Zum Inhalt springen
logo Das Magazin für Fitness, Gesundheit und Ernährung
Hautkrebs Alle Themen
„Auch für menschliches Gewebe relevant“

Graue Haare als Krebs-Schutz? Forscher entdecken Zusammenhang

Graue Haare und Hautkrebs – Japanische Forscher entdecken spannenden Zusammenhang
Schützt Ergrauen vor Melanomen? Neue Erkenntnisse über Stammzellen und Zellstress deuten auf überraschende Zusammenhänge hin. Foto: Getty Images
Artikel teilen
Anna Echtermeyer
Redakteurin

3. November 2025, 17:03 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Graue Haare gehören zu den natürlichen Zeichen des Alterns. Neue, spannende Forschung aus Tokyo zeigt, dass das äußere Alterungszeichen möglicherweise einen wichtigen gesundheitlichen Vorteil mit sich bringt: Eine Studie mit Mäusen hat gezeigt, dass Grauwerden vor bestimmten Krebsarten schützen kann. Die Studienautoren gehen davon aus, dass die Ergebnisse auch auf den Menschen übertragbar sind. Könnte umgekehrt ein erhöhtes Krebsrisiko bestehen, wenn wir nicht ergrauen?

Graue Haare oder Hautkrebs – wie Stammzellen gegensätzliche Wege einschlagen

Bei etwas mehr als einem Viertel (27 Prozent) der Menschen sind 50 Prozent der Haare im 50. Lebensjahr ergraut.1 Nachdem die japanische Forscherin Emi Nishimura, Professorin für Alterung und Regeneration an der Universität Tokio und ihre Kollegen 2009 gezeigt haben, dass Stress zum Ergrauen führen kann, konnten sie nun bei Mäusen zeigen: Ergraute Haare können ein Zeichen dafür sein, dass die Entstehung eines Melanoms verhindert wurde. Die aggressive Form von Hautkrebs ist als schwarzer Hautkrebs bekannt. Gegenüber FITBOOK bestätigte Nishimura, dass ihre Ergebnisse wahrscheinlich auf den Menschen übertragbar sind, weil sie bereits menschliches Gewebe untersucht haben.2

Forscherin: „Mechanismen auch für menschliches Gewebe relevant“

Der von den Forschern entdeckte „Schutzmechanismus“ vor Melanomen ist hochspannend. So müssen Stammzellen in Haarfollikeln unter Stress offenbar eine folgenschwere Entscheidung treffen – entweder altern und verschwinden (was zu grauem Haar führt) oder überleben und sich unkontrolliert vermehren, was zur Entstehung von Melanomen beitragen kann. Sind die Forscher einem Schutz vor Krebs auf der Spur? „Die von uns entdeckten Mechanismen sind auch für menschliches Gewebe relevant“, teilte Nishimura auf FITBOOK-Anfrage mit.

Auch interessant: Mögliche Gründe für graue Haare im jungen Alter

Was tun Stammzellen in den Haarwurzeln, wenn sie stark gestresst werden?

Das genau haben die Forscher untersucht: Nishimura und Co. ging es darum, zu verstehen, was Stammzellen in den Haarwurzeln tun, wenn sie gestresst sind oder beschädigt werden – und warum das manchmal zu grauen Haaren führt, aber manchmal auch zu Krebs. Diese Zellen schlummern in den Haarwurzeln und färben das Haar mit dem Pigment Melanin. Warum entscheiden sich manche dieser Zellen bei Stress dazu, sich zu „opfern“ – im Sinne von Haare grau werden –, während andere zur Quelle von Tumoren werden?

Um das zu verstehen, untersuchten die Forscher Mäuse. Auch in deren Haarwurzeln sitzen solche Stammzellen. Um zu sehen, wie die Stammzellen reagieren, behandelten sie die Tiere mit verschiedenen Arten von Stress, etwa Röntgenstrahlung, Chemotherapeutika, UVB-Licht und stark krebserregenden Stoffen wie 7,12-Dimethylbenz(a)anthracen – nicht zu verwechseln mit 1,3-Dimethylbutylamin (DMBA) – eine leistungssteigernde Stimulans in Nahrungsergänzungsmitteln wie sogenannten „pre-Workout-Boostern“, die in Deutschland (bzw. der EU) nicht verkauft, vertrieben oder in den Verkehr gebracht werden darf und vor der generell gewarnt wird.3,4

Die Forscher benutzten genetisch veränderte Mäuse, bei denen bestimmte Zellen leuchten oder bestimmte Gene angeschaltet sind, die etwa bei DNA-Schäden wichtig sind. Es folgten Tests, um zu prüfen, ob die Haarwurzeln nach der Stressbehandlung noch neue Haare bilden können. Sie haben die gleichen Stammzellen über lange Zeit hinweg immer wieder beobachtet – über mehrere Haarzyklen. So konnten sie genau sehen, wie sich die Zellen im Laufe der Zeit verändern, wenn sie ständig gestresst werden oder wenn bestimmte Schutzmechanismen fehlen.

