Zum Inhalt springen
logo Das Magazin für Fitness, Gesundheit und Ernährung
Autismus Alle Themen
Laut chinesischer Studie

Genetische Veranlagung zu höherem Konsum von 2 Lebensmitteln mit erhöhtem Autismusrisiko assoziiert

Junge sitzt im Auto
Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) sind zu einem sehr hohen Grad genetisch bedingt und gelten als angeborene neurologische Entwicklungsstörungen Foto: Getty Images
Artikel teilen
Anna Echtermeyer
Redakteurin

21. Januar 2026, 17:07 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Chinesische Forscher bringen genetische Veranlagungen zum Essverhalten mit Autismus in Verbindung: So traten bestimmte genetische Muster, die mit dem häufigeren Konsum von Streichkäse oder Vollkornnudeln verknüpft sind, in der Analyse häufiger bei Menschen mit Autismus auf. Der Verzicht auf solche Lebensmittel führte bei autistischen Kindern aber nicht zu einer Verbesserung der Symptome.

Studie: Veranlagung zu höherem Konsum von Streichkäse und Vollkornpasta häufiger bei Menschen mit Autismus

Die Erblichkeit bei Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) liegt bei bis zu 90 Prozent.1 Weil viele Betroffene zusätzlich unter Verdauungsproblemen und immunologischen Auffälligkeiten leiden, rückt die Ernährung immer wieder in den Fokus der Forschung – als möglicher Einflussfaktor auf Symptomatik und Begleiterscheinungen.2

Wissenschaftler am Qilu-Krankenhaus der Shandong-Universität in China haben nun 199 genetische Veranlagungen, die das Essverhalten beeinflussen können, daraufhin untersucht, ob sie mit einem höheren oder geringeren Risiko für Autismus-Spektrum-Störungen einhergehen. Die Forscher stellten fest: Eine genetische Veranlagung zu höherem Konsum von Streichkäse und Vollkornpasta traten häufiger auf bei Menschen mit Autismus. Bananen hatten demnach einen protektiven Effekt. Die Studienergebnisse wurden im Fachmagazin „Frontiers“ veröffentlicht.3

Auch interessant: Autismus bei Mädchen wird oft zu spät erkannt – daran liegt es 

So gingen die Forscher vor

Es ist wichtig zu verstehen, dass es in der Studie nicht um tatsächlichen Verzehr von Lebensmitteln ging. Warum jemand mehr Nudeln oder Käse isst, kann schließlich viele Gründe haben: z. B. Lieblingsessen, Zufall, soziales Umfeld. Um mögliche Zusammenhänge zwischen Autismus und Ernährung freizulegen, muss man Gene offenlegen, die Menschen z. B. dazu bringen, ein Lebensmittel besonders häufig zu essen.

Auf die Spur kamen die Forscher diesen Zusammenhängen mithilfe der Mendelschen Randomisierung – einer Methode, die genetische Daten nutzt, um mögliche Zusammenhänge zu zeigen. Die Forscher wählten dafür 199 Lebensmittel sowie Ernährungsgewohnheiten aus, für die es genetische Assoziationen gibt.

Anschließend griffen sie auf riesige Datenbanken mit genetischen Informationen von Hunderttausenden Menschen zurück. Darunter Angaben, welche Genvarianten mit einem häufigeren oder selteneren Konsum bestimmter Lebensmittel verknüpft sind. Dann prüften sie: Treten diese genetischen Veranlagungen zu bestimmten Essgewohnheiten bei Menschen mit Autismus häufiger oder seltener auf – im Vergleich zu Menschen ohne Autismusdiagnose?

Ergebnis: 196 von 199 Lebensmitteln ohne Zusammenhang

Zunächst: Von den 199 konkreten Lebensmitteln und Ernährungsgewohnheiten (darunter genetische Vorlieben für einen hohen Konsum von Äpfeln, Milch, Pizza oder auch „Filterkaffee wird mit Milch getrunken“) zeigten 196 keinen Zusammenhang mit ASS. Die vollständige Liste der analysierten Lebensmittel bzw. Ernährungsfaktoren findet man hier.

