23. Dezember 2025, 16:51 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Fast immer lässt sich eine Gebärmutterhalskrebserkrankung auf humane Papillomviren (HPV) zurückführen. Die HPV-Impfung ist daher ein verlässlicher Weg, der HPV-Infektion und damit der Entstehung von Krebs vorzubeugen. Doch dafür sollten am besten nicht nur Mädchen eine HPV-Impfung erhalten, sondern auch Jungen. Wie bedeutsam diese Strategie sein könnte, haben jetzt Wissenschaftler der University of Maryland in einer Studie modelliert. Die heterosexuelle Impfung gegen HPV ist ihnen zufolge der Schlüssel für die Eliminierung von Gebärmutterhalskrebs.
2022 erkrankten ca. 4400 Frauen an Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom), 1413 Frauen starben daran.1 Das Impfangebot, das junge Mädchen und Frauen davor bewahren könnte, wird zugleich nur zögerlich angenommen. So lag im Jahr 2024 die Impfquote bei 15-jährigen Mädchen für eine vollständige HPV‑Impfserie deutschlandweit bei 55 Prozent. Für eine begonnene Impfserie (mit mind. einer HPV-Impfung) lag die Quote bei 68 Prozent. Seit der Einführung der Impfung 2012 stieg die Impfquote jährlich im Vergleich zum jeweiligen Vorjahr im Schnitt jeweils um etwa 3 Prozentpunkte, erreichte jedoch seit dem Jahr 2021 ein Plateau.2
Wesentlich besser sieht die Impfquote in Südkorea aus. Hier werden rund 80 Prozent der Mädchen zwischen zwölf und 17 Jahren geimpft.3 Das Land war nun Gegenstand einer Modellstudie, mit der Wissenschaftler herausfinden wollten, was es benötigen würde, um Gebärmutterhalskrebs in absehbarer Zeit mithilfe von Herdenimmunität eliminieren zu können. Mithilfe südkoreanischer Krebsdaten aus den Jahren 1999 bis 2020 erstellten die Forscher ein Modell, das zwei potenziell wirksame Strategien aufzeigte. Eins davon stufen sie als noch etwas vielversprechender ein als das andere – nämlich das, was nicht nur die HPV-Impfung von Mädchen, sondern auch die Impfung von Jungen einbezieht.4
Die Studie
In ihrem mathematischen Modell simulierten sie mithilfe von Differenzialgleichungen die Ausbreitung und Krankheitsverläufe von Gebärmutterhalskrebs in Südkorea. In das Modell integrierten die Wissenschaftler folgende Daten:
- HPV-Übertragung von Männern und Frauen (Übertragung zwischen den Geschlechtern)
- Relevante Krankheitsstadien von der Erstinfektion bis hin zu präkanzerösen Veränderungen und Krebserkrankungen
- Pap-Screenings (werden in Südkorea zweijährig durchgeführt)
- natürliche Heilungsverläufe
- Krankheitsentwicklungen
- Krebsinzidenz- und Mortalitätsdaten (Daten von 1999 und 2020)
- Routine- und Nachholimpfungen bei Mädchen und Jungen
Ein Kontrollmodell war ähnlich aufgebaut, berücksichtigte aber die vorsorglichen Pap-Screenings nicht, um genauer den Effekt anderer Maßnahmen, wie Impfungen, auf die Entstehung und Verläufe von Krankheiten sowie die Sterblichkeit ermitteln zu können.
Im nächsten Schritt simulierten die Forscher mit ihrem mathematischen Modell verschiedene Szenarien:
- HPV-Impfung nur bei Mädchen (aktuelle Impfstrategie)
- HPV-Impfung bei Mädchen und Jungen
- Verschiedene Abdeckungsgrade beim Pap-Screening.
