Zum Inhalt springen
logo Das Magazin für Fitness, Gesundheit und Ernährung
Iron Cage Verletzungen Alle Themen
Laut Chefarzt für Chirurgie und Orthopädie

Diese Verletzungen drohen den „Iron Cage“-Teilnehmern

Am stärksten gefährdete Körperteile der „Iron Cage“-Teilnehmer: Schultern, Ellenbogen und Lendenwirbelsäule
Am stärksten gefährdete Körperteile der „Iron Cage“-Teilnehmer: Schultern, Ellenbogen und Lendenwirbelsäule Foto: Getty Images/Science Photo Library, BILD, Collage: FITBOOK
Artikel teilen
Anna Echtermeyer
Redakteurin

10. März 2026, 15:15 Uhr | Lesezeit: 14 Minuten

Am 11. März lassen sich fünf Athleten in einen eisernen Käfig einsperren. Sieger des „Iron Cage“-Wettbewerbs von BILD ist, wer als Erster eine Million Kilogramm Gewicht gestemmt hat. Aus medizinischer Sicht ist die Fitness-Show ein riskantes Extremexperiment. Bei FITBOOK erklärt Prof. Dr. Thomas Kälicke, Chefarzt für Orthopädie, Unfall- und Allgemeinchirurgie und ehemaliger Leistungssportler, welche Verletzungsrisiken auf die Kandidaten zukommen. Außerdem: Was Iron Mike, Paul Unterleitner, Daniel Krobath, Coach Andy und Nam Thanh Vo machen können, um die Risiken zu minimieren.

Hier geht es zur Anmeldung für den „Iron Cage“-Stream bei BILD

Welche Gelenke und Strukturen sind bei einem 72-Stunden-Kraft-Event am stärksten gefährdet?

„Am stärksten gefährdet sind Schulter, Ellenbogen, Lendenwirbelsäule mit Bandscheiben sowie die Knie – dazu die jeweiligen Sehnenansätze und bei extremer Ermüdung auch die Muskellogen mit Gefahr eines Kompartmentsyndroms“, sagt Prof. Thomas Kälicke zu FITBOOK.

Schulter

Die Schulter ist eines der beweglichsten Gelenke des Körpers – und deshalb unter Ermüdung besonders anfällig. Bei Druck- und Zugübungen wie Brustpresse, Rudern, Überzügen, Liegestützen oder Klimmzügen werden Schultergelenk, Rotatorenmanschette, lange Bizepssehne und die vordere Gelenkkapsel dauerhaft belastet.

Laut dem Facharzt für Chirurgie und Orthopädie besteht das Problem für die „Iron Cage“-Teilnehmer weniger in der einzelnen Wiederholung, sondern in der Summe aus tausenden Wiederholungen bei nachlassender Koordination. Kälicke: „Die Gelenkführung verändert sich, der Oberarmkopf läuft nicht mehr sauber, Sehnen reiben stärker. Die Folge können Reizzustände, Teilrisse oder im Extremfall eine Luxation oder Sehnenruptur sein.“ Distale oder proximale Bizepssehnenrisse zeigen sich typischerweise durch plötzlichen Schmerz, oft begleitet von einem „Schnappen“ oder „Pop“, Hämatom und Kraftverlust.

Abbruchkriterien aus medizinischer Sicht: Ein Abbruch ist laut Kälicke sinnvoll, wenn Schmerzen plötzlich stechend werden, ein Schnappen spürbar ist, die Schulter instabil wirkt oder der Arm nicht mehr aktiv gehoben oder kontrolliert abgesenkt werden kann.

Ellenbogen

Laut Kälicke sind die Ellenbogen bei einem Wettkampf wie „Iron Cage“ ein „klassisches Überlastungsopfer“. Bei Klimmzügen, Rudern, Scott-Curls, Liegestützen und Druckübungen werden immer wieder dieselben Beuge- und Strecksehnen belastet, erklärt er. Besonders gefährdet seien die distale Bizepssehne, die Trizepssehne sowie die Sehnenansätze der Unterarmmuskulatur an den Epikondylen (knöchernen Vorsprüngen). „Wiederholte Zugbelastungen sind dabei oft kritischer als ruhige Druckbelastungen, weil konzentrische und ruckartige Züge höhere Sehnenspannungen erzeugen“, sagt Kälicke. Ein distaler Bizepssehnenriss zeige sich typischerweise durch plötzlichen Ellenbogenschmerz, hörbares oder fühlbares „Pop“, Bluterguss und deutlichen Kraftverlust, vor allem beim Drehen des Unterarms und beim Beugen gegen Widerstand.