Mehr zum Thema

Ergebnisse: Pigmentverlust in Haaren „Preis“ für Melanom-Schutz

Es gab zwei völlig verschiedene Reaktionen dieser Zellen auf Stress – wie zwei Schalter mit entgegengesetzter Wirkung. Die Forscher stellten fest: Wurde die DNA der Zellen stark beschädigt, etwa durch Röntgenstrahlung, hörten die Stammzellen auf, sich zu teilen, mit dem Ergebnis: Graue Haare. In diesem Fall entwickelten die Mäuse signifikant weniger Melanome.

Bei anderen Stressfaktoren – etwa UV-Licht oder krebserregenden Chemikalien wie DMBA – passierte das Gegenteil. Jetzt bekamen die Zellen über bestimmte Stoffwechselwege das Signal: Macht weiter, teilt euch! Dadurch überlebten beschädigte Stammzellen, teilten sich weiter und sammelten sich an. Das Ergebnis waren mehr pigmentierte Zellen, die aber mutiert sind. Folge: ein höheres Risiko für Hautkrebs (Melanom).

Mäuse, die genetisch so verändert waren, dass in ihren Melanozyten-Stammzellen onkogene Mutationen aktiv waren (sie hatten also mehr Krebsgene), bekamen weniger graue Haare. Ihre Zellen hielten also durch, statt aufzugeben. Hier blieben die Haare pigmentiert – es kam also zu weniger Ergrauung. Wenn dieselben Zellen allerdings DNA-Schäden aufwiesen (z.B. durch Bestrahlung oder Chemikalien), lösten diese Schäden unter anderem den „grau machenden“ Abwehrmechanismen aus. DNA-Schäden in den Stammzellen hemmten folglich das Tumorwachstum.

Das zeigt: Der Verlust von Melanozyten-Stammzellen kann vor Melanomen schützen – Haarergrauung und Hautkrebs sind somit zwei Seiten derselben biologischen Strategie. Halten die Stammzellen durch, obwohl sie beschädigt sind (kein Ergrauen), steigt die Gefahr für Krebs.

Wie wir ergrauen

Stress lässt Nervenzellen gewisse Botenstoffe vermehrt produzieren. Prasseln diese Botenstoffe auf Haarwurzeln, werden dort ansässige Stammzellen aktiviert und vertrieben. Als Folge ergraut das Haar. Melanozyten sterben ab, wenn der Bereich zwischen Haarwurzel und Oberhaut, der Haarfollikel altersbedingt nicht mehr mit Nährstoffen versorgt wird. Als Folge fallen die Haare aus. Aber: Follikel besitzen auch Ausdauer, können bis zum endgültigen Ableben bis zu 30 Lebenszyklen durchlaufen, an deren Beginn sich jeweils neue Melanozyten bilden. Diese gehen aus Stammzellen hervor, die in den Haarwurzeln schlummern. Die Anzahl an Stammzellen nimmt mit zunehmendem Alter ab, es gibt weniger Melanozyten, das Haar wird grau (mehr dazu lesen Sie hier). Bei etwas mehr als einem Viertel (27 Prozent) der Menschen sind 50 Prozent der Haare im 50. Lebensjahr ergraut.1

Forscher vermuten universelles Prinzip in Geweben mit hoher Zellteilungsrate

Nishimura sieht sogar Hinweise darauf, dass der gleiche Mechanismus, der beim Ergrauen hilft, auch als Schutz vor Krebs wirken könnte. „Wir vermuten derzeit, dass dieser Schutzmechanismus ein universelles Prinzip in anderen Geweben darstellen könnte, insbesondere in solchen mit hoher Zellteilungsrate“, schrieb Nishimura auf FITBOOK-Anfrage. Tatsächlich habe sie das Phänomen bereits in Hautzellen der Epidermis, die über 90 Prozent der Oberhaut bilden, nachgewiesen.

Fazit

Das Risiko für die Entstehung von Melanomen (Hautkrebs) hängt offenbar davon ab, welchen Weg einzelne Melanozyten-Stammzellen unter Stress einschlagen. Die Autoren gehen davon aus, dass der Mechanismus auch auf den Menschen übertragbar ist. Gleichwohl seien nun weitere Untersuchungen erforderlich. Die Studie wurde Anfang Oktober in der Fachzeitschrift „Nature Cell Biology“ veröffentlicht (FITBOOK liegt die gesamte Studie vor).5

Quellen

  1. Panhard S., Lozano I., Loussouarn G. (2012): Greying of the human hair: a worldwide survey, revisiting the '50' rule of thumb. British Journal of Dermatology. ↩︎
  2. Nishimura E. K., Inomata K., Aoto T. et al. (2009): Genotoxic Stress Abrogates Renewal of Melanocyte Stem Cells by Triggering Their Differentiation. Cell. ↩︎
  3. Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: Nahrungsergänzungsmittel mit
    1,3-Dimethylbutylamin (DMBA) sind nicht
    verkehrsfähig
    (2014, aufgerufen am 03.11.2025)
    ↩︎
  4. Verbraucherzentrale: Öffentliche Warnungen vor gefährlichen Sportlerprodukten (aufgerufen am 03.11.2025) ↩︎
  5. Nishimura E. K., Mohri Y., Nie J. et al. (2025): Antagonistic stem cell fates under stress govern decisions between hair greying and melanoma. Nature Cell Biology. ↩︎

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.