Veranlagung zu höherem Konsum von Streichkäse oder Vollkornnudeln erhöhte Autismusrisiko

Statistisch signifikante „Treffer“ landeten die Forscher bei insgesamt drei Lebensmitteln: Vollkornnudeln, Streichkäse und Bananen.

  • Personen mit genetischer Veranlagung zu höherem Konsum von Vollkornnudeln hatten laut Analyse ein statistisch signifikant erhöhtes genetisches Risiko für Autismus.
  • Auch bei genetischer Veranlagung zu höherem Konsum von Streichkäse ergab sich ein statistisch signifikanter Zusammenhang mit erhöhtem Autismusrisiko.

Protektiver Effekt bei Bananen

  • Bananen könnten einen schützenden Effekt haben. Laut der genetischen Analyse hatten Personen mit einer genetischen Veranlagung zu höherem Bananenkonsum ein signifikant geringeres Risiko für Autismus-Spektrum-Störungen. Das berechnete Risiko lag etwa 50 Prozent niedriger als bei Menschen ohne diese genetische Veranlagung – ein Hinweis auf einen möglichen protektiven Zusammenhang.

Zur Absicherung der Ergebnisse führten die Forscher eine sogenannte Reverse-MR-Analyse durch. Sie prüften, ob eine genetische Veranlagung für Autismus umgekehrt auch die Neigung zum Konsum dieser Lebensmittel beeinflusst. Das war nicht der Fall – was laut den Autoren für einen gerichteten Zusammenhang spricht, bei dem Ernährungsvorlieben das Autismusrisiko beeinflussen, nicht umgekehrt.

Einordnung: Die Forscher können nicht sehr genau sagen, wie hoch das ASS-Risiko durch genetische Veranlagung zu Nudeln bzw. Streichkäse wirklich ist. Die in der Studie genannten Risikowerte – etwa das 16-fach erhöhte Risiko bei Vollkornnudeln und das 9,5-fache bei Streichkäse – sind mit großer Vorsicht zu interpretieren, da die Konfidenzintervalle sehr breit sind. Die Forscher können auf Basis der Daten nur schätzen, wo der „wahre“ Risikowert mit hoher Wahrscheinlichkeit liegt.

Immunsystem als mögliche Schaltstelle

Doch warum könnten Lebensmittel wie Vollkornnudeln, Streichkäse oder Bananen das Autismusrisiko beeinflussen? Die Forscher analysierten im nächsten Schritt, ob bestimmte Faktoren mit dem Autismusrisiko genetisch assoziiert sind. Sie untersuchten etwa Antikörperreaktionen gegen Krankheitserreger, Entzündungsproteine, Immunzelltypen und über 400 Arten von Darmbakterien.

Heraus kam, dass 33 Immunzellen genetisch mit Autismus verbunden sind sowie drei Antikörperreaktionen. Darunter auch Antikörper, die der Körper als Reaktion auf eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus bildet. Das EB-Virus verursacht Pfeiffersches Drüsenfieber.

Dann prüften die Forscher, ob diese immunologischen Faktoren wiederum mit dem Konsum von Käseaufstrich oder Vollkornnudeln genetisch zusammenhängen. Hier zeigte sich: Menschen, die genetisch dazu neigen, mehr Streichkäse zu essen, haben auch eine genetische Veranlagung für weniger CD45-positive HLA-DR + T-Zellen. Dies sind bestimmte Immunzellen im Blut, die dabei helfen, das Immunsystem in Balance zu halten. Außerdem hatten diese Personen auch eine genetische Veranlagung für mehr Antikörper gegen das Epstein-Barr-Virus.

Menschen mit einer genetischen Neigung zu viel Käseaufstrich haben sozusagen möglicherweise gleichzeitig ein Immunsystem, das weniger gut reguliert ist – mit weniger Schutzzellen und mehr Viren-Antikörpern. Das könnte erklären, warum diese Ernährungsweise bei bestimmten Menschen das Autismusrisiko erhöhen könnte – zumindest laut dieser Studie.