Berechnet wurde der „kontrollierte Reproduktionswert“ (Rv_s). Dieser weist auf das Verbreitungspotenzial von Krankheiten hin. Genauer gibt er an, zu wie vielen Neuinfektionen eine Krankheit im Durchschnitt führt. Ist der kontrollierte Reproduktionswert größer als 1, spricht man von Ausbreitung einer Krankheit. Ist der Wert kleiner als 1, geht man von dem Rückgang bis hin zur Elimination einer Krankheit aus. Letzteres möchte man im Fall von Gebärmutterhalskrebs mit der HPV-Impfung erreichen.
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Die zentrale Erkenntnis der Forscher: Der Status quo reicht in Südkorea nicht aus, um Gebärmutterhalskrebs zu eliminieren. Der kontrollierte Reproduktionswert (Rv_s) liegt derzeit bei 1,6181 – also deutlich über der benötigten Schwelle von 1. Das bedeutet, dass sich die HPV-Infektion bei derzeitiger Impf- und Screeninglage weiterverbreiten und zu entsprechend vielen Krebserkrankungen führen wird.
Bemerkenswert ist, dass das Modell im Rahmen der verglichenen Szenarien aufzeigt, welche Strategien zum Ziel der Krankheitseliminierung führen könnten. Ein Weg dahin wäre die Ausweitung der HPV-Impfung nur bei Mädchen (Strategie reine Mädchen-Impfung). Die aktuelle Impfquote von 80 Prozent müsste auf 99 Prozent angehoben werden.
Als Favorit gilt das heterosexuelle Impfszenario. So reiche eine Impfquote von 88 Prozent bei Mädchen für Rv_s unter 1 – wenn auch die Impfquote bei Jungen ansteige, auf 65 Prozent. Die Forscher sehen hier den Vorteil, dass nicht ein Geschlecht vollkommen durchgeimpft werden müsse, sondern sich die Quote auf zwei Geschlechter verteile, was realistischer für die Umsetzung sei.
Im Übrigen schützte die heterosexuelle HPV-Impfung nicht nur Mädchen und Frauen besser vor Gebärmutterhalskrebs, sondern auch Jungen und Männer besser vor HPV-bedingten Krebserkrankungen wie Peniskrebs. Ein Anheben der Beteiligung am Pap-Screening würde dagegen laut dem Modell dazu beitragen, die Sterblichkeit zu reduzieren, aber nicht die Inzidenz der Krankheit verändern.
Zusammenfassend lässt sich das Ergebnis also wie folgt auf den Punkt bringen: Entweder müssten 99 Prozent der Mädchen oder 88 Prozent der Mädchen und 65 Prozent der Mädchen die HPV-Impfung erhalten. Unter dieser Voraussetzung könnte die Elimination von Gebärmutterhalskrebs innerhalb der nächsten 60 bis 70 Jahre erreicht werden.
Einordnung der Studie
Die Stärke des Modells besteht in der Menge an berücksichtigten Informationen und Daten – von Impf- und Vorsorgeverhalten, Erkrankungen und Krankheitsverläufen bis zu Sterbedaten.
Eine große Schwäche der Studie ist, dass das Modell nur die heterosexuelle, aber nicht die homosexuelle Übertragung betrachtet. Zudem fanden Impfdurchbrüche und mehrfache HPV-Infektionen keine Berücksichtigung, stattdessen wurde von einem dauerhaften Impfschutz ausgegangen.
Dennoch liefert die Studie wertvolle, belastbare Erkenntnisse, die weit über den südkoreanischen Kontext hinaus Bedeutung haben. Das Modell zeigt auf, wie eine gemeinschaftliche Immunität, auch Herdenimmunität, die Frauen vor Gebärmutterhalskrebs schützt, erreicht werden kann. Zudem ist die Struktur des Modells mit länderspezifischen Parametern leicht auf andere Regionen übertragbar. Das bedeutet, dass mit den entsprechenden Daten gespeist, das Modell auch das vielversprechendste Szenario für Deutschland liefern könnte.