27. Oktober 2026, 13:50 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Eine Impfung gegen Krebs, die eigens für einen einzelnen Patienten hergestellt wird: Was zunächst fast futuristisch klingt, könnte die Behandlung von schwarzem Hautkrebs künftig verändern. Moderna und MSD Sharp & Dohme haben neue Studiendaten zu ihrer personalisierten mRNA-Krebsimpfung Intismeran vorgestellt.
Untersucht wurde die Therapie bei Patienten mit einem Melanom, deren Tumor zuvor vollständig operativ entfernt worden war. Die Teilnehmer erhielten entweder die bereits eingesetzte Krebsbehandlung Keytruda allein oder zusätzlich die individuell hergestellte Krebsimpfung Intismeran. „Die Ergebnisse haben das Potenzial, die Behandlung von Melanomen im Frühstadium grundlegend zu verändern“, sagte Studienleiterin Prof. Georgina Long.
Auch interessant: Krebs unter 50 – das ist der auffälligste Risikofaktor
Was ist das Besondere an der Krebsimpfung?
Anders als bei einem klassischen Impfstoff erhalten nicht alle Patienten das gleiche Präparat. Intismeran wird stattdessen individuell an den jeweiligen Tumor angepasst. Dafür untersuchen die Forscher die Krebszellen und suchen nach besonderen Merkmalen des Tumors. Aus diesen Informationen stellen sie dann einen persönlichen Impfstoff mit mRNA her. Vereinfacht gesagt enthält die mRNA eine Art Bauanleitung für die Zellen. Der Impfstoff soll dem Immunsystem bis zu 34 charakteristische Merkmale des Tumors zeigen. Dadurch soll die körpereigene Abwehr lernen, Krebszellen besser zu erkennen und anzugreifen.
„Dafür wird der Impfstoff unter die Haut gespritzt, sodass die Eiweißstoffe an der Impfstelle vom Körper produziert werden und eine entsprechende Immunantwort auslösen oder verstärken“, erklärt Onkologe Prof. Christof von Kalle.
Jeder Impfstoff wird auf den jeweiligen Tumor zugeschnitten
Prof. Dr. med. Katharina C. Kähler, Oberärztin und Leiterin des Hautkrebszentrums am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) am Campus Kiel, erklärt den Ablauf so: „Sie haben einen Menschen mit einer Metastase, die wird herausgeschnitten und anhand des Gewebes wird untersucht, was diesen Tumor ausmacht.“
Dabei wird das Gewebe auf sogenannte Neo-Antigene untersucht. Das sind Merkmale von Krebszellen, anhand derer das Immunsystem den Tumor als fremd erkennen kann. Passend zu diesem individuellen Krebsprofil wird anschließend der Impfstoff hergestellt. „Der Nachteil ist, dass das aufwendiger und teurer ist – das wirklich Neue und Tolle ist der individuelle Zuschnitt auf den Einzelnen“, sagt Kähler.
Auch interessant: Neue Studie – Das steckt hinter jedem achten Krebsfall
Was zeigen die neuen Studiendaten?
An der Phase-3-Studie nahmen 1137 Hautkrebs-Patienten teil, deren Tumor man zuvor vollständig entfernt hatte. Sie bekamen entweder Keytruda allein oder Keytruda plus die personalisierte Krebsimpfung (über die Phase-2-Studie zu der Impfung berichtete FITBOOK bereits 2022).1 Die Probanden bekamen entweder Keytruda allein oder Keytruda plus die personalisierte Krebsimpfung. Nach zwei Jahren zeigte sich ein deutlicher Unterschied: Von 100 Patienten, die zusätzlich die Krebsimpfung erhalten hatten, waren rund 82 noch am Leben und ohne Rückkehr der Erkrankung. Unter Keytruda allein waren es 70 von 100 Patienten.
Die Studien-Phasen
Phase-1- und Phase-2-Studien sind die ersten beiden wichtigen Schritte, in denen Forscher einen neuen Wirkstoff oder ein medizinisches Verfahren erstmals am Menschen testen. Eine Phase-3-Studie ist eine großangelegte klinische Prüfung eines neuen Medikaments oder einer neuen Therapie an mehreren Hunderten bis zu mehreren Tausenden Patienten (je nach Erkrankung). Sie ist der letzte große Schritt, bevor ein Pharmaunternehmen die offizielle Zulassung des Mittels bei den Behörden (wie der EMA in Europa oder der FDA in den USA) beantragen kann.
Das Risiko eines Rückfalls oder Todes war durch die Kombinationstherapie im Vergleich zur Behandlung mit Keytruda allein um 42 Prozent geringer. Das Risiko einer Ausbreitung des Krebses oder des Todes war um 38 Prozent reduziert. „Damit liefert die Studie erstmals den Nachweis, dass eine personalisierte mRNA-Krebsimpfung in Kombination mit einer Immuntherapie das Rückfallrisiko beim Melanom deutlich senken kann“, erklärt Prof. Dr. Christoffer Gebhardt, Co-Autor der Studie und Leiter des Hauttumorzentrums am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).
