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Kommentar von Chefarzt Thomas Kälicke

Dieser Denkfehler kostet Sie Lebensjahre

Prof. Thomas Kälicke über den Denkfehler, der Lebenszeit kostet
In seiner Sprechstunde in der Klinik hört Prof. Thomas Kälicke, Chefarzt an den GFO Kliniken Bonn, täglich denselben Satz Foto: J Studios, privat, Collage: FITBOOK
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Prof. Dr. med. Thomas Kälicke
Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie

25. April 2026, 8:35 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Was ich täglich im Krankenhaus sehe, hat mich zu einer klaren Überzeugung gebracht: Bewegung ist keine Option, sondern eine Entscheidung darüber, wie wir altern. Ich selbst trainiere jeden Morgen vor der Arbeit – nicht aus Disziplin, sondern weil ich weiß, was auf dem Spiel steht.

In meiner Sprechstunde höre ich fast täglich denselben Satz

In meiner Sprechstunde höre ich fast täglich denselben Satz: „Ich würde ja gerne Sport treiben, aber ich habe keine Zeit.“ Dann lasse ich mir den Alltag meiner Patienten genau schildern. Meistens zeigt sich schnell: Zeit ist vorhanden – sie wird nur anders genutzt.

Die Datenlage ist eindeutig: Körperliche Aktivität ist wahrscheinlich die wirksamste „Pille“ für ein langes, gesundes Leben. Trotzdem bewegt sich rund jeder zweite Deutsche zu wenig. Laut Techniker Krankenkasse geben 48 Prozent Zeitmangel als Hauptgrund für Bewegungsmangel an.1 „Keine Zeit“ ist damit zu einer der bequemsten Ausreden unserer Gesellschaft geworden. Dabei ist die Wahrheit einfach: Wir haben Zeit. Wir nehmen sie uns nur nicht. Und genau darin liegt ein folgenschwerer Denkfehler. Denn Sport kostet keine Zeit –
Sport schafft Lebenszeit.

Eine der größten Fehleinschätzungen unserer Zeit

Die meisten Menschen betrachten Sport als zusätzlichen Aufwand im ohnehin übervollen Alltag. Doch medizinisch betrachtet ist das Gegenteil der Fall: Bewegung ist keine Freizeitbeschäftigung, sondern eine biologische Notwendigkeit.

Unser Körper wurde über Millionen Jahre Evolution für Bewegung gebaut. Erst in den letzten wenigen Jahrzehnten hat sich unser Lebensstil dramatisch verändert: Wir sitzen ständig. Dadurch befinden sich unser Stoffwechsel, unser Herz-Kreislauf-System und unsere Muskulatur permanent in einem Zustand chronischer Unterforderung. Die Folgen sehen wir täglich in den Statistiken – und ich persönlich jeden Morgen im Krankenhaus.

Die stillen Killer unseres Lebens

Heute sterben die meisten Menschen nicht mehr an akuten Infektionskrankheiten oder Unfällen, sondern an chronischen Erkrankungen. Das tödliche Sextett umfasst:

  1. Stoffwechselstörungen (Insulinresistenz, Diabetes, Fettleber)
  2. Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  3. Krebs
  4. Demenz
  5. Muskel- und Knochenabbau (Sarkopenie, Osteoporose, Arthrose)
  6. Störungen des Mikrobioms

Diese Krankheiten entwickeln sich über Jahrzehnte hinweg unbemerkt. Oft fühlen sich Menschen lange gesund, während im Hintergrund bereits Prozesse ablaufen, die Gefäße schädigen, Entzündungen fördern und Organe langsam zerstören. Ein Beispiel ist die Insulinresistenz – der Prozess beginnt häufig 20 bis 30 Jahre, bevor eine Stoffwechselstörung diagnostiziert wird.

Genau hier kommt Bewegung ins Spiel.

Auch interessant: Die 6 „stillen Killer“ im Körper und wie wir sie möglichst lange kontrollieren

Sport wirkt gegen alle 6 stillen Killer

Es gibt kaum eine medizinische Intervention, die so umfassend wirkt wie regelmäßige körperliche Aktivität. Sport wirkt gleichzeitig gegen alle Komponenten des tödlichen Sextetts!

