9. Oktober 2025, 11:10 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Dass Frauen öfter an Depressionen erkranken als Männer, ist bekannt. Eine neue Studie hat nun ans Licht gebracht, dass sich die genetische Architektur von Depressionen bei den Geschlechtern systematisch unterscheidet. Demnach spielt die Genetik bei Frauen eine wesentlichere Rolle für das Depressionsrisiko. FITBOOK geht ausführlicher darauf ein.
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Studie zu genetischen Ursachen für Depressionsrisiko
Depressionen können sich von Person zu Person anders darstellen. Auch im Vergleich der Geschlechter zeigen sie auffällige Unterschiede – sowohl hinsichtlich ihrer Verbreitung als auch in ihrer Erscheinung. Dies ist einleitend in der aktuellen Studie zu lesen.1 Weltweit sind Frauen demnach fast doppelt so häufig von der psychischen Störung betroffen wie Männer. Und bei ihnen stellen sie sich oft als atypische Depressionen dar, solche fallen beispielsweise durch Gewichtszunahme und ein vermehrtes Schlafbedürfnis auf. Außerdem leiden Frauen häufiger an einer immuno-metabolischen Depression, heißt es weiter. Bei dieser Form finden Entzündungsprozesse im Körper statt, die die Stoffwechselregulation stören können. Depressionen bei Männern wiederum sind häufig von Wut, aggressivem Verhalten sowie Tendenzen zu Drogen- und Alkoholmissbrauch gekennzeichnet.
Bislang war man davon ausgegangen, dass vor allem äußere Faktoren, die zu psychischen Belastungen führen können, sowie der Einfluss von Hormonen für die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern verantwortlich sind. Doch die unterschiedlichen Erscheinungen deuten darauf hin, dass auch biologische Ursachen von Bedeutung sein könnten. Und wie die Untersuchung ergab, scheint bei Frauen tatsächlich die Genetik einen großen Teil des Depressionsrisikos zu erklären.
Details zur Untersuchung
Ziel der Studie war es, die genetischen Unterschiede zwischen Frauen und Männern besser zu verstehen, die für das Depressionsrisiko eine Rolle spielen. Dazu analysierten die Forscher die DNA-Daten von mehr als einer halben Million Personen mit und ohne Depression, darunter rund 130.000 von der Störung betroffene Frauen und 65.000 betroffene Männer. Die Datensätze stammten aus internationalen genomweiten Assoziationsstudien (GWAS). Diese sind wissenschaftliche Arbeiten, bei denen genetische Variationen des Genoms untersucht worden waren. Den Forschern lagen auch Informationen darüber vor, ob die Probanden an einer Depression litten.
Die Forscher untersuchten die Daten auf Millionen Positionen im Erbgut – getrennt für Frauen und Männer. Bei jeder einzelnen Position prüften sie, ob bestimmte Varianten bei Personen mit Depressionen häufiger festgestellt werden konnten als bei Personen ohne Depressionen. In diesem Fall zogen sie diese Varianten als potenziell mit der Krankheit in Betracht. Im nächsten Schritt betrachteten sie die Ergebnisse und Informationen aus weiteren Forschungsprojekten und Datenbanken. Mithilfe einer Meta-Analyse kombinierten sie die Ergebnisse aller vorliegenden Datensätze, um die statistische Aussagekraft ihrer Arbeit zu erhöhen.
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Analysen zur biologischen Bedeutung der Gene für Depressionen
Nachdem die Forscher herausgefunden hatten, welche einzelnen genetischen Varianten mit Depressionen in Zusammenhang stehen, gingen sie der biologischen Bedeutung dieser Ergebnisse auf den Grund. Konkret wollten sie verstehen, inwieweit das Risiko, an Depressionen zu erkranken, genetisch bedingt ist und ob bei Frauen und Männern dieselben Gene wirken. Wo genau sind diese relevanten Gene aktiv: im Gehirn, im Immunsystem oder im Stoffwechsel? Um dies herauszufinden, führten sie bioinformatische Analysen durch. Sie verknüpften ihre genetischen Daten mit Datenbanken, in denen erfasst ist, welche Gene in welchen Geweben aktiv sind beziehungsweise mit welchen Prozessen sie in Zusammenhang stehen.
Um herauszufinden, ob die mit Depressionen assoziierten Gene auch mit anderen Eigenschaften zusammenhängen (z. B. mit dem Körpergewicht oder dem Immunsystem), führten sie gezielte statistische Berechnungen zu genetischen Korrelationen durch. Dabei stellten sie fest, dass die genetischen Muster bei Frauen stärker mit diesen körperlichen Prozessen verknüpft waren als bei Männern.