Abbruchkriterien: Abbruchkriterien sind laut dem Mediziner plötzlicher einschießender Schmerz, sichtbare Deformität, rasch zunehmende Schwellung, Kraftverlust oder Funktionsverlust.

Lendenwirbelsäule und Bandscheiben

Auch die Lendenwirbelsäule gehört zu den größten Risikozonen des Wettkampfs. Nicht nur wegen hoher Lasten – sondern wegen der Dauer. Über Stunden und Tage wirken Kompression, Beugung und teils Rotation auf die Bandscheiben, während die stabilisierende Rumpfmuskulatur zunehmend ermüdet. „Wenn die Haltemuskulatur versagt, hängt die Last passiv in Bändern, Facettengelenken und Bandscheiben“, erklärt Kälicke. Genau dann steigt das Risiko für strukturelle Schäden – von schmerzhaften Reizzuständen bis zu Bandscheibenprotrusion oder -vorfall mit Nervenbeteiligung.

Besonders kritisch sind Rotationen unter Last und technische Fehler unter Ermüdung. Freie Gewichte verlangen mehr Stabilisationsarbeit – und genau diese Fähigkeit nimmt nach vielen Stunden deutlich ab.

Abbruchkriterien: Ausstrahlender Schmerz ins Bein, Taubheit, Kribbeln, neu auftretende Schwäche, Probleme beim Gehen oder Gefühlsverlust im Genital- oder Innenschenkelbereich sowie Blasen- oder Mastdarmstörungen sind klare Notfallzeichen. Dann muss sofort gestoppt werden.

Knie

Das Knie leidet vor allem bei Beinpresse, Kniebeugevarianten, Liegestütz-/Burpee-ähnlichen Mustern und beim dauernden Aufstehen und Umsetzen, erklärt Kälicke. Gefährdet seien

  • der patellofemorale Knorpel
  • die Patellarsehne
  • die Quadrizepssehne
  • Menisken
  • und bei Erschöpfung auch die passive Führung des Gelenks.

Kälicke: „Solange die Muskulatur stabilisiert, wirkt sie wie ein Stoßdämpfer. Wenn aber Müdigkeit, Zittern und schlechtere neuronale Ansteuerung zunehmen, verliert das Knie diesen Schutz. Dann steigen Gelenkdruck und Scherkräfte, und die Last trifft Knorpel und Knochen deutlich ungefilterter.“ Ein kompletter Patellarsehnen- oder Quadrizepssehnenriss mache sich typischerweise bemerkbar durch plötzliches Reißen oder „Pop“, Schwellung und vor allem durch Unfähigkeit, das Knie aktiv zu strecken.

Abbruchgründe: Plötzliches Wegknicken, Streckunfähigkeit, deutliche Gelenkblockade, erhebliche Schwellung oder Instabilität.

Auch interessant: Diese Kandidaten ziehen in den „Iron Cage“

Welche Körperteile sind bei „Iron Cage“-Teilnehmern am meisten gefährdet?

Laut dem Chefarzt für Orthopädie, Unfall- und Allgemeinchirurgie sind diese Körperteile der „Iron Cage“-Athleten vermutlich am stärksten bedroht:

  1. die Sehnenansätze von Schulter, Ellenbogen und Knie,
  2. die Lendenwirbelsäule und die Bandscheiben,
  3. Knorpel und Gelenkflächen unter zunehmendem Verlust muskulärer Dämpfung, sowie
  4. die Muskulatur selbst mit ihren Muskellogen mit der Gefahr eines Kompartmentsyndroms (Anstieg des Gewebedruckes, was einen chirurgischen Notfall bedeutet) bis hin zur Rhabdomyolyse (Zerfall von Skelettmuskelzellen).

Wie hoch ist das Risiko für Sehnenreizungen oder -risse bei Dauerbelastung?