  1. Bewegung verbessert den Stoffwechsel (konkret: Insulinsensitivität, Blutzuckerregulation und Fettstoffwechsel). Schon ein Spaziergang nach dem Essen kann unseren Blutzucker deutlich stabilisieren.
  2. Sport senkt den Blutdruck, verbessert die Gefäßelastizität, reduziert Gefäßentzündungen und senkt das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall
  3. Zahlreiche Studien zeigen, dass körperliche Aktivität das Risiko für mehrere Krebsarten deutlich reduziert, darunter Darm-, Brust- und Prostatakrebs
  4. Sport wirkt wie ein biologisches Anti-Demenz-Programm, denn er verbessert die Durchblutung des Gehirns und stimuliert die Bildung neuer Nervenzellen. Besonders Ausdauertraining!
  5. Ab 40 Jahren verlieren wir Muskelmasse. Krafttraining ist einer der wichtigsten Faktoren für ein langes autonomes Leben, denn es schützt vor Schwäche, Stürzen, Knochenbrüchen und dem Verlust von Selbstständigkeit.
  6. Sport verändert die Darmflora in Richtung einer größeren Vielfalt gesunder Bakterien – ein entscheidender Faktor für Immunsystem, Stoffwechsel und Entzündungsregulation.

150 Minuten pro Woche

Arnold Schwarzenegger hat es einmal treffend formuliert: „Der Tag hat 24 Stunden. Sechs Stunden schläfst du – bleiben noch 18. Sag mir nicht, dass du keine Zeit zum Trainieren hast.“ Natürlich ist das überspitzt. Aber der Kern stimmt: Sport braucht keine zwei Stunden täglich. Schon 150 Minuten Bewegung pro Woche reichen aus, um das Risiko vieler Erkrankungen drastisch zu reduzieren. Das sind gerade einmal 20 Minuten pro Tag.

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Studien zu plus 10, plus 15 bis 20 Jahren

Wenn Menschen Sport als Zeitverlust betrachten, machen sie einen fundamentalen Denkfehler: Bewegung ist kein Zeitfresser. Bewegung ist eine Investition in mehr Energie, bessere Gesundheit, mehr Leistungsfähigkeit und mehr vitale Lebensjahre. Studien zeigen, dass ein gesunder Lebensstil unsere Lebensspanne um etwa zehn Jahre verlängern kann – und unsere gesunde Lebenszeit sogar um 15 bis 20 Jahre. Diese Jahre entstehen nicht durch Zufall. Sie entstehen durch Entscheidungen.

Prof. Dr. med. Thomas Kälicke
Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie

Mein persönlicher Weg

„Ich selbst habe früh gelernt, Bewegung fest in meinen Alltag zu integrieren. Vor der Geburt unseres ersten Sohnes gingen meine Frau und ich häufig gemeinsam laufen. Mit den Kindern veränderte sich unser Alltag. Meine Frau integrierte Bewegung in ihren Alltag, indem sie überall mit dem Fahrrad hinfuhr und unseren Sohn in einer Trage transportierte. Heute würde man das „Rucking“ nennen – Gehen mit Zusatzgewicht. Ich selbst habe mein Training in den frühen Morgen verlegt und trainiere seit über 20 Jahren vor Beginn meines Arbeitstages. Nicht weil ich muss. Sondern weil ich weiß, dass diese Stunde wahrscheinlich eine der wichtigsten meines Tages ist.“

Fazit: Die Stunde, die Ihr Leben verlängert

Wir alle haben denselben 24-Stunden-Tag. Die entscheidende Frage lautet nicht: „Haben wir Zeit für Sport?“ Die entscheidende Frage lautet: „Wie wichtig ist uns unsere Zukunft?“ Denn jede Trainingseinheit wirkt wie eine Einzahlung auf ein biologisches Konto. Ein Konto, das sich mit zunehmendem Alter auszahlt! Sport ist die vielleicht beste Methode, vitale Lebenszeit zu gewinnen.

Über den Autor: Prof. Dr. med. Thomas Kälicke ist Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie mit zusätzlichen Qualifikationen in spezieller Unfallchirurgie, Handchirurgie und Physikalischer Therapie. Anfang 2011 wurde er im Alter von 38 Jahren Chefarzt an den GFO Kliniken Bonn. Seit 2025 ist er zudem Chefarzt der Allgemeinchirurgie am CURA Krankenhaus in Bad Honnef. Neben seiner klinischen Tätigkeit berät und begleitet er seit vielen Jahren Menschen, die ihren Lebensstil verändern und langfristig gesund bleiben möchten. Als gefragter Redner vermittelt er wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zur Longevity verständlich und praxisnah.

Quellen

  1. Die Techniker: Beweg dich, Deutschland! Bewegung im Alltag (2022, aufgerufen am 15.04.2026) ↩︎

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