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Bei Frauen haben Gene stärkeren Einfluss auf Depressionsrisiko
Der Auswertung nach ist bei Frauen die genetische Belastung für Depressionen deutlich höher als bei Männern. Dies zeigt sich darin, dass bei ihnen mehr genetische Varianten (SNPs) beteiligt sind. Schätzungen zufolge gibt es bei Frauen rund 13.244 kausale Varianten, die zusammen 90 Prozent der genetischen Varianz erklären. Bei Männern sind es dagegen mit 7.111 vergleichsweise viel weniger.
Die Forscher fanden heraus, dass es neben genetischen Risikofaktoren, die bei beiden Geschlechtern ähnlich wirken, auch spezifische Varianten gibt, die nur oder stärker bei Frauen mit Depression eine Rolle spielen. Zum besseren Verständnis: Die Gene, die bei Männern das Depressionsrisiko erhöhen, fallen hingegen in den „Shared“-Bereich – sie werden also von beiden Geschlechtern geteilt.
Ein weiterer interessanter Aspekt der Untersuchung ist, dass bei Frauen eine stärkere Verbindung zwischen genetischen Risikofaktoren und körperlichen Merkmalen wie Stoffwechselprozessen oder Körpergewicht besteht. Dies könnte der Grund dafür sein, dass wie oben beschrieben Frauen mit Depressionen häufig an Gewicht zunehmen und ein erhöhtes Schlafbedürfnis haben. Bei Frauen wirken die Gene, die Depression begünstigen, schon sehr früh in der Gehirnentwicklung – vor allem in Regionen, die für Emotionen, Gedächtnis und teilweise auch Bewegung zuständig sind. Das könnte erklären, warum Depression bei Frauen teilweise anders verläuft als bei Männern.
Bei Männern entdeckten die Forscher eine bislang nicht bekannte genetische Variante auf dem X-Chromosom. Diese steht den Daten zufolge mit dem Depressionsrisiko in Verbindung. Sie gehört zu einem Gen, das für die Funktion des Hippocampus – einer für das Gedächtnis und Emotionen bedeutende Hinregion – wichtig ist.
Studienautorin ordnet für FITBOOK die Ergebnisse ein
Die Erkenntnisse der Untersuchung könnten helfen, Depressionen künftig gezielter zu behandeln. Denn sie zeigen, dass die Erkrankung bei Frauen und Männern teils auf unterschiedlichen genetischen Grundlagen beruht. Besonders hervorzuheben sei, wie Studienautorin Dr. Jodi Thomas FITBOOK erklärt, eine bislang unbekannte genetische Variante auf dem X-Chromosom, die ausschließlich bei Männern identifiziert wurde. Diese Variante war in keiner früheren Depressionsstudie, auch nicht in der bislang größten GWAS mit über einer Million Teilnehmern, aufgetaucht. Das unterstreiche, wie wichtig es sei, Frauen und Männer in der Genforschung getrennt zu betrachten. Für die Zukunft sieht Thomas großes Potenzial darin, genetische Erkenntnisse stärker in die klinische Praxis zu integrieren, um Depressionen besser zu verstehen, präziser zu diagnostizieren und wirksamer zu behandeln.
Es gibt jedoch auch Einschränkungen. So konnte die verwendete Software nicht alle möglichen Einflussfaktoren berücksichtigen, wodurch verschiedene Störfaktoren die Ergebnisse beeinflusst haben könnten. Zudem war die Stichprobe bei Frauen deutlich größer als bei Männern, was die Geschlechtsunterschiede in der Anzahl der gefundenen Varianten überzeichnen könnte. Entscheidend sei jedoch weniger die Menge, sondern welche Varianten gefunden wurden, betont Thomas. Hinzu kommt, dass die genetischen Daten bereits vor der Studie geprüft wurden – ohne spezielle Kontrollen für geschlechtsspezifische Unterschiede. Dadurch könnten technische Verzerrungen entstanden sein. Außerdem wurden nur Teilnehmer europäischer Herkunft untersucht, sodass die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf andere Bevölkerungsgruppen übertragbar sind. Künftige Forschung müsse daher auch andere Populationen einbeziehen, so Thomas. Dennoch werde die höhere Depressionsrate bei Frauen weltweit und kulturübergreifend beobachtet.