitet. Ihre Häufigkeit hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Im Jahr 2022 waren mehr als 6,3 Millionen gesetzlich versicherte Menschen von mindestens einer diagnostizierten Autoimmunerkrankung betroffen. Das entspricht etwa jedem zwölften Versicherten, also rund 8,6 Prozent.6
Auffällig ist auch die Entwicklung über die Zeit: Zwischen 2012 und 2022 ist die Zahl der diagnostizierten Fälle gestiegen – von etwa 7,1 Prozent auf 8,6 Prozent. Ein Grund dafür dürfte sein, dass Autoimmunerkrankungen heute früher und genauer erkannt werden. Zu den häufigsten Formen zählen Erkrankungen wie Hashimoto-Thyreoiditis, Psoriasis, Typ-1-Diabetes, rheumatoide Arthritis und Morbus Crohn. Ein klarer Unterschied zeigt sich auch zwischen den Geschlechtern. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. Bei den Neudiagnosen entfallen rund 63,9 Prozent auf Frauen.
Anzeichen, die auf Morbus Basedow hindeuten
Symptome, die auf Morbus Wegener – hindeuten
Warum die Diagnose der Erkrankung oft ein Puzzle ist
Eine Autoimmunerkrankung zu erkennen, ist nicht einfach. Der Grund: Es gibt keine typischen Symptome, die eindeutig darauf hinweisen. Je nachdem, welches Organ betroffen ist, sehen die Beschwerden gänzlich unterschiedlich aus. Genau deshalb wird der Verdacht oft erst spät gestellt. Meist dann, wenn andere Ursachen ausgeschlossen wurden. Wenn sich erste Hinweise ergeben, beginnt die eigentliche Diagnostik. Dabei spielt die Blutuntersuchung eine zentrale Rolle. Ärzte schauen hier vor allem auf zwei Dinge:
- Entzündungswerte, die zeigen, ob das Immunsystem aktiv ist.
- Sogenannte Autoantikörper – also Abwehrstoffe, die sich gegen den eigenen Körper richten.
Allerdings: Diese Werte sind kein eindeutiger Beweis. Nicht jeder Mensch mit Autoantikörpern ist krank. Und nicht jede Autoimmunerkrankung lässt sich darüber klar nachweisen. Deshalb reicht ein Bluttest allein meistens nicht aus.
Je nach Beschwerden kommen weitere Untersuchungen dazu. Dazu gehören zum Beispiel Ultraschalluntersuchungen, um Organe genauer anzusehen. In anderen Fällen sind Darmspiegelungen, Gewebeproben oder neurologische Tests notwendig. Am Ende ist die Diagnose oft kein einzelnes Ergebnis, sondern ein Gesamtbild – zusammengesetzt aus vielen kleinen Hinweisen.7
Behandlung einer Autoimmunerkrankung
Eine Autoimmunerkrankung lässt sich derzeit nicht heilen. Das liegt vorwiegend daran, dass die genauen Ursachen noch nicht vollständig geklärt sind. Trotzdem ist eine Behandlung wichtig. Denn unbehandelt können die Entzündungen Organe dauerhaft schädigen. Das Ziel ist deshalb, Beschwerden zu lindern und den Krankheitsverlauf zu bremsen.8
Wenn der Körper Unterstützung benötigt
Wie genau behandelt wird, hängt stark von der jeweiligen Erkrankung ab. Manchmal muss der Körper unterstützt werden, weil bestimmte Funktionen ausfallen. Beim Typ-1-Diabetes bedeutet das zum Beispiel, Insulin zuzuführen. Bei Hashimoto hingegen fehlende Schilddrüsenhormone zu ersetzen.
Medikamente gegen Entzündung und Fehlsteuerung
Zusätzlich gibt es Medikamente, die direkt auf das Immunsystem wirken. Einige hemmen Entzündungen, etwa bestimmte Schmerz- und Entzündungsmedikamente oder Kortison. Andere gehen einen Schritt weiter und dämpfen das Immunsystem insgesamt. Diese sogenannten Immunsuppressiva können wirksam sein – erhöhen aber auch die Anfälligkeit für Infektionen.9
Gezielte Therapien: moderner, aber nicht risikofrei
Daneben gibt es moderne Therapien, die gezielter eingreifen. Dazu gehören immunmodulierende Medikamente wie Biologika oder Beta-Interferone. Sie sollen die Fehlsteuerung des Immunsystems korrigieren.
Unterstützende Maßnahmen im Alltag
Je nach Erkrankung kommen zusätzlich unterstützende Maßnahmen zum Einsatz. Physiotherapie kann bei Gelenkbeschwerden helfen, Lichttherapie bei Hauterkrankungen wie Psoriasis. Auch der Alltag spielt eine Rolle. Faktoren wie Stress, Ernährung oder Bewegung können den Verlauf beeinflussen und werden deshalb zunehmend einbezogen. Die Behandlung einer Autoimmunerkrankung ist daher meist langfristig – und immer individuell angepasst.