17. Dezember 2025, 13:32 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Nicht abrupt wie bei Frauen, aber spürbar: Männer erleben in der Lebensmitte eine stille Hormonwende. Was auf organischer Ebene im männlichen Körper wirklich passiert, woran man die „männlichen Wechseljahre“ erkennt – und wie Mann die Weichen richtig stellt, um nicht in einen ausgeprägten Testosteronmangel zu rutschen, erklärt bei FITBOOK der Urologe Dr. Christoph Pies.
Haben Männer Wechseljahre?
Weil Männer in der Regel bis ins hohe Alter noch Kinder zeugen können – Legenden wie Charlie Chaplin, Robert de Niro oder Al Pacino haben bspw. mit über siebzig bzw. achtzig noch Kinder bekommen – wird allgemein angenommen, dass sie keine Wechseljahre haben. Fruchtbarkeit bzw. Unfruchtbarkeit ist jedoch nicht das einzige Merkmal von Wechseljahren! Auch Männer erleben in der Lebensmitte einen hormonellen Umschwung.
Anders als bei der Frau, bei der die Hormone in den Wechseljahren (Menopause) abrupt versiegen, bleibt beim Mann die Hormonproduktion lebenslang vorhanden – seine Fruchtbarkeit endet nicht automatisch, sie bleibt – wie die prominenten Beispiele oben zeigen – teils bis ins hohe Alter erhalten. Darum spricht man bei Männern medizinisch nicht von „Wechseljahren“ im eigentlichen Sinn.
Was medizinisch unter männlichen Wechseljahren verstanden wird
Die körperlichen Veränderungen, die Männer in der Lebensmitte durchmachen, nennt man „Andropause“. Die Andropause beschreibt einen langsamen Rückgang des Testosteronspiegels im mittleren bis höheren Alter. Andere Begrifflichkeiten sind „PADAM“ (partielles Androgendefizit des alternden Mannes) oder „Klimakterium des Mannes“.
Der Psychotherapeut Jed Diamond beschreibt es in seinem Buch ‚Der Feuerzeichen-Mann‘ so: „Die Frauen fallen von der Klippe in den Abgrund, während die Männer ganz langsam den Hügel hinunterrollen.“
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Organische Ebene der männlichen Wechseljahre
Testosteronproduktion in den Hoden
Ab dem 30. Lebensjahr sinkt die Produktion des männlichen Sexualhormons Testosteron in den Hoden um etwa ein bis zwei Prozent jährlich.1 Dieser biologische Abfall der Testosteronproduktion in den Hoden bezieht sich auf die Herstellungsfähigkeit. Salopp könnte man sagen: Die Fabrik arbeitet etwas langsamer.
Testosteronspiegel im Blut
Etwas anderes ist die Testosteronkonzentration im Blut, also der tatsächlich gemessene Testosteronspiegel im Blut. Dieser fällt etwas langsamer als die Produktion in den Hoden. Laut Pies nimmt der Testosteronspiegel im Blut ab 45 Jahre etwa „0,4 bis ein Prozent pro Jahr“ ab. Die Angabe sei jedoch mit Vorsicht zu betrachten, da die Abnahme der Testosteronkonzentration im Blut von Mann zu Mann sehr unterschiedlich sei. „Die Streuung nimmt zu“, erklärt Pies.
Laut der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) sind in Deutschland lediglich drei bis fünf Prozent der Männer über 60 von einem echten Testosteronmangel betroffen.2
Symptome der männlichen „Wechseljahre“ (Andropause)
Die Symptome der Andropause sind sehr unterschiedlich und treten nicht bei jedem Mann auf. Typische Beschwerden können sein:
- Libidoverlust
- Antriebsschwäche
- Muskelabnahme und Kraftverlust
- Gewichtszunahme (insbesondere am Bauch)
- Stimmungsschwankungen
- dünner werdende Körperbehaarung
„Insgesamt sind über 65 Symptome beschrieben, die typischerweise in dieser Lebensphase auftreten können. Fragebögen wie die „Aging Males’ Symptom Scale“ (AMS) oder die „Hypogonadism Related Symptom Scale“ (HRS) bilden die wichtigsten dieser Symptome systematisch ab. Es werden dabei die Kategorien körperliches, psychisches und sexuelles Wohlbefinden abgefragt“, erklärt Urologe Dr. Christoph Pies, unter anderem Autor eines Buches zu den männlichen Wechseljahren (‚Männer Ü 50‘, erschienen im Herbig Verlag) auf Nachfrage von FITBOOK.
