14. Juni 2026, 8:51 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Wer sich mit Nahrungsergänzungsmitteln für Immunsystem, Darmgesundheit oder Eisenmangel beschäftigt, stößt früher oder später auf Lactoferrin. Das Protein wird zunehmend als Alternative zu klassischen Eisenpräparaten beworben und soll gleichzeitig entzündungshemmende sowie immunmodulierende Eigenschaften besitzen. Doch was steckt dahinter – und was sagt die Wissenschaft?
Was ist Lactoferrin?
Lactoferrin ist ein natürlich vorkommendes Protein aus der Familie der Transferrine. Es kommt unter anderem in Muttermilch, Speichel, Tränenflüssigkeit und anderen Körpersekreten vor. Seine wichtigste Eigenschaft: Es kann Eisen besonders effektiv binden und transportieren.1
Darüber hinaus spielt Lactoferrin eine Rolle im angeborenen Immunsystem. Indem es freies Eisen bindet, entzieht es potenziellen Krankheitserregern einen wichtigen Nährstoff. Außerdem werden dem Protein antibakterielle, antivirale und entzündungsregulierende Eigenschaften zugeschrieben.
Für Nahrungsergänzungsmittel wird meist sogenanntes bovines Lactoferrin verwendet, das aus Kuhmilch gewonnen wird und dem menschlichen Lactoferrin strukturell stark ähnelt.2
Anwendungsgebiete von Lactoferrin-Supplements
Die meisten Menschen nehmen Lactoferrin aufgrund eines vermuteten Nutzens für den Eisenstoffwechsel ein. Besonders interessant ist das Supplement für Personen, die klassische Eisenpräparate schlecht vertragen oder trotz Eiseneinnahme keine zufriedenstellende Verbesserung ihrer Blutwerte erreichen.3
Zudem wird es häufig für folgende Zwecke beworben:
- Unterstützung des Immunsystems
- Förderung der Darmgesundheit
- Reduktion von Entzündungsprozessen
- Unterstützung während der Schwangerschaft
- Allgemeine Gesundheits- und Longevity-Ziele
Allerdings ist die wissenschaftliche Evidenz je nach Anwendungsgebiet sehr unterschiedlich. Während die Datenlage für Eisenmangel vergleichsweise gut ist, sind viele andere Einsatzbereiche bislang deutlich weniger erforscht.
Gleichzeitig sollte man die verschiedenen Anwendungsbereiche nicht gleich bewerten. Während die Wirkung von Lactoferrin auf den Eisenstoffwechsel inzwischen durch mehrere klinische Studien und Meta-Analysen untersucht wurde, basiert ein Großteil der Versprechen rund um Immunsystem, Darmgesundheit, Akne oder Anti-Aging bislang auf kleineren Humanstudien, Laborversuchen oder Tiermodellen. Für viele dieser Anwendungen fehlen noch größere, hochwertige Studien am Menschen.4
Wie wirkt Lactoferrin im Körper?
Anders als klassische Eisenpräparate liefert Lactoferrin selbst nur vergleichsweise geringe Mengen Eisen. Seine Wirkung scheint vielmehr auf einer Regulierung des Eisenstoffwechsels zu beruhen.
Forscher vermuten, dass Lactoferrin Entzündungsprozesse beeinflusst und dadurch die Eisenverwertung im Körper verbessert. Besonders relevant ist dabei der Entzündungsmarker Interleukin-6 (IL-6), der eng mit dem Hormon Hepcidin verknüpft ist. Hepcidin reguliert die Eisenaufnahme und kann bei chronischen Entzündungen dazu führen, dass Eisen schlechter verfügbar ist.
Studien zeigen außerdem, dass Lactoferrin verschiedene Immunzellen beeinflussen und entzündungsfördernde Botenstoffe reduzieren kann.5 Auch für die Darmgesundheit könnte das Protein relevant sein. Untersuchungen deuten darauf hin, dass Lactoferrin das Wachstum bestimmter nützlicher Darmbakterien fördern und gleichzeitig potenziell schädliche Keime hemmen kann.
Ein weiterer interessanter Mechanismus betrifft die Eisenbindung selbst. Viele Bakterien benötigen Eisen, um zu wachsen und sich zu vermehren. Da Lactoferrin freies Eisen sehr effektiv bindet, kann es Krankheitserregern diesen wichtigen Nährstoff entziehen. Forscher sehen darin eine mögliche Erklärung für die antibakteriellen und antimikrobiellen Eigenschaften des Proteins, die in Laborstudien beobachtet wurden.6
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Lactoferrin vs. Eisenpräparate: Was ist der Unterschied?
Bei Eisenmangel gelten Präparate wie Eisensulfat als Standard, verursachen aber oft Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Verstopfung. Aktuelle Meta-Analysen zeigen hier ein spannendes Detail: Obwohl der Körper aus Lactoferrin prozentual etwas weniger Eisen direkt aufnimmt als aus Eisensulfat, steigen die Hämoglobin- und Ferritinwerte (die Eisenspeicher) im Blut dennoch wirksam an. Das liegt vermutlich daran, dass Lactoferrin die Eisenverwertung durch seine entzündungshemmende Wirkung effizienter „freischaltet“, statt den Körper nur mit hohen Eisendosen zu fluten.7
Wichtig zu wissen: Das bedeutet jedoch nicht, dass Lactoferrin Eisenpräparate grundsätzlich ersetzen kann. Gerade bei einem ausgeprägten Eisenmangel oder einer schweren Anämie bleibt die ärztlich empfohlene Eisentherapie weiterhin der notwendige Standard.
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Dosierung, Einnahme und Nebenwirkungen
In klinischen Studien wurden meist Dosierungen zwischen 100 und 250 Milligramm pro Tag verwendet. Wer im Handel nach Lactoferrin-Supplements sucht, wird feststellen, dass die meisten Hersteller auf eine Dosierung zwischen 200 und 400 Milligramm setzen. Eine offiziell empfohlene Tagesdosis existiert bislang nicht. Für spezielle Anwendungsgebiete kamen teilweise auch höhere Mengen zum Einsatz. Lactoferrin gilt insgesamt als gut verträglich. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) stuft bovines Lactoferrin bei den vorgesehenen Verzehrmengen als sicher ein.8
Mögliche Nebenwirkungen könnten sein:
- leichte Magen-Darm-Beschwerden
- Übelkeit
- Bauchschmerzen
- selten allergische Reaktionen
Menschen mit einer Kuhmilcheiweißallergie sollten vorsichtig sein, da die meisten Produkte aus Kuhmilch gewonnen werden.