„Die ehrliche Antwort lautet: Das Risiko ist hoch“, sagt Kälicke – auch wenn man es seriös nicht genau angeben könne, weil ein Wettkampf wie „Iron Cage“ wissenschaftlich kaum untersucht sei. Was aus der Sportmedizin und Sehnenforschung aber bekannt sei: „Sehnen reagieren empfindlich auf wiederholte, hohe und monotone Lasten, insbesondere wenn die Erholung unzureichend ist“, erklärt Kälicke. Schmerzhafte, degenerative Sehnenerkrankungen (Tendinopathien) entstehen laut dem Mediziner nicht nur durch ein einmaliges Ereignis wie einen Unfall, sondern oft durch die Summe vieler Mikroschäden unter repetitiver Belastung.

Kälicke: „Die Sehne ist oft der Flaschenhals, nicht der Muskel.“ Der Muskel ist besser durchblutet und kann sich schneller anpassen. Die Sehne ist kollagenreich, schlechter versorgt und erholt sich langsamer. Genau daraus entstünden zunächst Sehnenreizungen, dann Mikrorisse, später mögliche Teilrupturen oder komplette Abrisse.

Diese Zugbelastungen sind für Sehnen besonders problematisch

Besonders problematisch seien Zugbelastungen mit exzentrischer und ruckartiger Komponente, hohe Wiederholungszahlen mit immer gleichem Bewegungsweg, rasche Lastwechsel und Belastung trotz bereits vorhandener Sehnenschmerzen. Der Satz „Zugübungen sind für Sehnen meist gefährlicher als ruhige Druckübungen“ sei deshalb in der Praxis oft zutreffend.

Möglich seien entzündliche Überlastungsreaktionen der Sehne, schmerzhafte Verdickung und Funktionsverlust, Teilrisse, komplette Abrisse – zum Beispiel an Patellarsehne oder distaler Bizepssehne – sowie sekundäre Fehlbelastungen anderer Gelenke durch Schonmechanismen. Zur Vorbeugung sinnvoll sind laut dem Mediziner vor allem „kluges Rotieren der Belastung zwischen Oberkörper und Unterkörper sowie zwischen Zug- und Druckmustern“.

Wann abgebrochen werden sollte: Medizinisch sollte abgebrochen werden bei plötzlichem stechendem Schmerz, hör- oder fühlbarem „Pop“, sofortigem Kraftverlust, sichtbarer Deformität, rascher Schwellung oder Bluterguss sowie Funktionsverlust, etwa wenn das Knie nicht mehr streckbar oder der Arm nicht mehr belastbar ist. Schlimmstenfalls führt Ignorieren zu einer kompletten Ruptur mit Operationsbedarf und langer Ausfallzeit.

Was passiert mit den Bandscheiben unter Dauerkompression?

„Die Bandscheibe ist ein druckverteilendes System, aber eben kein unzerstörbares“, erklärt Kälicke. Das Problem im Extremwettkampf sei nicht nur die hohe Last, sondern „die Kombination aus Last, Wiederholung, fehlender Erholung, Ermüdung der Rumpfmuskulatur und Technikverlust“. Da die Bandscheibe nur begrenzt direkt versorgt werde, sei ihre Erholung deutlich träger als die der Muskulatur.

Dann wird es gefährlich für die Bandscheiben

Unter Dauerkompression und wiederkehrender Beuge- oder Rotationsbelastung könne es zunächst zu Mikrorissen im Anulus fibrosus kommen. Kälicke: „Das muss nicht sofort dramatische Schmerzen machen. Aber wenn die Last weiterläuft und die Stabilisierung schlechter wird, kann Bandscheibenmaterial austreten.“ Dann drohen akuter Hexenschuss, radikuläre Schmerzen ins Bein, Kribbeln, Taubheit, Muskelschwäche – vor allem Fußheber-, Fußsenker-, Kniestrecker- und Hüftbeugerparesen – und im Extremfall ein Cauda-equina-Syndrom mit Blasen- oder Mastdarmstörung.

Laut Kälicke müssen vor allem Rotationen unter Last vermieden werden. „Sobald die Athleten diesen ‚Rumpf-Block‘ nicht mehr sicher fixiert aufrechterhalten können, ist das Risiko sprunghaft erhöht.“

Wann aus medizinischer Sicht Schluss ist: Ein sofortiger medizinischer Stopp ist angezeigt bei ausstrahlendem Schmerz ins Bein, zunehmender Taubheit oder Kribbeln, neu aufgetretener Muskelschwäche, Schwierigkeiten beim Gehen oder Aufstehen, Sattelanästhesie sowie Harnverhalt, Harninkontinenz oder Stuhlinkontinenz. Kälicke: „Das sind keine Zeichen nach dem Motto ‚man muss mal schauen‘, sondern klare rote Flaggen.“

Können sich Knorpel und Gelenke während eines solchen Wettkampfes erholen?