Risikofaktoren für einen ausgeprägten Testosteronmangel
Als wichtigste Risikofaktoren für die Entwicklung eines manifesten, also sichtbaren und ausgeprägten Testosteronmangels nennt Pies:
- Übergewicht
- chronische Erkrankungen
- ein schlechter Allgemeinzustand
Beginn und Schwere entsprechender körperlicher Veränderungen in der männlichen Lebensmitte hängen laut Pies sehr von den individuellen Lebensstilfaktoren ab. „Insbesondere unsere Ernährung, das soziale Umfeld, Schadstoffeinflüsse wie Tabak, Alkohol und Medikamente, Giftstoffe in unseren Nahrungsmitteln oder der Atemluft sowie körperliche Aktivität haben sehr großen Einfluss“, erklärt der Urologe.
Laut Pies kann ein Hormonmangel – sofern er allein durch die Lebensweise bedingt ist – durch eine Änderung der Gewohnheiten und eine angemessene Behandlung der Begleiterkrankungen wieder beseitigt werden. Einige Männer mit anhaltenden Symptomen könnten indes von einer Testosteronbehandlung profitieren.
Psychische Ebene
Auch auf psychischer Ebene sind Männer (wie auch Frauen) in der Lebensmitte mit speziellen Herausforderungen konfrontiert. „Während die Jugend bestimmt ist von der Hoffnung auf einen guten Job und eine glückliche Ehe, ahnen Menschen in der Lebensmitte, dass dieser Optimismus vielleicht ein wenig übertrieben war. Einige der Wünsche werden sich wahrscheinlich nicht mehr erfüllen. Ablesbar ist das an der höchsten Rate an Scheidungen und Suiziden in dieser Lebensphase. Die Enttäuschung konzentriert sich somit in der Lebensmitte, statistisch um das 47. Lebensjahr herum. Im Alter nimmt die Zufriedenheit dann trotz der körperlichen Alterungsprozesse wieder zu (sogenannte „U-Kurve des Glücks“ oder das „Zufriedenheitsparadoxon“)“, erläutert Pies.
Soziale Ebene
Die soziale Ebene der männlichen Wechseljahre beschreibt die Veränderungen im Umfeld und in den Rollen, die Männer in der Lebensmitte häufig erleben. Beruflicher Druck, Verantwortung für Familie, finanzielle Belastungen oder der Wegfall bestimmter Statussymbole können das Gefühl verstärken, nicht mehr „mithalten“ zu können. Gleichzeitig verändern sich Partnerschaften, Kinder werden selbstständiger oder verlassen das Elternhaus, Freundschaften dünnen aus und Erwartungen von außen bleiben hoch. Diese sozialen Dynamiken wirken indirekt auf das Wohlbefinden und können körperliche oder psychische Symptome verstärken – selbst wenn der Hormonspiegel stabil bleibt.
Was Männer gegen einen Testosteronmangel tun können
Im Unterschied zu Frauen können Männer etwas gegen ihre durch Testosteronmangel ausgelösten „Wechseljahre“ unternehmen und sie sogar rückgängig machen. Dabei haben sie zwei Stellschrauben: den Lebensstil ändern und mit einer Hormontherapie gegensteuern. „Als hochbetagter Mann können Sie durchaus einen genauso hohen Testosteronspiegel haben wie ein Jugendlicher – wenn Sie denn etwas dafür tun“, sagt Pies.
Lebensstiländerungen
Oft reiche es schon, gesünder zu leben, um die Testosteronproduktion anzukurbeln, weiß der Mediziner. Die wichtigsten Hebel:
- Sportliche Aktivität: Mit Ausdauersport etwa lässt sich ungesundes Bauchfett loswerden. Kraftsport wiederum wirkt dem Muskelabbau entgegen und steigert die Hormonproduktion.