Was bedeuten die 42 Prozent wirklich?
Gerade bei solchen Prozentangaben ist die richtige Einordnung wichtig. 42 Prozent Risikoreduktion bedeuten nicht, dass 42 Prozent weniger Patienten gestorben sind. „42 Prozent ist der Wert, der anzeigt, wie sehr sich das Risiko, dass der Krebs zurückkommt oder man daran verstirbt, verringert – im Vergleich zur bereits zugelassenen Standardbehandlung“, erklärt Kähler. „Das ist ein gutes Ergebnis.“ Es handelt sich also um eine relative Risikoreduktion gegenüber der Vergleichsgruppe.
Welche Nebenwirkungen traten auf?
Ganz ohne Nebenwirkungen kommt auch die personalisierte Krebsimpfung nicht aus. Am häufigsten waren:
- Fieber: 52,2 Prozent
- Schmerzen an der Einstichstelle: 51 Prozent
- Müdigkeit: 38,5 Prozent
Schwere Nebenwirkungen traten bei der Kombination mit Intismeran mit 14,2 Prozent nur etwas häufiger auf als bei der Behandlung mit Keytruda allein mit 13,4 Prozent. Neue Sicherheitsprobleme wurden laut Moderna und MSD nicht festgestellt.
Könnte das Prinzip auch bei anderen Krebsarten funktionieren?
Das ist eine der spannendsten Fragen der neuen Therapie. Prof. Michael von Bergwelt von der LMU München erklärte dazu: „Weil die Impfung individuell auf die genetischen Besonderheiten eines Tumors zugeschnitten wird, lässt sich das Prinzip theoretisch auch auf andere Krebsarten übertragen.“
Auch interessant: Anzeichen, die auf Blutkrebs hindeuten könnten
Prof. Christof von Kalle vom Berlin Institute of Health (BIH) an der Berliner Charité sieht ebenfalls Potenzial: „Immun-Antworten gegen die Eigenschaften von Tumoren sind bei einer ganzen Reihe von Krebserkrankungen bekannt, zum Beispiel bei Lungenkrebs, Nierenkrebs, Blasenkrebs, bestimmten Formen von Darmkrebs und anderen. Es könnte also gut sein, dass bei einer Reihe von diesen Erkrankungen eine ähnliche Impfung erfolgreich sein kann.“
Etwas zurückhaltender ist Kähler: „Das wissen wir noch nicht genau. Die Chance liegt darin, dass wir den Impfstoff auf den individuellen Tumor zuschneiden können.“
Entscheidend ist unter anderem, ob der jeweilige Tumor Merkmale besitzt, die vom Immunsystem als fremd erkannt und damit gezielt angegriffen werden können. Laut Moderna und MSD laufen derzeit neun Studien zu verschiedenen Krebsarten, darunter Lungen-, Blasen- und Nierenkrebs.
Impfung gegen Hautkrebs! Rückfall- und Sterberate in Studie um 44 Prozent reduziert
Covid-Impfung kann auch gegen andere lebensbedrohliche Erkrankungen helfen
Wann könnte die Krebsimpfung in Deutschland verfügbar sein?
Noch ist die Therapie nicht zugelassen. Moderna und MSD befinden sich nach eigenen Angaben bereits im Austausch mit den zuständigen Behörden. Für einen Einsatz in Deutschland muss die Therapie jedoch zunächst das Zulassungsverfahren durchlaufen.
Die Krebsimpfung gehört zu einem Programm der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA für besonders vielversprechende Medikamente, durch das die Entwicklung beschleunigt werden soll. Für gesetzlich Versicherte bedeutet das derzeit auch: Die Behandlung wird noch nicht regulär von den Krankenkassen übernommen. Auch ein Einstieg in die laufende Studie ist derzeit nicht mehr möglich. Sie wird als „active, not recruiting“ geführt, läuft also weiter, nimmt aber keine neuen Teilnehmer auf.
Krebsimpfung ist noch keine Wunderwaffe
So vielversprechend die Ergebnisse sind: Von einer generellen „Impfung gegen Krebs“ kann bislang keine Rede sein. Intismeran wurde in der vorliegenden Studie bei einer bestimmten Gruppe von Melanom-Patienten untersucht und mit einer bestehenden Immuntherapie kombiniert. Damit könnte das Verfahren künftig einen weiteren wichtigen Baustein in der Krebsbehandlung darstellen. Ob sich die Ergebnisse langfristig bestätigen und bei welchen weiteren Krebsarten eine solche personalisierte Impfung funktioniert, müssen weitere Untersuchungen zeigen.