Eine gewisse Teilerholung ist laut Kälicke möglich, aber keine vollständige Regeneration im eigentlichen Sinn. „Wenn die Athleten zwischen Ober- und Unterkörper oder zwischen Druck- und Zugmustern wechseln, entlasten sie einzelne Gelenke zeitweise. Das ist sinnvoll und wahrscheinlich unverzichtbar. Aber: Knorpel regeneriert nicht schnell. Gelenkknorpel ist schlecht durchblutet und wird zu einem wesentlichen Teil über die Synovialflüssigkeit und Diffusion versorgt. Er lebt also davon, dass Belastung und Entlastung sich abwechseln – nicht von stundenlanger monotoner Dauerreizung.“ Das Risiko sei dabei weniger ein Knorpelriss während des Wettkampfes, sondern eher „eine durch massive Überbelastung induzierte, sich erst weit nach dem Wettkampf manifestierende, nachhaltige Knorpelschädigung“.

Diese Rolle spielt die Ernährung bei „Iron Cage“ aus medizinischer Sicht

„Für diesen Wettkampf sind Essen und Trinken nicht Nebensache, sondern Teil der Medizin“, sagt Kälicke. Neben dem Grundumsatz, der bei sehr gut trainierten und muskulösen Athleten grob bei etwa 2500 bis 3000 Kilokalorien pro Tag liegen kann, kommen durch viele Stunden Training erhebliche zusätzlich benötigte Energiemengen hinzu. Hartes Krafttraining kann je nach Intensität ungefähr 500 bis 1000 Kilokalorien pro Stunde extra verbrauchen. Wenn ein Athlet an einem Tag zusätzlich etwa acht Stunden trainiert, können überschlagen weitere 4000 bis 8000 Kilokalorien zusammenkommen. Damit landet man je nach Intensität schnell in Größenordnungen von rund 6500 bis 11000 Kilokalorien pro Tag. Kälicke: „Selbst wenn das individuell schwankt, zeigt diese Rechnung: Essen wird in diesem Wettkampf zu einer zentralen Leistungs- und Gesundheitsfrage.“

Kohlenhydrate und Proteine

  • Kohlenhydrate sind wichtig, weil sie dem Muskel schnell verfügbare Energie liefern und auch das Gehirn wesentlich auf Glukose angewiesen ist – gerade unter Schlafmangel, Stress und permanenter Konzentrationsanforderung.
  • Proteine sind gleichzeitig entscheidend, weil sie die Grundlage für Reparaturprozesse im Muskelgewebe liefern. „Wer über viele Stunden Lasten bewegt und dabei zu wenig Protein zuführt, riskiert eine noch schlechtere Regeneration, mehr Muskelschädigung und einen beschleunigten Leistungsabfall“, mahnt der Mediziner.

Diese Rolle spielt die Flüssigkeitszufuhr

Knorpel und Bandscheiben bestehen zu einem hohen Anteil aus Wasser; ausreichende Hydrierung ist deshalb für die Gelenk- und Bandscheibenfunktion wichtig. „Gleichzeitig dürfen die Athleten aber nicht unkritisch literweise nur Wasser trinken, weil bei Extrembelastungen auch eine belastungsassoziierte Hyponatriämie drohen kann, also ein gefährlicher Natriumabfall durch zu viel hypotone Flüssigkeit“, so Kälicke. Die sinnvolle Botschaft lautet daher: regelmäßig trinken, planvoll essen, Elektrolyte mitdenken und Energiezufuhr nicht dem Zufall überlassen.

Mehr zum Thema

Diese körperlichen Warnsignale müssen Athleten ernst nehmen

Hier liegt der laut Kälicke wichtigste Punkt. Bei einem solchen Format dürfe man nicht erst reagieren, wenn jemand zusammenbricht. Es benötige klare Warnsignale und klare Stop-Regeln.

Warnsignale des Bewegungsapparats

  • plötzlich stechender Schmerz
  • spürbares Reißen oder „Pop“
  • neue Instabilität im Gelenk
  • deutlicher Kraftverlust
  • sichtbare Fehlstellung oder Deformität
  • rasch zunehmende Schwellung
  • sowie Bewegung, die nicht mehr aktiv möglich ist.