Klinische Studie mit autistischen Kindern

Neben diesen genetischen Tests hatte die Studie einen zweiten, klinischen Teil. Die Forscher wollten klären, ob autistischen Kindern eine spezielle Ernährung helfen kann, ihre Symptome zu verbessern oder ihr Immunsystem zu beruhigen.

Dafür untersuchten die Forscher 78 Kinder zwischen zwei und sieben Jahren, alle mit gesicherter Autismus-Diagnose, die zwischen 2021 und 2024 in der Kinderklinik des Qilu Hospital der Shandong Universität, China, behandelt wurden.

Auf Basis der Ernährungsentscheidung ihrer Eltern wurden sie entweder der Gruppe „normale Ernährung ohne Einschränkungen“ oder der Gruppe „gluten- und kaseinfreie Ernährung“ (also auch z. B. keine Vollkornnudeln und Streichkäse) zugeordnet. Daran sollten sich die Eltern dann halten. Alle Kinder machten zweimal im Abstand von mindestens sechs Monaten einen Nahrungsmitteltest, in dem nach milch- sowie weizenspezifischen Antikörpern gesucht wurde.

Mehr zum Thema

Gluten- und kaseinfrei: Symptomveränderung statistisch nicht signifikant

Ergebnis: Ob sich durch den Verzicht auf gluten- und kaseinhaltige Lebensmittel jedoch auch Verhaltenssymptome signifikant verbessern lassen, konnte die Studie nicht belegen. Bei den Autismus-Symptomen gab es bei der gluten- und kaseinfreien Gruppe zwar einen Trend zur Verbesserung. Man kann aber nicht sicher sagen, ob die Diät wirklich die Ursache war. Hier besteht weiterhin Forschungsbedarf.

Bei Kindern mit Autismus, die über mehrere Monate eine gluten- und kaseinfreie Ernährung einhielten, zeigte sich eine deutliche Abnahme milch- und weizenspezifischer IgG-Antikörper. Ein Hinweis darauf, dass sich immunologische Reaktionen auf diese Nahrungsmittel deutlich verringerten.

Keine Empfehlung für Diäten bei Autismus

Auch wenn die Studie Hinweise auf genetische Zusammenhänge zwischen bestimmten Lebensmitteln und dem Autismusrisiko liefert, ergibt sich daraus keine Empfehlung für pauschale Diäten. In der begleitenden klinischen Untersuchung zeigte eine gluten- und kaseinfreie Ernährung keine signifikante Verbesserung der Autismus-Symptome. Auch wenn sie das Immunsystem beeinflusste. Eltern sollten deshalb niemals eigenmächtig spezielle Diäten einführen, ohne dass medizinisch begründete Unverträglichkeiten oder Allergien vorliegen. Deutsche Fachgesellschaften raten klar davon ab, gluten- und kaseinfreie oder andere Diäten bei Autismus auf Verdacht oder in Eigenregie durchzuführen.4 Einseitige Ernährung birgt gerade im Kindesalter Risiken für Mangelernährung.

Quellen

  1. Uniklinik Heidelberg: Autismus: Die genetische Vielfalt besser verstehen (2021, aufgerufen am 21.01.2026) ↩︎
  2. Uniklinik Heidelberg: Genveränderungen bei Autismus auch für Störungen des Magen-Darm-Traktes verantwortlich (2019, aufgerufen am 21.01.2026) ↩︎
  3. Guo Y-S., Wang Y., Zhu M.-N. et al. (2026): Exploring the potential association between dietary factors and autism spectrum disorder: a Mendelian randomization analysis and retrospective study. Frontiers. ↩︎
  4. S3-Leitlinie: Autismus-Spektrum-Störungen im
    Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter
    (2021, aufgerufen am 21.01.202
    6) ↩︎

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.