- Gesunde Ernährung,
- Wenig Stress im Alltag und
- ein guter Schlaf verbessert nicht nur die allgemeine Gesundheit, sondern auch den Hormonhaushalt.
Hormontherapie
Falls all das nicht hilft, kann laut Pies unter ärztlicher Aufsicht eine Hormontherapie erfolgen. Durch die Einnahme von Testosteronpräparaten kann der Mangel behoben werden.
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Prävention – so können Männer einem Testosteronmangel vorbeugen
Pies nennt einige Möglichkeiten, wie Männer die Symptomatik des Testosteronmangels lindern oder sogar verzögern können:
- nicht rauchen
- mehr als drei Stunden Sport pro Woche ausüben
- weniger als sechs alkoholische Getränke pro Woche nehmen
- mehr als dreimal Fisch und weniger als sechsmal Fleisch pro Woche essen
- weniger als fünf Gramm Salz pro Tag aufnehmen
- wenig und nur fettarme Milch trinken
- mindestens acht Stunden schlafen
„Schon das Beachten von nur vier der genannten Empfehlungen hebt die Chancen für einen intakten Testosteronspiegel“, erklärt der Urologe. Schaffe man es sogar, alle Empfehlungen zu beachten, habe man einen nahezu „garantierten Schutz“ gegen Testosteronmangel. „Und als Bonus erreicht man eine enorme Steigerung der Lebensqualität, selbst die Lebenserwartung kann um bis zu 14 Jahre steigen“, so Pies weiter.
Seine Erfahrung als Urologe zeigt jedoch ein anderes Bild. „Was so einfach und einleuchtend klingt, wird in der Realität leider viel zu selten umgesetzt.“ Pies schätzt, dass nur etwa jeder zehnte Mann die zuvor genannten Empfehlungen erfüllt.
Womöglich steckt eine „Midlife-Crisis“ dahinter
Der Verlust an Vitalität und Attraktivität, die Konfrontation mit jüngeren Generationen, eine negative Lebensbilanz, verfehlte Ziele … die „Midlife-Crisis“ beschreibt eine Sinnkrise, die viele Männer in der Mitte ihres Lebens spüren, meist zwischen dem 40. und 55. Lebensjahr. Auch hormonelle Veränderungen und gesundheitliche Beschwerden können diese Sinnkrise auslösen.
Mögliche Anzeichen einer Midlife-Crisis:3
- ein verstärktes Konkurrenzdenken
- negatives Selbstbild
- die plötzliche Beschäftigung mit Krankheit und Tod
- Fokussierung auf Gesundheit und Aussehen
- gesteigerte Reizbarkeit
- ungewöhnliche Spontaneität
- der Hang zur Abschottung
- extremes Verhalten wie Alkohol- oder Drogenmissbrauch, Affären, Glücksspiel, hohe Risikobereitschaft
Für Betroffene ist es wichtig, wertgeschätzt zu werden, Verständnis entgegengebracht zu bekommen und eine positive Bestärkung zu erfahren. Dadurch können sie wieder ein besseres Selbstwertgefühl entwickeln und die Krise überstehen. Allerdings können das Außenstehende manchmal nicht leisten. Wer also eine Sinnkrise erlebt und keine Freude mehr am Leben empfindet, sollte auf eine therapeutische Begleitung setzen.
Fazit
Männer erleben keine Wechseljahre im klassischen Sinn wie Frauen, weil ihre Hormonproduktion nicht abrupt endet und die Fruchtbarkeit oft bis ins hohe Alter erhalten bleibt. Dennoch verändern sich Körper und Psyche in der Lebensmitte spürbar – langsam, individuell unterschiedlich und beeinflusst von biologischen, sozialen und seelischen Faktoren. Ein gesunder Lebensstil kann diesen Prozess günstig beeinflussen und viele Beschwerden abmildern. Wer seine eigenen Bedürfnisse ernst nimmt und frühzeitig gegensteuert, hat gute Chancen, diese Lebensphase stabil und selbstbestimmt zu gestalten.