Das spricht laut Kälicke für einen strukturellen Schaden wie einen „Sehnenriss, Muskelriss, eine Gelenkverletzung oder eine relevante Wirbelsäulenproblematik“.

Warnsignale für ein Kompartmentsyndrom

„Beim Kompartmentsyndrom steigt der Druck in einer Muskelloge so stark an, dass die Durchblutung nicht mehr reicht. Das ist ein orthopädischer/unfallchirurgischer Notfall“, sagt Kälicke. Warnzeichen.

  • extrem starke, unverhältnismäßige Schmerzen
  • Schmerzsteigerung bei passiver Dehnung
  • pralle, harte Schwellung
  • Taubheit, Kribbeln und zunehmender Funktionsverlust.

Kälicke: „Hier muss sofort gestoppt und notfallmäßig ärztlich gehandelt werden; unbehandelt drohen bleibende Muskel- und Nervenschäden.“

Warnsignale für Rhabdomyolyse

Die Rhabdomyolyse ist bei so einer Dauerbelastung eine der gefürchtetsten Komplikationen und ist oftmals mit einem Kompartmentsyndrom vergesellschaftet. Dabei zerfallen Muskelzellen; Zellinhalte wie Myoglobin treten ins Blut über und können die Nieren schädigen, erklärt der Mediziner. Typische Warnzeichen:

  • unverhältnismäßig starke Muskelschmerzen
  • massive Schwellung
  • ausgeprägte Schwäche
  • Muskelhärte
  • sowie dunkelbrauner oder colafarbener Urin.

„Das ist ein sofortiger Abbruchgrund. Ignorieren kann zu akuter Nierenschädigung, Elektrolytstörungen, Herzrhythmusstörungen, Kompartmentsyndrom, Dialysepflicht und im Extremfall zum Tod führen“, weiß der Mediziner.

Warnsignale für neurologische oder zentrale Erschöpfung

Mit fortschreitendem Schlafmangel und zentraler Ermüdung drohen laut Kälicke „Konzentrationsabfall, schlechte Reaktionszeit, Koordinationsverlust, Verwirrtheit, unsicherer Gang und technische Fehler trotz eigentlich beherrschter Bewegung. Das ist nicht nur ‚normal müde‘, sondern hochrelevant, weil daraus sekundär Sturz, Fehlgriff, Bandscheibenvorfall oder Sehnenriss entstehen können“, mahnt Kälicke.

Warnsignale für Elektrolyt- und Flüssigkeitsprobleme

Zu wenig Flüssigkeit ist gefährlich – zu viel aber auch. Eine belastungsassoziierte Hyponatriämie (Wasservergiftung) kann sich zunächst unspezifisch zeigen mit Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerz, Benommenheit, Verwirrtheit, einem aufgedunsenen Gefühl oder sogar Gewichtszunahme trotz Wettkampf; später drohen Krampfanfälle oder Koma. Kälicke: „Spätestens bei neurologischen Symptomen ist das ein Notfall.“

Auch interessant: Neue Erkenntnisse 49 Jahre nach seinem Tod – Bruce Lee womöglich an einer Wasservergiftung gestorben

Fazit – die größten orthopädischen und unfallchirurgischen Risiken für die „Iron Cage“-Teilnehmer

  • Die größten orthopädischen und unfallchirurgischen Risiken liegen bei diesem 72-Stunden-Kraftevent in Verletzungen großer Gelenke wie dem Schulter-, Ellenbogen- und Kniegelenk sowie der Muskulatur selbst.
  • Gefährlich wird es, wenn aus einem zunächst noch tolerablen Belastungsschmerz plötzlich akuter Schmerz, Instabilität, Funktionsverlust oder neurologische Symptome werden. Dann ist der Wettkampf aus medizinischer Sicht zu beenden.
  • Das Risiko für Sehnenreizungen und Sehnenrisse ist bei dieser Dauerbelastung erheblich, weil Sehnen schlecht durchblutet sind und sich deutlich langsamer erholen als Muskeln.
  • Neben den lokalen Verletzungen droht mit zunehmender Dauer auch eine ZNS-Fatigue, also eine zentrale Ermüdung des Nervensystems. Kälicke: „Die Athleten reagieren dann langsamer, verlieren Konzentration, treffen schlechtere Entscheidungen und können technisch saubere Bewegungen trotz Erfahrung nicht mehr zuverlässig kontrollieren. Im Extremfall kann daraus ein regelrechter Systemabsturz entstehen – mit Verwirrtheit, Koordinationsverlust, Kontrollverlust über die Bewegungsausführung und schwerwiegenden Folgekomplikationen.“
  • Die gefährlichsten systemischen Komplikationen sind neben zentraler Erschöpfung mit Kontrollverlust neurologische Notfälle sowie die Rhabdomyolyse mit akuter Nierenschädigung.
Prof. Dr. med. Thomas Kälicke
Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie

