27. November 2025, 12:51 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Liegt es an mir oder sind es die Gene? Laut einer neuen Studie lässt sich Ungeduld zumindest teilweise genetisch erklären. FITBOOK-Autorin Friederike Ostermeyer erklärt, was bei der Untersuchung genau herausgefunden wurde und welche Verbindung es zwischen der unbeliebten Eigenschaft und unserer Gesundheit gibt.
Stellen Sie sich vor, jemand möchte Ihnen einen 50-Euro-Schein schenken. Er wedelt damit direkt vor Ihrer Nase und sagt: „Sie können ihn jetzt nehmen oder Sie warten 30 Tage, dann werden daraus 100 Euro.“ Wie würden Sie sich entscheiden? Alltagstauglicher sieht es so aus: Da liegt ein Stück Schokolade, das perfekt zum Nachmittagskaffee passen würde. Aber dann landet es Sekunden später doch im Mund. Ist der Wille womöglich nicht ganz so frei? Diese kleine Handlung der Ungeduld könnte genetische Ursachen haben. Wie stark wir eine sofortige Belohnung einem größeren Gewinn vorziehen, der erst später erzielt wird, bezeichnet die Wissenschaft als Delay Discounting (DD). DD bedeutet übersetzt „Belohnungsaufschub“. Eine aktuelle US-Genstudie hat nun Gene ausgemacht, die ungeduldige Menschen in sich tragen und die Entstehung von 212 Erkrankungen begünstigen können. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift „Molecular Psychiatry“ veröffentlicht.1
Das haben die Forscher untersucht
Impulsives Verhalten und Ungeduld lassen sich nur schwer unterdrücken. Warum ist das so? Wie stark ist der genetische Einfluss? Um dies herauszufinden, analysierten Forscher der University of California, San Diego, und des Genlabors „23andMe“ zunächst das Erbgut von über 135.000 Erwachsenen. Anschließend mussten die Teilnehmer einen Fragebogen mit 27 Entscheidungsaufgaben ausfüllen. Die anschließende Analyse zeigte, dass die Gruppe der „Ungeduldigen“ zahlreiche genetische Unterschiede gegenüber der Gruppe der Geduldigen aufwies.
Auf Chromosom 6, 16 und 18 sah es nicht gut für die Ungeduldigen aus
Neben elf „Ungeduld-Genen“ wurden 93 weitere Gene gefunden, die ebenfalls beteiligt sein könnten. Für die Forscher wurde es auf den Chromosomen 6, 16 und 18 interessant, da diese Gene auch mit riskantem Verhalten, Alkoholkonsum, Diabetes, Verdauungsproblemen, Fettleibigkeit, ADHS, Autismus, Schlafstörungen und vielen weiteren gesundheitlichen Problemen in Verbindung gebracht werden. Darunter befindet sich auch das Gen SULT1A1. Bei den Ungeduldigen kommt eine Genvariante vor, die den Belohnungsbotenstoff Dopamin im Gehirn schneller abbaut. Dies kann zu impulsivem Verhalten und der Suche nach schnellen Belohnungen für den nächsten Dopamin-Kick führen.
Ungeduld und Rauchen – ein Zusammenhang?
Dazu zählt auch Rauchen bzw. Nikotinsucht. Nikotin liefert dem Gehirn eine blitzschnelle Belohnung, die aber leider nur von kurzer Dauer ist. Dies könnte erklären, warum es Betroffenen oft so schwerfällt, mit dem Rauchen aufzuhören, und warum sie öfter von Atemwegserkrankungen betroffen sind. Auch die Rückfallquoten sind unter ihnen besonders hoch. All dies sind wichtige Informationen, um neue, noch bessere Tabakentwöhnungsprogramme zu entwickeln.
Bei den Geduldigen finden sich gegenteilige Muster
Anders sieht es bei Zwangsstörungen, Anorexie, Autismus, Schizophrenie oder bipolaren Störungen aus. Menschen mit einer genetischen Veranlagung für diese Krankheiten neigen eher dazu, auf größere Belohnungen zu warten. Dieses grundlegende Verhaltensmerkmal könnte erklären, warum viele psychische und körperliche Probleme gemeinsam auftreten. Ob also Ungeduld oder Geduld – offenbar birgt auf der genetischen Seite beides gesundheitliche Risiken.
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Sind wir alle Opfer unserer Gene?
Auch in dieser Studie lautet die Antwort ganz klar: nein! Tatsächlich haben Gene nur zu etwa zehn Prozent Einfluss auf unser Verhalten. Dafür arbeiten tausende genetische Varianten auf sehr komplexe Weise zusammen. Kein einzelnes Gen liefert genügend Informationen, um vorherzusagen, ob jemand zu Geduld oder Ungeduld neigt. Eine größere Rolle spielen Umweltfaktoren wie Bildung, Prägung, Erziehung, sozialer Status, traumatische Ereignisse oder Lebenserfahrungen. Die Wissenschaftler sehen darin aber genau die Chance, noch bessere verhaltenstherapeutische und pharmakologische Behandlungen zu entwickeln.
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Diese Fragen bleiben offen
Dank der großen Teilnehmerzahl in Verbindung mit modernen Methoden der Genforschung liefert die Studie wertvolle neue biologische Einsichten. Sie zeigt eindeutig Zusammenhänge zwischen genetischer Veranlagung, Ungeduld und bestimmten Krankheiten auf. Der biologische Mechanismus dahinter, also die Antwort auf die Frage, wie Gene das Verhalten genau beeinflussen, bleibt jedoch weiterhin ein Rätsel. Ebenso unklar bleibt, ob Menschen mit einem höheren genetischen Risiko tatsächlich stärker von speziellen Trainings oder Therapien profitieren. Ein großer Schwachpunkt der Studie ist, dass der Großteil der Teilnehmer europäischer Abstammung war. Für andere Bevölkerungsgruppen könnten die Ergebnisse daher anders ausfallen. Zudem wurde das Verhalten über Fragebögen und nicht über reale Alltagssituationen gemessen.