15. Dezember 2025, 19:04 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Nicht nur gesunde Ernährung oder Sport: Eine neue Longevity-Untersuchung unterstreicht die unterschätzte Bedeutung von Schlaf für ein langes Leben. FITBOOK-Autorin Friederike Ostermeyer erklärt die wichtigsten Erkenntnisse der US-Studie und warum mindestens sieben Stunden erholsamer Schlaf nicht nur die Zufriedenheit, sondern auch die Lebenserwartung erhöhen.
Fast jeder zweite Deutsche schläft weniger als sechs Stunden täglich. Jeder Vierte leidet unter massiven Schlafstörungen.1 In den USA ist das Phänomen ähnlich weitverbreitet. Die negativen Auswirkungen auf die Gesundheit sind aus früheren Studien hinreichend bekannt. Mit jeder schlecht geschlafenen Nacht steigt das Risiko für Diabetes, Übergewicht, Demenz, Magen-Darm-Probleme, Depression und vieles mehr. Doch wie wirkt sich kollektiver Schlafmangel auf die Bevölkerung ganzer Regionen aus? Dieser bislang ungeklärten Frage wollten die Longevity-Forscher der Oregon Health & Science University nachgehen, um den Einfluss des Schlafs auf die allgemeine Lebenserwartung der US-Bevölkerungen besser zu verstehen. Die in der Fachzeitschrift „Sleep Advances“ 2 veröffentlichten Ergebnisse überraschten selbst die Wissenschaftler. Sie entdeckten nämlich nur eine weitere Angewohnheit, die das Leben noch stärker verkürzt.
Umfassende Gesundheitsdatensätze aus über 3000 US-Regionen ausgewertet
Schlaf spielt in nahezu allen biologischen Prozessen eine entscheidende Rolle. Darunter auch für das Immunsystem und die Gehirnfunktion. Leider wird die Nachtruhe oft vernachlässigt, auf das Wochenende verschoben oder hat sich bereits als massives Problem im Alltag eingeschlichen. Besonders Schichtarbeiter kämpfen mit den Auswirkungen unregelmäßigen Schlafs. Um der Bedeutung des Schlafs für ein langes Leben näherzukommen, werteten die Forscher umfassende Datensätze aus über 3000 US-Landkreisen (Counties) aus. Diese wurden zwischen 2019 und 2025 mittels Telefonbefragungen der Gesundheitsbehörde CDC erhoben und decken nahezu die gesamten USA ab. Neben Schlafdauer beantworteten die teilnehmenden Personen auch Fragen zu Ernährung, Bewegung, Einkommen, Bildungsabschluss, Rauchen, Zugang zu medizinischer Versorgung und mehr.
So gingen die Forscher bei ihrer Analyse vor
In einem mehrstufigen Filterprozess berechneten sie den Anteil der Bevölkerung mit chronischem Schlafmangel (< 7 Stunden) pro County und prüften, ob sich diese Regionen durch eine gemeinsame kürzere Lebenserwartung auszeichnen. Dabei rechneten die Wissenschaftler andere Risikofaktoren so gut wie möglich heraus. Denn wie aus der Longevity-Forschung bekannt ist, erhöhen neben zu wenig Schlaf auch eine ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel oder Einsamkeit das Sterberisiko.
Schlaf als zentraler Longevity-Faktor
Es zeigte sich ein eindeutiges Muster: Regionen, in denen ein größerer Anteil der Bevölkerung regelmäßig zu wenig schläft, haben im Durchschnitt eine niedrigere Lebenserwartung. Schlafmangel ist somit einer der stärksten Faktoren für eine geringere Lebenserwartung. „Ich hatte nicht erwartet, dass der Zusammenhang so stark ist“, sagt Studienleiter Dr. Andrew McHill in einer Universitätsmitteilung.3 „Wir wussten schon immer, dass Schlaf wichtig ist, aber diese Forschung unterstreicht es wirklich: Man sollte nach Möglichkeit sieben bis neun Stunden Schlaf anstreben.“ Der Einfluss von Schlafmangel war in den statistischen Modellen sogar stärker ausgeprägt als der von Ernährung und Bewegung: Interessant: Einzig Rauchen wirkte sich als Verhaltensfaktor noch negativer aus.