„Extrembelastung an der Schnittstelle von Kraft-, Ausdauer-, Schlafmangel- und Stressphysiologie“

„Ein Kraftwettkampf mit dem Ziel, eine Million Kilogramm zu bewegen, ist aus medizinischer Sicht kein normales Krafttraining, sondern eine Extrembelastung an der Schnittstelle von Kraft-, Ausdauer-, Schlafmangel- und Stressphysiologie. Zum Vergleich: Bei einer klassischen harten Krafttrainingseinheit eines gut trainierten Athleten werden grob etwa 15.000 bis 30.000 Kilogramm bewegt. Eine Million Kilogramm sind also ein Vielfaches dessen, was selbst ambitionierte Kraftsportler aus normalen Trainingseinheiten kennen. Jeder, der schon einmal nach einem wirklich harten Training massiven Muskelkater hatte, kann erahnen, was es bedeutet, etwa 50 solcher Belastungen praktisch hintereinander absolvieren zu wollen. Allein diese Vorstellung klingt absurd. Es handelt sich deshalb ausdrücklich nicht um etwas zum Nachmachen. ‚Don’t try this at home!‘ muss hier die klare Botschaft sein.

Ungewöhnliche Kombination aus hohen Spitzenbelastungen und systemischer Erschöpfung

Bei „Iron Cage“ wird nicht nur viel Gewicht bewegt, sondern dies geschieht über eine extrem lange Zeit. Damit entsteht eine ungewöhnliche Kombination aus hohen lokalen Spitzenbelastungen für Muskeln, Sehnen, Bandscheiben und Gelenke einerseits und systemischer Erschöpfung mit Dehydrierung, Elektrolytverschiebungen, zentraler Ermüdung, Schlafdefizit und potenziell lebensgefährlichen Komplikationen andererseits. Rhabdomyolyse, akutes Kompartmentsyndrom, akute Nierenschädigung, Hyponatriämie und neurologische Ausfälle sind bei extremen Dauerbelastungen keine theoretischen Randthemen, sondern reale Risiken.

Es werden vor allem Typ-II-Muskelfasern gebraucht

Man kann diesen Wettkampf deshalb tatsächlich als eine Art „Kraft-Triathlon“ beschreiben: Es werden vor allem Typ-II-Muskelfasern gebraucht, also die Fasern für Kraft und hohe Lasten. Genau diese Fasern ermüden aber schneller als die ausdauerorientierten Typ-I-Fasern. Dadurch ist die Regeneration zwischen den Belastungsblöcken deutlich schlechter als bei klassischen Ausdauerformaten. Hinzu kommt, dass Sehnen, Bandscheiben und Gelenkknorpel wesentlich langsamer regenerieren als Muskulatur, weil sie schlechter durchblutet sind oder – wie Knorpel – weitgehend über Diffusion versorgt werden.

„Iron Cage“-Teilnehmer müssen nicht nur stark sein

Aus sportmedizinischer Sicht gilt deshalb: Das Ziel, den Wettkampf zu gewinnen, und das Ziel, gesund zu bleiben, sind hier nicht automatisch deckungsgleich. Taktisch mögen geführte Maschinen häufig sinnvoller sein als freie Gewichte, weil sie bei Ermüdung das Risiko für Sturz, Kontrollverlust und akute Fehlbelastung senken. Gleichzeitig erzeugen Maschinen durch den immer gleichen Bewegungsweg aber auch eine sehr monotone Last auf dieselben Sehnen- und Gelenkstrukturen. Die Athleten müssen also nicht nur stark, sondern vor allem klug dosieren, variieren, essen, trinken, schlafen und Warnsignale ernst nehmen.“

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.