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Chefarzt Thomas Kälicke

Darum verletzen sich Menschen gerade dann, wenn sie fitter werden

Thomas Kälicke erklärt, warum die Sehne beim Wiedereinstieg in den Sport Zeit braucht
Thomas Kälicke ist Chefarzt – und erklärt eine typische Geschichte aus seinem Klinikalltag Foto: Getty Images/Science Photo Libra, privat, Collage: FITBOOK
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Prof. Dr. med. Thomas Kälicke
Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie

22. Mai 2026, 13:48 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Nach wenigen Wochen im Training passiert etwas, womit Sie nicht gerechnet haben: Schmerzen. Dieses Muster begegnet Prof. Thomas Kälicke im klinischen Alltag immer wieder. Der Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie sagt: Die Ursache liegt häufig nicht dort, wo Betroffene sie vermuten. Sein Rat? Geduld – und das richtige Training in der richtigen Reihenfolge. Was er konkret rät, lesen Sie hier.

Wir legen volle Pulle los, der Körper erinnert sich

Wenn Menschen nach längerer Pause wieder mit Sport beginnen, sieht man häufig eine ganz typische Konstellation. Früher aktiv, dann kamen Beruf, Alltag, Familie – Bewegung rückt in den Hintergrund. Und irgendwann steht man vor dem Spiegel und merkt: Der Körper hat sich verändert. Ein kleiner Bauch ist da, man fühlt sich steifer, langsamer, weniger leistungsfähig. Und dann begehen wir oftmals den entscheidenden Fehler: Wir legen volle Pulle los.

Die Muskulatur verfügt über eine Art Gedächtnis. Mein alter Leichtathletiktrainer hat früher immer gesagt: „Der Muskel vergisst nie.“ Und genau so ist es! Selbst nach längeren Pausen reagiert die Muskulatur erstaunlich schnell auf neue Trainingsreize. Sie ist gut durchblutet, wird effizient mit Nährstoffen versorgt und kann sich rasch anpassen. Kraft und Leistungsfähigkeit steigen oft innerhalb kurzer Zeit deutlich an.

Warum Sehnen langsamer reagieren

Die Sehnen hingegen spielen nach völlig anderen Regeln. Sie sind schlechter durchblutet, ihr Stoffwechsel ist langsamer, ihre Anpassungsprozesse deutlich träger. Hinzu kommt, dass sich im Laufe der Jahre strukturelle Veränderungen im Gewebe entwickeln können. Ein zentraler Mechanismus ist dabei die Glykation – eine Art „Verzuckerung“ von Eiweißstrukturen, die zu Quervernetzungen im Kollagen führt. Das Gewebe wird steifer, weniger elastisch und anfälliger für Verletzungen.

Das Problem: Während der Muskel schon wieder bereit ist, ist die Sehne es noch lange nicht. Und genau hier wird es tückisch. Denn in den ersten Wochen funktioniert das Training oft trotz hoher Intensität erstaunlich gut. Die Leistungsfähigkeit steigt schnell, die Motivation ist hoch – vieles fühlt sich sogar besser an als erwartet. Das vermittelt ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. Bis es kippt.

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Der gefährlichste Moment kommt später

Dann kommt es zu Überlastungsreaktionen, schmerzhaften Reizzuständen oder im schlimmsten Fall zu strukturellen Schäden wie einem Achillessehnenriss. Noch häufiger sind chronische Sehnenprobleme, die Betroffene über Monate oder gar Jahre begleiten und Trainingsfortschritte massiv ausbremsen – oder im schlimmsten Fall dazu führen, dass Sport komplett aufgegeben wird.

„Beim ersten Sprint hat es geknallt!“

Nicht selten höre ich in der Klinik aber auch eine andere, sehr typische Geschichte – vor allem beim Achillessehnenriss. Ich frage: „Wie ist das passiert?“ Die Antwort ist erstaunlich oft dieselbe: „Ich wollte wieder mit Sport anfangen. Habe das erste Mal wieder Badminton, Fußball oder Basketball gespielt…“ Und dann kommt der entscheidende Satz: „Beim ersten Sprint hat es geknallt.“ In diesem Moment ist beim Patienten die Achillessehne gerissen.

Diese Verletzungen passieren selten nach einem sukzessiven kontinuierlichen Belastungsaufbau. Sie treten häufig genau dann auf, wenn nach längerer Pause plötzlich wieder explosive Belastungen erfolgen – also in dem Moment, in dem der Muskel wieder Leistung bringen kann, die Sehne aber strukturell noch nicht darauf vorbereitet ist.

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Warum Geduld am Anfang entscheidend ist

Wenn ich Patienten coache, gehe ich deshalb bewusst anders vor. Bevor wir intensivere Trainingsformen wie HIIT einbauen, steht in den ersten Monaten fast ausschließlich moderates Ausdauertraining im Vordergrund. Für viele wirkt das zunächst unspektakulär, doch tatsächlich passiert in dieser Phase sehr viel: Die Herzpumpleistung nimmt zu, der Stoffwechsel wird ökonomischer. Aber vor allem bekommen die Sehnen Zeit, sich an die neue Belastung anzupassen und stabiler zu werden.

Diese anfängliche Phase – in der die Sehnen Zeit benötigen, sich anzupassen – ist entscheidend. Wer sie überspringt, riskiert Verletzungen. Was auch dazugehört: gezieltes Dehnen. Wer gezielt das Sehnengewebe erreichen will, muss Dehnungen statt 10, 20 oder 30 Sekunden teilweise über Minuten halten. Die Sehne braucht Zeit!

Erst Belastbarkeit, dann Leistung

Wer diese Phase konsequent durchläuft, schafft die Basis für andere Formen des Trainings, die mit einer deutlich höheren Belastung für Sehnen und Gelenke einhergehen: Training mit kurzen, sehr intensiven Belastungsphasen, bei denen man bewusst an seine Leistungsgrenze geht.

Wenn man es auf eine einfache Formel bringen möchte: Am Anfang braucht es Geduld. Danach wird Leistung möglich.

Über den Autor: Prof. Dr. med. Thomas Kälicke ist Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie mit zusätzlichen Qualifikationen in spezieller Unfallchirurgie, Handchirurgie und physikalischer Therapie. Anfang 2011 wurde er im Alter von 38 Jahren Chefarzt an den GFO Kliniken Bonn. Seit 2025 ist er zudem Chefarzt der Allgemeinchirurgie am CURA Krankenhaus in Bad Honnef. Neben seiner klinischen Tätigkeit berät und begleitet er seit vielen Jahren Menschen, die ihren Lebensstil verändern und langfristig gesund bleiben möchten. Als gefragter Redner vermittelt er wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zur Longevity verständlich und praxisnah. Er ist Autor des Buches „LNGVTY – LÄNGER – BESSER – LEBEN“.

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