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FITBOOK-Chefredakteur erklärt: „Ohne Schlaf keine Longevity“
Studienleiter: Ohne Schlaf ist alles nichts
Ist Schlafmangel womöglich der ungesündeste Mangel überhaupt? Für Studienleiter McHill deutet vieles darauf hin, wie er auf Nachfrage von FITBOOK erklärt. „Wir wissen, dass Nagetiere nach etwa 30 Tagen ohne Schlaf sterben. Sie sind dann nicht mehr in der Lage, Infektionen zu bekämpfen und ihre Körpertemperatur zu regulieren.“ Beim Menschen wisse man wiederum sicher, dass zu wenig Schlaf nicht nur krank macht, sondern auch Heilungsprozesse verlangsamt. Außerdem neige man unter Schlafentzug dazu, unkluge Entscheidungen zu fällen, die mitunter fatale Auswirkungen nach sich ziehen können. „Schlaf beeinflusst sämtliche biologische Prozesse und kann daher auf verschiedenen Wegen zu einer kürzeren Lebenserwartung führen“, so McHill. Auch wenn die Forschung noch nicht vollständig geklärt hat, warum Menschen und Tiere schlafen müssen, ist dessen Bedeutung offenbar immens. „Wenn Schlaf keine absolut lebenswichtige Funktion hätte, dann wäre er der größte Fehler, den der Evolutionsprozess je begangen hat.“ McHills Rat lautet daher: „Schlaf sollte immer oberste Priorität haben.“
Welche Fragen die Studie nicht beantwortet
Das Ergebnis basiert auf Millionen Befragungen, die über einen Zeitraum von sechs Jahren erhoben wurden. Damit zeigt die Studie einen robusten Zusammenhang zwischen Schlafmangel und verringerter Lebenserwartung. Leider kann sie keine Aussagen darüber treffen, wie genau Schlafmangel die Lebenserwartung senkt und welchen Einfluss die Schlafqualität dabei hat. Ausschlafen ist auch kein Garant für ein langes Leben. Die Ergebnisse gelten zudem für Regionen, nicht für einzelne Personen. Außerdem beziehen sich die Ergebnisse allein auf die USA, deren Arbeitskultur, Sozialsysteme und Gesundheitsversorgung sich stark von denen in Europa unterscheiden. Universell ließe sich die Bedeutung von Schlaf für die Longevity-Forschung vielleicht so zusammenfassen: Wer seine Nächte mit mindestens sieben erholsamen Schlummerstunden verbringt, verschläft nicht sein Leben, sondern schläft sich sein Leben länger. Sport, soziale Kontakte und eine gesunde Ernährung sind dabei nur von Vorteil.
Schlaf als Fundament der Gesundheit
„Schlaf ist essenziell für unsere Gesundheit. Wir kommen länger ohne Nahrung aus als ohne Schlaf! Im Tiefschlaf finden Reparaturprozesse statt, die lebensnotwendig sind. Unser Körper erneuert seine Zellen, regeneriert seine Muskeln, reinigt das Gehirn. Können diese Prozesse langfristig aufgrund von Schlafstörungen nicht normal stattfinden, macht das krank. Im extremen Fall kann dies tödlich sein. Ist es da ein Wunder, dass die Forschung Schlaf nun auch als essenziell für ein langes, gesundes Leben identifiziert hat? Vereinfacht lässt sich das vielleicht so sagen: Schlaf ist das Fundament. Erst wenn dieses stimmt, können wir mit Bewegung, ausgewogener Ernährung, dem Vermeiden von ungesunden Angewohnheiten wie Rauchen und Alkohol sowie einem regen Sozialleben die Wahrscheinlichkeit für Longevity noch weiter erhöhen.“