3. September 2026, 13:03 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Krebszellen wachsen nicht isoliert. Sie stehen in ständigem Austausch mit den gesunden Zellen in ihrer Umgebung – und können deren Verhalten zu ihrem eigenen Vorteil verändern. Forscher haben nun einen solchen Mechanismus beim malignen Melanom, also dem schwarzen Hautkrebs, genauer untersucht. Im Mittelpunkt steht dabei ein bestimmtes Molekül, das eigentlich zur natürlichen Abwehr der Haut gegen Krankheitserreger gehört.
So beeinflussen Melanomzellen ihre Umgebung
Die Studie zeigt, dass Melanomzellen die Produktion des Moleküls LL-37 in benachbarten Hautzellen gezielt verringern können. Dazu verschicken die Krebszellen winzige Bläschen (Exosomen), die bestimmte RNA-Moleküle zu den Hautzellen transportieren und dort die Bildung von LL-37 drosseln.1
Das könnte dem Tumor einen Vorteil verschaffen. Allerdings hat das Abwehrmolekül LL-37 ein Doppelleben: In sehr geringen Mengen kann es das Tumorwachstum paradoxerweise sogar stimulieren. Erst in mittleren bis hohen Konzentrationen wirkt es als effektive Krebsbremse, die das Wachstum und die Ausbreitung der Melanomzellen im Labor blockiert.
So lief die Studie ab
LL-37 wird unter anderem von Keratinozyten gebildet, den häufigsten Zellen der Oberhaut. Bekannt ist das Molekül vor allem als Teil der körpereigenen Abwehr gegen Bakterien und andere Krankheitserreger. Welche Rolle es bei Krebs spielt, ist dagegen nicht eindeutig und scheint von der jeweiligen Tumorart abzuhängen.
Die Forscher wollten deshalb herausfinden, wie LL-37 beim Melanom wirkt und ob Tumorzellen seine Produktion in den umliegenden Hautzellen beeinflussen können.
Dafür kombinierten sie verschiedene Methoden. Sie untersuchten unter anderem Gewebeproben von vier Menschen mit Melanom, führten Versuche mit menschlichen Melanom- und Hautzellen im Labor durch und analysierten die von den Krebszellen abgegebenen Exosomen. Zusätzlich untersuchten sie das Tumorwachstum bei Mäusen, denen in bestimmten Hautzellen das Maus-Pendant zu LL-37 fehlte. In weiteren Experimenten führten sie dieses Molekül wieder zu.
Wie das Melanom die Schutzfunktion der Haut schwächt
In Hautproben fanden die Forscher direkt neben dem Tumor weniger LL-37 als in weiter entfernten Bereichen. Versuche im Labor zeigten, wie das Melanom dafür sorgen könnte: Die Krebszellen geben winzige Bläschen ab, mit denen sie bestimmte Moleküle zu benachbarten Hautzellen transportieren. Eines davon, die sogenannte Mikro-RNA „miR-221-5p“, kann dazu führen, dass diese Hautzellen weniger LL-37 produzieren.
Das könnte dem Tumor beim Wachstum helfen. Denn wie die Forscher im Labor beobachteten, bremst das Molekül in der richtigen, ausreichend hohen Konzentration die Vermehrung von Melanomzellen effektiv aus. Es erschwert es ihnen, sich auszubreiten und in umliegendes Gewebe einzudringen. Auch bei Mäusen zeigte sich dieser Effekt: Fehlte ihnen das entsprechende Molekül, wuchsen größere Tumoren. Wurde es den Tieren verabreicht, verlangsamte sich das Tumorwachstum.
LL-37 beeinflusste außerdem die Immunabwehr rund um den Tumor. Mit dem Molekül fanden die Forscher mehr Immunzellen, die bei der Bekämpfung von Tumoren helfen können. Fehlte es, war die Umgebung dagegen eher so beschaffen, dass die Immunabwehr gegen den Krebs geschwächt wurde.
Die Ergebnisse deuten damit auf eine Art Gegenspiel zwischen Melanom und gesunder Haut hin: LL-37 kann den Tumor offenbar auf mehreren Wegen bremsen. Das Melanom wiederum scheint dafür zu sorgen, dass die Haut weniger davon produziert.
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Stärken und Schwächen der Studie
Die Studie hat den Vorteil, dass die Forscher verschiedene Methoden kombinierten. Sie untersuchten Gewebe von Patienten, führten Versuche mit Zellen im Labor durch und überprüften ihre Ergebnisse in Tierversuchen. So konnten sie mögliche biologische Zusammenhänge aus verschiedenen Perspektiven untersuchen.
Allerdings gibt es Einschränkungen. Die Gewebeproben stammten von nur vier Patienten, die alle der Han-chinesischen Bevölkerungsgruppe angehörten. Wie gut sich die Ergebnisse auf andere Bevölkerungsgruppen und Geschlechter übertragen lassen, ist daher offen. Zudem wurden die Exosomen-Versuche mit gezüchteten Melanomzelllinien durchgeführt. Ob Exosomen im Blut von Patienten die gleiche Wirkung zeigen, muss noch untersucht werden.
Auch die Tierversuche mit Imiquimod sind nur eingeschränkt aussagekräftig, da die Creme das Immunsystem auf mehreren Wegen aktiviert und der krebshemmende Effekt daher nicht eindeutig mCRAMP zugeschrieben werden kann. Schließlich ist zwar bekannt, dass miR-221-5p die Hautabwehr beeinflusst, ihre direkten molekularen Zielstrukturen im EGFR-Signalweg sind jedoch noch ungeklärt.
Die Autoren gaben keine Interessenkonflikte an. Finanziert wurde die Studie unter anderem durch japanische Forschungsprogramme und wissenschaftliche Stiftungen.
Was andere Studien zeigen
Die Rolle von LL-37 bei Krebs ist umstritten – und beim Melanom besonders. Eine Untersuchung japanischer Dermatologen von 2023 kam zu einem gegenteiligen Ergebnis: Je weiter das Melanom in die Tiefe gewachsen war, desto mehr LL-37 fand sich im Tumorgewebe. Wurde das Molekül Melanomzellen oder Mäusen zugeführt, stieg dort die Bildung von Botenstoffen, die die Gefäßneubildung und damit das Tumorwachstum begünstigen.2
Der Widerspruch ist weniger überraschend, als er wirkt. LL-37 wirkt bei verschiedenen Krebsarten unterschiedlich – bei Eierstock-, Lungen- und Brustkrebs eher fördernd, bei Darm- und Magenkrebs eher hemmend. Hinzu kommt ein methodischer Unterschied: Die neue Arbeit untersucht körpereigenes LL-37 aus Hautzellen rund um den Tumor. In den Gegenstudien wurde das Molekül dagegen meist von außen und in vergleichsweise hoher Konzentration zugegeben. Ob LL-37 bremst oder antreibt, hängt also womöglich davon ab, woher es kommt und wie viel davon vorhanden ist.
Auch die Idee, Mikro-RNAs künftig als Marker im Blut zu nutzen, ist noch nicht ausgereift. Eine Übersichtsarbeit von 2026 fasste zehn Studien mit rund 1150 Melanompatienten zusammen.3 Kombinationen mehrerer Mikro-RNAs erkannten die Erkrankung in etwa neun von zehn Fällen korrekt. Die Autoren schränken jedoch ein, dass fast alle Studien ein Design verwendeten, das die Trefferquote systematisch überschätzt, und dass sich die Ergebnisse stark unterschieden. Für den Einsatz in der Praxis fehlt bislang die Bestätigung.